Hingehört: French Films – “White Orchid”
| Künstler | French Films |
| Album | White Orchid |
| Label | Odyssey Music Network |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ![]() |
Finnland und Surfen? Das scheint auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Nimmt man – bei einem zweiten Blick – aber die Landabschnitte, die an die Ostsee grenzen, und dann auch noch alle Seen und Inseln dazu, dann gibt es in Finnland mehr Küstenkilometer als Einwohner, nämlich etwa sechs Millionen. Man kann erfahren, dass Yyteri als das beste Surfgebiet Skandinaviens gilt. Und dann versteht man auch die Musik von French Films.
Das Quintett benennt als seine wichtigsten Einflüsse zwar „dreaming, cold & dark winter, being alive, music“. Aber White Orchid, das gerade erschienene zweite Album von French Films ist ganz eindeutig eine Sommerplatte. Ein Album für laue Nächte, sonnige Nachmittage – und gerne auch für Surfausflüge.
Das sehr schöne All Summer Long, das sie gerade kostenlos als MP3 verschenken, ist zwar gar nicht drauf. Doch auch die letztich für das Album ausgewählten zehn Lieder sind Beweis genug für diese These. Schon die Texte deuten das an mit Zeilen wie diesen: „I never wanted to come down / when I was riding over the sun” (White Orchid), “I’ll take it all with me / across the seven seas” (Where We Come From), “The sun is high” (Special Shades), “Lay down all the summer’s fears” (Into Thousand Years). Im letzten Track, dem famosen 99, reimt sich dann, begleitet von einer Surfgitarre, auch noch “my little holiday” auf “better ways”.
Wem das noch nicht genug Beweise für die Surftauglichkeit der Finnen sind, der wird in der Musik fündig. Der Opener White Orchid lässt sich eine Minute Zeit, bevor das Schlagzeug dem Song so etwas wie eine Struktur gibt und dann noch einmal 30 Sekunden, bevor das Lied wirklich zum Punkt kommt. Aber dafür wird man mit einem himmelhochjauchzenden Refrain belohnt und einem Ende, an dem es völlig schlüssig klingt, mit ein paar „nananas“ das Gitarrensolo mitzusingen.
White Latter Days klingt wie The Cure im Adrenalinrausch und hat einen klasse Refrain. Juveniles ist unwiderstehlich optimistisch, das forsche Where We Came From lässt an Ash oder The Drums denken. Vieles auf diesem Album hat so viel Hitpotenzial, dass man sich kaum mehr wundern muss, dass French Films kürzlich den European Border Breaker Award gewonnen haben – einen Preis, den zuvor Adele, Mumford & Sons oder Lykke Li bekommen hatten.
Besonders reizvoll wird diese Eingängigkeit dadurch, dass French Films ganz offensichtlich nicht nur den Sonnenschein kennen. Die Stimme von Sänger Johannes Leppänen lässt immer wieder erahnen, dass er in seinem Leben auch schon genug Regentage erlebt hat. Dazu kommt der sehr charmante Lo-Fi-Sound dieses selbst produzierten Albums, der an britische Vorbilder erinnert. „Wir wollten der Platte ein leicht psychedelisches Feeling verleihen, ohne von der drei-Akkord-Mentalität abzuweichen“, erklärt Johannes Leppänen.
Special Shades bekam deshalb dezente Baggy-Anspielungen verpasst, All The Time You Got ist eines von vielen Liedern mit einem sehr krachigen Bass, die Quasi-Ballade Into Thousand Years hätte auch sehr gut ins Repertoire von Suede gepasst. Auch in diesen Momenten steckt White Orchid immer voller Teenagerlust und Lebensfreude. Man darf sicher sein: In der Welt dieser fünf Finnen sehen alle französischen Filme aus wie La Boum.
Ein Trailer für White Orchid:
Hingehört: Toy – “Toy”
| Künstler | Toy |
| Album | Toy |
| Label | Heavenly |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
2747 Aussteller aus 113 Ländern waren im Februar auf der Nürnberger Spielwarenmesse vertreten. Rund eine Million Produkte sind auf der weltweit größten Veranstaltung dieser Art zu sehen. Von einem Spielzeugroboter, der mit dem eigenen iPhone verbunden werden kann, bis zu einer Autorennbahn, auf der sich die Mini-Flitzer frei bewegen können, weil es keine vorgegebenen Spuren mehr gibt, reichen die Neuheiten.
Tom Dougall (Gesang und Gitarre), Dominic O’Dair (Gitarre), Maxim Barron (Bass), Alejandra Diez (Keyboard) und Charlie Salvidge (Schlagzeug) dürften sich dort ziemlich wohl gefühlt haben, schließlich haben sie ihre 2010 gegründete Band und ihr Debütalbum „Toy“ genannt. Das Lieblingsspielzeug des Quintetts aus London ist dabei ziemlich schnell auszumachen: die Gitarre mit all ihren Möglichkeiten. Kurz dahinter rangiert die Liebe für ganz besondere Effekte und Sounds. Immer wieder gönnen sich Toy in ihren Songs ausgiebige instrumentale Passagen, oft meint man, gleich sechs Gitarren gleichzeitig zu hören, und trotz des Rock-Instrumentariums merkt man der Platte an, dass Toy auch elektronische Musik zu schätzen wissen.
Das macht aus Toy ein sehr kurzweiliges und modernes Rockalbum. Colours Runnig Out erinnert als Auftakt mit seinem Schwanken zwischen Druck und Gelassenheit an die ersten Gehversuche von Ash. Motoring könnte mit etwas mehr Punch und Kompaktheit zu den Buzzcocks passen. Dead & Gone lässt Krautrock-Einflüsse erkennen (Toy sind übrigens dick mit den Horrors befreundet, die sich ja ebenfalls gerne von teutonischen Klängen inspirieren lassen) mit seinem stoischen Beat und dem noch monotoneren Bass, bevor der Song schließlich ein großes Feuerwerk wird. Am Ende klingt Kopter mit schepperndem Schlagzeug, forschem Beat und flinkem Bass, als würde sich der Black Rebel Motorcycle Club in eine Ekstase hineinsteigern.
