Hingehört: Frank Turner – “Tape Deck Heart”

Mai 9, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Frank Turner ist auch auf "Tape Deck Heart" so cool, weil er nie cool sein will, sondern bloß echt und gut.

Frank Turner ist auch auf “Tape Deck Heart” so cool, weil er nie cool sein will, sondern bloß echt und gut.

Künstler Frank Turner
Album Tape Deck Heart
Label Xtra Mile Recordings
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Es gibt ein paar Dinge, die tut man als Mann viel zu selten. Seine Kumpels in den Arm nehmen. Seine Schwester anrufen. Um seine Vorfahren weinen. Seien wir ehrlich: Die meisten von uns Kerlen sind emotionale Wichte.

Zum Glück haben wir aber Frank Turner. Einen Mann, der für BlutSchweißUndTränen steht, für NoBullshitAuthentizität, für DasHerzAmRechtenFleck. Wir können seine Musik hören. Seine Stimme, die immer ein bisschen lauter, höher und leidenschaftlicher singt, als sie eigentlich zu vermögen scheint. Seine Lieder, die Pferde stehlen, Trost spenden, Leben retten können. Und dann können wir für einen kurzen Moment merken, wie schön, intensiv und hoffnungsvoll das Leben doch wäre, wenn man nicht ständig versuchte, cool zu sein.

An Frank Turner kleben eine Menge Begriffe, die absolut nicht cool sind: sympathisch, ehrlich, politisch. Seinem stetigem Aufstieg stand all das nicht im Weg: Der 31-Jährige, der als Sänger der Post-Hardcore-Band Million Dead begann, hat mittlerweile 300.000 Platten verkauft und durfte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Paul McCartney, Duran Duran und den Arctic Monkeys die Olympischen Sommerspiele in London eröffnen. Natürlich macht ihn all das dann doch unfassbar cool.

Tape Deck Heart, sein fünftes Studioalbum, kann mit einigem Recht als bisheriger Höhepunkt seiner Karriere angesehen werden. Nicht nur, weil die Platte ihm mit Platz 2 in seiner englischen Heimat die mit Abstand höchste Chartplatzierung eingebracht hat. Sondern vor allem, weil es ein Meisterwerk von zwölf famosen Songs ist, die einen Künstler zeigen, der genau weiß, was er will und kann, ohne auch nur in die Nähe von Abgehobenheit zu gelangen.

Dazu passt auch ein gut funktionierender Shit Detector, der Frank Turner davor bewahrte, Tape Deck Heart zu überfrachten. Das Album sollte auf keinen Fall länger als 45 Minuten werden, hatte er sich vorgenommen: „Wir hatten rund 25 Songideen, als wir uns ins Studio begaben, und nicht alle davon waren wirklich gut“, sagt er. „Also dampften wir das Material auf die besten zwölf Songs zusammen. So passt es auch ganz wunderbar auf eine Seite einer C90-Kassette.“

Am Beginn steht die erste Single Recovery, ein Lied, das vordergründig von Liebeskummer, Schuldgefühlen und Flucht in den Rausch erzählt, aber eigentlich von Romantik und Zusammenhalt handelt. Schon in den ersten Sekunden, wenn nur Gesang und Gitarre zu hören sind, kann man sich der Dringlichkeit nicht entziehen, die Frank Turner ausstrahlt. Im Refrain steckt dann all die Hoffnung und Zuversicht der Welt: Er singt wie ein Gefangener, der endlich seine Ketten gesprengt hat, wie ein Taugenichts, der sein erstes selbst verdientes Geld in der Tasche hat, oder wie ein Jungspund, der gerade ein Kuss von einem Mädchen bekommen hat, von dem er sich nicht mal ein Lächeln zu erhoffen gewagt hätte.

Immer wieder überrascht Tape Deck Heart mit enormer Eingängigkeit. Produzent Rich Costey (Franz Ferdinand, Weezer) dürfte daran einigen Anteil haben. Vielleicht hat auch die kalifornische Sonne während der Aufnahmen in Burbank mitgeholfen. The Way I Tend To Be beispielsweise ist schlicht ein sehr hübscher Popsong über Einsamkeit und die Suche nach dem Glück. Das beinahe pompöse Oh Brother gönnt sich ein paar Flöten, ein mächtiges Klavier und ein Gitarrensolo. Losing Days ist damit beschäftigt, sich mit dem Älterwerden abzufinden, und nicht nur wegen der prominenten Mandoline klingt das wie REM oder gar die Hooters.

Den Vogel schießt Four Simple Words ab, das bisher schlicht und ergreifend beste Lied des Jahres: Der Track beginnt wie eine Musicalnummer, wird dann zum Folk-Schunkelliedchen und zum Punkrockfeger, jeder Part ist dabei grandios gelungen. Wenn dann nach dem zweiten Refrain nichts weniger als die Essenz des aufrichtigen Rock’N’Roll eingefordert wird, dann ist das schlicht atemberaubend.

Bei allem Hitpotenzial wird die Platte dennoch niemals oberflächlich oder gar anbiedernd. Immer wieder bricht Frank Turner aus aus dem mitunter glamourösen Sound, gönnt sich reduzierte, intime Momente wie das Break in The Way I Tend To Be oder das akustische, wehmütige Good & Gone (mit der wunderbaren Textzeile „Fuck you Motley Crue“).

Nicht zuletzt sind seine Themen mitten aus dem Leben. Polaroid Picture trauert den noch gar nicht so lange zurückliegenden Jahren des eigenen Sturm und Drang nach und erkennt doch an, dass eine neue Generation nachfolgt, die ihre eigene Party feiert. Das am Ende hymnische The Fisher King Blues blickt sagenhaft weise und gelassen auf das Leben („We’re all broken boys and girls, at heart / Come together fall apart“), schüttelt beinahe amüsiert den Kopf über all das amouröse Treiben und ist dennoch kein bisschen immun gegen den Schmerz, den dieses Treiben mit sich bringen kann. Anymore erzählt ganz unsentimental vom Ende einer Liebe, und wird gerade deshalb so herzzerreißend.

Plain Sailing Weather handelt von Unrast und Verlockungen, mit einem blutenden Herzen gesungen und einem Geist, der die eigene Unvollkommenheit zu 99 Prozent verflucht und doch zu 1 Prozent genießt: „The problem with falling in love in late bars / Is that there’s always more nights, there’s always more bars / The problem with showing your lover your scars / Is that everybody’s lover is covered in scars“, singt Frank Turner, und wenn es gegen Ende dazu reichlich Schlagzeugwirbel gibt, dann könnte man ihn fast für einen Flagellanten halten ob all dieser Aufrichtigkeit und Selbstanklage.

Nach einem Song wie dem unfassbaren Tell Tale Signs dürfte man eigentlich keinen anderen auf der Welt mehr guten Gewissens als „Liebeslied“ bezeichnen, so viel Gefühl, Bitterkeit und Wärme steckt in diesen 253 Sekunden. Es ist eines von vielen Liedern, die man gerne so schnell wie möglich selbst auf der Gitarre spielen möchte, um ihnen noch ein bisschen näher zu kommen, um sie noch ein bisschen besser nachfühlen zu können.

Ganz wenige Musiker haben diese Mischung aus Echtheit und Feuereifer hinbekommen, aus Bodenständigkeit und Attraktivität, aus dem, was unser aller Leben ist, und der Kunst, daraus die ganz besonderen Momente (und Zeilen) zu destillieren. Bruce Springsteen hat es vor langer Zeit geschafft, The Streets, die Arctic Monkeys in ihren Anfangsjahren. Frank Turner gelingt das jetzt schon seit sieben Jahren, immer intensiver, immer besser. Tape Deck Heart ist ein Album, das man sofort an alle Freunde verschenken will, auf dass auch sie daraus Kraft schöpfen können. Frank Turner ist ein Name, den man sich sofort tätowieren lassen muss. Mitten aufs Herz.

Ein Making Of von Tape Deck Heart:

Homepage von Frank Turner.

Hingehört: Elliott Murphy – “It Takes A Worried Man”

März 31, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Ohne Reue blick Elliott Murphy auf seine 40-jährige Karriere zurück.

Ohne Reue blick Elliott Murphy auf seine 40-jährige Karriere zurück.

Künstler Elliott Murphy
Album It Takes A Worried Man
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung **1/2

Man könnte meinen, mit Amerika habe Elliott Murphy nicht mehr viel am Hut. It Takes A Worried Man, das 33. Album seiner Karriere, hat der gebürtige New Yorker, der seit mehr als 20 Jahren in Frankreich lebt, unter anderem in Belgien aufgenommen, mit Mitstreitern aus Frankreich und für eine deutsche Plattenfirma.

