Sufjan Stevens und Lowell Brams – „Aporia“


Künstler Sufjan Stevens und Lowell Brams

Aporia Sufjan Stevens Lowell Brams Review Kritik

Jamsessions waren der Ausgangspunkt der Musik auf „Aporia“.

Album Aporia
Label Asthmatic Kitty
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

David Seville ist seit fast 40 Jahren tot, aber er durfte 1958 eine Erfahrung machen, die vielleicht auch ein Fingerzeig für Sufjan Stevens und Lowell Brams sein könnte: Damals wurde sein Lied Witch Doctor ein Hit, nachdem es im Radio aus Versehen bei doppelter Geschwindigkeit gespielt worden war. Als diese Version sich als dermaßen beliebt erwies, nahm der damals 39-Jährige den Song flugs neu auf, nun ebenfalls bei zweifachem Tempo. Mit der Idee der beschleunigten (und damit höher klingenden) Stimmen hatte er später noch größeren Erfolg: Unter seinem bürgerlichen Namen Ross Bagdasarian wurde er als Erfinder von Alvin & The Chipmunks berühmt.

Auf dem heute erscheinenden Aporia findet sich mit The Runaround ein Lied, bei dem diese Methode vielleicht auch funktionieren könnte: Mit mehr Tempo könnte das ein Hit sein. Es ist damit in gewisser Weise typisch für die Zusammenarbeit von Sufjan Stevens mit seinem Stiefvater Lowell Brams: Es gibt hier viele schöne Passagen, aber nichts, das sich in den Vordergrund drängt oder gar unmittelbar eingängig wäre. Gemeinsam haben die beiden Männer für diese Platte stundenlang gemeinsame Musik aufgenommen und dann die besten Momente daraus destilliert. „Ihr wisst, wie das beim Jammen ist: 90 Prozent davon sind absolut schrecklich. Aber wenn du Glück hast, sind die anderen 10 Prozent magisch. Ich habe genau diese kleinen, magischen Momente herausgezogen“, sagt Sufjan Stevens zur Arbeitsweise.

Viel wichtiger noch als Magie war dem Duo wohl eine Dokumentation der gemeinsamen Beziehung, bevor der ältere der beiden nun in den Ruhestand treten wird: Als Stevens fünf Jahre alt war, trat Brams in sein Leben. 1998 gründeten sie gemeinsam das Label Asthmatic Kitty Records, zehn Jahre später war der Oscar- und Grammy-nominierte Stevens auch an Music For Insomnia beteiligt, das als Album von Lowell Brams geführt wird, 2015 schließlich dokumentierte er auf Carrie & Lowell die Beziehung seiner inzwischen verstorbenen Mutter zum Stiefpapa.

Im Vergleich zum meist extrem hübschen Solowerk von Sufjan Stevens und der oft dissonanten Instrumentalmusik, die es in der Regel von Lowell Brams gibt, liegt Aporia in der Mitte. Ousia eröffnet die Platte mit Referenzen an alte Filmmusik, als würde jemand zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Synthesizer experimentieren. Später gibt es Chöre (Climb That Mountain), vorsichtige Industrial-Verweise (Afterworld Alliance) und gelegentlich auch sehr dezente Beats (Eudaimonia). Die stattliche Riege der Gäste, zu denen beispielsweise Keyboarder und Posaunist Steve Moore (SUNN O))), Gitarrist Yuuki Matthews (The Shins) und Sängerin Cat Martino gehören, unterstreicht, dass dies vor allem eine Platte von Musikern für Musiker ist. Wer Folk- oder Klavier-Wohlklang erwartet, wie es ihn beispielsweise auf The Avalanche gab, wird hier nicht fündig: iTunes sortiert Aporia ins Genre „New Age“ ein, und das ist keinesfalls ein Witz.

Das Video zu The Unlimited taugt auch gut zur Beruhigung.

Website von Sufjan Stevens.

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