Neben dem Auge fürs Detail ist es auch die Reife dieser Lieder, die Toy so beachtlich macht, und die Produzent Dan Carey (The Kills, Hot Chip) sehr gut zur Geltung bringt. Die Komposition und die Rhythmen von Reasons Why sind ähnlich komplex wie bei Electric Soft Parade. Es gibt viele dezent psychedelische Elemente wie Walk Up To Me, in dem das Tempo verschleppt wird und die Gitarre die Gesangsmelodie mitsingt wie ein Geist aus der Unterwelt. Das instrumentale Drifting Deeper nimmt eine interessante Entwicklung und hätte mit seiner geheimnisvollen Orgel auch gut auf den Soundtrack von The Virgin Suicides gepasst. Strange klingt wie eine abstraktere Version von Joy Division.
Auch der Gesang von Tom Dougall (er ist der Bruder von Rose Elinor Dougall, die früher bei den Pipettes war) trägt einen beträchtlichen Teil zum Reiz dieser Band bei. Immer wieder will er Größe verkörpern, dabei ist seine Stimme eigentlich recht dünn – das ergibt besondere Momente wie Lose My Way, das mit ganz viel Hall völlig entrückt klingt, oder die toll romantische Single My Heart Skips A Beat, die voller Weltschmerz steckt. Auch Make It Mine gehört dazu, das wie ein Moment flüchtigen Glücks klingt, oder wie ein fast schon überstandenes Unglück. Genau auf diesem Grat wandeln viele der Lieder von Toy.
Drei der fünf Mitglieder von Toy haben übrigens früher bei Joe Lean & The Jing Jang Jong gespielt. Diese Band sorgte 2007 mit der famose Single Lucio Starts Fires für reichlich Furore, schaffte es aber dann in einem Wirbel aus Hype und übervorsichtiger Musikindustrie nicht einmal mehr bis zu einer LP. Der NME führte damals eine Rubrik als Running Gag ein, in der die Tage gezählt wurden bis zum Erscheinen des immer wieder aufs Neue (und durchaus großspurig) angekündigten Debütalbums, das dann letztlich nie kam. Joe Lean & The Jing Jang Jong wurden so zur Lachnummer. Toy sind da schon einen großen Schritt weiter. Sie haben auf allzu lautstarke Kampfansagen verzichtet und stattdessen eine Platte vorgelegt, die nichts weniger als beeindruckend ist. Oder, wie sogar der NME anerkennt: “It’s weird and wonderful and you’ll want to listen again as soon as it’s over.”
15 Sekunden dauert es, bis im Video von My Heart Skips A Beat das Lieblingsspielzeug von Toy zu sehen ist:
Hingehört: Team Ghost – “Rituals”
| Künstler | Team Ghost |
| Album | Rituals |
| Label | w-Sphere |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | *** |
„Teamgeist“ war der Name des offiziellen Balls zur Fußball-WM 2006 in Deutschland. Team Ghost verfolgen ein Prinzip, das eher auf das Jahr 1996 verweist: die Versöhnung von Rock und Electro.
Christophe Guérin (Gitarre und Gesang), Felix Delacroix (Schlagzeug), Pierre Blanc (Bass) und Jean-Philippe Talaga (Art Director) sind vier Fünftel des französischen Ensembles, das von Nicolas Fromageau ins Leben gerufen wurde. Er hat eine einfache Erklärung dafür, dass er sich nach seinem Ausstieg bei M83 im Jahr 2004 dem Sound verschrieb, den beispielsweise die Chemical Brothers oder The Prodigy geprägt haben: Er mag elektronische Klänge wie die von Brian Eno, aber ebenso die harten Sounds von Sonic Youth und My Bloody Valentine und die düstere Stimmung von Joy Division oder den Cocteau Twins.
Wer Team Ghost nach diesen Bezugspunkten noch immer nicht richtig einordnen kann, bekommt gerne noch zwei ziemlich hilfreiche Tipps: Die 2009 gegründete Band war unlängst als Vorgruppe von Crystal Castles auf Europatournee. Und auf dem Albumcover von Rituals sind Totenköpfe gleichberechtigt neben Ritterrüstungen zu sehen, Glaskugeln neben schmalen Eighties-Krawatten, Keyboards neben E-Gitarren.
Beide scheinen im nahezu instrumentalen Opener Away einen ziemlich heftigen Kampf miteinander auszufechten. Der Track schwingt sich schön auf, ohne dass man dabei einen Sieger ausmachen könnte. Im folgenden Curtains fällt das schon leichter: Die Gitarren sind mega-plakativ, das Ganze wird ein ziemlicher Feger. Am Ende werden ein paar Orgeltöne so oft wiederholt, bis sie offensichtlich sämtliche Instrumente in den Wahnsinn getrieben haben. Das klingt keineswegs angestaubt, hätte (zehn Jahre vor dem „Teamgeist“-Fußball) aber auch gut zu Apollo 440 oder den Propellerheads gepasst, allerdings abzüglich deren britischer Großmäuligkeit.
Schon nach wenigen Minuten ist somit klar, dass Team Ghost für ihr Debüt einen deutlich konkreteren Sound gewählt haben als zuvor auf den beiden EPs I Never Did Anything Wrong To You und Celebrate What You Can’t See. Statt Nebelschwaden und Klangflächen gibt es auf Rituals viele muskulöse Momente und meist klar erkennbare Songstrukturen. Somebody’s Watching hat zwar ein kakophonisches Finale (wie einige Tracks auf diesem Album), ist aber im Prinzip ein ganz normaler Rocksong, etwa im Stile der Charlatans. Die erste Single Dead Film Star könnte man sich gut auch von den White Lies vorstellen (deren letztes Album heißt übrigens Ritual), wenn sie eine kleine Baggy-Vorliebe entwickeln sollten. Montreuil ist ebenfalls vergleichsweise straighter Gitarren-Powerpop mit Gesang, der kein Wässerchen trüben könnte – so etwas bekommt man sonst beispielsweise von Ash geliefert.