Eine gute Dosis Entfremdung von der Heimat könnte man sogar nachvollziehen. Die USA sind heute ein ganz anderes Land als vor 40 Jahren, als Murphys erster Longplayer Aquashow erschien: Der Präsident ist nicht Nixon, sondern Obama, die US-Truppen ziehen nicht aus Vietnam ab, sondern aus Afghanistan, und statt einer Öl- gibt es eine stattliche Finanzkrise. Doch Elliott Murphy trägt die Geschichte, die Kultur, den Sound seines Heimatlandes so sehr im Herzen wie nur irgendjemand.

Auf It Takes A Worried Man gibt es reichlich Beweise dafür, und der eindeutigste davon ist Eternal Highway kurz vor Ende des Albums. Das Lied lässt zwangsläufig Trucker-Romantik aufkommen, mit viel Entspanntheit und einem kleinen Rest von Abenteuerlust. Vor allem aber beeindruckt es mit seinem fast stoischen Blick auf die Endlichkeit des Daseins. Jede Straße ist irgendwann zu Ende, jeder Tank ist irgendwann leer, jedes Leben ist vergänglich. „I might be burning with light / but my flame will go out one day, I know, I know“, singt Elliott Murphy zu beinahe prototypischen Americana-Klängen (inklusive Mundharmonika). Doch es ist keine Spur von Fatalismus dabei. Dieser Mann, gerade 64 Jahre alt geworden, ist schlicht und ergreifend mit sich im Reinen.

Noch klarer wird das ein Lied später, im Rausschmeißer Even Steven. Nur Gesang und Klavier gibt es da, und dazu diese Zeilen: „Success is such a dirty word / it changes meaning all the time / And what I have that I know is mine / is not the same as I wanted when I was 29 / you tell me who my heroes are / no fucking falling rock stars.” Das zeigt: Elliott Murphy, einst (wie so viele) als “neuer Dylan” gefeiert und im Dunstkreis von Velvet Underground, den Ramones, Patti Smith oder den Talking Heads an der Spitze dessen, was als musikalisch wegweisend galt, trauert keiner einzigen verpassten Chance nach, auch wenn er es nie ganz nach oben in den Hitparaden geschafft hat.

Dieser Blick zurück ohne Zorn ist beinahe ein Leitmotiv auf It Takes A Worried Man. In Day For Night, mit schönem Drive und einer etwas düsteren Tarantino-Atmosphäre, gesteht Murphy selbst: „It’s a long way back to 1972.“ Aber auch hier spürt man überdeutlich seine Freude an dem, was er jetzt hat, an der Gegenwart.

Dazu gibt es auch allen Grund: Olivier Durand zeigt wieder sein Können als Gitarrist (und hat an einigen Stücken auch mitgeschrieben), dazu glänzen die übrigen bewährten Normandy All Stars: Laurent Pardo (Bass) und Alan Fatras (Schlagzeug). Auch Gaspard Murphy, der Sohn des Altmeisters, trägt als Produzent und Musiker einen guten Teil zu einem unspektakulären, aber sehr souveränen Americana-Album bei.

Litte Bit More profitiert von einer schönen Trompete und klingt wie Bruce Springsteen, wenn der sich mal ein Stückchen zurücklehnt. I Am Empty beginnt akustisch und gebrochen, wird nach dem ersten Refrain aber zu einer trotzigen Kampfansage, an deren Ende ein üppiges Gitarrensolo steht, und in der Patti Scialfa (die Ehefrau von Bruce Springsteen) sehr hübschen Hintergrundgesang beisteuert. Little Big Man hat reichlich kalifornische Luft geatmet, ist dezent tanzbar irgendwo in der Nähe von beschwingteren Eagles-Songs und hat die schönste Zeile des Albums zu bieten: „Love’s a tired idea / but it’s making a fast comeback.“

Im folkigen Titelsong kommt Murphys eigenartige Stimme am besten zur Geltung. Man kann sich wenige Sänger vorstellen, aus deren Mund die Zeilen „It takes a worried man / to sing a worried song“ so überzeugend klingen würden. Und was es ist, was Elliott Murphy im Jahr 2013 beunruhigt? Die Unberechenbarkeit der Liebe (He’s Gone), die Stolpersteine des Lebens (Then You Start Crying) oder die Kraft, die die Versuchung auch auf einen 64-Jährigen noch ausüben kann (das knackige, in der Nähe von Tom Petty anzusiedelnde Angeline).

Die Musik ist ganz unzweifelhaft die Medizin, mit der Elliott Murphy längst gelernt hat, all das zu ertragen. It Takes A Worried Man hört man an, wie sehr er es nach wie vor genießt, zusammen mit ein paar Kumpels zu rocken. Der vierte Track des Albums ist wieder so einer, der reichlich von dieser Lust auf Musik verströmt, mit ein bisschen Nostalgie, aber keiner Spur von Reue. Er heißt so, wie die wahre Heimat von Elliott Murphy, die längst weder in New York noch in Paris liegt. Sondern in Murphyland.

Elliott Murphy spielt Angeline live:

Homepage von Elliott Murphy.

Hingehört: The Killers – “Battle Born”

Februar 6, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Die Killers spielen die Killers - das ist das Prinzip von "Battle Born".

Die Killers spielen die Killers – das ist das Prinzip von “Battle Born”.

Künstler The Killers
Album Battle Born
Label Island
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Battle Born – geboren in der Schlacht. Wer aus diesem Titel schließt, dass bei den Aufnahmen zum vierten Killers-Album so richtig die Fetzen flogen, liegt falsch. Nach Day & Age (2008) und der längeren Pause, die drei Viertel der Band für eigene Projekte nutzten, kamen die Killers zwar zunächst etwas schwer in Gang. Aber nach allem, was man hört, liefen die Sessions dann recht harmonisch.

Battle Born steht vielmehr für etwas anderes. Die zwei Wörter zieren die Fahne von Nevada, der Heimat der Killers, und sie erinnern daran, dass der Bundesstaat 1864 auf den Trümmern des amerikanischen Bürgerkriegs gegründet wurde.

Ihr eigenes Studio in Las Vegas haben die Killers ebenfalls „Battle Born“ genannt, und dass nun auch das dort entstandene Album diesen Titel trägt, kann nur eins bedeuten: Die Killers wissen, wo sie herkommen, und sie sehen (mittlerweile) keinen Grund mehr, sich dafür zu entschuldigen. Das ist nicht nur geografisch gemeint, sondern auch musikalisch. Die eigene Geschichte, die Irrungen und Wirrungen, die Täler und Triumphe haben das Ego dieser Band geprägt und gefestigt. „Man hört einfach, dass wir uns heute sehr viel wohler fühlen mit dem, was wir sind – ja, dass wir inzwischen sogar stolz sind auf das, was wir sind“, sagt Sänger Brandon Flowers.

Das Prinzip von Battle Born sollte deshalb sein: Hier gibt es The Killers pur, also Brandon Flowers, Dave Keuning, Mark Stoermer und Ronnie Vannucci bei dem, was sie am besten können. Große Gefühle, große Show, große Gesten, große Refrains. Las Vegas eben. Die Fans lieben das: In England erreichte die Platte (wie alle Killers-Alben) die Spitze der Charts, in Deutschland gab es Platz 2 für Battle Born, in den USA immerhin Platz 3.

Als Prototyp für das Album kann die erste Single gelten, Runaways. Die ersten Ideen für den Song trugen die Killers schon eine ganze Weile mit sich herum, aber sie wussten „nie so recht, wo wir dieses Stück unterbringen sollten. Auf Day & Age haben wir schließlich eher versucht, unsere poppige Seite nach außen zu kehren – doch Runaways ist nun mal Roots-Rock, durch und durch amerikanisch, und das passte so nun mal nicht zusammen“, sagt Brandon Flowers. „Trotzdem war mir die ganze Zeit klar, was für ein großer Song das war. Als es dann jedoch darum ging, dieses neue Album zu machen, waren wir uns sofort darüber einig, dass wir ausnahmslos nur das machen wollten, was wir richtig gut können: The Killers schreiben nun mal eine gewisse Art von Song – und daran sollte sich auch nichts ändern. Insofern war Runaways eine Art Startschuss für den neuen Longplayer.“ Und der klingt jetzt tatsächlich sagenhaft amerikanisch und mega-dramatisch. Die Strophe ist Bruce Springsteen, der Refrain ist Meat Loaf – es gibt nur eine Band, die sich an diese Kombination wagt, ohne mit der Wimper zu zucken: die Killers.

