Stunts in Skyfall – Wie macht James Bond das nur? 1


Faustkämpfe bei Tempo 80? Kein Problem für James Bond. Foto: Sony Pictures

Faustkämpfe bei Tempo 80? Kein Problem für James Bond. Foto: Sony Pictures

James Bond ist unkaputtbar. Wie es sich für einen Agenten im Dienste ihrer Majestät gehört, können ihn kein noch so brutaler Bösewicht und keine noch so verführerische Schönheit zur Strecke bringen. Heute läuft mit Skyfall der 23. Film der Bond-Reihe in den deutschen Kinos an. Auch da hat 007 wieder reichlich Gefahren zu überstehen. Biophysik-Professor Daniel Huster von der Uni Leipzig hat mir erklärt, welche der Stunts James Bond auch jenseits der Kinoleinwand überleben könnte.

Felix Baumgartner? Kann einpacken! Der Österreicher mag zwar nach einem Sprung aus 39 Kilometern Höhe sicher auf der Erde gelandet sein. Aber er schaffte das erst im dritten Anlauf, und bloß dank eines mit reichlich Werbebotschaften verzierten Schutzanzugs. Den wirklich gefährlichsten freien Fall des Jahres hat eindeutig James Bond hinter sich. Der stürzt zwar nicht aus der Stratosphäre, sondern nur von der 100 Meter hohen Varda-Brücke in der Türkei. Er stürzt aber nach einer spektakulären Verfolgungsjagd, einem kräftezehrenden Zweikampf mit einem Terroristen auf dem Dach eines Güterzugs und, nicht zu vergessen, bewusstlos, nachdem ihn eine Kugel in die Brust getroffen hat.

Natürlich übersteht Bond dieses Malheur einigermaßen unbeschadet, ebenso wie andere halsbrecherische Szenen in Skyfall. Weder ein Urangeschoss noch ein kompletter U-Bahn-Zug, die ihn im Visier haben, können dem berühmtesten Agenten der Welt etwas anhaben. Und wenn es einmal besonders brenzlig wird, steht 007 ein Hilfsmittel aus dem Hause Q zur Verfügung.

Wie realistisch solche Stunts sind, weiß Daniel Huster. Der Biophysiker ist Direktor des Instituts für Medizinische Physik und Biophysik an der Universität Leipzig und hat sich intensiv mit James Bond beschäftigt. Nicht etwa, weil er ein Fan der Bond-Reihe ist oder dem Kinopublikum gar den Spaß an Actionfilmen verderben will, sondern weil er „einfach keine Lust auf langweilige Vorlesungen“ hat, wie der Professor erklärt. Inspiriert habe ihn das Buch Geschüttelt, nicht gerührt. James Bond und die Physik von Physikerkollege Metin Tolan.

Im Hörsaal hat Huster es oft mit Medizinstudenten zu tun, die Physik belegen müssen, ohne dass das Fach für sie eine Herzensangelegenheit wäre. „Wenn man da mit einer Szene aus einem Bond-Film einsteigt, kann man das Interesse wecken, die Thematik auflockern und zugleich zeigen, wie sich Physik in der Praxis auswirkt“, erklärt Huster seinen Ansatz. Seine Lehrveranstaltungen, für die er mit den Studenten auch mal auf den Kinderspielplatz geht, um dort auf dem Karussell die Trägheitskräfte zu demonstrieren, zählen zu den beliebtesten bei den Studenten.

James Bond eignet sich für seine Zwecke vor allem, weil praktisch jeder einen Film aus der 50-jährigen Geschichte der Reihe kennt. Zudem haben die Stunts hier den Anspruch, besonders realistisch zu sein – auch bei Skyfall. Hauptdarsteller Daniel Craig „macht so viel selbst, wie es möglich ist. Ich glaube, dass die Action deshalb so gut funktioniert, weil man sie ihm abkauft. Das ist die eine Regel, an die wir uns hielten: Es muss sich echt anfühlen“, sagt Skyfall-Regisseur Sam Mendes. „Es muss hart sein, es muss real sein, und es muss überhöht sein“, schildert Drehbuchautor John Logan die Anforderungen an die Actionszenen.