Produzent Benoît de Villeneuve, der auf vielen der Stücke auch mit musiziert, erklärt das so: „Irgendwie versuchen wir, experimentelle Popsongs zu machen. Eigentlich mögen wir Popmusik – darum sind die meisten Stücke im Album ziemlich kurz und knackig. Das Ziel war, die rohe Lebensenergie einer Band mit der Präzision einer synthetisierten Landschaft zu mischen. Nicolas und ich arbeiteten in meinem eigenen Studio hart daran, viele unterschiedliche Sounds, Synths und Texturen aufzunehmen. Sobald wir fertig waren, gingen wir ins Studio und nahmen die vollständige Gruppe auf und hörten dabei über Kopfhörer, die zuvor aufgenommenen Stücke an.“
Am elektronischsten wird Rituals mit dem instrumentalen Things Are Sometimes Tragic, das an Faithless (und damit schon wieder an die Mittneunziger) denken lässt, und dem düsteren Synthie-Pop von Pleasure That Hurts mit reichlich Effekten und verfremdeter Stimme. Die spannenden Momente sind aber andere: Die Orgel in Fireworks sorgt für eine im Blues getränkte Psychedelik, wie sie auch die Dandy Warhols manchmal vorführen. All We Left Behind setzt auf Klavier und Streicher, bevor eine Gitarrenexplosion hereinbricht: Das hat erst putziges Placebo-Pathos und dann eine beeindruckende Aggressivität.
Auch Team Ghost als vorletzter Track von Rituals ist auf seltsame Weise kaputt und stolz – so etwas könnte Billy Corgan gefallen, wenn der nicht mit Heavy Metal aufgewachsen wäre, sondern mit den Pet Shop Boys. Im Rausschmeißer We Won’t Fail gibt es keinen Beat, dafür eine schöne Air-Atmosphäre. Solche Momente lassen am ehesten das Credo von Team Ghost erkennen. „Songs müssen deine Phantasie ansprechen“, sagt Benoît, „die Vergangenheit, die Zukunft, Maschinen, die Natur…“ „Und ich habe den perversen Stoff geschrieben“, lacht Nicolas.
Das Video zu Dead Film Star lehrt: Immer im Auto bleiben.
Team Ghost Tour sind im Frühjahr dreimal live in Deutschland zu sehen:
22.04. Berlin, Comet Club
23.04. Hamburg, Uebel & Gefährlich
24.04. Köln, Gebäude 9
Hingehört: Kate Nash – “Girl Talk”
| Künstler | Kate Nash |
| Album | Girl Talk |
| Label | Fontana |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ***1/2 |
Alter bei Erscheinen des Debütalbums: ungefähr 20
Image bei Erscheinen des Debütalbums: niedlich, talentiert
Erfolg des Debütalbums: riesig (Nummer 1 in England)
Einfluss des Debütalbums: riesig (ganz viele Mädchen liebten sie)
Image sechs Jahre nach Erscheinen des Debütalbums: nicht wieder zu erkennen, verwahrlost, völlig durchgeknallt
Natürlich beziehe ich mich mit diesen Fakten auf, tara: die Beatles. Der Vergleich ist wichtig, denn er unterstreicht, wie lächerlich die Debatte darüber ist, ob Kate Nash (auf die all die Punkte oben genauso zutreffen) tatsächlich das Recht hat, sich zu verändern. Und eine Veränderung ist ihr drittes Album Girl Talk auf jeden Fall. Man könnte auch sagen: ein Schock.
Wer sich ein bisschen intensiver mit Kate Nash beschäftigt hat, konnte das freilich längst ahnen. Da waren die jüngsten Konzerte, bei denen sie eher Punk spielte als Radiopop, mit einer rein weiblichen Band und einem Gesicht wie sieben Jahre Regenwetter. Da waren ein paar Nebenher-Tracks wie die 2008er B-Seite Model Behaviour, auf denen sie schon früher ihre Lust auf Lärm auslebte. Und da war das aggressive Under-Estimate The Girl, das sie im vergangenen Jahr als Vorgeschmack auf ihre neue Platte als Free Download angeboten hatte – was einen Aufschrei auslöste. Die YouTube-Kommentare reichten von „This is a joke, right?“ bis „Kate, I love you even more after this.“ Und das sind nur die harmloseren Extreme.
“Everyone was going crazy and I thought it was great. It created the perfect storm for a comeback. People were talking about me because I’d done something new and crazy and different”, sagt Kate Nash heute über die Kontroverse, die das Lied losgetreten hat. “In the end the response to Under-Estimate The Girl just showed how conservative the music industry is.” In der Tat: Niemand würde im Rückblick auf die Idee kommen, den Beatles ihre Weiterentwicklung vorzuwerfen. Aber Kate Nash, die einst dafür verehrt wurde, eine unabhängige Künstlerin mit eigenem Stil und eigenen Ideen zu sein, muss sich plötzlich dafür rechtfertigen, dass sie ihr eigenes Ding machen will.
Man merkt Girl Talk diese Position der Defensive an. Die Texte behandeln den Konflikt zwischen Autonomie und Assimilation, zwischen Person und Image, es geht um das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen oder von denen verraten zu werden, die man eng an seiner Seite wähnte.
„I still feel the same“ heißt bezeichnenderweise die zentrale Zeile im ersten Lied Part Heart (das eher wie ein letztes Lied klingt). Beinahe apathisch beginnt Kate Nash dieses Album, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, kurz vor der Halbzeit des Songs setzt dann die E-Gitarre ein, und mit ihr kommt die Wut („’cause I am so bitter“ lässt grüßen). Gebetsmühlenartig wiederholt sie dieses „I still feel the same“, und man ahnt, dass sie ebenso stolz darauf wie genervt davon ist, das immer wieder betonen zu müssen.
Auch im folgenden Fri-end? geht es darum, was wirklich verbindet, um das Erkennen von Loyalität und Oberflächlichkeit. Ein wenig klingt das erst nach Girlband oder den Long Blondes, am Ende verwandelt sich Kate Nash in ein Riot Grrrl, bevor sie dann noch ein bisschen versöhnlichen Engelsgesang liefert.