Auch der Opener Flesh And Bone strotzt vor Ambitionen, mit Eighties-Sound (eher Erasure als die Pet Shop Boys) und großem Coldplay-Finale. Die Theatralik von The Way It Was erreicht beinahe Musical-Dimensionen. Ganz am Schluss erklingen im Titelsong ein Monsterschlagzeug, reichlich Computergeigen und ein Neonlichtgitarrenriff, wie das Bon Jovi auch nicht schamloser kombinieren könnten. Der Ballade Here With Me gelingt eine tolle Balance aus Plastik und Herzblut, wie das früher auch Suede hinbekommen haben. A Matter Of Time könnte nicht einmal dann bombastischer sein, wenn irgendwo in den Songwriting-Credits der Name Roland Emmerich auftauchen würde.

Wirklich alles auf Battle Born ist im roten Bereich, wird bis zum letzten ausgereizt und nicht selten auch überzeichnet. Das verleiht dem Album einen erstaunlich einheitlichen Sound, denn die Arbeit an der Platte war weitgehend Stückwerk für The Killers. Die Band hätte gerne mit einem festen Produzenten gearbeitet, aber Terminprobleme ihrer Wunschkandidaten ließen das nicht zu. Deshalb sind nun insgesamt fünf Produzenten vereint (zum Beispiel drei Tracks von Brendan O’Brien und zwei von Stuart Price). Diese Notlösung habe der Band aber „gezeigt, dass The Killers eine ganz spezifische Herangehensweise verfolgen, einen ganz eigenen Ansatz als Songwriter. Immerhin waren wir mit fünf verschiedenen Produzenten im Studio, und trotzdem klingt das Resultat durch und durch nach uns“, stellt Schlagzeuger Ronnie Vannucci im Rückblick ganz zutreffend fest.

Daniel Lanois, einer aus der illustren Fünfer-Riege, griff sogar selbst zur Gitarre und sorgte so dafür, dass Heart Of A Girl entstand. „Wir haben das Stück komplett live in einem Take eingespielt, und doch hat es nur eine Stunde gedauert, bis alles im Kasten war: ein paar Versuche und fertig. Die Nummer aufzunehmen hat wahnsinnig viel Spaß gemacht“, sagt Ronnie Vannucci. Man hört der wunderbaren Atmosphäre des Songs diese Spontaneität an, und am Ende erwächst aus der Zurückhaltung dann eine stattliche Menge Erbauung – das kennt man auch von U2, für die Lanois ebenfalls schon am Werk war.

Auch The Rising Tide ist eher gitarrenlastig und hätte gut auf Sam’s Town gepasst. Zudem ist der Track ein gutes Beispiel für die Düsternis, die dieses Album durchzieht. „The truth’s gonna come and cut me open wide / And you can’t escape the rising of the tide”, singt Brandon Flowers hier. Auch sonst sind seine Texte diesmal oft geprägt von unsichtbaren Bedrohungen, verfallenen Kulissen und Desperados, die sich in diesen schlimmen Zeiten nur noch an sich selbst und ihresgleichen aufrichten können.

Selbst die Liebeslieder sind davon durchzogen, wie die wundervolle Ballade Be Still. „Life is short / to say the least / we’re in the belly of the beast”, heißt es da. „Wir haben noch nie so lange an einem Album gearbeitet, und ich habe auch noch nie so lange an den Texten gesessen“, sagt Brandon Flowers. Die Mühe hat sich durchaus gelohnt. Natürlich gibt es bei ihm hin und wieder Ausrutscher à la „Are we human or are we dancer?“ (Prize Fighter, einer von drei Bonustracks auf der Deluxe Edition von Battle Born ist so ein Fall), aber insgesamt sorgen die Texte dafür, all das Melodrama dieses Albums ein wenig zu erden und so etwas wie eine stimmige Atmosphäre zu schaffen.

Ein Problem hat Battle Born (neben dem hohlen und substanzlosen Deadlines And Commitments) aber doch: Es fehlt der Über-Hit. Vieles ist okay, aber wenig ist herausragend. Selbst eine zweite Single nach Runaways lässt sich schwer ausmachen. Natürlich ist da noch Miss Atomic Bomb (der Titel bezieht sich auf einen Schönheitswettbewerb in Las Vegas in jener Zeit, als überirdische Atomtests noch eine Touristenattraktion in Nevada waren), das herrlich weit ausholt und mit seiner Gitarre am Ende kurz Mr. Brightside zitiert. Auch das zackige From Here On Out (dessen Refrain allerdings fatalerweise wie von Chris de Burgh klingt) ist vergleichsweise auf den Punkt. So viel Punch haben aber die wenigsten Songs auf dieser Platte – ein paar Mal kippt die neue Zufriedenheit der Killers leider in Selbstgefälligkeit.

Für den Auftritt bei Letterman hatte die Hälfte der Killers leider ihre Lederjacken vergessen:

Im März gibt es die Killers dreimal live in Deutschland zu sehen:

04.03.2013 Hamburg, o2 World

05.03.2013 München, Zenith

07.03.2013 Köln, Lanxess Arena

Homepage der Killers.

Hingehört: Dropkick Murphys – “Signed And Sealed In Blood”

Januar 19, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Weniger Konzept, mehr Hits: Das ist das Konzept für "Signed And Sealed In Blood".

Weniger Konzept, mehr Hits: Das ist das Konzept für “Signed And Sealed In Blood”.

Künstler Dropkick Murphys
Album Signed And Sealed In Blood
Label Cooperative Music
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ***1/2

Ganz ehrlich: Die Dropkick Murphys auf Platte, das ist auch beim achten Album der Band noch immer ein wenig so, als würde man einen richtig guten Whiskey aus einer Plastikflasche trinken. Das echte Erlebnis gibt es bei der Band aus Massachusetts in den Konzerten, bei denen man gewiss sein kann, dass man nicht am Türsteher vorbei kommt ohne ein paar Tattoos, ein paar Bier intus und ohne das Herz am rechten Fleck.

Signed And Sealed In Blood ist dennoch ein Riesenspaß, auch auf Platte. In den USA hat das Werk schon Platz 9 der Charts erklommen, auch hierzulande wird es die Fans der Dropkick Murphys begeistern. Denn in gut 45 Minuten Folkpunk gibt es viel Power, Leidenschaft und ein bisschen Romantik. Und für alle, die auf das Live-Erlebnis warten, ist es auch nicht mehr lange hin: Ab Ende Januar ist das 1996 gegründete Septett in Deutschland auf Tour.

Dass die Shows eine große Sause werden, ist so gut wie garantiert. Denn nach dem Quasi-Konzeptalbum Going Out In Style gibt es diesmal wieder weniger Hintergrund, dafür mehr Hits. Signed And Sealed In Blood bietet „just us having fun and making the most catchy, singalong kind of songs we can”, umschreibt Bassist Ken Casey die Herangehensweise. “We wanted to make an aggressive and over-the-top album that exuded what we love about this band. Everything is a little bit bigger, a little bit louder, and a little bit clearer. We wanted to turn up the guitars and background vocals and make it sound like 10,000 people in a stadium. That’s the feeling.” The Boys Are Back klingt dementsprechend gleich zum Beginn nach Irland, Kneipe und Fußballstadion. Oder aber: Nach Gaslight Anthem plus Adrenalin plus Testosteron.

Burn entwickelt mit seinem Knüppelschlagzeug irre viel Druck, The Battle Rages On ist nicht mehr weit von Metal entfernt. Das packende My Hero hat viel Wut im Bauch, so ähnlich wie Don’t Tear Us Apart würde Bruce Springsteen wohl heutzutage klingen, wenn er noch Lust auf richtig plakative, mitreißende Momente hätte. Und Out On The Town lässt vermuten, dass der patentierte Status-Quo-Boogie in einer Hafenkneipe erfunden wurde.

Jimmy Collin’s Wake ist als fünftes Lied das erste Stück, das nicht mit blutendem Herzen und vollkommen atemlos daherkommt, sondern so etwas wie Gelassenheit ausstrahlt. Aber auch wenn das Akkordeon erklingt oder es mit anderen Mitteln etwas traditioneller wird, bewahren die Dropkick Murphy’s immer ihre Kraft. Die Single Rose Tattoo (einige Fans dürften den Song schon kennen, denn er erklang beispielsweise schon bei den Fesitivalauftritten im vergangenen Sommer) demonstriert das. Der Song bleibt beinahe akustisch, Atmosphäre, Thema und Attitüde lassen an eine Ballade denken, trotzdem bleibt das Lied schmissig.