Auf computergenerierte Bilder wird bei James Bond fast vollständig verzichtet, dafür kommen gelegentlich andere Tricks zum Einsatz. Als Daniel Craig bei den Dreharbeiten auf dem Motorrad einen Bösewicht verfolgte, wurde seine Krawatte mit einem Gewicht beschwert, damit sie ihm nicht ständig ins Gesicht flog. Die Straße wurde zuvor mit Cola bespritzt, damit die Räder bei den rasanten Manövern nicht wegrutschen.

Daniel Huster will mit James Bond zeigen, wie spannend Physik ist. Foto: Universität Leipzig

Daniel Huster will mit James Bond zeigen, wie spannend Physik ist. Foto: Universität Leipzig

Auch in vielen anderen Szenen gerät James Bond an die Grenzen der Physik, und deshalb ist er mittlerweile ein fester Bestandteil der Vorlesungen von Professor Huster. Man merkt dem 43-Jährigen an, dass er mit Leib und Seele nicht nur Forscher, sondern auch Didaktiker ist. Als ich ihn in seinem Büro besuche, rechnet er mit Bleistift und Schmierpapier bltzschnell ein paar Formeln aus, um die Kräfte zu bestimmen, die bei einem Stunt auf 007 wirken. Immer wieder zeigt er anhand von Folien, wie er die Filmszenen der bisherigen Bond-Filme in seine Vorlesungen integriert. Und über all dem steht seine Begeisterung für das Fach: „Wenn am Ende des Semesters jemand zu mir kommt und sagt, Physik sei jetzt sein Lieblingsfach, dann ist das das Größte für mich.“

Die spektakulärsten Szenen aus Skyfall klopft der Professor zum Kinostart auf ihre Machbarkeit ab. „Man muss natürlich immer die genauen Parameter kennen“, betont er und fügt schmunzelnd an, dass manchmal auch das Unmögliche nicht auszuschließen sei: „Es gibt auch Leute, die fallen aus dem Flugzeug und überleben das.“

Was passiert? James Bond entert einen Bagger, der gerade auf einem Eisenbahnwaggon transportiert wird. Mit der Baggerschaufel reißt er das Dach des vorausfahrenden Waggons auf und spaziert dann über den Baggerarm in den vorderen Waggon hinein, um dort einen Terroristen zu jagen.

Geht das? Ja. Wenn man davon ausgeht, dass zur Geheimagentenausbildung auch der Erwerb eines Baggerführerscheins gehört, steht diesem Stunt kaum etwas im Weg. Der Bagger ist stark genug, um das Dach eines Waggons aufzureißen und schwer genug, um während des Manövers nicht vom fahrenden Zug zu fallen. Heikel ist nur der Weg über den Baggerarm, denn dabei konkurrieren Reibung und Steigung: „Ab einem Winkel von etwa 25 Grad wäre der Weg zu steil, um ihn noch hochlaufen zu können“, sagt Huster. „Um diesen Wert ermitteln zu können, müsste Bond allerdings den Reibungskoeffizient zwischen seinen Schuhsohlen und dem Metall kennen.“

Was passiert? Bond bekommt eine Pistole, die nur er selbst abfeuern kann. Der Griff der Waffe erkennt, wer sie gerade in der Hand hält.

Geht das? Nein. „Wenn Bond noch einen passenden Chip in der Hand hätte, den die Waffe erkennt, wäre das machbar“, sagt Huster. „Aber bloß durch die Beschaffenheit der Hand ist das kaum möglich. Allerdings macht die Biometrie rasante Fortschritte. Vielleicht funktioniert das schon in ein paar Jahren.“

Was passiert? Gangster überfallen eine Gerichtsverhandlung. Bond und ein Kollege schießen auf zwei Feuerlöscher. Sofort ist der ganze Saal voller Nebel und alle können sich in Sicherheit bringen.

Geht das? Vielleicht. Wenn es sich um einen Dauerdrucklöscher handelt, wäre das Szenario realistisch. Schießt man hingegen auf einen Aufladelöscher, „passiert normalerweise gar nichts“, erklärt Huster. Bei dieser Bauweise ist im Gehäuse eine Patrone, die bei Gebrauch des Feuerlöschers eingedrückt wird, den Inhalt unter Druck setzt und so erst dafür sorgt, dass Schaum oder Pulver herausströmen. Huster: „Bond müsste also wissen, wie der Feuerlöscher aufgebaut ist und dann genau diesen Druckbehälter treffen.“

Was passiert? James Bond wird angeschossen und stürzt bewusstlos von einer 100 Meter hohen Brücke herunter ins Wasser. Alle halten ihn für tot, doch er hat überlebt.

Geht das? Nein. „Man schlägt bei so einem Sturz mit etwa 160 km/h auf. Bei solchen Geschwindigkeiten spielt es keine Rolle mehr, ob man auf Wasser landet oder auf Beton“, erklärt Huster und nennt noch ein Beispiel: „Die Leute, die sich von der Golden Gate Bridge stürzen, überleben das auch nicht. Und die ist sogar nur knapp 70 Meter hoch.“ Die einzige Chance, einen solchen Aufprall eventuell zu überleben, wäre es seiner Ansicht nach, sich wie ein Paket zusammenzurollen – aber Bond stürzt kopfüber ins Wasser.

Was passiert? Silva, der Bösewicht in Skyfall und selbst ein ehemaliger MI-6-Agent, berichtet davon, wie er in Gefangenschaft geriet und sich in einer aussichtslosen Lage gemäß der Dienstvorschrift mit einer Kapsel aus Hydrogencyanid (Blausäure) umbringen wollte. Er schildert seine schrecklichen Schmerzen, als seine Organe verätzt wurden, und nimmt dann zum Beweis seine Prothese heraus, um seine verstümmelten Zähne zu zeigen.

Geht das? Nein. Blausäure ist im Vergleich zu anderen Säuren kaum ätzend, aber sehr giftig. Der Tod würde bei Blausäure eher durch innere Erstickung eintreten. Selbst bei einer stark ätzenden Säure wie Salpetersäure wäre die Szene wenig glaubhaft. „Die Zähne sind fast immer das Letzte, was von einem Menschen übrig bleibt. Nicht umsonst werden stark verstümmelte Leichen oft noch über die Zahnabdrücke identifiziert“, sagt Huster. Wenn das Gift sogar die Zähne vernichtet hätte, dann müsste es auch wichtige Organe so sehr geschädigt haben, dass Silva dies nicht hätte überleben können. Auch die Zunge sollte dann eigentlich nicht mehr so gut funktionieren, dass der Bösewicht noch sprechen kann. „Außerdem würde ich denken: Wenn der MI6 seinen Agenten eine solche Giftkapsel als Ultima Ratio zur Verfügung stellt, dann ist die auch so hoch dosiert, dass sie den Agenten auf jeden Fall tötet.“

Was passiert? James Bond klettert in einem Fahrstuhlschacht umher und öffnet dann mit bloßen Händen von außen die Aufzugtür.

Geht das? Vielleicht. „Normalerweise gibt es einen Mechanismus, der die Tür arretiert. Solange der wirkt, bekommt man die Tür bestimmt nicht von Hand auf. Wenn man den Mechanismus an der richtigen Stelle außer Kraft setzt, ist das aber nicht mehr schwierig“, sagt Huster.

Was passiert? James Bond liefert sich einen Faustkampf auf einem mit etwa 80 km/h fahrenden Güterzug.

Geht das? Ja. „Solange der Zug mit konstanter Geschwindigkeit geradeaus fährt, ist das kein Problem. Da ist die Physik ganz genau so, als würde man auf der Stelle stehen“, sagt Huster. Schwierig würde eine solche Szene erst, wenn der Zug beschleunigt oder um die Kurve fährt, denn dann wirken sich die Trägheitskräfte aus und man kann heruntergeschleudert werden.

Was passiert? Weil das Haus, in dem er sich versteckt hat, gleich explodieren wird, flieht Bond in einen unterirdischen Stollen. Als dort ein Feuerball auf ihn zurast, springt er in einen Nebenstollen und rettet sich so.

Geht das? Nein. „Das Feuer breitet sich normalerweise so aus, dass es auch diesen Nebenstollen erreicht“, sagt Huster. Selbst wenn er dort von den Flammen verschont würde, müsste Bond ersticken. „Das Feuer holt sich den Sauerstoff von überall her. Außerdem bleibt Rauch zurück, der meist viele giftige Gase enthält. Auch diese Partikel breiten sich isotrop in alle Richtungen aus, erreichen also auch den Seitenstollen.“

Was passiert? Als einzige Waffe hat James Bond nur noch ein Messer. Er wirft es seinem Gegner aus zehn Metern Entfernung genau in den Rücken.

Geht das? Vielleicht. „Bei einem Laien haut das garantiert nicht hin. Wenn man das gut trainiert, kann es aber klappen. Das ist eben Übungssache“, so Huster. Wenn man selber einmal probiere, mit der Klinge eines Messers beispielsweise einen Baum zu treffen, merke man schnell, wie schwierig das sei. „Aber im Zirkus sieht man ja, dass so etwas funktionieren kann. Da sind aber Abstand und Geschwindigkeit vorher auch genau festgelegt.

Was passiert? Bond bricht in ein zugefrorenes Moor ein und kämpft dort im eiskalten Wasser eine Minute lang mit seinem Widersacher.

Geht das? Nein. „Man kann eine Minute lang im Eiswasser überleben. Aber man wird sehr schnell steif. Normalerweise kann man da vor Kälte nicht einmal mehr schwimmen“, stellt Huster klar. Zudem sei zu beachten: Der Sauerstoff wird vor allem in den Muskeln verbraucht. Schnelle Bewegungen wie bei einem solchen Kampf seien in dieser Hinsicht besonders strapaziös. „Schon ein Boxer hat nach drei Minuten im Ring schwer mit seiner Atmung zu kämpfen“, nennt er ein Beispiel – im eiskalten Wasser sei eine solche Belastung entsprechend schwierig zu überstehen.

Was passiert? Bond wurde von einem Geschoss aus Uran getroffen und schneidet sich die einzelnen Teile der Patrone selbst mit einem Messer aus der Schulter.

Geht das? Nein. Urangeschosse sind durchaus üblich, denn Uran hat eine hohe Durchschlagskraft. „Damit kommt man auch durch kugelsichere Westen oder durch Panzerstahl“, erklärt Huster. Gerade deshalb sei es unwahrscheinlich, dass ein solches Projektil im Körper stecken bleibt. „Normalerweise müsste das einfach durchgehen“, sagt der Professor. Allerdings sollte man sich Uranmunition so schnell wie möglich aus dem Körper entfernen lassen, da die radioaktive Strahlung sehr schädlich ist. Normale Kugeln werden manchmal sogar im Körper belassen, wenn man durch die Operation mehr Schaden anrichtet, als die Sache nützt.

Was passiert? James Bond hat sich in einem Haus verbarrikadiert, Silva und seine Gehilfen rücken mit einem großen Militärhubschrauber an. Am Hubschrauber hängen kleine Lautsprecher, aus denen das Lied Boom Boom von den Animals dröhnt, weil Silva seinen Auftritt gerne noch ein bisschen spektakulärer machen will. Die Musik aus den kleinen Lautsprechern übertönt mühelos den Lärm des Rotors.

Geht das? Ja. „Das funktioniert. Die Polizei kann ja beispielsweise auch aus einem Hubschrauber heraus per Megaphon kommunizieren“, sagt Huster. „Wenn sich der Hubschrauber bewegt, müsste man dann allerdings einen Doppler-Effekt bemerken, die Musik sollte also verzerrt werden oder ihre Tonhöhe ändern.“

Der Trailer zu Skyfall:

Diesen Text gibt es, mit einer Fotostrecke zu den Bondgirls, auch bei news.de.


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