Death Proof könnte mit seiner DIY-Punkstrophe, dem tollen Poprefrain und dem Surfgitarrensolo von den Buzzcocks stammen oder von den Cribs. (Übrigens: Der vielleicht dümmste Vorwurf an „die neue Kate Nash“ ist es, sie hätte sich bloß durch den Einfluss ihres Ex-Boyfriends Ryan Jarman von den Cribs in eine Rockerin verwandelt. Als ob sie nicht auch ganz eigenständig Spaß an Indiekrawall entwickeln könnte, bloß weil sie Brüste hat.) Im kampfeslustigen Cherry Pickin’ sorgt reichlich „oohoohoohoo“ im Hintergrund dafür, dass der Track noch ein bisschen mehr nach Sturm und Drang à la Ash klingt. All Talk ist nicht minder schlecht gelaunt und noisey als Nirvana.
Sister wird ähnlich heavy, rotzig, packend und rücksichtslos. Die Breeders oder Hole kann man da heraushören, und entsprechend klingt Kate Nash nicht mehr wie ein süßes Girlie, sondern wie eine Furie, eine Hexe. “I really believe in women being able to be whatever they want to be. We don’t have to be one dimensional. I can be sensitive. I can be angry. I can do a song that is screaming and then add a backing vocal that is really sweet. I’ve never been one thing”, stellt Kate Nash passend dazu klar.
Das bedeutet: Girl Talk enthält natürlich auch noch Spuren der früheren Kate Nash. OMYGOD ist am nächsten dran, dank seines Refrains mit viel Drive. Conventional Girl wird ein weiterer Beweis dafür, dass die 25-Jährige nach wie vor tolle Melodien singen kann (und möchte), auch wenn sie Spaß daran hat, schräg und ein bisschen sperrig zu sein – den Track könnte man sich dank dieser Kombination mühelos auch von Graham Coxon vorstellen.
Das zackige 3am hätte perfekt auf ihr Debüt Made Of Bricks gepasst, wenn man die Gitarre durch ein (diesmal auf dem gesamten Album verbanntes) Klavier ersetzte. “When I was in my late teens I felt insecure about being girlie and feminine because people would judge me as a silly little girl. Now I’m confident enough in myself to be able to celebrate those aspects of my personality”, erklärt Kate Nash diese Konstante. Are You The Sweetheart (einer von vielen Tracks, der unterstreicht, dass der von Kate Nash höchstselbst gespielte Bass das wichtigste Instrument auf dieser Platte ist) dürfte beispielsweise den frühen Bangles gefallen.
Zweimal wird die Entschlossenheit, sich radikal neu zu erfinden, besonders deutlich: Rap For Rejection wäre ein ungewöhnlicher Song ganz unabhängig davon, was man für eine Erwartungshaltung an Kate Nash (oder irgendeinen anderen Künstler) hat: zu einem schrägen Takt und einer Scratching-E-Gitarre gibt es verzerrten Sprechgesang. Und im Rausschmeißer Lullaby For An Insomniac singt Kate Nash zweieinhalb Minuten lang acappella, um dann ein ganzes Orchester aufzufahren, das quasi klassisch musiziert – einfach, weil sie sich das erlauben kann.
Neben so viel Chuzpe prägt aber noch etwas anderes Girl Talk: die emotionale Unmittelbarkeit dieser Platte. Kate Nash sieht das Album als “almost thoughtless” – also in keiner Weise kalkuliert, sondern ganz aus dem Bauch heraus. “I wrote songs really quickly. They are ballsy. You can hear the anger. I’ve learned a lot about people. I used to be really naive and trust people too much. Not any more”, sagt sie. Als Ergebnis klingen das verlorene Oh oder das an die Eels erinnernde Labyrinth, als hätte jemand ein Tonstudio direkt an die Seele von Kate Nash angeschlossen. Auch You’re So Cool, I’m So Freaky, im Stile von SoKo nur mit akustischer Gitarre, Gesang und einem improvisierten Chor umgesetzt, ist nicht bloß rührend, sondern geradezu erschütternd.
Alle, die Kate Nash vor allem für putzige Mitsingliedchen wie Do-Wah-Doo oder Merry Happy geliebt haben, werden von Girl Talk zweifellos enttäuscht sein. Alle, die sie als Künstlerin mit eigener Meinung und als Vorkämpferin für weibliches Selbstbewusstsein geschätzt haben, bekommen dafür eine spannende, mutige, gute Platte geliefert. Beide Seiten werden anhand von Girl Talk in jedem Fall erkennen, dass Kate Nash keine Lust mehr auf Kompromisse hat: “I can look sweet and cute and talk about fashion and make up. But I’m still fucking smart. So don’t mess with me.”
Ein tolles Gruselvideo hat Kate Nash zu Fri-end? gemacht:
Hingehört: The Vaccines – “The Vaccines Come Of Age”
| Künstler | The Vaccines |
| Album | The Vaccines Come Of Age |
| Label | Sony |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
Als Albumbands bezeichnet man ja normalerweise solche Gruppen, die brauchbare Musik machen, aber keine Hits schreiben können. Radiohead meinetwegen. Oder Element Of Crime. Oder neuerdings auch Arcade Fire. Schaut man auf die Charts, dann muss man auch die Vaccines dazu rechnen. Das Quartett bringt es gerade mal auf vier Top-40-Hits in England. Platz 32 ist die bisher höchste Position, was nicht gerade berauschend ist, wenn man von NME und MTV gehypt wird. Im Albumformat läuft es allerdings blendend für die Jungs. Ihr Debüt What Did You Expect From The Vaccines verkaufte sich weltweit mehr als 400.000 Mal. Der jetzt erschienene Nachfolger The Vaccines Come Of Age schoss im UK auf Platz 1.
Dabei sind die Vaccines natürlich problemlos in der Lage, Hits abzuliefern. An erster Stelle ist da der Opener No Hope zu nennen. „Well I could bore you with the truth / about an uneventful youth“, lauten die grandiosen ersten Zeilen des Albums. Sie läuten einen Kracher ein, der die Wildheit und den Freigeist der Libertines enthält, ebenso wie die rotzige Arroganz der Strokes und das Beschwören von Gemeinschaftssinn inmitten der Trostlosigkeit wie das auch The Enemy mal konnten.