Das gilt auch für The Season’s Upon Us, den perfekten Weihnachtssong (samt Tamburin und Flötensolo) für die dysfunktionale Familie. “Everybody was like, ‘Write a Christmas song!’”, erinnert sich Ken Casey. “So I sat down with a pen and paper, and I thought, ‘Fuck, there are million Christmas songs? How do you top the greats?’ I decided to go the other way and write something for the large percentage of the population who either don’t like the day itself or their families. I wanted to point out some realities. It’s more fun that way. There’s some sarcasm, humor, and truth. I think the world has enough timeless Christmas classics…it needs a few more for the poor jerk who has lost it all and has nobody or worse off has tons of family members who all suck worse than the next.”

Natürlich wird in diesem Lied an Heiligabend gebechert, und auch sonst sind Whiskey, Guinness & Co. auf Signed And Sealed In Blood allgegenwärtig. Besser als Out Of Our Heads kann ein Soundtrack für ein Saufgelage nicht klingen, und der schunkelnde Rausschmeißer End Of The Night ist so etwas wie das Nein Mann, ich will noch nicht gehen für den bekennenden Eckkneipenromantiker.

Unterm Strich bleibt eine Platte für alle, die Mumford & Sons ganz nett finden (deren Winston Marshall spielt übrigens das Banjo auf Rose Tattoo), aber sich einfach ein bisschen mehr Action wünschen. Vielleicht sogar das ultimative Dropkick-Murphys-Album, das Ken Casey einmal so umschrieben hat: ”It makes you want to laugh. It makes you want to cry. It makes you want to punch someone in the face. It makes you want to be happy.” Bei Signed And Sealed In Blood kann er hinter jeden Satz ein Häkchen setzen.

So kaputt kann Weihnachten sein: Das Video zu The Season’s Upon Us:

Homepage der Dropkick Murphys.

 

Hingehört: The Lumineers – “The Lumineers”

Dezember 27, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Mumford & Sons auf echt Amerikanisch - so könnte man The Lumineers zusammenfassen.

Mumford & Sons auf echt Amerikanisch – so könnte man The Lumineers zusammenfassen.

Künstler The Lumineers
Album The Lumineers
Label Dualtone
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Preisfrage: Wie klingt die Musik einer Band, die entstand, als der beste Freund des Sängers und Bruder des Schlagzeugers im Alter von 19 Jahren an einer Überdosis starb, die per Kleinanzeige nach einem Cellisten sucht und die einen Song namens Dead Sea in ihrem Repertoire hat?

a) wie Katy Perry, nur bunter

b) wie DJ Ötzi, nur lauter

c) scheißtraurig

Richtig. The Lumineers, das in den USA schon im April veröffentlich wurde (Platz 11 in den Charts, Goldstatus und zwei Grammy-Nominierungen sprangen dabei heraus), ist ungefähr das Gegenteil einer Partyplatte. Es gibt stattdessen viel Liebes- und anderen Kummer. Das Wunderbare dabei ist die Form, die Sänger Wesley Schultz, Drummer Jeremiah Fraites (beide aus New Jersey, mittlerweile aber in Denver zuhause) und Multi-Instrumentalistin Neyla Pekarek (sie war es, die sich auf die Kleinanzeige gemeldet hat) dafür gefunden haben: feine, unprätentiöse, leidenschaftliche Americana-Klänge.

Eigentlich müsste man den Lumineers vorwerfen, sie würden schamlos Mumford & Sons nachahmen, wenn die nicht ihrerseits all die amerikanischen Vorbilder in ihrem Sound verschmolzen hätten, die auf diesem Debütalbum ebenfalls Pate standen. Flowers In Your Hair könnte am Beginn des Albums als Track von Bob Dylan durchgehen, in Classy Girls wird der Gesang danach noch ein bisschen gewagter, kaputter und weiser, bis im Refrain die typische Mumford & Sons-Dramaturgie greift: Steigerung, Feuer und 2/4-Takt. Fast möchte man wetten, dass Wesley Schultz gleich „I will wait, I will wait for you“ singen wird.

Das vom Klavier getragene Submarines ist etwas abstrakter und findet damit so etwas wie die Mitte zwischen den Cold War Kids und Clap Your Hands Say Yeah. Big Parade ist extrem reduziert und zugleich so souverän, wie das eigentlich nur Altmeister wie Bob Dylan, Tom Petty oder Bruce Springsteen hinbekommen. Der wichtigste Bezugspunkt kommt aber aus Jacksonville: Das bereits erwähnte Dead Sea klingt, als würde Ryan Adams nur mit seiner Gitarre und gebrochenem Herzen (und ein bisschen Schlagzeug) durch Nashville ziehen. Slow It Down klingt dann wenig später so, als würde Ryan Adams nur mit seiner Gitarre und gebrochenem Herzen (und zwei Flaschen Whiskey) in seinem Schlafzimmer heulen.

Das ist alles denkbar klassisch, aber auch genau so gewollt. “Wir erfinden das Rad nicht neu. Die Songs sind extrem einfach, die Ideen sind sehr einfach. Jeder, der ein Instrument beherrscht, kann einen Lumineers-Song spielen. Aber ich denke, unsere Musik hat ein ganz besonderes cinematisches Flair”, sagt Schlagzeuger Jeremiah Fraites. Am deutlichsten wird das in Flapper Girl, dessen Melodie beinahe Revue-Charakter hat. Auch der Morning Song ganz am Ende des Albums passt zu dieser Umschreibung, denn er klingt episch und groß – und muss das letzte Lied sein, weil die Band hier wirklich alles reinlegt, was in ihr steckt.

Bei aller Melancholie und aller Intensität wird The Lumineers aber niemals niederschmetternd. Charlie Boy beispielsweise ist so aufrichtig verloren wie die schönsten Momente der Band Of Horses. Trotzdem steckt auch mindestens ein Fünkchen Hoffnung in dem Lied. Und dann ist da ja noch Ho Hey, der Song, der den Lumineers den Durchbruch beschert hat. Zu so etwas wie einer Countryballade schreit da jemand im Hintergrund immer abwechselnd „Ho“ und „Hey“, und diese Ausgelassenheit wird dann im tollen, packenden, entwaffnenden Refrain noch gesteigert. „I belong to you / You belong to me / You’re my sweetheart“ lautet der Text dazu. Könnte doch fast von Katy Perry stammen, oder?

Das Video zu Ho Hey lässt vermuten, dass The Lumineers doch nichts gegen Party haben. Und zwar bevorzugt in Kraftklub-Outfits:

Im Frühjahr sind The Lumineers übrigens für vier Konzerte in Deutschland:

27.02.2013 Köln | Luxor
28.02.2013 Berlin | Postbahnhof
02.03.2013 München | Muffathalle
04.03.2013 Hamburg | Grünspan

Homepage der Lumineers.

Hingehört: Mumford & Sons – “Babel”

Oktober 4, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
Innigkeit + Wucht + Ergebenheit = "Babel".

Innigkeit + Wucht + Ergebenheit = “Babel”.

Künstler Mumford & Sons
Album Babel
Label Gentlemen Of The Road
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Eigentlich ist das alles kein Wunder. Die Kids heutzutage laufen ja schon als Achtjährige durch die Straßen, als wären sie mindestens so cool wie Samuel L. Jackson (und hätten Haare am Sack). Mit 13 werden sie schwanger und mit 21 haben sie einen Hochschulabschluss. Da ist es wahrscheinlich nur konsequent, dass sie als 25-Jährige schon klingen wie alte Männer.

Mumford & Sons haben aus diesem Rezept eine Erfolgsformel gemacht. Ihr Sound, irgendwo zwischen Folk, Rock und Country, klingt wie die Musik, die vor ein paar Jahren noch liebend gerne vom Blue-Rose-Label exklusiv an alte Säcke verkauft wurde. Sie klingt wie Bob Dylan beim Hootenanny. Wie Eddie Vedder in der Einwanderungsbehörde von Texas. Wie Mark Knopfler auf seinem letzten Album. Wie, mein Gott, die Pogues und die Hooters.

Dieser Sound wird Marcus Mumford, Ben Lovett, Winston Marshall und Ted Dwane förmlich aus den Händen gerissen: Ihr Debüt Sigh No More (2009) hat sich sagenhafte acht Millionen Mal verkauft. Dazu kommen Grammy-Nominierungen und die erstaunliche Tatsache, dass junge Männer, infiziert vom Mumford-Virus, sich wieder reihenweise einen Bart wachsen lassen und der weltweite Absatz von Banjos sich seit 2009 schätzungsweise vervierfacht hat.

Babel, das gerade erschienene zweite Album von Mumford & Sons, knüpft nahtlos an diese Erfolge an: In England ist die Platte auf Platz 1 und in Deutschland auf Platz 2 der Charts eingestiegen. In den USA hat Babel in der ersten Woche seit der Veröffentlichung schon mehr als 600.000 Einheiten verkauft. Das ist der bisherige Bestwert für dieses Jahr. In Worten: mehr Absatz als Justin Fucking Bieber.

Das Erfolgsgeheimnis ist dabei gar nicht so schwer zu erklären. Das Quartett um Frontmann Marcus Mumford bietet genau das, was in diesen Krisenzeiten heiß begehrt ist: Authentizität, Leidenschaft, Identifikation. Dass die Endlichkeit der Dinge („I know that time has numbered my days“ lautet eine der ersten Zeilen dieses Albums) nicht nur das Taschengeld und die Sommerferien meint, das müssen in der Post-Lehman-Brothers-Ära wohl selbst Teenager begreifen, und bei Mumford & Sons können sie sich aufgehoben fühlen mit ihrer Wut, ihrem Trotz und ihrer Angst. Die Musik findet dafür eine entsprechende Größe, trotzdem wirken Mumford & Sons dabei wie die bodenständigen Jungs von nebenan. Sie sind die Arcade Fire, die man sich nicht mehr bloß im Tempel, sondern auch noch am Lagerfeuer vorstellen kann.

Der Titelsong am Beginn hat sofort all die Power und Unbedingtheit, die Whiskystimme und den heiligen, alttestamentarischen Zorn, der auch Sigh No More zu einem solchen Erlebnis gemacht hat. Die Single I Will Wait brennt förmlich vor Innigkeit, setzt auf tollen Harmoniegesang und ein klasse Arrangement. Das ist, auch wenn der Albumtitel etwas anderes suggeriert, eine Sprache, die jeder versteht. Man kann bei diesem unwiderstehlichen Sound gar nicht anders als mitfühlen. Echte Gefühle, echte Musik – so einfach ist das manchmal.

Wäre emotionale Aufrichtigkeit die Kategorie, an der Bands grundsätzlich gemessen werden, dann müssten alle anderen sofort ihre Instrumente an den Nagel hängen im Angesicht von Zeilen wie „Better not to breathe / than to breathe a lie“ (aus dem bedrohlichen Broken Crown) oder so viel Ernst und Beschleunigung wie in Hopeless Wanderer. Marcus Mumford drischt darin derart in die Saiten, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob man um ihn oder seine Gitarre mehr Angst haben soll. Der beinahe erstaunlich unhymnische Rausschmeißer Not With Haste hätte mit seiner Intimität problemlos auch auf Bruce Springsteens Nebraska gepasst – mit ihm standen Mumford & Sons übrigens, ebenso wie mit Bob Dylan, bereits auf der Bühne.

Denn mit den Helden von einst teilen Mumford & Sons nicht zuletzt auch die klassische Liebe zur Liveshow. Viele der Lieder von Babel wurden bereits eifrig bei Konzerten getestet und weiterentwickelt. Das verleiht dem Album nicht nur Schwung, sondern Urgewalt. „As a band, we’ve never been closer or more collaborative, all working to our strengths“, haben Mumford & Sons zur Veröffentlichung von Babel mitgeteilt, und in der Tat klingen sie hier in manchen Passagen, als seien sie zu zwölft.

Freilich würde dieser Sound nicht funktionieren, wenn die 2007 gegründete Band tatsächlich klingen würde wie Veteranen. Das forsche Whispers In The Dark beispielsweise hat eine Frische, wie sie auch das Debütalbum der Kings Of Leon ausgezeichnet hat (die damals noch Teenager waren). Below My Feet geht in seinem fulminanten Schluss mindestens ebenso in die Beine wie zu Beginn ans Herz.

Holland Road endet nach einem reduzierten Beginn ebenfalls in einem meisterhaften Bläser-Finale. In Lover Of The Light ist das Klavier tonangebend und Marcus Mumford klingt wie Adam Duritz (noch einer, der fast doppelt so alt ist wie er), wenn der plötzlich die Kampfeslust in sich entdeckt hätte. Ghosts That We Knew ist quasi Gospel, auch Lover’s Eyes steckt voller Sehnsucht nach Sinn, Bedeutung, Anleitung.

Das ist ein unverkennbares Leitmotiv des Albums – und versucht man, den Erfolg vom Mumford & Sons zu erklären, ist es wohl ein mindestens ebenso wichtiger Faktor wie ihre sagenhafte Live-Präsenz. Auf Babel wird immer wieder ein imaginäres Gegenüber angesprochen, gerne auch angeklagt. Ob das eine Angebetete ist, von der man verschmäht wurde, die Eltern, der Staat, die Welt oder gar Gott, ist dabei nicht immer klar. Trotzdem schafft diese Strategie ein Wir-Gefühl und, noch wichtiger, ein Wir-gegen-die-anderen-Gefühl. In dieser Musik kann man sich, vor allem als junger Mensch, aufgehoben fühlen, sie ist einig und einend.

Bedenklich ist allerdings, woher sich Mumford & Sons die Antwort auf ihre Sinnfrage erhoffen: von irgendwo, von irgendwem. Ganz oft sagen diese Lieder „Nimm mein Leben und mach irgendetwas Gutes damit!“ Die Idee, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, ist in ihrer Welt undenkbar. Quasi in jedem Lied finden sich Belege für diese Mentalität.

“Learn your lesson, lead me home”, fleht Marcus Mumford in Whispers In The Dark. ”So give me hope in the darkness / that I will see the light”, heißt es in Ghosts That We Knew. Gerne gibt er auch den reuigen Sünder, der Strafe verdient hat und Vergebung nicht mehr erhoffen darf, wie in I Will Wait: „So tame my flesh / and fix my eyes / a tethered mind freed from the lies / (…) Raise my hands, paint my spirit gold / Bow my head / keep my heart slow.” Und so geht es immer weiter: ”Stretch out my life and pick the seams out / take what you like but close my ears and eyes.” (Lover Of The Light). ”I have no strength from which to speak / Where you sit me down and see I’m weak.” (Not With Haste) “So I watched the world tear us apart / A stoic mind and a bleeding heart.” (Reminder) “I do not ask the price I paid / I must live with my quiet rage.” (Lover’s Eyes) Und schließlich sogar, in Hopeless Wanderer: “Hold me fast, hold me fast / Cos I’m a hopeless wanderer.”

Das Gefühl von Ohnmacht, das gut in die Zeit passt, wächst sich hier manchmal zu einer fast masochistischen Passivität aus, was auf Dauer einigermaßen schockierend erscheint. Und noch eine Schwäche offenbart Babel: Ein bisschen zu oft setzen Mumford & Sons auf das Rezept, beschaulich zu beginnen und sich dann zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der alles und jeden mitreißt. Das ist immer wieder eindrucksvoll, ein bisschen mehr Abwechslung hätte hier dennoch gut getan. Wenn das zauberhafte Reminder zwischendrin tatsächlich einmal von dieser Formel abweicht und durchweg ganz sanft bleibt, dann ist das ungemein wohltuend. Aber Mumford & Sons können ja noch dazu lernen. Schließlich sind sie noch längst nicht so alt wie die Männer, nach denen sie klingen.

Mumford & Sons spielen I Will Wait live für Q:

Homepage von Mumford & Sons.

Hingehört: Mark Knopfler – “Privateering”

September 20, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Als Seemann auf dem großen Teich fühlt sich Mark Knopfler auf "Privateering".

Als Seemann auf dem großen Teich fühlt sich Mark Knopfler auf “Privateering”.

Künstler Mark Knopfler
Album Privateering
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Seltsam. Nach einem „Privateer“, also „Freibeuter“, ist das achte Soloalbum von Mark Knopfler benannt. Und was ist auf dem Cover zu sehen? Der Ex-Dire-Straits-Boss im Captain-Jack-Sparrow-Look? Ein blutiger Kampf an Deck, ausgefochten nicht mit Säbeln, sondern mit Fender Stratocastern? Ein stolzes Segelschiff, das mit einer vollen Breitseite auf angebliche andere Gitarrengötter zielt, die am Ufer stehen? Pustekuchen! Das Cover von Privateering zeigt Altreifen, einen Köter und einen Kleinlaster, vorne aufgebockt.

Mark Knopfler hat für diese ungewöhnliche Wahl aber eine ziemlich einleuchtende Begründung. „Wenn du mich fragst, ist ein Mann in seinem Tourbus genauso als Freibeuter einzustufen wie einer, der auf einer Fregatte oder auf einem Kanonenboot haust. Er ist unterwegs, bahnt sich seinen eigenen Weg, und das alles immer nur der eigenen Nase nach. Das ist es, was ich damit meine. Und das ist doch letztlich auch, worauf wir alle aus sind“, sagt der 63-Jährige.