Letzteres ist womöglich der Schlüssel zum Erfolg der Vaccines, und die Leute, die man damit anspricht, sind im Zweifel eher Albenkäufer als Radiohörer. „Ich will, dass ich irgendjemandem etwas bedeute“, sagt Sänger Justin Young passend dazu. Er will eine Identifikationsfigur sein, Frontmann einer Band, an die man sein Leben haften kann. „Es ist ganz einfach: ich will, dass wir eure Lieblingsband sind!“ Wie gut das klappt, konnten die Vaccines vor allem beobachten, als sie erstmals bei Festivals in England auftraten. „Wir hatten schon überall auf der Welt bei Festivals gespielt, aber noch nicht wirklich zuhause“, sagt Young. „Ich weiß noch, wie ich bei unserem ersten UK-Festival hinter der Bühne unseren Tour-Manager fragte: ‚Und, ist da draußen irgendwer?’ Er sagte nur, ‚Hör zu!’ Und ich konnte ungefähr 20.000 Leute unseren Bandnamen rufen hören. Das Gefühl war größer als alles, was irgendwer hätte beschreiben können.“
Auch Always Knew (dessen Strophe verdächtig an Angel Interceptor von Ash erinnert) hat dieses hymnische Element und genug Pathos und tolle Theatralik, um als Track von Glasvegas durchzugehen. Teenage Icon ist ein weiterer Hit, der zunächst mit den wilden Drums und der Zwei-Akkord-Gitarre noch primitiv wirkt, dann aber im Refrain große Klasse offenbart. Das famose Aftershave Ocean verbreitet später eine sehr hübsche Sixties-Psychedelik, Change Of Heart Pt. 2 hat das Feuer und die Melodieverliebtheit von The Jam.
An Hits besteht also kein Mangel, und das ist auch kein Wunder, wenn man auf Ethan Johns (Kings Of Leon) als Produzenten setzt. Das Schönste an The Vaccines Come Of Age, das komplett live eingespielt wurde, ist aber, dass die Platte auch als Album gut funktioniert. Mehr als 150 Songs haben Justin Young (Gitarre/Gesang), Árni Hjörvar (Bass), Freddie Cowan (Gitarre) und Pete Robertson (Schlagzeug) angeblich alleine im Jahr 2011 geschrieben, und die Auswahl daraus sorgt für einen sehr gelungenen Spannungsbogen.
Die unverkennbare Begeisterungsfähigkeit, die die Engländer noch immer für einzelne Sounds wie eine Twang-Gitarre in Always Knew oder die Ramones-Punkpower von Bad Mood entwickeln können, ist ein wichtiges Element dabei. Ein weiteres ist die Tatsache, dass sich The Vaccines Come Of Age auch ruhigere Momente gönnt. Den Grund dafür sieht die Band auch in den drei Stimmbandoperationen, denen sich Justin Young im vergangenen Jahr unterziehen musste – jeweils mit anschließendem Sprech- (drei Wochen) und Singverbot (fünf Wochen) „Es war emotional und sozial ein ziemlich interessantes Experiment. Aber meine Stimme hat durch das Ganze an Charakter gewonnen. Die Sanftheit auf der neuen Platte ist ein Resultat davon, denke ich“, meint der Sänger.
I Wish I Was A Girl ist ein Ergebnis davon, mit faszinierendem Edwyn-Collins-Flair, und auch der an Travis erinnernde Rausschmeißer Lonely World, der ganz viel Leidenschaft zu bieten, aber es gar nicht nötig hat, dabei allzu hymnisch zu werden. Auch Weirdo ist ungewohnt zurückhaltend, zählt neben Ghost Town (kraftstrotzend, aber blutleer wie die blödesten Momente der Arctic Monkeys) aber zu den beiden einzigen Schwachpunkten dieser Platte.
Dass man den Vaccines solche Passagen gerne verzeiht, liegt auch daran, dass sie trotz reichlich Kritikerlob und Fanbewunderung kein bisschen selbstverliebt wirken. Diese Band hat sich ihren Humor bewahrt. Das Cover von The Vaccines Come Of Age ist ein gutes Beispiel dafür. Darauf lässt sie die Band von vier androgynen Mädchen im Teenie-Alter namens Andrea, Chanie, Cassie und Fiona ersetzen. „Einige Leute haben behauptet, dass The Vaccines nicht aussehen wie Rockstars, also dachten wir: Nehmen wir stattdessen diese Mädchen“, erklärt Justin Young die Idee dahinter. Auch selbstironische Texte wie in Teenage Icon oder kleine Spielereien mit dem Gesang wie in Aftershave Ocean sprechen dafür, dass sie sich im Zweifel gerne für ein unbekümmertes „Scheiß drauf, versuchen wir’s einfach“ entscheiden. Werden die Vaccines also wirklich erwachsen, wie der Albumtitel verheißt? Hoffentlich nicht.
Zane Lowe ist ein Fan, da spielen die Vaccines gerne No Hope für ihn:
Hingehört: Tribes – “Baby”
| Künstler | Tribes |
| Album | Baby |
| Label | Island |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
1, 2, 3, 4. Dann ein markerschütternder Schlagzeugwirbel und ein Gitarreninferno. Dann eine Strophe, die so ungestüm und frisch klingt, dass man sofort noch einmal nachrechnen will, wie lang das jetzt noch einmal genau her ist mit Alright und Supergrass (knapp 17 Jahre, ergibt das Nachrechnen). Dann ein Refrain, in dem sich „young“ auf „fun“ reimt. So klingt When My Day Comes, und der Song kann als Manifest dienen für den Sound, das Credo, das Lebensgefühl von Tribes.
Das Quartett aus Camden legt mit dem am Freitag erschienenen Baby ein Debüt vor, das die vier Buchstaben „R-O-C-K“ so stolz vor sich herträgt als wäre Billy Idol der Premierminister und die Lederjacke die offizielle britische Schuluniform. Es ist eine dieser Platten, bei denen man tatsächlich Lust bekommt, Schlagzeug zu lernen, oder die Gitarre wieder einmal rauszuholen oder in jedem Fall sofort einen ganzen Collegeblock mit möglichen Namen vollkritzeln für die Band, die man morgen gründen wird.