Das Cover von Privateering hält aber noch einen weiteren Widerspruch bereit. Auf der Rückseite des Doppelalbums ist das Heck des Tourbusses zu sehen. Und darauf prangt, genau neben dem Rücklicht, ein „GB“-Sticker. Das erstaunt vor allem deshalb, weil Privateering durch und durch amerikanisch klingt. Ein Lied besingt die Radio City Music Hall in New York (was dann klingt, als würde Bruce Springsteen auf den Spuren von Elvis Costello und Burt Bacharach wandeln), ein anderes heißt Seattle (und wird herrlich melancholisch), gleich mehrere Songs klingen, als seien sie mitten auf der Veranda irgendwo in Alabama entstanden, beispielsweise After The Beanstalk, das letzte dieser 20 Lieder.

Aufgenommen wurden alle Songs von Privateering aber in Knopflers eigenen British Grove Studios im Südwesten von London. Doch auch dafür hat er eine gute Erklärung. „Mein Musikverständnis war schon immer von einem transatlantischen Ansatz geprägt. Man könnte auch sagen: Der Himmel, der liegt für mich irgendwo zwischen dem Mississippi-Delta und der Tyne-Region. Was ich also schon mit dem ersten Album der Dire Straits, mit Stücken wie Sultans Of Swing im Sinn hatte, war, meine eigene, persönliche Landkarte über die US-amerikanische Musik zu legen, die mich geprägt hatte, ja gewissermaßen für mich selbst die englischen, irischen und schottischen Orientierungspunkte auf der Straße von Chuck Berry festzulegen“, sagt Mark Knopfler. „Heute, glaube ich, versuche ich beides: diese Einflüsse einerseits zu synthetisieren und sie anderseits zu trennen. Meine Band besteht aus dermaßen begnadeten Musikern, sie sind dermaßen versiert und vielseitig, dass ich jederzeit in jede x-beliebige musikalische Richtung aufbrechen kann – und sie können mir folgen: Einen Moment lang klingt es wie auf einer Farm im hügeligen Norden von England, und schon im nächsten Moment springen wir mitten rein in die New Yorker Downtown oder bewegen uns runter ins Delta und setzen auf astreinen Blues-Sound.“

In der Tat zeigt Privateering, dass dieser Freibeuter auf dem großen Teich zwischen England und Amerika ebenso zuhause ist wie in den Hafenkneipen von Liverpool oder Baltimore. Haul Away wird ein echtes Seemannslied und besingt mit Flöten im Ohr und Irland im Herzen einen Abschied, der fast schon verschmerzt ist, aber deshalb noch lange nicht vergessen. Kingdom Of Gold spielt mit ganz ähnlichem Sound kaum kaschiert auf die Finanzkrise an, betrachtet das Aufbegehren von Occupy & Co. dabei aber als den vergeblichen Versuch einer Meuterei. Der Titelsong ist eine Ballade im ursprünglichen Sinne, und auch da gibt Mark Knopfler, zunächst nur von der akustischen Gitarre begleitet, den Matrosen.

„Für mich ist es das Größte, mit einer Gruppe von Leuten aufzubrechen und um den Globus zu ziehen. Ich mag es einfach, dass ich die Richtung vorgeben und zusammen mit der Band und der Crew durch eine sich ständig verändernde Umgebung fahren kann, um an immer neuen Orten aufzutreten. Vollkommen auf dich selbst gestellt ziehst du also durch die Lande und bahnst dir deinen Weg um die Welt“, schwärmt Knopfler.

Es ist wohl dieser Umstand, der ihm nach einer mehr als 35-jährigen Karriere noch immer den Spaß am Musikerdasein erhält – sogar so sehr, dass es diesmal unbedingt ein Doppelalbum (erstmals in seiner Sololaufbahn) sein musste. Dafür habe er sich entschieden, „weil die Masse an neuem Material einfach danach verlangte. Ich wollte weder irgendeine Unterteilung vornehmen, also Blues-Songs von Folk- oder Country-Stücken trennen, und mir war auch nicht danach, ein paar meiner Favoriten in der Schublade verschwinden zu lassen. Das Album sollte als Ganzes vor allem widerspiegeln, was für fantastische Sessions wir hatten: Wenn man mit derart grandiosen Musikern spielt, ist das wie wenn eine Gruppe von talentierten Schauspielern zusammenkommt und gemeinsam ein Script liest – sie können es zum Leben bringen, wie man es vorher gar nicht für möglich gehalten hätte. Das hier ist genau die Band, auf die ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet habe.“

Das Doppelalbum ist ein überzeugender Beleg für diesen kreativen Höhenflug von Knopfler als Songwriter und für das bestechende Zusammenspiel seiner Band. Alles auf Privateering wirkt, als lebe es nach seiner ganz eigenen Zeitrechnung, und das gesamte Album ist verwurzelt in einer Bodenständigkeit, wie sie niemand anders so rüberbringen könnte. Der abgeklärte Schafhirte, in dessen Rolle Mark Knopfler in Yon Two Crows schlüpft, ist die beste Verkörperung dieser Mentalität, wenn er trotzig diagnostiziert: „Ah, the dying young / well I’m not done / you watch me and I’ll watch thee / I can still work for two men and drink for three.”

Trotz dieses unverrückbaren Fundaments bietet Privateering auch eine erfreuliche Vielfalt. Der Opener Redbud Tree lässt an Crosby, Stills & Nash denken, das protzige Gator Blood spielt mit Rockabilly-Elementen. Bluebird wird ebenso schwül wie bedrohlich, Blood And Water ist sagenhaft tiefenentspannt. Dream Of The Drowned Submariner weiß um die Vergänglichkeit von allem und ist trotzdem untröstlich – und gönnt sich zudem ein unverkennbares Mark-Knopfler-Gitarrensolo.

Wer auf diesen zwei CDs nach der Wiederauferstehung der Dire Straits sucht, wird allerdings nur selten Ansatzpunkte dafür finden. I Used To Could ist ein getarnter Boogie wie einst The Bug. Ein bisschen an Calling Elvis erinnern der Beat und die Bottleneck-Gitarre von Corned Beef City. Die Atmosphäre von Brothers In Arms beschwört Go, Love wieder herauf, eine wunderschöne Momentaufnahme des Zwists zwischen Sehnsucht und Selbstlosigkeit, Rastlosigkeit und Pflichtgefühl.

Den Dire-Straits-Sound gibt es also nur ganz selten, aber jederzeit verströmt Privateering das Dire-Straits-Feeling: Lässigkeit, Könnerschaft und ein ironisch-distanzierter Blick auf das Dasein zeichnen auch hier das Schaffen von Mark Knopfler aus, der (sicher auch für dieses Markenzeichen) in diesem Jahr bei den Ivor Novello Awards einen Lifetime Achievement Award erhalten hat.

Passend dazu ist der Blues (samt seiner klassischen Themen: Autos, Schnaps und leichte Mädchen) das Genre, das auf Privateering am prominentesten vertreten ist. Er kann sanft und zärtlich klingen wie der Miss You Blues oder die einfachen Freuden des Lebens feiern wie Today Is Okay. Und auch wenn „Leidenschaft“ ein Wort ist, das man wohl niemals zuerst mit Mark Knopfler in Verbindung bringen wird, kann er auch lüstern sein wie Hot Or What, das auf Mundharmonika und Poker-Metaphern setzt und beweist, dass „sexy“ manchmal auch von „souverän“ kommt.

„Je älter ich werde, desto größer wird dieser Drang, neue Songs zu schreiben. Wer weiß, ob das nun daran liegt, dass ich befürchte, mir könnte die Zeit davonlaufen; ich weiß es nicht“, sagt der 63-Jährige. Und was Mark Knopfler dann noch anfügt, darf man angesichts der Klasse von Privateering als Versprechen auffassen: „Das alles erfüllt mich jedenfalls mehr denn je – das Schreiben der Songs, die Studioarbeit, die Auftritte, ich genieße jeden einzelnen Aspekt davon. Und ich hab so viele Songideen herumfliegen, dass man fast schon aufpassen muss, wo man hintritt.“

Mark Knopfler spricht über die Entstehung von Privateering:

Homepage von Mark Knopfler.

Hingehört: Oberhofer – “Time Capsules II”

Mai 21, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Künstler Oberhofer
Album Time Capsules II
Label Glassnote
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Es gibt wenig in der Musik von Brad Oberhofer, das man als “Mysterium” bezeichnen könnte. “Oberhofer sounds like he’s expressing the kind of happy, life-affirming jitters you get when waiting on line for a roller coaster, or when you win concert tickets on the radio”, hat Pitchfork über ihn geschrieben, und das trifft es ganz gut.