Wer das altmodisch findet, wird in den schwächsten Momenten von Baby durchaus bestätigt. Himalaya beispielsweise probt die große Geste samt „ohoho“-Chor und klingt am Anfang noch wie ein Bryan-Ferry-Schauermärchen. Dann bleibt der Rest aber hohl, und die wiederholt gestellte Frage „Does it move you / the state I’m in?“, muss man eindeutig mit „Nein“ beantworten. Auch Nightdriving ist viel zu konventionell und durchschaubar.
Aber Johnny Lloyd (Gesang, Gitarre), Dan White (Gitarre), Miguel Demelo (Schlagzeug) und Jim Cratchley (Bass) haben keinerlei Problem damit, nicht modern zu sein. Sie benennen völlig freiwillig Nirvana und REM als wichtige Einflüsse. Als sie im April 2011 ihre erste EP We Were Children veröffentlichten und dazu ein Video drehten, da filmten sie ganz selbstverständlich ihren eigenen Auftritt auf dem Dach eines Hauses. Sie waren mit den Kooks auf Tour, demnächst sind sie als Vorgruppe der Kaiser Chiefs zu sehen, und das ist genau das richtige Umfeld für Tribes, denen Refrains offensichtlich wichtiger sind als Coolness.
Baby beginnt trotzdem (nach einem Sound, der so klingt, als würden Tribes ihre Knochen strecken und die Muskeln lockern) sehr cool, erst knapp vor der Mitte wird der Opener Whenever richtig leidenschaftlich. Dafür klingt das folgende We Were Children (das ebenso wie das eingangs erwähnte When My Day Comes schon zuvor auf EP erschienen ist) von Anfang an wie ein Glaubensbekenntnis. Es braucht nicht viel Fantasie, und man kann eine ganze Arena mitsingen hören: „Unknown stranger, you’re just like me / these things happen, we were children in the mid-90s“.
Der Track zeigt die größte Stärke von Tribes: Wenn sie ein bisschen Tempo rausnehmen, sind die Songs auf Baby am besten. Corner Of An English Field ist so ein Fall, leicht melancholisch, mit reichlich Grandezza und toller Melodie wie die Balladen von Ash. Halfway Home wird dann noch ein wenig zarter und hat all die Beiläufigkeit (und den Klassizismus), die die Kooks oder die Courteeners in ihren besten Momenten einzufangen vermögen. Alone Or With Friends klingt dann dank seiner zwölfsaitigen Gitarre, LSD-Lyrik (mit all den üblichen Metaphern von Engeln und Donner, dem Universum und einer Symphonie) und dem seltsamen Stimm-Effekt verdammt nach Seventies. Der Refrain wäre selbst für Oasis, Aerosmith oder, jawohl, Barclay James Harvest nicht zu groß.
Die Single Sappho hingegen könnte nicht mehr Rock sein, wenn sie in alte Socken von Keith Richards eingewickelt wäre und nur gemeinsam mit einer Urinprobe von Jet verkauft würde. Das Schlagzeug am Anfang von Walking In The Street ist wohl das Virtuoseste, was Baby zu bieten hat, und auch dieses Lied hat wieder einen Refrain, zu dem sich betrunkene Männer wunderbar in den Armen liegen können. Der Rausschmeißer Bad Apple beweist, dass Tribes auch nichts gegen ein bisschen Pathos haben, sodass etwas Ähnliches wie eine Guns’N’Roses-Ballade dabei herauskommt.
Egal, wie oft man Baby hört: Man kann sich voll und ganz dem Urteil anschließen, das Paul Lester im Guardian gefällt hat, als er Tribes vor einem guten Jahr vorgestellt hat: „Most likely to: Entertain us. Least likely to: Change rock music forever.”
Direkt aus dem Tour-Kleinbus: Auch mit dieser Akustik-Performance von We Were Children sind Tribes ganz und gar Rock:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Futter für die Ohren mit Bodi Bill, Emmy And Tim, Sparrow And The Workshop und White Denim
Bald ist Weihnachten, und noch vor dem ersten Advent gibt es die ersten Geschenke von shitesite. Wie immer bei Futter für die Ohren bedeutet das: neue Musik aus dem Netz, gratis, legal und zum Herunterladen. Diesmal gleich in siebenfacher Ausfertigung.
Empire Escape sind so neu, dass sie noch nicht einmal eine Platte veröffentlicht haben. Für eine Homepage reicht es immerhin schon, und dort verschenkt die Band aus Berlin prompt ihren ersten Song. Magnolia (***) ist zugleich brüchig und monolithisch und hat eine reizvolle Düsternis wie Joy Division in besinnlichen Momenten. Auch Nick Cave oder die Tindersticks klingen an. Dazu kommt eine nette „Bowie in den Hansa-Studios“-Ästhetik. „We won’t fear no one“, heißt eine Zeile. Das könnte eines Tages stimmen.
Irgendjemand bei einer ziemlich großen Plattenfirma möchte Ava Rocks gerne zu einem echten Popstar machen. Richtig gelungen ist das bisher noch nicht. Vielleicht auch deshalb wird Ava Rocks nun großzügig und verschenkt auf ihrer Facebook-Fanpage den Pink Robot Remix (*1/2) ihrer Debütsingle Still Rave About You. Der ist ein bisschen schräger als der Original, klingt aber noch immer nicht nach großer Karriere. Elektropop vom Reißbrett.
Recht hoch sind die Schranken, um an den kostenlosen Track von White Denim ranzukommen. Man muss sich auf der Seite von rcrdlbl.com registrieren. Die Mühe lohnt allerdings. Der Bjorn Remix (***) von Drug setzt im Vergleich zum Original vom Album D auf verzerrte Orgeln und noch ein bisschen mehr Hall.
Zudem gibt es bei rcrdlbl.com regelmäßig legale Gratis-Sounds. Unter anderem gerade auch dabei: Digitalism. Die verschenken den Dillon Francis Remix (***) von Circles. Der ist erst ein bisschen verspielter, dann ein bisschen dramatischer als das Original auf dem Album I Love You, Dude. Treffer.
Sparrow And The Workshop haben mit Spitting Daggers gerade ein sehr gelungenes zweites Album vorgelegt. Das Trio aus Glasgow lädt bei Soundcloud zum Gratis-Download von You Don’t Trust Anyone ein. Der Song (***) ist durchaus typisch für den Sound der Band und entwickelt vor allem durch den sehr coolen Bass von Nick Packer einen enormen Drive, wird – wie fast alle Songs der Band – aber in jedem Moment dominiert von der Stimme Jill O’Sullivans. Alles „von Dolly Parton über Sonic Youth bis zu den Beach Boys“ zählen sie zu ihren Einflüssen – so spannend klingt das dann auch.
Ebenfalls bei Soundcloud zeigen sich die Jungs von Bodi Bill (die übrigens im Dezember wieder auf Tour sind) in ihren Spendierhosen. Zusammen mit Siriusmo haben sie I Like Holden Caulfield aufgemotzt, und auch die neue Version des Tracks (***) verströmt in der Tat die Unsicherheit und unterschwellige Aggressivität von J.D. Salingers Romanheld.
Was für ein Traumpaar! Tim Wheeler (Ash) und Emmy The Great sind die William und Kate des Indierock. Und sie haben, wie süß, ein Weihnachtsalbum zusammen aufgenommen. Die Platte ist in dieser Woche erschienen. Pünktlich zum 1. Advent gibt es bei Facebook auch ein kleines Geschenk: Christmas Day (I Wish I Was Surfing) (****) ist tatsächlich zugleich ein Weihnachtslied und ein Sommerhit und klingt wie die Ramones auf dem Rummelplatz. Der beste Weihnachts-Song seit Countdown To Christmas von den Glam Chops.
Hingehört: Gomez – “Whatever’s On Your Mind”
| Künstler | Gomez |
| Album | Whatever’s On Your Mind |
| Label | Eat Sleep Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Ziemlich genau 43 Prozent aller Texte, die von Bring It On handeln, dem 1998 erschienenen ersten Album von Gomez, enthalten die Worte „Mercury Music Prize“. Kein Wunder: Mit diesem renommiertesten aller britischen Musikpreise wurde die Band aus Southport gleich für ihr Debüt geehrt. Aus gutem Grund: Gomez legten damals eine im Rock kaum gesehene Offenheit und Vielseitigkeit an den Tag, gepaart mit großer Könnerschaft an den Instrumenten und richtig guten Songs.
Gefühlte 80 Prozent aller Texte, die sich seitdem mit Gomez beschäftigt haben, enthalten das Wort „kernig“. Gemeint ist damit: handgemachte Rockmusik, mit rauer Stimme und patentem Drive. Wer ein Rolling Stone-Abo hat oder jahrelang die Reunion von Reef herbeisehnte, der schätzt so etwas. Für alle anderen aber gilt: „kernig“ ist ein gefährliches Wort. „Kernig“ bedeutet ein bisschen zu viel Blues, ein bisschen zu lange Gitarrensoli, ein bisschen zu viel Bier vor der Bühne. Vor allem aber: „kernig“ ist nicht sexy.
Die gute Nachricht bei Whatever’s On Your Mind: Gomez haben das jetzt auch gemerkt. „Sometimes we might have been a little trapped by our own muso-ness“, gibt Sänger/Gitarrist/Keyboarder Tom Gray zu, “but this album is liberating. It doesn’t feel at all stuffy and it’s a real joy.” Da kann man nur zustimmen: Auf seinem siebten Studioalbum klingt das Sextett wie in einen Jungbrunnen gefallen. Es gibt auf Whatever’s On Your Mind die sanfte Melodieseligkeit der The Shins, den jugendlichen Leichtsinn von Ash und dazu immer wieder hoch komplexe Rhythmen, die für viel Abwechslung sorgen, ohne Selbstzweck zu sein.
Der beste von vielen sehr guten Songs steht gleich am Beginn: Die Single Options ist heiter und ausgelassen, von Bläsern getrieben und durchaus vergleichbar mit dem hübschesten Momenten im Oeuvre von Fountains Of Wayne. Dann macht I Will Take You There deutlich, dass es keineswegs schlimm wäre, wenn Supergrass plötzlich altersmilde würden. Just As Lost As You hat einen riesigen Refrain, The Place And The People zeigt, wie U2 klingen könnten – wenn sie wieder mehr auf Melodien achten als auf Attitüde.
Auch die vergleichsweise gewagten Stücke funktionieren: Song In My Heart könnte mit seinem hoch universellen Refrain und dem (Achtung!) Computerbeat sogar eine Single von Pink sein. Der spannende Rausschmeißer X-Rays mit Disco-Drive und fieser Gitarre scheint einer Jam-Session von Pulp und den Queens Of The Stone Age entsprungen.
Zweimal wird es auch noch, pardon, kernig: In der opulenten Ballade Whatever’s On Your Mind holt Ben Ottewell, einer von drei Gomez-Sängern, noch einmal seine Reibeisen-Stimme heraus. Doch sie wird von soviel Eleganz und Streichern umgeben, dass das kein bisschen hemdsärmelig wirkt. Und im packenden Equalize scheint er eine Mardi-Grass-Parade anzuführen, mit Afrobeats und einem ganzen Partyvolk als Chor. Und das ist dann doch beinahe sexy.
Gomez spielen (etwas wackelig) die famose Single Options, live bei David Letterman:
Hingehört: Let’s Wrestle – “Nursing Home”
| Künstler | Let’s Wrestle |
| Album | Nursing Home |
| Label | Full Time Hobby |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Es ist noch nicht allzu lange her, da hießen Nerds noch Slacker. Nerds und Slacker unterscheiden zwei wichtige Dinge. Erstens: Nerds sind verklemmt, Slacker sind sexy. Zweitens: Nerds wollen gerne beliebt, erfolgreich und schick sein, schaffen es aber nicht. Slacker haben einfach keine Lust. Auf nichts. Und schon gar nicht darauf, beliebt, erfolgreich und schick zu sein.