Mit anderen Worten: Dieser Mann macht Hits, aufmunternde, energische Indiepopsongs. Ich habe nichts dagegen: Ich mag die Kooks, Fountains Of Wayne, die Kaiser Chiefs, die Wombats. Ich mag sogar die dämlichen Pigeon Detectives. Genau in diese Reihe darf man Oberhofer einordnen, die offiziell ein Quartett sind. Allerdings hat der 21-jährige Brad Oberhofer, der aus Tacoma, Washington stammt und jetzt in Brooklyn lebt, auf diesem Debütalbum fast alles selbst eingespielt.

Und das will etwas heißen. Denn es ist gerade die opulente und fantasievolle Instrumentierung, die Time Capsules II davor bewahrt, vor lauter guter Laune zu eindimensional zu werden. Es gibt oft ein wuchtiges Fundament, aber dazu immer leichte Melodien oder filigrane Passagen von Flöte, Xylophon oder Oboe. Man kann da gerne an Ben Kweller denken oder an Bright Eyes, man darf auch gewiss sein, dass Star-Produzent Steve Lillywhite (U2, Morrissey, Rolling Stones) seinen Anteil an diesem faszinierenden Klangspektrum hat.

Alles wird auf Time Capsules II zum maximalen Effekt gebracht, und genau deshalb funktioniert diese Platte so unmittelbar. Landline beispielsweise ist sofort ein Hit, steigert sich dann immer weiter und klingt wie Weezer, wenn die weniger Metal und dafür mehr Springsteen gehört hätten. Away Frm U hat einen ähnlich packenden Drive und ein paar amüsant spacige Spielautomaten-Sounds.

I Could Go ist fast kindisch gut gelaunt, das famose Cruisin’ FDR sogar himmelhochjauchzend. Das restlos euphorische oOoO trägt den Inhalt seines Refrains schon im Titel, und auch sonst haben Oberhofer erfreulicherweise kein Problem damit, ihre Texte auf ein „ohoho“ oder „uhuhu“ zu beschränken. Auch eine schamlos offenherzige Liebeserklärung wie Gold oder eine sentimentale Hymne auf die Heimat wie der Rausschmeißer Homebro sind hier gern genommen.

Nur der Opener Heart versteckt ein bisschen von seiner Substanz unter der Oberfläche, weil er als schwermütige Pianoballade beginnt, dann zum schrägen Seemannslied im Stile von Port O’Brien wird und als Kirmesmusik endet. Auch Yr Face enthält zumindest ein kleines Rätsel, nämlich die Preisfrage, bei welchem Lied hier die Melodie der Strophe geklaut ist (Antwort: Chasing Cars von Snow Patrol). Ein kitschiger Wunsch wie „I want to build a house with you”, wird dann immerhin in einen Songtitel namens Haus verkleidet, auch wenn das womöglich nur daran liegt, dass die deutsche Schreibweise in Brooklyn ein Stückchen cooler wirkt.

Eine große Leidenschaft für Pop steckt in dieser Musik, in bester Sixties-Tradition. Die wird übrigens auch im Cover deutlich: Eine Schwarz-Weiß-Collage vor einem Bergmassiv ist da zu sehen, und davor eine Reihe junger Frauen in Retro-Ästhetik, die anscheinend so etwas zum Ausdruck bringen wollen wie „We salute you.“ Da darf man sich gerne einreihen.

Oberhofer spielen Away Frm U live bei, ähm, Lttrmn:

Oberhofer bei MySpace.

Hingehört: Craig Finn – “Clear Heart Full Eyes”

Februar 15, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Ein bisschen Religion, ganz viel Verlorenheit - das sind die Themen von Craig Finn auf "Clear Heart Full Eyes".

Ein bisschen Religion, ganz viel Verlorenheit - das sind die Themen von Craig Finn auf "Clear Heart Full Eyes".

Künstler Craig Finn
Album Clear Heart Full Eyes
Label Full Time Hobby
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Die Wandlung vom Rocker zum introvertierten, akustischen Songwriter ist nicht gerade die innovativste im Musikgeschäft. Trotzdem scheint sie unwiderstehlich zu sein. In den vergangenen Jahren konnte man sogar meinen, sie sei verpflichtend für jeden Indie-Frontmann, der etwas auf sich hält. Jetzt hat auch Craig Finn diese Wandlung vollzogen. Mit seiner Band The Hold Steady gibt er sich auch im achten Jahr des Bestehens gerne kernig, gelegentlich auch rotzig. Sein erstes Soloalbum Clear Heart Full Eyes hat nichts von dieser Aggressivität.

Vergleicht man die Lieder mit dem Oeuvre von The Hold Steady, dann sind sie vor allem „a little quieter and perhaps more narrative“, wie Craig Finn es selbst beschreibt. Sie passten nicht recht ins Werk der Hauptberuf-Band, und außerdem hatte Craig Finn noch eine andere Motivation: „I turned 40 last summer, and I thought: Maybe it’s time to do something alone“, erklärt er im Interview mit ABC News.

Man könnte angesichts solcher Aussagen die pure Belanglosigkeit erwarten – zumal, wenn man weiß, dass die Platte innerhalb weniger Wochen im Sommer 2011 in Austin aufgenommen wurde, und dass die meisten Lieder aus einer Zeit stammen, in der es sich Craig Finn zur Aufgabe gemacht hatte, jeden Tag einen Song zu schreiben.

In der Tat steckt hinter Clear Heart Full Eyes kein großes Konzept jenseits von „Lass uns mal zusammensetzen und ein paar Stücke raushauen“. Clear Heart Full Eyes (der Albumtitel soll für Ehrlichkeit und Erfahrung stehen) ist trotzdem weit davon entfernt, enttäuschend zu sein. Das von Mike McCarthy produzierte Album ist durch und durch amerikanisch, gut abgehangen und grundsolide.

Im Opener Apollo Boy klingt Craig Finn weise und bedrohlich wie der späte Johnny Cash. When No One’s Watching wird ein wenig psychedelisch. No Future ist ein gebremster Rock, ähnlich kompakt wie man das von Frank Black & The Catholics kennt. Der dezent sozialkritische Honolulu Blues könnte Bruce Springsteen gefallen.

Überall auf dieser Platte scheint die Gitarre nach der großen Weite zu suchen, die Texte halten sich gelegentlich für ein bisschen schlauer, als sie wirklich sind, und immer stellt die Atmosphäre locker die Melodie in den Schatten. Paul Westerberg ist ein wichtiger Bezugspunkt, auch The Horrible Crowes müssen als Geistesverwandte genannt werden.

Frauen und Musik sind wichtige Leitmotive, auch Religion ist immer wieder ein Thema (Craig Finn bezeichnet sich als kritischen, aber überzeugten Katholiken). New Friend Jesus beispielsweise klingt so simpel und einleuchtend, wie die Lebensführung für einen durch und durch gläubigen, erleuchteten Menschen wohl sein muss. Der Sohn Gottes wird in dem Song zum coolen Kumpel – darauf muss man erst einmal kommen. In Western Pier, dessen Sound ähnlich existenzialistisch ist wie Bob Dylans Time Out Of Mind, wird Jesus als gerechter, barmherziger Richter gepriesen.

Wenn es nicht um den Glauben geht, sind die Figuren hingegen oft irritiert, verloren, neben sich. Rented Room, der beste Song dieses Albums, ist ein gutes Beispiel dafür: Da ist der Protagonist eigentlich zuhause, aber er fühlt sich trotzdem nicht wohl, weil er nicht damit klar kommt, dass er als Mittdreißiger noch kein eigenes Haus besitzt. „A lot of the songs deal with displacement, and people that are struggling while out of their element or comfort zone”, umschreibt das Craig Finn. Genau dahin hat er sich mit Clear Heart Full Eyes gewagt – und gewonnen.

Jesus wird es richten: Craig Finn spielt Western Pier, live im Fitzgerald Theatre in Minnesota:

Craig Finn bei MySpace.

Die wichtigsten neuen Alben 2012

Dezember 31, 2011 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 

Das Debüt des Jahres könnte schon im Januar kommen - von Lana Del Rey. Foto: Universal/Nicole Nodland

Lady Gaga, Bilanz 2011: Sie hat die 1000. Nummer-1-Single in der Geschichte der Billboard-Charts gelandet. Sie hat einen Bambi bekommen. Sie hat ihr aktuelles Album an die Spitze der Hitparaden in mehr als 20 Ländern gebracht. Sie hat eine Modekolumne geschrieben, ein Lied mit Cher aufgenommen, zwei MTV Video Music Awards gewonnen. Sie hat sich von Laurieann Gibson getrennt – der Frau, die vier Jahre lang ihr Image geschaffen hat. Sie hat sich einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde gesichert für die meisten Twitter-Follower überhaupt (derzeit: mehr als 17 Millionen) und einen weiteren Preis dafür, dass sich Poker Face insgesamt 83 Wochen (das sind mehr als anderthalb Jahre) in den US Digital Hot Songs gehalten hat. Und sie hat es trotz ihrer Omnipräsenz noch immer auf Platz 7 bei den am schnellsten wachsenden Fanseiten auf Facebook geschafft.

2011 war das Jahr von Gaga, so wie 2010, 2009 und 2008 auch. Ein kleiner Wunschtraum deshalb für das neue Jahr: Lady Gaga könnte ihre Born This Way Ball Tour abblasen und sich stattdessen entschließen, Trapezkünstlerin, Polizeichefin in Medellin oder irgendetwas anderes zu werden, bei dem man auch lustige Kostüme tragen kann, mangelndes Talent aber sehr schnell recht verheerende Folgen haben kann. Selbst, wenn das nicht geschieht, dürfte 2012 aber eine Menge guter Nachrichten für Musikfans bereithalten.

Denn trotz des weiterhin schrumpfenden Musikmarkts (1,4 Milliarden Euro wurden 2011 in Deutschland umgesetzt, davon nach wie vor mehr als 80 Prozent mit physischen Tonträgern) dürfte das Angebot im neuen Jahr noch umfangreicher, komfortabler und günstiger werden. Eine Einigung von YouTube mit der Gema ist zumindest in Sichtweite, Facebook arbeitet an einer Kooperation mit Spotify, die den Dienst mit einiger Wahrscheinlichkeit auch endlich nach Deutschland bringen wird, und die Zahl der hierzulande ansässigen Webradios ist auch in diesem Jahr noch einmal um rund 15 Prozent gestiegen. Auch, wer es ganz klassisch mag und Musik am liebsten auf CD, Vinyl oder gar live genießt, für den hält 2012 reichlich bereit.

Wer veröffentlicht neue Platten?

Reichlich Giganten haben für das kommende Jahr neue Alben angekündigt. Ganz vorne dabei: Paul McCartney. Er hat zwar nur Coverversionen einiger seiner Lieblingslieder aufgenommen, doch immerhin haben den Ex-Beatle dabei Größen wie Eric Clapton und Stevie Wonder unterstützt. Das Album mit dem Arbeitstitel My Valentine erscheint am 6. Februar.

Mit Bruce Springsteen hat ein weiterer ganz Großer der Branche einen neuen Longplayer für 2012 angekündigt. Auch Pearl Jam (im Frühjahr) und U2 (Ende des Jahres) versprechen neue CDs. An der Rock-Front stehen noch weitere Giganten-Werke ins Haus: Muse wollen im Oktober ihre neue Scheibe präsentieren, auch Green Day haben ein Album fürs neue Jahr angekündigt. Die Foo Fighters werden zumindest ins Studio gehen – ob ihr achtes Studioalbum aber rechtzeitig fertig wird, um noch im nächsten Jahr zu erscheinen, ist unklar.

Im Herbst will Robbie Williams seine neue CD vorlegen. Ob er seinen Niedergang aufhalten kann? Foto: Emi

Auch auf den Popmarkt wartet neues Material von einigen Großkopferten. Für den Herbst 2012 plant Robbie Williams die Veröffentlichung seines neuen Albums, das derzeit in Los Angeles entsteht. Nach dem Intermezzo bei Take That ist er mindestens ebenso gespannt wie seine Fans: „Vor einer Weile sagte ich, dass das neue Album wie Escapology klingen wird. Ich muss diese Aussage korrigieren: Diese Platte hat mit keiner ihrer Vorgänger Ähnlichkeit. Ich kann die Veröffentlichung kaum erwarten“, sagte Robbie Williams unlängst.

Nicht ganz so lange lässt Madonna auf sich warten: Ihre neue Single Gimme All Your Luvin (mit Nicki Minaj and MIA) kommt schon im Januar raus, danach folgt das Album. Weitere Highlights für das Popjahr 2012: Nelly Furtado will nach dem Erfolg von Loose (2006) nachlegen. Auch das zweite Album der Ting Tings ist längst überfällig und soll nun im Februar erscheinen. Ebenfalls heiß ersehnt: Das Debüt von Senkrechtstarterin Lana Del Rey. Nach dem Erfolg der Single Video Games folgt am 27. Januar das Album namens Born To Die.

Zudem gibt es 2012 einige spektakuläre Comebacks. An erster Stelle zu nennen: die Beach Boys. Nachdem Brian Wilson in der vergangenen Jahren wieder Gefallen an Liveshows gefunden hat, gibt es zum 50. Jubiläum der Band eine Tournee in Originalbesetzung und auch ein neues Album. „Ich vermisse die Jungs, und es wird richtig spannend für mich, mit ihnen eine neue Platte aufzunehmen und auf der Bühne zu stehen“, sagt Brian Wilson. Insgesamt 50 Konzerte ab April sind angekündigt, im August stehen mit Berlin und Stuttgart auch zwei Stationen in Deutschland auf dem Programm.

Auch wieder da: Black Sabbath, inklusive Ozzy Osbourne. Mit Produzent Rick Rubin arbeiten die Hardrock-Pioniere gerade an einem neuen Album, am 4. Juni sind sie in Dortmund live zu erleben. In die Rubrik „Comeback“ fällt auch das neue Werk der Smashing Pumpkins. Oceania soll Anfang des Jahres erscheinen. Frontmann Billy Corgan preist es schon jetzt als „das beste Album seit Mellon Collie“ an. Auch No Doubt geben nach mehr als zehn Jahren wieder ein Lebenszeichen von sich.

Wer ist auf Tour?

Einige der erfolgreichsten Livekünstler dieses Jahres haben sich im Studio eingeschlossen, aber auch auf den Konzertbühnen der Welt herrscht 2012 keine Langeweile. Neben Madonna und Bruce Springsteen, die ihre neuen Platten live präsentieren, und den Rückkehrern Black Sabbath und Beach Boys sind beispielsweise auch Sting (im Februar und März in Deutschland) und Radiohead (die live sogar einige neue Songs spielen wollen) unterwegs. Nicht ganz abwegig ist auch die Vorstellung, dass die Rolling Stones ihr 50. Band-Jubiläum mit einem angemessenen Event feiern werden, auch wenn bisher nichts dergleichen angekündigt ist (Update 3. Januar: «Ich hole die Jungs zusammen und dann schauen wir mal, was passiert. Ich bin nicht Nostradamus, aber wir alle wollen etwas zur großen 5-0 machen», hat Keith Richards gerade durchblicken lassen).

Große Vorfreude herrscht sicher auch auf die Deutschland-Termine von Florence & The Machine, die im März anstehen. Dann sind außerdem auch Culcha Candela auf deutschen Bühnen unterwegs, auch The BossHoss werden im Frühjahr für den einen oder anderen Konzertspaß sorgen.

Was machen die deutschen Künstler?

Wer seine Musik am liebsten aus der Heimat mag, der wird 2012 fürstlich versorgt. „Das Ende ist noch nicht vorbei“, lautet das Motto bei den Ärzten, die im Sommer eine große Tournee planen und zuvor am 13. April 2012 ein neues Studioalbum vorlegen werden. Auch Die Toten Hosen sind 2012 auf Tour – allerdings nur in ausgewählten Wohnzimmern von Fans, und natürlich zum gefühlt vierhundertsten Mal bei Rock am Ring. Ebenfalls bei einigen der großen Festivals zu sehen sind die Sportfreunde Stiller im Sommer – nicht ausgeschlossen, dass sie dabei auch ein paar neue Lieder im Gepäck haben werden.

Lena zum dritten wird es 2012 heißen. Das wird spannend. Foto: Universal/Sandra Ludewig

Gespannt sein darf man auf das neue Werk von Seeed, das für Frühjahr angekündigt ist. Auch Lena will 2012 eine neue Platte herausbringen. Die Frage wird höchst interessant, wie der Weg der Grand-Prix-Siegerin weitergeht. Noch höher hängt die Messlatte für Unheilig nach dem Mega-Erfolg mit Große Freiheit. Am 24. Februar wird es die neue Single So wie du geben, am 16. März folgt das Album Lichter der Stadt, eine Tournee mit 19 Terminen im Sommer rundet die Unheilig-Festspiele ab. Das im Februar 2010 erschienene Große Freiheit tummelt sich derweil noch immer in den Top 40 der deutschen Album-Charts – so ein Dauerbrenner dürfte dann sogar Lady Gaga neidisch machen.

Eine leicht gekürzte Version dieses Artikels mit einer Fotostrecke zum Musikfahrplan 2012 gibt es auch bei news.de.

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