Let’s Wrestle sind definitiv Slacker. Das Trio aus London hat sich für sein zweites Album Nursing Home mit Produzent Steve Albini zusammen getan, der mit seiner Arbeit für die Pixies, Nirvana oder PJ Harvey so etwas wie der König der Slacker geworden ist. Er hat Let’s Wrestle einen etwas härteren, düsteren Sound verpasst. Doch auch auf Nursing Home bleibt der Lo-Fi-Charme des Debüts In The Court Of The Wrestling Let’s (2009) erhalten. Zudem schafft es Sänger Patrick Gonzalez noch immer, mit seinen gelungenen Melodien und der stets etwas brüchigen Stimme das perfekte Gegenstück zum meist atemlosen Sound seiner Mitstreiter zu finden.
Die Texte handeln auch diesmal vom schrägen Alltag der Jugend: die trügersiche Sicherheit der Vorstädte, Pornostars, Träume von Sex mit Queen Victoria. Zu den Höhenpunkten zählt das forsche In The Suburbs mit lustig hüpfendem Bass. Bad Mammaries lässt mit seinem Pop-Appeal erahnen, wieso Let’s Wrestle ihre Debütsingle einst Song For Abba Tribute Record genannt haben. Aufhorchen lassen auch I Am Useful und der Rausschmeißer Getting Rest, die an die zartesten Momente der frühen Ash erinnern, das beinahe niedliche For My Mother und There’s A Rockstar In My Room, das Thin Lizzy auch nicht rotziger hinbekommen hätten.
Und dann ist da noch ein Lied namens I’m So Lazy. „I stay in bed all day“, singt Patrick Gonzalez darin. Ich sag’s doch: Slacker.
Das Video zu I’m So Lazy zeigt: Auch Couch Potatoes leben gefährlich:
Hingehört: Cage The Elephant – “Thank You Happy Birthday”
| Künstler | Cage The Elephant |
| Album | Thank You Happy Birthday |
| Label | Canvasback |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
„Amerika, Du hast es besser“, hat Goethe einst behauptet. Das gilt, wenn man die Musikszene der Neuen Welt mit dem Geschehen in der Alten vergleicht, nach wie vor nur bedingt. Aber es trifft auf jeden Fall zu, wenn man die US-Charts von heute mit denen von einst vergleicht.
Vor ziemlich genau zehn Jahren wurden die US-Hitparaden noch reihenweise von schlimmen Peinlichkeiten geprägt. Das Grunge-Missverständnis Nickelback. Das alberne Krakele von Linkin Park. Und danach gleich scharenweise Psychosen-Rock von blassen Jungs, die gerade so die Buchstaben E, M und O in die richtige Reihenfolge bringen konnten.
Schaut man in diese Woche auf die Modern Rock Charts in den Staaten, da tummeln sich da zwar noch immer Linkin Park. Es gibt aber auch eine erstaunliche Vielfalt, die vom Country-Sound von Mumford & Sons über den Quasi-Blues der Black Keys, elegante Importe wie Florence & The Machine und den Bubblegum-Sound von Neon Trees bis zum Beinahe-Metal von Shinedown reicht.
Und vor allem gibt es Cage The Elephant, derzeit mit der Single Shake Me Down auf Platz 2. Das Quintett aus Kentucky ist zwar noch weit entfernt vom Etikett als „Retter des US-Rock“, wird aber vom Rolling Stone immerhin schon als „one of rock’s best young bands“ gefeiert. Zu Recht. Denn Cage The Elephant vereinen auf ihrem morgen erscheinenden zweiten Album Thank You Happy Birthday vieles von dem, was gerade spannend ist an Gitarrenmusik, ohne jemals auch nur in die Nähe des Verdachts zu kommen, offenkundig trendy oder modern sein zu wollen.
Besagte Single Shake Me Down erinnert mit ihrer feinen Dynamik und der etwas irren Tatsache, dass Drummer Jared Champion hier auf einem Spielzeugschlagzeug spielt, vage an die verschrobene Heiterkeit von Weezer – und ist bei weitem noch nicht das beste Lied auf Thank You Happy Birthday. Sänger Matt Shultz erzählt bereitwillig, dass er all die Teenage-Angst-Texte des Debüts inzwischen einigermaßen lächerlich findet. Diesmal habe man einen konstruktiveren, optimistischeren Ansatz gewählt. „Wir wollten einfach Musik machen, die wir lieben.“
Sein Gesang ist noch immer ein wenig gelallt – wenn Matt Shultz so spricht, wie er singt, dann muss er bei jeder Polizeikontrolle einen Atemtest machen, selbst wenn er auf die Fragen der Cops immer bloß „Yes, Sir“ antworten sollte. Die Drums sind hier völlig enthemmt und auch die Gitarren leben auf Thank You Happy Birthday eine für ein Top-2-Album erstaunliche Lust am Lärm aus.
Das Ergebnis klingt manchmal wirklich, als versuche jemand, einen Elefanten in einen viel zu kleinen Käfig zu zwängen (Always Something). Das krachige Aberdeen ist deutlich von den Pixies geprägt. Indy Kidz, ein netter Seitenhieb auf die Berechenbarkeit der Musikszene, hätten auch Nirvana zur Zeit von In Utero aufnehmen können; das thematisch ganz ähnlich gelagerte Sell Yourself ist aufgekratzter Punk.
Tatsächlich so wild, gefährlich und dreckig wie ein Säbelzahntiger kommt Sabertooth Tiger daher. Der Rausschmeißer Flow ist etwas gebremst, aber dennoch druckvoll wie die besten Momente der Kings Of Leon. Mit dem zarten Rubber Ball gönnen sich Cage The Elephant sogar eine Ballade.
Obendrauf gibt es gleich eine ganze Reihe von Krachern. 2024 ist packend, Right Before My Eyes hat eine enorme melodiöse Klasse wie die frühen Werke von Ash, Around My Head besitzt eine fast alberne Ausgelassenheit. Schon auf dem Debüt 2009, das immerhin drei Top-5-Singles abwarf, hatten Cage The Elephant bewiesen, dass sie Hits schreiben können. Nun zeigen sie, was sie seitdem alles gelernt haben. Das ist vielleicht nicht typisch amerikanisch. Aber auf jeden Fall: free and brave.
Cage The Elephant spielen Shake Me Down live in der Show von Jimmy Kimmel – diesmal mit einem echten Schlagzeug:











