Hingehört: Hurts – “Exile”
| Künstler | Hurts |
| Album | Exile |
| Label | Sony |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | *** |
Die Aufnahmen zu Exile waren ein einziges Chaos. Jede Menge Promis und Groupies gingen am Ort des Geschehens ein und aus. Es gab Party nonstop und so viele Drogen, dass kein Mensch mitbekam, als die Dealer einfach ein paar Instrumente einsackten als Ersatz für die schon länger ausstehende Bezahlung. Es sei eine Mischung aus dem Führerbunker, Dantes Inferno und Schloss Versailles gewesen, sagte einer aus der Band danach.
So zumindest war es im Jahr 1971 bei Exile On Main St. (von Fans einfach „Exile“ genannt), dem zehnten Album der Rolling Stones, aufgenommen in einem Schloss in Frankreich und eines der legendärsten Alben der Rockgeschichte. Zu Exile, dem gerade erschienenen zweiten Album von Hurts, gibt es allerdings einige erstaunliche Parallelen – auch über den Titel hinaus.
Parallele 1: Wie die Rolling Stones damals (sie machten sich aus dem Staub, bevor das Finanzamt in England ihre Steuerschulden eintreiben konnte), waren auch Hurts in gewisser Weise auf der Flucht. Es galt, Abstand zum Trubel zu gewinnen, der in den vergangenen 18 Monaten um sie herum geherrscht hatte, als sie es von Nobodies zu umschwärmten Popstars gebracht hatten. 250.000 Menschen kamen zu ihren Konzerten, ihr Debütalbum Happiness verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal – mit einem so rasanten Aufstieg kamen Theo Hutchcraft und Adam Anderson nur schwer klar. „Wir waren auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren“, sagt Theo über die letzten Konzerte und die Zeit, bevor die Aufnahmen zu Exile begannen. „In Kiew bin ich während der Show eingeschlafen“, ergänzt Adam Anderson und gesteht zudem, er habe sich „die ganze Zeit mit Alkohol zugeschüttet“.
Parallele 2: Auch Hurts setzten für die Entstehung von Exile darauf, dass möglichst intensives Zusammensein über einen möglichst langen Zeitraum die besten Ergebnisse bringen würde. Sie komponierten wieder in der Wohnung in Manchester, in der sie auch während der Entstehung des ersten Albums gewohnt hatten, damals noch als Arbeitslose, die bloß vom Popstar-Dasein träumen konnten. „Sechs Monate lang jeden Tag in einer Wohnung, sechs Tage die Woche. Das haben wir durchgezogen, bis wir kurz vor dem Wahnsinn standen. Anders können wir offenbar nicht arbeiten: Wir arbeiten, bis wir das Gefühl haben, den Verstand zu verlieren, weil wir dann sicher sein können, unser Bestes gegeben zu haben“, erklärt Theo Hutchcraft die Idee hinter dem Prinzip Isolation.
Parallele 3: Rock. Jawohl: Das ist nicht nur das Genre, das iTunes für dieses Album empfiehlt, sondern gleich mehrfach beinahe Realität. Exile ist ein gutes Stück entfernt von den Synthie-Klängen, die Happiness geprägt haben. Sex, Blut, Schmerz und der Teufel sind wichtige Themen auf dem zweiten Album von Hurts, E-Gitarren sind gleich mehrfach sehr präsent und wenn Hurts mit diesen Songs auf Tour gehen werden, dann passt ein Typ mit Jeans, Nietenarmband und Tattoos definitiv besser auf die Bühne als (wie zuletzt) eine Opernsängerin.
„Happiness klang sehr kontrolliert und kalt, und dieses Mal wollten wir einen schmutzigeren, verschwommeneren und wilderen Sound“, sagt Theo Hutchcraft. Im Gegensatz zum Debüt, dessen Lieder auf dem Klavier geschrieben worden waren, haben Hurts diesmal mit der Gitarre komponiert. Sie hörten sich zur Inspiration sogar die Demos ihrer früheren Bands noch einmal an. Schon bei Bureau und Daggers hatten sie gemeinsam musiziert, beide Bands waren deutlich stärker gitarrengeprägt als Hurts, bei den Daggers war Theo Hutchcraft sogar noch mit Elvis-Tolle und Lederjacke unterwegs.
Die neue Richtung deutet sich schon im Titelsong am Beginn des Albums an. Exile ist kein Paukenschlag, sondern beginnt leise und entwickelt dann, vor allem durch den verzerrten Bass, eine klaustrophobische Atmosphäre. Eine Minute lang könnte man das für ein Lied des Black Rebel Motorcycle Club halten, dann kommen feine elektronische Momente und jede Menge Pathos dazu – am Ende ist Exile der beste Depeche-Mode-Song seit mindestens 20 Jahren, nur eben nicht von Depeche Mode.
Cupid setzt auf ein schweres Blues-Riff. The Road wird gespenstisch, bedrohlich und wild, mit verzerrten Gitarren und Industrial-Atmosphäre. Der Mann, der hier singt, geht mühelos als Psychopath durch.
Die stilistische Bandbreite ist aber auch jenseits der neuen Rocklust von Hurts größer geworden. Das sehr originelle Sandman, das vor allem auf einem gepfiffenen Riff und einem HipHop-Beat (und am Ende auf einem verfremdeten Kinderchor) basiert, könnte wunderbar zu Justin Timberlake passen. Elton John spielt das Klavier im zauberhaften Rausschmeißer Help, der Art von dramatischer Monsterballade, nach der sich Robbie Williams mittlerweile die Finger lecken dürfte.
The Rope ist ein rundum guter Popsong inklusive New-Order-Gitarre, der mit einem anderen Arrangement aber auch gut ins Repertoire von Muse passen würde. Das hoch romantische Blind setzt auf Coldplay-Feeling und eine ähnliche Ausgangskonstellation wie Bob Dylans If You See Her, Say Hello. Sogar ein paar House-Anleihen gibt es in Only You, dazu eine Gitarre, die ein kurzes Stück aus Feels Like Heaven (1983 ein Hit für Fiction Factory) nachzuspielen scheint.
Diese Eighties-Referenz zeigt: Es gibt natürlich auch Kontinuitäten. Das erhebende Somebody To Die For erinnert von den neuen Stücken vielleicht am meisten an das Debütalbum, auch wenn Hurts auch hier immerhin noch ein Gitarrensolo hineingeschummelt haben: Die Streicher glänzen, der Computerbeat ist wunderbar ausgetüftelt. Auch The Crow gehört in diese Kategorie, ein Lied mit sagenhafter Eleganz und all der Theatralik, die man sich nun einmal von Hurts wünscht.
Zu den Gemeinsamkeiten mit Happiness gehört auch, dass Exile ein paar schwache Momente hat. Mercy klingt gigantisch, aber hohl, worüber auch das kaputte Orchester am Ende nicht hinwegtäuschen kann. Miracle lässt im Refrain ein wenig befürchten, dass Hurts während ihrer vielen Aufenthalte in Deutschland irgendwann auch einmal mit der Musik von Unheilig kontaminiert wurden, allerdings haben sie ein paar raffinierte Details eingebaut, die das Lied dann doch vor derlei Peinlichkeit bewahren.
Nicht zuletzt sind auch zwei andere Eckpfeiler bei Hurts die gleichen geblieben. Nach wie vor geht das Duo sehr effizient mit seinen Ideen um: Hurts wissen, dass eine gute Melodie, ein guter Beat und ein gutes Auge für Kleinigkeiten ausreichen, um einen guten Popsong hinzubekommen. Und nach wie vor wird ihre Musik vor allem aus dem Schmerz geboren. Fast jeder Song thematisiert Ärger, Kummer, Schmutz und Schmach. “If I cry any more then my tears will wash me away” sängt Theo Hutchcraft in Help. “I feel just like a sick disease”, bekennt er in Cupid, und in Only You ist von einem „sea of scars“ die Rede.
Wie schon auf Happiness suchen Hurts die Flucht daraus, diesmal – je nach Song – auf eine einsame Insel, in den Schlaf, die Blindheit, die Zweisamkeit oder durch den Beistand höherer Mächte. Hurts sind nach wie vor verletzt, gekränkt, sogar gebrochen, und sie finden nach wie vor in ihren Liedern einen Ausweg dafür. Exile ist deshalb in erster Linie Eskapismus. Und Erlösung.
Ganz hinten: ein Gitarrist! Hurts spielen Blind live in London:
Hingehört: Stereophonics – “Graffiti On The Train”
| Künstler | Stereophonics |
| Album | Graffiti On The Train |
| Label | Stylus Records |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | *1/2 |
In Tristesse Royale, so etwas wie der Pop-Stilfibel des ausgehenden vergangenen Jahrtausends, gibt es eine spannende Stelle, an der sich die fünf beteiligten Autoren auf die Suche nach dem Ursprung des Rock machen. Christian Kracht sieht das Phänomen Rock in „der Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach ehrlicher Musik begründet“. Wenig später entwickelt Eckhart Nickel diesen Gedanken weiter: „Ich glaube, so etwas entsteht aus Angst“, sagt er da. „Diese Angst, dass alles so bleiben soll, wie es ist, wie es gut ist – das ist Rock.“
Noch ein paar Sätze später stellt Joachim Bessing fest, dass es für Rocker unmöglich sei, wieder in ein Leben vor dem Rock zurückzukehren. „Im Rock (…) ist alles so festgefügt, dass selbst das eigene Lebensende, das Verschwinden und sogar das Re-Modeling bereits von Anfang an im System mit eingeschrieben sind. Unausweichlich. Der Rockstar, der irgendwann anfängt zu malen, zu schreiben oder zu fotografieren (…) ist also eigentlich der ärmste und unfreieste Mensch auf der ganzen Welt. Alles, was er tut, bleibt Rock. Er kann da nicht raus, aus dem Rock.“
Wie schlau diese Thesen (neben vielen anderen schlauen Thesen in dem Buch) sind, beweist Graffiti On The Train, das neue Album der Stereophonics. Gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen ist das Quartett – 1992 gegründet und seitdem mit immerhin fünf Nummer-1-Alben in England aufwartend – so etwas wie der Inbegriff von „ehrlicher Rockmusik“. Zum anderen ist Frontmann Kelly Jones im Alter von 38 Jahren jetzt an dem Punkt angekommen, wo ihm das Rockerjäckchen offenbar zu eng geworden ist.
“I had all these little things I’d been wanting to do for 15 years. Whether it was writing scripts, or writing short stories… making different types of music. And I just decided to stop travelling and see what would happen”, sagt er. Die Band verabschiedete sich also vom Stress ständiger Konzertreisen und zugleich auch von ihrer alten Plattenfirma Universal (Graffiti On The Train erscheint auf ihrem eigenen Label Stylus Records) und probierte stattdessen in einem neuen Proberaum in London einfach mal ein bisschen rum. “It was the first time we hadn’t been on tour for 15 years and it was one of the best things we ever did. When you stop and let your mind open a bit, stuff just comes into it”, erklärt Jones.
Das Ergebnis: Er führt neuerdings Regie in den Videoclips der Band, und er hat zwei Drehbücher geschrieben. Das zweite davon war so etwas für die Keimzelle für Graffiti On The Train. Drehbuch und Album erzählen die Geschichte von zwei Freunden, die nach einem schlimmen Unfall, der mit Bahngleisen zu tun hat, schleunigst das Land verlassen wollen.
Das zeigt schon: Bei den Stereophonics ist ein neues Anspruchsdenken eingekehrt. Immer bloß kerniger Rock – davon haben sie selbst die Nase voll. “I found myself walking into a studio with 40 unfinished ideas, rather than 10 finished ones. And by doing that the songs became way more unpredictable”, sagt Jones und ergänzt noch schnell die wichtigste Prämisse für das achte Album seiner Band: “The first person I wanted to surprise was myself.”
Das Problem dabei: Kelly Jones, Richard Jones (Bass), Adam Zindani (Gitarre) und Jamie Morrison (Schlagzeug) sind mit diesem Anspruch völlig überfordert. Sie sind, um noch einmal Tristesse Royale zu bemühen, viel zu sehr gefangen im Rock, um wirklich innovativ werden zu können. Das Ergebnis ist ein Album, das in dieser Form schon vor 15 Jahren langweilig und unmodern gewesen wäre. Graffiti On The Train klingt, als wollten die Stereophonics unbedingt beweisen, dass Gitarrenmusik tatsächlich tot ist – leider aber mit den Mitteln der Gitarrenmusik.
We Share The Same Sun ist genauso hohl wie der Titel es vermuten lässt, versucht sich mit einem Pseudo-Coldplay-Refrain und am Ende mit schlecht geheuchelter Leidenschaft. Man kann das Stück kaum ernsthaft als „Song“ bezeichnen, so wenig Ideen gibt es im ersten Lied dieses Albums. Der Schluss von Graffiti On The Train hat dasselbe Problem: In No One’s Perfect gibt es den nach wie vor kompetenten Gesang von Kelly Jones, aber sonst bloß ein großes Nichts. Keines der Lieder dazwischen trifft irgendeinen Nerv, nicht beim ersten Hören und nicht beim achten Durchlauf.
Das Schlimme daran: Stereophonics geben sich hörbar Mühe, nicht langweilig und gestrig zu sein. Die Single Indian Summer setzt auf Killers-Theatralik, Catacomb versucht ein bisschen Kasabian-Rabaukentum, In A Moment wird dezent elektronisch, auf Take Me wird zur Verstärkung sogar Jakki Healy als Duettpartnerin herangefahren, die Freundin von Kelly Jones (“She came in to do the demo and we thought, ‘well that’s beautiful’, and we never touched it again“, erklärt der Sänger diese fragwürdige Wahl).
Violins And Tambourines bleibt drei Minuten lang akustisch und schwillt dann mächtig an. Roll The Dice gönnt sich ein Finale mit Pauken und Trompeten, irgendwo zwischen Live And Let Die-Bombast und Guns’N’Roses-Größenwahn. Auch Graffiti On The Train merkt man an, wie ambitioniert die Band diesmal ist, es gibt eines von vielen unnötigen Gitarrensoli und dazu ein ganzes Orchester – die Streicherarrangements dabei hat Filmkomponist Kevin Arnold (unter anderem Godzilla und Independence Day) übernommen. Die Melodieführung in der Titelzeile erinnert vage an Mike Oldfields 30 Jahre alten Hit Shadow On The Wall. Bevor man solch peinliche Bezugspunkte erreicht, sollte man sich eigentlich zur Ruhe setzen – auch wenn das für Rocker eben schwierig ist.
Mit Been Caught Cheating, einem (ausgerechnet!) sehr klassischen Neo-Blues im Stile von Primal Scream, gibt es immerhin auch ein brauchbares Lied. Ansonsten ist das Einzige, was man an Graffiti On The Train gut finden kann, der Mut der Stereophonics, etwas Neues zu probieren. Kelly Jones weiß sehr wohl, dass die Band damit auch scheitern kann: “I don’t care if the album fails or succeeds. I just feel so comfortable with what it is. And I’m not saying it’s the best thing I’ve done. But it’s certainly the most comfortable I’ve ever felt with something.”
Stereophonics spielen Indian Summer live:
Hingehört: The Killers – “Battle Born”
| Künstler | The Killers |
| Album | Battle Born |
| Label | Island |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **1/2 |
Battle Born – geboren in der Schlacht. Wer aus diesem Titel schließt, dass bei den Aufnahmen zum vierten Killers-Album so richtig die Fetzen flogen, liegt falsch. Nach Day & Age (2008) und der längeren Pause, die drei Viertel der Band für eigene Projekte nutzten, kamen die Killers zwar zunächst etwas schwer in Gang. Aber nach allem, was man hört, liefen die Sessions dann recht harmonisch.
Battle Born steht vielmehr für etwas anderes. Die zwei Wörter zieren die Fahne von Nevada, der Heimat der Killers, und sie erinnern daran, dass der Bundesstaat 1864 auf den Trümmern des amerikanischen Bürgerkriegs gegründet wurde.
Ihr eigenes Studio in Las Vegas haben die Killers ebenfalls „Battle Born“ genannt, und dass nun auch das dort entstandene Album diesen Titel trägt, kann nur eins bedeuten: Die Killers wissen, wo sie herkommen, und sie sehen (mittlerweile) keinen Grund mehr, sich dafür zu entschuldigen. Das ist nicht nur geografisch gemeint, sondern auch musikalisch. Die eigene Geschichte, die Irrungen und Wirrungen, die Täler und Triumphe haben das Ego dieser Band geprägt und gefestigt. „Man hört einfach, dass wir uns heute sehr viel wohler fühlen mit dem, was wir sind – ja, dass wir inzwischen sogar stolz sind auf das, was wir sind“, sagt Sänger Brandon Flowers.
Das Prinzip von Battle Born sollte deshalb sein: Hier gibt es The Killers pur, also Brandon Flowers, Dave Keuning, Mark Stoermer und Ronnie Vannucci bei dem, was sie am besten können. Große Gefühle, große Show, große Gesten, große Refrains. Las Vegas eben. Die Fans lieben das: In England erreichte die Platte (wie alle Killers-Alben) die Spitze der Charts, in Deutschland gab es Platz 2 für Battle Born, in den USA immerhin Platz 3.
Als Prototyp für das Album kann die erste Single gelten, Runaways. Die ersten Ideen für den Song trugen die Killers schon eine ganze Weile mit sich herum, aber sie wussten „nie so recht, wo wir dieses Stück unterbringen sollten. Auf Day & Age haben wir schließlich eher versucht, unsere poppige Seite nach außen zu kehren – doch Runaways ist nun mal Roots-Rock, durch und durch amerikanisch, und das passte so nun mal nicht zusammen“, sagt Brandon Flowers. „Trotzdem war mir die ganze Zeit klar, was für ein großer Song das war. Als es dann jedoch darum ging, dieses neue Album zu machen, waren wir uns sofort darüber einig, dass wir ausnahmslos nur das machen wollten, was wir richtig gut können: The Killers schreiben nun mal eine gewisse Art von Song – und daran sollte sich auch nichts ändern. Insofern war Runaways eine Art Startschuss für den neuen Longplayer.“ Und der klingt jetzt tatsächlich sagenhaft amerikanisch und mega-dramatisch. Die Strophe ist Bruce Springsteen, der Refrain ist Meat Loaf – es gibt nur eine Band, die sich an diese Kombination wagt, ohne mit der Wimper zu zucken: die Killers.
Auch der Opener Flesh And Bone strotzt vor Ambitionen, mit Eighties-Sound (eher Erasure als die Pet Shop Boys) und großem Coldplay-Finale. Die Theatralik von The Way It Was erreicht beinahe Musical-Dimensionen. Ganz am Schluss erklingen im Titelsong ein Monsterschlagzeug, reichlich Computergeigen und ein Neonlichtgitarrenriff, wie das Bon Jovi auch nicht schamloser kombinieren könnten. Der Ballade Here With Me gelingt eine tolle Balance aus Plastik und Herzblut, wie das früher auch Suede hinbekommen haben. A Matter Of Time könnte nicht einmal dann bombastischer sein, wenn irgendwo in den Songwriting-Credits der Name Roland Emmerich auftauchen würde.
Wirklich alles auf Battle Born ist im roten Bereich, wird bis zum letzten ausgereizt und nicht selten auch überzeichnet. Das verleiht dem Album einen erstaunlich einheitlichen Sound, denn die Arbeit an der Platte war weitgehend Stückwerk für The Killers. Die Band hätte gerne mit einem festen Produzenten gearbeitet, aber Terminprobleme ihrer Wunschkandidaten ließen das nicht zu. Deshalb sind nun insgesamt fünf Produzenten vereint (zum Beispiel drei Tracks von Brendan O’Brien und zwei von Stuart Price). Diese Notlösung habe der Band aber „gezeigt, dass The Killers eine ganz spezifische Herangehensweise verfolgen, einen ganz eigenen Ansatz als Songwriter. Immerhin waren wir mit fünf verschiedenen Produzenten im Studio, und trotzdem klingt das Resultat durch und durch nach uns“, stellt Schlagzeuger Ronnie Vannucci im Rückblick ganz zutreffend fest.
Daniel Lanois, einer aus der illustren Fünfer-Riege, griff sogar selbst zur Gitarre und sorgte so dafür, dass Heart Of A Girl entstand. „Wir haben das Stück komplett live in einem Take eingespielt, und doch hat es nur eine Stunde gedauert, bis alles im Kasten war: ein paar Versuche und fertig. Die Nummer aufzunehmen hat wahnsinnig viel Spaß gemacht“, sagt Ronnie Vannucci. Man hört der wunderbaren Atmosphäre des Songs diese Spontaneität an, und am Ende erwächst aus der Zurückhaltung dann eine stattliche Menge Erbauung – das kennt man auch von U2, für die Lanois ebenfalls schon am Werk war.
Auch The Rising Tide ist eher gitarrenlastig und hätte gut auf Sam’s Town gepasst. Zudem ist der Track ein gutes Beispiel für die Düsternis, die dieses Album durchzieht. „The truth’s gonna come and cut me open wide / And you can’t escape the rising of the tide”, singt Brandon Flowers hier. Auch sonst sind seine Texte diesmal oft geprägt von unsichtbaren Bedrohungen, verfallenen Kulissen und Desperados, die sich in diesen schlimmen Zeiten nur noch an sich selbst und ihresgleichen aufrichten können.
Selbst die Liebeslieder sind davon durchzogen, wie die wundervolle Ballade Be Still. „Life is short / to say the least / we’re in the belly of the beast”, heißt es da. „Wir haben noch nie so lange an einem Album gearbeitet, und ich habe auch noch nie so lange an den Texten gesessen“, sagt Brandon Flowers. Die Mühe hat sich durchaus gelohnt. Natürlich gibt es bei ihm hin und wieder Ausrutscher à la „Are we human or are we dancer?“ (Prize Fighter, einer von drei Bonustracks auf der Deluxe Edition von Battle Born ist so ein Fall), aber insgesamt sorgen die Texte dafür, all das Melodrama dieses Albums ein wenig zu erden und so etwas wie eine stimmige Atmosphäre zu schaffen.
Ein Problem hat Battle Born (neben dem hohlen und substanzlosen Deadlines And Commitments) aber doch: Es fehlt der Über-Hit. Vieles ist okay, aber wenig ist herausragend. Selbst eine zweite Single nach Runaways lässt sich schwer ausmachen. Natürlich ist da noch Miss Atomic Bomb (der Titel bezieht sich auf einen Schönheitswettbewerb in Las Vegas in jener Zeit, als überirdische Atomtests noch eine Touristenattraktion in Nevada waren), das herrlich weit ausholt und mit seiner Gitarre am Ende kurz Mr. Brightside zitiert. Auch das zackige From Here On Out (dessen Refrain allerdings fatalerweise wie von Chris de Burgh klingt) ist vergleichsweise auf den Punkt. So viel Punch haben aber die wenigsten Songs auf dieser Platte – ein paar Mal kippt die neue Zufriedenheit der Killers leider in Selbstgefälligkeit.
Für den Auftritt bei Letterman hatte die Hälfte der Killers leider ihre Lederjacken vergessen:
Im März gibt es die Killers dreimal live in Deutschland zu sehen:
04.03.2013 Hamburg, o2 World
05.03.2013 München, Zenith
07.03.2013 Köln, Lanxess Arena
Hingehört: Coldplay – “Coldplay Live 2012″

“Coldplay Live 2012″ zeigt eine Band, die selbst mit allen Tricks des Stadionrock noch authentisch und leidenschaftlich wirkt.
| Künstler | Coldplay |
| Album/DVD | Coldplay Live 2012 |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***** |
Drei Millionen Menschen haben Coldplay auf ihrer Mylo Xyloto-Welttournee gesehen. Die meisten von ihnen dürften mit einer sehr, sehr großen Portion Glück im Herzen nach Hause gegangen sein. Und auch die Band selbst hat die Konzertreise mehr als genossen. Auch wenn sich das für Engländer nicht gezieme, habe man diesmal trotzdem beschlossen, „to enjoy ourselves without feeling guilty“, erklärt Sänger Chris Martin auf dieser DVD die Herangehensweise der im Juni 2011 begonnenen Tour. Anderthalb Jahre später stellt er fest: „Die Tour zu Mylo Xyloto hat für uns als Band am meisten Spaß gemacht, (…) hauptsächlich wegen der unglaublichen Zuschauer, vor denen wir gespielt haben. Im Lauf der Jahre hat sich unser Publikum immer mehr zu einem festen Bestandteil der Konzerte entwickelt. Die Leute sind laut, unterschiedlich zwar, aber mit dem Herzen dabei und lassen die Songs viel besser klingen, als wir es alleine könnten.“
Natürlich kann man das als Anbiederung bewerten oder als professionelle Schmeichelei von einer der erfolgreichsten Bands der Welt. Aber wer Coldplay Live 2012 anschaut, kann nur zu dem Urteil kommen: Der Mann sagt die Wahrheit. Die vier Briten haben tolle Melodien, große Hits, und sie beherrschen längst all die etablierten Stadionrock-Spielchen von „Ohoho“-Chören über den Gruß an die Fans ganz hinten bis hin zu einem Konzertteil, der mitten im Publikum gespielt wird. Aber was ein Coldplay-Konzert so besonders macht, ist etwas anderes: Gemeinschaftsgefühl.
„When the lights go down, that’s 30.000 lives colliding for one moment. (…) It’s a wonderful feeling of togetherness and possibility”, umschreibt Chris Martin die Sekunden unmittelbar vor dem Start einer Show. Und alles, was danach folgt, dient nur dazu, dieses Gefühl am Leben zu erhalten. Wenn die Fans das „Yeah“ in In My Place aus vollem Herzen mitsingen, dann ist das zigtausendfach die Vertonung des schönsten Moments des Lebens – entweder erinnern sich die Fans daran oder sie erleben ihn gerade erst. Dasselbe gilt für die unerreichte Intensität der Zeile „For you I’ll bleed myself dry“ in Yellow, für das „Ohoho“ in Viva La Vida, für das Feuerwerk bei Fix You oder die ersten Klavierakkorde von The Scientist (einem von zwei Liedern im Bonusmaterial).
Der Großteil dieses Konzertfilms wurde im Stade de France in Paris aufgenommen, dazu kommen Sequenzen aus Madrid, Montreal, aus einem kleinen Club in Paris und vom Glastonbury-Festival. Auf der Bühne zeigen sich Coldplay unfassbar souverän für eine Band, die einst als kleine Indie-Kapelle beinahe am Touralltag zerbrochen wäre. Die 75.000 Fans im Stade de France haben sie in der Hand. Alles an dieser Show ist perfekt, und dennoch ist nichts klinisch. Coldplay schaffen es, ihre Fans nicht nur zu beeindrucken, sondern zu berühren.
Noch beeindruckender ist die Tatsache, dass der Augenschmaus hier nie reiner Bombast bleibt, sondern dazu dient, das Publikum über die Rolle des passiven Beobachters hinauszubringen. Die Fans sind Teil des Konzerts, genauso wichtig für die Show wie die Band selbst – das ist die Botschaft. Dazu tragen die Luftballons bei, deren Bahnen unsichtbare Bänder zwischen den Fans knüpfen. Vor allem aber die LED-Armbänder. Werden sie per Funksteuerung aktiviert, erstrahlt das ganze Stadion von gelben, grünen oder roten Lichtern. Das Publikum erkennt: Wir gehören dazu. Wir gehören zusammen.
Genau das war schon immer das Fundament des Coldplay-Sounds: Verbundenheit, Mitgefühl, ein Element der Hoffnung, das Versprechen, dass am Ende alles gut wird. Das stille Kopfschütteln über das unausrottbar Böse in der Welt wird bei ihnen vertont und umgewandelt in die Botschaft: Wir sind gut, wir sind viele, wir können etwas erreichen. Ein Mitglied der Band erklärt auf der DVD noch einmal die Idee des LED-Armbands: „Es geht um alle. Nicht nur um die Band, nicht nur um die verrückten Fans in der ersten Reihe, sondern um jeden Einzelnen, das ganze Stadion.“
Mit solchen Statements aus dem Off werden die Lieder auf Coldplay Live 2012 immer wieder unterbrochen, untermalt von stimmungsvollen Bildern, die hinter den Kulissen entstanden sind. Das ermöglicht spannende Einblicke in den Touralltag, hat aber noch einen cleveren Effekt: Niemals sieht man, wer da gerade genau spricht. Die Stimmen aus dem Off bilden so eine unzertrennliche Einheit, ebenso wie Band, Crew und Publikum es während der Konzerte sein sollen.
Ohnehin überrascht die Leidenschaft, die man den Musikern hier anmerkt. Coldplay wirken in keinem Moment einfach bloß wie vier Leute, die hier ihrem Beruf nachgehen wie an jedem Abend. Sie sind authentisch, pur und echt, selbst noch als Stadionrocker. Sie stecken ganz viel Liebe ins Detail (für Mylo Xyloto wurden eine eigene Schrift und eigene Kostüme entwickelt, ebenso wie handbemalte Instrumente, Mikrofone und Verstärker), sie schaffen es spielend, die leibhaftige Rihanna in eine Nebenrolle zu packen (sie hat einen Kurzauftritt bei Princess Of China) und sie halten auch die Musik lebendig. Major Minus beweist beispielsweise, dass Coldplay gelegentlich ganz weit weg sind vom leicht konsumierbarem Kitschpop, den man ihnen gerne unterstellt: Das Lied ist komplex, intensiv, bedrohlich. Der Klassiker Yellow beginnt live nur mit Klavier und Gitarrenfeedback. Dazu singt Chris Martin mit einer ungewohnt tiefen Stimme, als wollte er das demonstrieren, was wohl sonst nur eine Interpretation durch Johnny Cash für diesen Song hätte leisten können: Er zeigt, dass es keine Schnulze ist, sondern ein Liebeslied von ehrfurchtgebietender Schönheit.
In diesen knapp zwei Stunden stecken reichlich Gänsehautmomente. Man sieht Teenager-Fans, die mit weit ausgebreiteten Armen mitsingen, man sieht reifere Herrschaften mit leuchtenden Augen und natürlich knutschende Pärchen im längst schon heiratsfähigen Alter. Man kann nicht anders als feststellen: Coldplay haben die Herzen dieser Menschen erreicht wie vielleicht keine andere Band der vergangenen 15 Jahre.
Ganz am Ende der DVD wird Chris Martin aus dem Off noch einmal grundsätzlich, und was er sagt, kann man wohl mit einigem Recht als so etwas wie das Credo von Coldplay auffassen: Wir sind wie alle anderen, sagt er da. Wir mögen es einfach, genau wie unsere Fans, wenn man ein gutes Gefühl hat. Wir sind dankbar. Und wir haben unser Glück gefunden. In der Musik.
Der offizielle Trailer für die DVD:
Hingehört: Disco Ensemble – “Warriors”
| Künstler | Disco Ensemble |
| Album | Warriors |
| Label | Fullsteam |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
Wenn man nur ein Wort zur Verfügung hätte, um die gesamte Karriere von Disco Ensemble zu umschreiben, dann müsste dieses Wort wohl heißen: Leidenschaft. Es gehört eine Menge Herz dazu, als 12-Jähriger in der finnischen Provinz von einer Karriere als Rockstar zu träumen. Es braucht viel Begeisterungsfähigkeit, um dann die sechs Jahre durchzustehen, bis man endlich sein Debütalbum veröffentlichen kann. Und man muss seine Musik wirklich lieben, um 15 Jahre nach der Gründung der Band noch immer auf Tour zu sein, längst nicht mehr als Teenager mit dem Kopf voller Flausen, sondern als Familienväter.
Disco Ensemble haben all das geschafft, von der Gründung 1997 in Ulvila über das Debüt Viper Ethics im Jahr 2003 bis zur Deutschland-Tournee, die das Quartett gerade hinter sich gebracht hat. Wer die Finnen in Berlin, Hamburg oder Leipzig auf der Bühne erlebt hat, kann aus erster Hand bestätigen, wie sehr sie das lieben, was sie machen. Auch wenn es der Band nicht mehr ganz so leicht fällt wie in ihren Anfangstagen. «Vor allem am Ende der Tour sind wir wirklich ausgelaugt. Meistens machen wir dann den ganzen Tag über gar nichts, um uns all unsere Energie für die Show aufsparen zu können», hat mir Sänger Miikka Koivisto im Interview vor der Show im Leipziger Conne Island verraten. Das Konzerterlebnis stand schon immer im Zentrum dessen, was Disco Ensemble ausmacht, ergänzt Gitarrist Jussi Ylikoski: «Wir haben uns immer in erster Linie als Live-Band betrachtet. Wenn es uns irgendwann nicht mehr gibt, würde ich mir wünschen, dass wir so bei den Fans in Erinnerung bleiben: Als eine Band, die unvergessliche Shows gespielt hat.»
Disco Ensemble, die in ihrer Heimat immerhin Nummer-1-Alben vorzuweisen haben, verstehen es aber durchaus auch, ihre Leidenschaft auf Platte zu pressen. Warriors, der fünfte Longplayer in der Karriere des Quartetts, zeigt Miikka, Jussi und ihre Mitstreiter Mikko Hakila (Schlagzeug) und Lasse Lindfors (Bass) auf der Höhe ihres Könnens.
Schon das Intro ist ebenso feurig wie offensiv und zeigt, wie gekonnt die Band, die in ihren Anfangstagen noch auf Coverversionen von AC/DC oder Metallica setzte, mittlerweile dezente Synthiesounds in ihre Lieder integriert. Auch in Eartha Kitt gibt es diesen Moment, in dem man nicht weiß, ob da eine Gitarre wie ein Keyboard klingt oder umgekehrt. Trotzdem verliert das Lied nichts von seiner Power, vor allem nicht im beinahe brachialen Refrain.
In der Single Second Soul, trifft eine furiose Strophe auf einen derart betörenden Refrain, dass das Ergebnis locker mit der internationalen Konkurrenz wie Biffy Clyro oder Muse mithalten kann. Songs wie Too Much Feeling oder Spade Is The Anti-Heart sind famose Rockmusik aus einem Guss. Mit Krachern wie I’ve Seen The Future, das reichlich Punk-DNA hat, oder dem knüppelharten Chinese Sword werden Disco Ensemble auch die Fans beglücken, die den etwas raueren Anfangstagen der Band nachtrauern.
Mit With Every Step gibt es dafür ein Lied, dessen Melodie in der Strophe ein bisschen an Hurts Like Heaven von Coldplay erinnert und dessen Grandezza und Herzblut im Refrain auch The Gaslight Anthem nicht besser hinbekämen. Das reduzierte, wunderbare Hologram verdient sich dann voll und ganz die Bezeichnung „Ballade“.
Zwei Jahre haben Disco Ensemble gemeinsam mit Produzent Jukka Immonen (Sunrise Avenue) an Warriors gearbeitet – so lange wie an keiner Platte zuvor. Es war ein durchaus aufreibender Prozess, sagt Miikka: «Wenn man ein Album macht, wird es vor allem gegen Ende oft heikel. Dann denkt man, jede kleine Veränderung könnte das ganze Ergebnis ruinieren.» Zudem sei es nicht gerade einfach, die Meinung aller Musiker unter einen Hut zu bekommen: «Unsere Band ist eine ziemlich empfindliche Demokratie», schmunzelt der Sänger. Gitarrist Jussi stimmt zu: «Manchmal herrscht bei der Arbeit im Studio wirklich dicke Luft, vor allem, wenn es auf das Ende zugeht. Da sind vier Paar Ohren anwesend, denen das Ergebnis gefallen muss.»
Ein Vorteil sei bei Warriors aber gewesen, dass nicht alle vier Musiker zugleich im Studio waren, sondern ihre Passagen nacheinander eingespielt haben. «Diesmal haben wir vergleichsweise wenig Diskussionen gehabt. Wahrscheinlich lag das einfach daran, dass gar niemand da war, mit dem man hätte diskutieren können – außer dem Produzenten», scherzt Jussi.
Vor diesem Hintergrund ist beinahe erstaunlich, wie organisch Warriors dennoch klingt. Die beiden letzten Stücke sind dafür vielleicht die besten Beispiele. In 1000 Years kombiniert die Band problemlos die Metal-Flitzefinger von Jussi an der Gitarre mit einem Monster-Groove, ein bisschen Elektronik und großer Pop-Sensibilität. Ganz zum Schluss zeigt Your Shadow mit seiner packenden Atmosphäre und beachtlichen Komplexität, wie viel Ehrgeiz und Können auch nach 15 Jahren noch in dieser Band steckt.
Hört man Warriors, ist kaum zu glauben, dass Disco Ensemble den Gedanken ans Aufhören zumindest in Betracht ziehen. «Wir denken immer nur von Album zu Album. Wenn die Tour vorüber ist, werden wir uns wieder zusammensetzen und schauen, ob wir noch Lust aufs Weitermachen haben», erklärt Jussi, betont aber auch: «Damit ist natürlich nicht gesagt, dass wir uns auflösen werden. Aber es muss Sinn machen, wenn wir noch eine Platte machen.» Und dann sagt der Gitarrist, der mehr als die Hälfte seines Lebens mit dieser Band verbracht hat, wieder das Wort, das wohl immer das Fundament von Disco Ensemble sein wird: «Wenn wir weitermachen, dann brauchen wir dazu alle die nötige Leidenschaft.»
Vier feurige Finnen: Disco Ensemble live in Helsinki:
Hingehört: Robbie Williams – “Take The Crown”
| Künstler | Robbie Williams |
| Album | Take The Crown |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **1/2 |
In all den Verschwörungstheorien rund um den Tod von Michael Jackson tauchte der Name „Robbie Williams“ nirgends auf. Das ist spätestens jetzt erstaunlich. Denn der mittlerweile 38-Jährige ist so heiß darauf, den vakanten Thron des King Of Pop zu besetzen, dass er dafür vielleicht sogar über Leichen gehen würde. Take The Crown heißt sein neues Album. „Und ich hoffe, dass ein paar Leute richtig angepisst sind, wenn sie den Titel hören“, schickt Robbie frech hinterher.
Die Voraussetzungen für den geplanten Siegeszug stimmen. Robbie Williams kann nach wie vor zehren vom Status als „letzter männlicher Superstar“, wie ihn Spiegel Online mit Blick auf die aktuelle Alleinherrschaft der „Gagas und Rihannas und all der wahnsinnig schönen und tollen Singer/Songwriterinnen, Elektro-Musen und Band-Frontfrauen“ gerade genannt hat.
Der 17-fache Brit-Award-Gewinner ist fit wie nie, schließlich pflegt Robbie Williams neuerdings den gesunden Lebenswandel eines Nichtrauchers, Alkoholabstinenten, Sportfreaks, Ehemanns und frischgebackenen Papas. Der Druck durch den Mega-Vertrag mit der alten Plattenfirma Emi, für die er 70 Millionen Tonträger verkauft hat, ist nach dem Wechsel zu Universal weg.
Und dann ist da ja noch der kreative Rückenwind durch die immens erfolgreiche Rückkehr zu Take That. Die Tour mit den alten Bandkollegen „war in jeder Hinsicht ein massiver Erfolg: bei den Kritikern, finanziell und kommerziell, der Spirit stimmte, alles war der Hammer“, schwärmt Robbie Williams. „Es war genau das, was ich gebraucht hatte für einen Neustart und um den Spaß an der Sache wiederzuentdecken. Nachdem ich die ganze Reunion-Phase mit Take That erlebt hatte, wollte ich mich auch als Solokünstler unbedingt mit einem massiven Album zurückmelden.“
Bei diesem Ziel setzt Robbie Williams vor allem auf die Unterstützung von zwei jungen Australiern, die er über seinen Schwager kennen lernte. Gemeinsam mit Tim Metcalfe und Flynn Francis („Die beiden haben wirklich eine Überdosis Pop im Blut. Ein echter Glücksgriff war das!“) erlebte Robbie Williams so etwas wie einen kreativen Rausch. „Ich glaube, wir hatten nach nur 10 Tagen 14 Songs im Kasten. Der Wahnsinn war das. Das war mir davor erst ein einziges Mal passiert, und zwar beim ersten Album mit Guy Chambers.“
Weitere Mitstreiter sind unter anderem Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age), Blake Mills (Band Of Horses) und Owen Pallett, der unter anderem schon für Arcade Fire oder die Pet Shop Boys Streicherarrangements beigesteuert hat. Und natürlich Produzent Jacknife Lee (U2, REM, Snow Patrol), in dessen Studio in Los Angeles Take The Crown aufgenommen wurde.
„Die ganze Ästhetik war schon da, und die Absicht, wie das alles klingen sollte, war schon deutlich zu erkennen; das erleichtert mir die Arbeit natürlich, schließlich muss ich das Ganze dann nur noch fertigschleifen und ans Licht holen“, erklärt der Produzent seine Aufgabe. „Die Songs waren ganz klar mit dem Ziel gestrickt, groß und massiv zu klingen. Das alles hatte wahnsinnig viel Energie.“
Auch Robbie betont die Power, mit der er den Weg zurück in den Pop-Olymp angehen will. „Das Album trägt den Titel Take The Crown, weil ich kämpfen will“, betont Robbie Williams. „Ich will es mit jedem aufnehmen, der sich mir in den Weg stellt und mir den Platz auf dem Thron der Popwelt streitig machen will. Mit diesem Album will ich die Krone zurückerobern, die ich einst hatte – oder vielleicht habe ich sie auch immer noch. Und ich will den Leuten damit zeigen, dass ich diesen Job liebe und dafür auch bereit bin zu kämpfen.“ Nach den eher wirren Vorgängern Rudebox und Video Killed The Radio Star hat er etwas gutzumachen, meint Robbie – und viele Fans sehen das ähnlich. Also: Auf in die Schlacht!
Be A Boy: Eine Kampfansage steht auch am Beginn von Take The Crown: “They say it was leaving me / the magic was leaving me / I don’t think so”, singt Robbie Williams in diesem Lied irgendwo zwischen Ibiza (die Grundstimmung und der Schluss), Coldplay (das “hohohoho” im Refrain), The Naked & Famous (die aufpolierte Achtziger-Atmosphäre) und einem irritierenden Saxofonsolo. Im Interview mit der Zeit hat er erklärt, wen er damit meint. „’Die’, das sind Journalisten und all jene, die mal meine YouTube-Clips kommentiert haben. Also alle, die mich gern immer wieder abschreiben und darauf lauern, dass ich einen Fehler mache.“ Das Lied ist ein Mutmacher, in jeder Hinsicht.
Gospel: Auch der zweite Song dient der Selbstvergewisserung. Robbie Williams erinnert sich daran, wie er sich als Teenager sein eigenes Erwachsenenleben vorgestellt hat und stellt fest, dass es ihm ziemlich gut geht. „Ich richte mich dabei an mein Publikum, das mir nun schon über 20 Jahre treu geblieben ist, und ich sage: ‘Ich will das hier immer noch! Ich will immer noch dieses wunderschöne Bild erfüllen, das mir mit 14, 15 oder 16 vorgeschwebt hat, von dem ich wollte, dass es wahr wird. Ich muss es sein, und ich will es immer noch sein, und ich will immer noch, dass ihr mit mir diesen Weg geht.’“ Die Strophe hat eine ungewöhnliche Melodieführung und gewagte Taktwechsel, der Refrain ist dafür umso plakativer. Gute Lieder wie dieses haben die Süddeutsche Zeitung wohl zum treffenden Urteil gebracht: „Niemand wird mit diesem achten Album [es ist das neunte] Robbie Williams für sich entdecken. Für alle, die ansatzweise Fans waren, ist es aber das lang ersehnte Galadinner.“
Candy: „Ein richtiger Sommer-Track ist das“, jubiliert Robbie Williams über seine aktuelle Single, die von einem ebenso selbstverliebten wie rücksichtslosen Mädchen handelt, und die er gemeinsam mit Take-That-Kollege Gary Barlow komponiert hat. Ausgelassen, ungestüm und unwiderstehlich kommt das beste Lied dieses Albums daher – für so einen Song würde Justin Bieber wohl eine Menge Vaterschaftsklagen in Kauf nehmen. Die Entstehungsgeschichte war laut Robbie Williams übrigens ebenso einfach wie mysteriös: „Es gibt Songs, an denen man eine halbe Ewigkeit sitzt, und andere, die fliegen einem förmlich von den Lippen: vollkommen fertig und ohne dass man auch nur einen zweiten Gedanken daran verschwenden müsste. Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum gerade dieser Song von meinen Lippen geflogen beziehungsweise von meinen Hirnwindungen hervorgebracht wurde – aber so war’s nun mal.“
Different: Die erste Ballade auf Take The Crown handelt vom Versprechen, ein besserer Mensch geworden zu sein – einer, der seine Fehler erkannt hat und nun eine echte Beziehung führen kann. „This time I’m different, I promise you“, beteuert Robbie Williams; die Liebe und die Liebste sollen dabei seine Retterinnen sein. Das ist textlich ganz reizvoll, zumal sich Robbie Williams beispielsweise schon mit Better Man sehr gekonnt in dieser Pose gezeigt hat. Musikalisch ist das Lied, an dem ebenfalls Gary Barlow mitgeschrieben hat, etwas plump, aber halbwegs wirkungsvoll.
Shit On The Radio: Nach dem verheißungsvollen Beginn, in dem Robbie den Rocker gibt, verliert sich Shit On The Radio („Ich meine das positiv! Im Sinne von: Ich bin der heiße Scheiß, der im Radio läuft“, beteuert Robbie) leider in seiner eigenen Soundverliebtheit und wird letztlich langweilig. Der Refrain ist so albern übersteigert wie die Lieder von The Darkness oder We Built This City von Starship. Lieder wie dieses führten die Kritiker von Spiegel Online wohl zur „erschreckenden Erkenntnis: Der Mann hat einfach keinen guten Musikgeschmack!“
All That I Want: Auch dieses Lied überzeugt nicht. All That I Want ist Elektropop, der den düsteren Bass von New Order mit der Theatralik von David Bowie vereint und wohl sexy klingen will. „Das ist Fifty Shades Of Grey, Reader’s Digest, Lady Chatterley – das alles kombiniert“, umschreibt Robbie Williams die Thematik. Aber das Ergebnis klingt eher nach Viagra als nach Erotik.
Hunting For You: Mit diesem Song ist der Durchhänger beendet. Das Lied hat eine spannende Gitarre, viel Leidenschaft, und einen faszinierenden Text: Robbie Williams blickt zurück, fast ein bisschen amüsiert von seinen eigenen Irrwegen. Jetzt ist er erwachsen und schlauer: Er hat ein Ziel – zwar noch nicht erreicht, aber immerhin schon einmal anvisiert. „Eine erste CD-Hälfte, die nach Kindskopf klingt und allzu junggeblieben daherkommt – und eine zweite, die in der Tat reifer scheint und auch überraschen kann“, hat Stern.de auf Take The Crown erkannt – Hunting For You ist dabei der Wendepunkt.
Into The Silence: Auch hier dominieren die Gitarre und die Romantik. Dazu hat Into The Silence einen guten Refrain und einen Hang zur ganz großen Geste, wie man das von den Killers oder U2 kennt. Kein Wunder: Take The Crown-Produzent Jacknife Lee hat schon wiederholt mit U2 zusammengearbeitet. „Ich würde sagen, wenn Rob einen Song so richtig gut trifft, wenn plötzlich alles stimmt, dann schwingt bei ihm immer auch diese gewisse Verletzlichkeit mit“, meint er. „Ich meine damit also ein Sowohl-als-auch: da ist die Verletzlichkeit, die unter der Prahlerei und den großen Gesten durchschimmert. Diese Mischung macht seinen Sound erst so unwiderstehlich.“
Hey Wow Yeah Yeah: Dieser Track ist eine der großen Überraschungen des Albums: Die Stimme ist verzerrt und versucht sich machmal an Sprechgesang, die Gitarre ist krachig, der Sound ist aggressiv und kaputt. Hey Wow Yeah Yeah (mitgeschrieben von Boots Ottestad, der Robbie 2003 schon den Hit Come Undone auf den Leib geschneidert hatte) legt den Verdacht nahe, dass die Mitte zwischen den Ting Tings und The Prodigy ein ziemlich spannender Ort sein könnte – oder dass Robbie sich irgendwann einmal in ein Konzert von Bonaparte geschlichen hat.
Not Like The Others: Als einen „Coldplay-Klon“ tut Spiegel Online dieses Lied kurzerhand ab, das spontan und kraftvoll wie einst Win Some Lose Some klingt. Der Song hat einen festen Willen zum Optimismus, viel Tempo und Frische. In der Textzeile „You and me are not like the others“ steckt ein bisschen die Wut des Außenseiters, vor allem aber die trotzige Kraft des Wissens darum, dass man immerhin schon mal zu zweit ist gegen den Rest der Welt. All das würde in der Tat auch zu Coldplay passen – bloß nicht die Tatsache, dass es hier angeblich um die einmalige Anziehungskraft einer Frau geht, die niemals Orgasmen vortäuscht.
Losers: „Ich hab mich sofort in dieses Stück verliebt und wusste da schon, dass ich unbedingt meine eigene Version davon aufnehmen musste“, sagt Robbie Williams über Losers, das im Original von der aus Los Angeles stammenden Geschwister-Band Belle Brigade stammt (deren Sängerin Barbara Gruska ist auf Take The Crown übrigens wiederholt im Background zu hören). Die Botschaft lautet, dass man sich nicht immer in den Kampf stürzen muss, sondern manchmal ruhig auch aufgeben darf und sich danach entspannen. Im toll gesungenen Duett mit der Folksängerin Lissie wird daraus nicht gleich Country, aber in jedem Fall der amerikanischste Moment dieser Platte.
Reverse: Das Lied enthält einen von mehreren Momenten, in denen Robbie Williams absichtlich mit heiserer Stimme singt und seinem Gesang damit nach mehr als 20 Jahren im Popgeschäft tatsächlich noch eine neue Spielart entlockt. Die Strophe ist sehr hübsch, aber der Refrain leider eher solide als herausragend. „Jeder Song versucht, ein energetischer, massiver Killer zu sein. Aber so richtig zünden will keiner, auch nach mehrmaligem Hören kann man sich beim besten Willen an kaum eine gute Hookline oder packende Melodie erinnern“, hat Welt Online über Take The Crown geschrieben – Lieder wie Reverse könnten da die Ursache gewesen sein.
Eight Letters: Schon auf Progress, dem letzten Album von Take That, war dieses Lied enthalten. In der Soloversion sind Beat und Keyboard weg, dafür treten die Stimme und das Klavier deutlich prominenter hervor. Eight Letters ist wunderhübsch, rührend und – wie schon auf Progress – ein wunderbarer Schlusspunkt.
Fazit: „Mein oberstes Anliegen ist es, das zu kreieren, was ich und hoffentlich auch der Rest der Welt als Hits bezeichnen würden“, umschreibt Robbie Williams seine Zielsetzung für Take The Crown. Das gelingt nicht. Mit viel Wohlwollen kann man vier Kracher auf diesem Album ausmachen. Auch der Stil ist durchwachsen: Manches, vor allem zu Beginn der Platte, ist sehr modern und will offensichtlich unbedingt voll und ganz 2012 sein, anderes klingt beinahe altmodisch. Musikalisch ist Take The Crown keine Enttäuschung, aber auch keine Offenbarung.
Wichtiger als die Musik ist die Botschaft: Robbie Williams will nicht mehr Avantgarde sein, Quertreiber oder Klassiker, sondern Pop. Die Phase, in der er irgendwo zwischen HipHop und Electro sein Selbst gesucht hat, ist endgültig vorbei. Stattdessen genießt der 38-Jährige wieder den Ruhm und will seinen Teil dazu beitragen, ihn am Leben zu erhalten. Ein paar der Lieder auf Take The Crown sind stark genug, um dieses Ziel zu erreichen. Und spätestens, wenn er mit dem Album auch auf Tour gehen sollte, wird der personifizierte Jojo-Effekt der Musikbranche wieder unanfechtbar sein. Denn zum Pop gehören schließlich nicht nur Hits und Stimme, sondern auch Charme, Inszenierung und das Spiel mit dem eigenen Image, das nach wie vor niemand so meisterhaft beherrscht wie Robbie Williams. Der König des Pop wird er vielleicht nie mehr. Aber er bleibt ein sehr unterhaltsamer Hofnarr.
Ein Hofnarr in schusssicherer Weste (oder so): Robbie singt Candy bei Wetten Dass:
Hingehört: K’Naan – “Country, God Or The Girl”

Prominente Gäste und eigener Stil: das sind zwei der Erfolgsfaktoren für “Country, God Or The Girl”.
| Künstler | K’Naan |
| Album | Country, God Or The Girl |
| Label | A & M |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
Man kann durchaus ein bisschen Ironie darin erkennen, dass K’Naan ausgerechnet mit einer Fußballhymne (Wavin’ Flag, dem Song zur WM 2010) seinen Durchbruch geschafft hat. Mit solchen Liedern verbindet man ja gerne das möglichst Plakative. Je einfacher, desto massenkompatibler – die Gültigkeit dieser Formel kennen wir nicht erst seit dem Dömdedömmdededömmdömm von Seven Nation Army. An Künstler mit sozialem Gewissen, einem auch musikalisch großen Horizont und erstaunlichem Talent denkt man da weniger. Doch K’Naan ist dieser Künstler, und sein drittes Studioalbum Country, God Or The Girl ist ein eindrucksvoller Beleg dafür.
Der Kanadier vereint hier HipHop, Soul, Pop und Sounds aus seinem Geburtsland Somalia zu einem schillernden, sehr unterhaltsamen Mix. Trotz der durchaus zahlreichen (und prominenten, doch dazu später) Gäste bleibt das Album eine runde Sache und ist geprägt von K’Naans eigenem Stil. Und, nicht ganz unwichtig: Die Platte bietet ein paar Hits.
In der Mitte von Country, God Or The Girl beispielsweise gibt es ein Triumvirat von Tracks, die so stark sind, dass andere HipHop-Künstler sie lieber auf drei Alben verteilen würden. Is Anybody Out There, die Zusammenarbeit mit Nelly Furtado, ist ein richtig guter Popsong und hat seine Hitqualitäten schon im Frühjahr bewiesen, als der Song als Vorab-Single erschien. Danach glänzt Hurt Me Tomorrow, geschrieben gemeinsam mit OneRepublic-Frontmann Ryan Tedder, als bester Song des Albums: Ein Klavier bildet das Fundament, der Text ist ebenso witzig wie rührend. „Mach’ heute nicht mit mir Schluss, heb’ dir das doch einfach bis morgen auf“ – so lautet die Botschaft, und das gibt dem Track eine reizvolle Atmosphäre zwischen Unbeschwertheit und Verletzlichkeit, Optimismus und Sorge. Danach zeigt das ausgelassene The Sound Of My Breaking Heart, dass K’Naan auch zwei Jahre nach seiner WM-Hymne durchaus gerne weiter Musik mit Stadiontauglichkeit machen möchte.
Das Schöne an Country, God Or The Girl ist, dass neben solchen inspirierten, aber auch unverhohlen durchkalkulierten Songs auch Ungewöhnliches steht. The Seed ist am Beginn des Albums keine Coverversion des gleichnamigen Track der Roots, hat aber ebenso wie dieser eine heimliche Rock-DNA. Die Gitarre macht diese Herkunft deutlich, vor allem aber die Bass Drum, die klingt, als würde jemand sehr unmissverständlich an die Tür (meinetwegen zur Beletage des HipHop) klopfen. Gold In Timbuktu ist danach ein beinahe melancholischer Moment, den man sich auch von den Eels (!) vorstellen könnte. Waiting Is A Drug setzt auf ein Piano-Riff und fröhliches Pfeifen, Better sampelt die Orgel aus Coldplays Lost, für viel Exotik, Feuer und Ungeduld sorgt die von K’Naan gespielt Mbira in Simple.
70 Excuses entwickelt mit echten Bläsern, einem Fender Rhodes und einem Harmonium einen herrlich warmen Sound, mit sanfter Strophe und einem Mardi-Grass-Finale. The Wall vereint am Ende des Albums einen Housebeat mit einer heiteren akustischen Gitarre sowie einem atemlosen, sich grandios beschleunigenden Refrain. Mit Nothing To Lose gönnt sich K’Naan ein Duett mit Nas, einem der Helden seiner Jugend, das allerdings unspektakulär bleibt. Die Kooperation mit, jawohl, Bono, gelingt deutlich besser: Bulletproof Pride wird eine erhebende Quasi-Ballade, in der Bono zwischendurch amüsanterweise kurz wie Meat Loaf klingt.
Vieles auf Country, God Or The Girl (für den Titel liefert K’Naan leider keine Erklärung mit, im Booklet findet sich aber ein Hinweis in den drei Sätzen „Thank you country. Thank You God. Thank you girl.) ist ungewöhnlich, trotzdem hat das Album viel Pop-Appeal und eine enorm entspannte, lebensfrohe Grundatmosphäre. Solange K’Naan weiter solche Musik macht, kann sich der geistesverwandte Wyclef Jean gerne voll und ganz auf seine Politikerkarriere konzentrieren.
K’Naan spielt Hurt Me Tomorrow als Quasi-Unplugged-Version:
Hingehört: Kilians – “Lines You Should Not Cross”
| Künstler | Kilians |
| Album | Lines You Should Not Cross |
| Label | Grand Hotel von Cleef |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
Thees Uhlmann war schon immer ein Freund und Förderer der Kilians. Mit dem dritten Album Lines You Should Not Cross ist die Band aus Dinslaken nun auch bei seinem Label Grand Hotel von Cleef gelandet. Es muss sich, nachdem sich die Kilians mit Universal nicht auf einen gemeinsamen Weg in die Zukunft einigen konnten, für beide Seiten irgendwie wie eine Heimkehr anfühlen.
Dass sie ganz bei sich und ganz mit sich im Reinen sind, ist die unverkennbarste Erkenntnis nach dem Hören von Lines You Should Not Cross. „Die jüngsten alten Hasen im deutschen Pop-Geschäft“, wie sie die neue Plattenfirma zur Begrüßung gleich mal nennt, klingen unfassbar einig, sehr wie eine Band. Keiner spielt sich auf, und die Songs dazu sind so inspiriert, dass Protzen niemals notwendig wird.
„Durch das Vertrauensverhältnis zu Grand Hotel van Cleef hat sich die ganze Produktion angenehm unaufgeregt angefühlt“, sagt Sänger Simon den Hartog. Und er hat auch noch ein Lob für seinen Buddy Simon Frontzek übrig, der die Platte produziert hat. Der sei ein „wahnsinnig musikalischer Produzent, der einfach auch verstanden hat, was die Idee an dieser Platte ist. Nämlich, dass jeder Song für sich kompakt dasteht“, sagte den Hartog beim Highfield-Festival im Interview mit Noisey.
Die Qualität dieser Lieder ist ebenso beeindruckend wie der Sound von Lines You Should Not Cross. In Deutschland ist man ja immer noch ein bisschen überrascht, wenn Rockmusik plötzlich nach internationalem Standard klingt. Die Kilians hatten freilich reichlich Gelegenheit für Anschauungsunterricht, spielten sie doch unter anderem schon im Vorprogramm für Babyshambles oder Coldplay. Die Erfahrungen haben durchaus den Sound des dritten Kilians-Albums beeinflusst, erklärt Simon den Hartog im Noisey-Interview: „Ich denke schon, dass man sich gerade da, wo die Gitarren viel Delay und viel Hall haben, an die große Stadionband geschmiegt hat. Wir haben immer viel gegengehört, versucht zu vergleichen. Das Interessante war, im Studio zu erkennen, dass am Ende wirklich nur man selbst seine eigene Referenz ist. Immer da wo es abgehen sollte, haben wir versucht, uns in Richtung Arctic Monkeys oder Strokes zu orientieren. Mussten dann aber feststellen, dass der Sound, den die auf ihren Platten machen, grundlegend anders ist, als der, den wir machen wollen. Wir sind eigentlich ziemlich gerade, ziemlich clean, sehr akustisch.“
Der Opener Start Again (hübscher Titel übrigens nach drei Jahren Pause, die die Kilians nach eigenen Angaben genutzt haben „fürs Studium, um zu arbeiten, nebenbei Familien zu gründen et cetera. Musikalisch neu ausgerichtet sind wir eigentlich nicht. Wir haben einfach versucht, das, was wir erlebt haben, zu verarbeiten.“) klingt dann trotzdem/tatsächlich nach den Strokes (in der rotzigen Strophe) und den Arctic Monkeys (im funky Refrain) und hat herrlich viel Hedonismus und Herzblut. Die feine Single Dirty Love ist danach ein bisschen softer, wandelt also eher in den Fußstapfen von Phoenix oder den Kooks. Walk Behind, das ebenso luftig wie komplex daherkommt und die Titelzeile „There are lines you should not cross / you try to pay the loss“ enthält, würde wunderbar zu Incubus passen.
In Just Like You lauert eine brodelnde Leidenschaft unter dem lässigen Klanggewand. Do It Again könnte man fast eine Ballade nennen, wenn nicht so viel Power darin stecken würde. Auch Not Today hat einen tollen Punch und ganz viel Dringlichkeit. Coconut ist eines von vielen Liedern auf dieser Platte, die man sich auf dem letzten Strokes-Album gewünscht hätte oder die ganz nah an dem Wunschtraum dran sind, Madsen würden irgendwann einmal auf Englisch singen.
Dem verspielten Places fehlt ein wenig die Linie und die Idee mit dem oho-Refrain in Never Go To Work Again zündet auch nicht. Für solche kleinen Fehltritte wird man aber entschädigt mit massenweise Liedern wie dem extrem coolen (und gut tanzbaren) In It For The Show, die beweisen, was Simon den Hartog für ein famoser Sänger ist. Und durchweg schaffen es die Kilians auf Lines You Should Not Cross, knackige Songs abzuliefern, an denen kein Gramm Fett ist.
Nach drei Jahren Pause sieht das Video zu Dirty Love nun wirklich nicht aus:
Hingehört: Kylie Minogue – “The Abbey Road Sessions”
| Künstler | Kylie Minogue |
| Album | The Abbey Road Sessions |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **** |
„Fantasie ist etwas, das sich manche Leute gar nicht vorstellen können“, hat der polnisch/russisch/tschechisch/deutsche Satiriker Gabriel Laub einmal sehr schlau gesagt. Doch selbst die Menschen mit der denkbar größten Fantasie stoßen wohl manchmal an ihre Grenzen. Als 1987 mit The Loco-Motion die Musikkarriere von Kylie Minogue begann, hätte sich wohl kein Mensch ausmalen können, dass dieser australische Teenie- und Seifenoper-Star ein knappes Vierteljahrhundert später eine Stilikone sein würde, eine allseits verehrte Pop-Prinzessin. Sogar: Eine ernsthafte Musikerin, die gut singt, begleitet von einem Orchester, und ein Album voller Klassesongs in den ehrwürdigen Abbey-Road-Studios aufnimmt.
Genau das ist jetzt geschehen. Auf dem heute erscheinenden The Abbey Road Sessions versammelt Kylie Minogue 16 Lieder aus ihrer Karriere, allesamt eingespielt mit der Band, die sie bei ihren Konzerten schon seit Jahren begleitet, und radikal neu interpretiert. Viele der neuen Versionen sind eine Offenbarung, und ohne jeden Zweifel ist The Abbey Road Sessions das beste Album in der Karriere von Kylie Minogue.
Schon All The Lovers zum Beginn ist geradezu himmlisch. Das Lied war schon auf dem letzten Kylie-Album Aphrodite ein Höhepunkt, klingt jetzt aber mit Akustikgitarre und reichlich Streichern nicht mehr nach Club, sondern nach Royal Albert Hall. On A Night Like This bekommt ein Motown-Gewand, klingt plötzlich spannend und sexy. Dass man einen infantilen Song wie Better The Devil You Know nur mit Klavier und Gesang interpretieren kann, womöglich sogar im Sitzen, wirkt wie eine annähernd absurde Idee. Dennoch schafft es Kylie Minogue, dem Lied aus dem Jahr 1990 all seine Oberflächlichkeit und Banalität zu nehmen und stattdessen eine sehr elegante Bar-Atmosphäre hinzuzufügen. Die 44-Jährige, der man vor wenigen Jahren noch so wenig künstlerischen Respekt entgegenbrachte, dass sich hierzulande der Spitzname „Geilie Kylie“ etablieren konnte und die auch danach nur selten ihr Anrecht auf einen Nachnamen geltend machen konnte, ist plötzlich zur Lady geworden. Mit solcher Musik wie hier sollten wir sie künftig besser „Madame Minogue“ nennen.
Auch Hand On Your Heart hat nichts mehr von Plastik, sondern bekommt einen warmen, organischen, verträumten Sound. Im neuerdings folkigen Believe In You darf (wie auf vielen anderen Liedern der Abbey Road Sessions) der Backgroundchor glänzen. Finger Feelings lebt von einem reizvollen Widerstreit zwischen dem Beat, der entweder in die Karibik oder in die Disco will, und dem Orchester, das eher ein Bond-Theme im Sinne hat. Das schon im Original geheimnisvolle Confide In Me wird hier noch ein wenig mysteriöser, die E-Gitarre scheint sogar heimlich The End von den Doors dazu zu spielen.
Slow findet die perfekte Mitte zwischen Moloko und Portishead. Die neue Version von The Loco-Motion klingt mehr nach dem Jahr 1962 als das damals entstandene Original von Little Eva. Das großartige Can’t Get You Out Of My Head bekommt kraftvolle Coldplay-Streicher und monströse Rhythmen verpasst, Flower (das auch als Single ausgekoppelt wird) lässt an die hübschesten Momente der Corrs denken. In Love At First Sight wird mit kleinen Retuschen eine große Wirkung erzielt.
Nur zweimal misslingt das Update: In I Should Be So Lucky kann auch das opulente Arrangement nicht wettmachen, was dem Song an Substanz fehlt, sodass Kylie Minogues Gesang beinahe störend wirkt. Und Never Too Late klingt als Abschluss der Abbey Road Sessions sehr stilvoll, aber auch etwas arg rührselig.
Und dann ist da ja noch das Lied, das Kylie Minogue überhaupt erst den Schritt hin zur respektierten, gefeierten, bewunderten Sängerin, sogar zur Grammy-Gewinnerin (2004 für Come Into My World) ermöglicht hat: Where The Wild Roses Grow, das düstere Duett mit Nick Cave, war für sie 1995 so etwas wie ein Ritterschlag. Der Landsmann ist auch diesmal wieder dabei, und die neue Version klingt noch ein bisschen verhängnisvoller – vor allem die Trommel, die offenbar den Takt vorgibt für den Weg zum Schafott.
Inzwischen hat es Kylie Minogue längst nicht mehr nötig, sich ihre Authentizität von Duettpartnern beschaffen zu lassen. Die Popwelt weiß inzwischen, was sie an ihr hat, und sie weiß auch, dass in diesen 1,53 Metern ein beachtliches Talent und vor allem ein erstaunliches Maß und Wandelbar- und Vielschichtigkeit stecken. Mit The Abbey Road Sessions zeigt die Australierin nicht zuletzt auch, dass sie etwas geschafft hat, was Madonna in ihrem Jugend-, Fitness- und Avantgardewahn wohl nie mehr gelingen wird: Sie ist in Würde gealtert, sie hat einen souveränen Umgang mit ihrer Vergangenheit gewonnen, hat schmerzhaft erfahren, dass das Schicksal im Zweifel stärker ist als die Karriereplanung und kann vielleicht auch deshalb (wieder) über sich selbst lachen. Mit The Abbey Road Sessions beginnt womöglich das Alterswerk von Kylie Minogue. Und das klingt, auch wenn man sich diesen Satz vor 25 Jahren nie hätte vorstellen können, fantastisch.
Kylie Minogue singt, doch nicht im Sitzen, On A Night Like This in der Abbey-Road-Version:
Hingehört: Lena – “Stardust”
| Künstler | Lena |
| Album | Stardust |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **** |
Um ihr erstes Album bekannt zu machen, hatte Lena Meyer-Landrut ein ganzes Fernsehformat zur Verfügung (Unser Star für Oslo). Die Promotion für ihre zweite Platte konnte noch auf die 120 Millionen Zuschauer setzen, die ihren Auftritt als Titelverteidigerin beim Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf sahen. Jetzt geht Album Nummer 3 an den Start, und um die Fans für sich zu begeistern, hat sie nur noch: sich selbst.
Stefan Raab, der Lena entdeckte, förderte und zur ersten deutschen ESC-Siegerin seit fast 30 Jahren machte, hat nichts mehr zu tun mit dieser Platte. Die 21-Jährige hatte selbst die Fäden in der Hand, hat alle Mitstreiter selbst ausgewählt und auch an neun der zwölf Songs mitgeschrieben. Es wäre eigentlich konsequent, wenn dieses Album Lena heißen würde. Es heißt aber Stardust. Das ist vielsagend für eine Künstlerin, der einst ein Lied namens Satellite den Durchbruch brachte. Vielleicht ist der Ruhm jetzt verglüht, vielleicht bleibt nur noch Sternenstaub – die Möglichkeit des Scheiterns scheint der Albumtitel schon mitzudenken.
Im Booklet der neuen CD dankt Lena Meyer-Landrut ihrer Plattenfirma dafür, „in ein drittes Casting-Album“ vertraut zu haben und zeigt damit, dass sie selbst nicht so recht mit einer Musikkarriere jenseits von Eurovision und Pro7 gerechnet hatte.
In der Tat hatte sich die Hannoveranerin schon entschlossen, das Singen lieber anderen zu überlassen und sich an der Universität Köln eingeschrieben, um sich dort fortan beispielsweise mit „Grundfragen der Erkenntnis- und Sprachphilosophie” zu beschäftigen. Dann bemerkte sie aber, dass sie dort wohl die berühmteste Studentin seit mindestens Anne Will geworden wäre und die Idee mit dem Alltag doch nicht so gut funktioniert hätte. Dazu kam die Lust auf Musik nach ihren eigenen Regeln. „Ich wollte den Leuten beweisen, dass ich ganz cool bin, dass viel mehr in mir steckt“, hat sie dem Kulturspiegel gesagt.
Deshalb gibt es nun Stardust. Diese Entscheidung ist durchaus mutig, denn die Kurve der Lena-Begeisterung schien zuletzt noch deutlicher nach unten zu zeigen als das Interesse an Castingshows, denen Unser Star für Oslo doch scheinbar nachhaltig neues Leben eingehaucht hatte. Platz 10 beim ESC 2011 werteten manche als Enttäuschung. Die letzte Lena-Tournee wurde als Flop betrachtet, weil die Hallen nicht ausverkauft waren, obwohl Opel sogar noch Gratis-Tickets verteilte. Als ein Kollege von Spiegel Online das neue Album vorab vorgespielt bekam, begann er seinen Text dazu mit vier Worten, die das Risiko für Stardust auf den Punkt bringen: „Lena? Ist doch durch.“
In dieser Mentalität lauert die Gefahr für Lena. Es gibt wohl genug Leute, die sich freuen würden, wenn sich Stardust als Rohrkrepierer entpuppt, der die 21-Jährige als längst langweilig gewordenes Medienphänomen entlarvt. Zumal die Messlatte verdammt hoch hängt. Ihre beiden ersten Alben haben jeweils Platinauszeichnungen bekommen, zeitweise hatte Lena sechs Lieder gleichzeitig in den deutschen Top100. Es wäre verständlich gewesen, wenn es Lena Meyer-Landrut dabei belassen hätte. Stattdessen sagt sie jetzt über Stardust: „Ich bin ehrgeizig geworden, was ich vorher nicht so von mir kannte. Ich möchte gerne, dass es erfolgreich wird, weil: Das ist, was jetzt ich mache.“ Schauen wir uns die neue CD also an, Lied für Lied.
Stardust: Der Auftakt ihres dritten Albums ist enorm selbstbewusst: nur Schlagzeug, ein paar Klaviertöne und die unverwechselbare Stimme von Lena. Dazu kommen clevere Details wie das Glockenspiel, die leichte Variation des Gesangs am Schluss und natürlich ein umwerfender Refrain, mindestens so groß wie die Stadionhymnen von Coldplay. „Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, war das Album eigentlich schon fast fertig. Aber hier hat echt alles gestimmt: Der Text ist wunderschön. Die Melodie ist toll“, schwärmt Lena über das Lied aus der Feder der Amerikanerin Rosi Golan, zugleich erste Single des Albums. „Musikwissenschaftler sprechen hier von einem sogenannten ‚Sehr-sehr-sehr-gute-Laune-Lied’“, scherzt Lena – und sie hat völlig Recht.
Mr. Arrow Key: Das Lied hat eine fast naive Unbeschwertheit im Stile von Lily Allen, aber einen alles andere als heiteren Text. Lena singt darüber, wie es sich anfühlt, wenn man erschöpft ist, überall herumgereicht wird und nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Mr. Arrow Key soll jemand sein, der Orientierung gibt und Vertrauen schenkt. „Jemand, der sagt: Das ist der richtige Weg“, erklärt die 21-Jährige. Manchmal braucht es einen guten Rat, damit man sich selbst wieder aufrichten kann – diese Erkenntnis setzt sie hier in einem herrlich munteren Swing-Sound um. Geschrieben hat sie das Lied gemeinsam mit der Schwedin Miss Li: „Die Sessions mit ihr waren superschön, weil wir viele 60er-Einflüsse drin hatten. Leichte Beatles-Geschichten, Trompeten, erdige Instrumente. Mein Anspruch war: Ich möchte gerne, dass man die Instrumente erkennt, wenn man das Lied hört.“
Pink Elephant: Diesen Anspruch hört man auch Pink Elephant an, das schmissig, eingängig und am Ende erstaunlich ausgelassen wird. Produziert wurde das Lied (wie vier weitere auf Stardust) von Sonny Boy Gustafsson, dem Ehemann von Miss Li. „Die müssen ein Gen für Pop haben“, sagt Lena über die Schweden. Pink Elephant handelt von einem Mädchen, das versucht, grazil zu sein, aber sich eher verhält wie der berühmte Elefant im Porzellanladen. „Ob das jetzt ich bin oder jemand anders, ist eigentlich egal“, sagt Lena. „Das Mädchen ist trampelig, aber sie hat Spaß daran und genießt das Leben.“
Neon (Lonely People): Auch hier hat Lena mitkomponiert, und das Ergebnis ist beeindruckend souverän und sexy. Erzählt wird eine Allerweltsszene, ein Flirt im Club, die Erkenntnis, dass man sich manchmal auch mitten in der Menge sehr einsam fühlen kann. Das Neonlicht über der Tanzfläche ist am Ende die einzige Orientierung, der letzte Hoffnungsschimmer für die Nachtschwärmer. Es sind wohl Lieder wie Neon, die den Rolling Stone zum Fazit gebracht haben, diesmal gehe es „wirklich um Lena, nicht um Stefan Raabs Vorstellung von Lena“.
Better News: Auch hier ist der Text beachtlich, denn er zeigt, dass man manchmal bloß unzufrieden ist, weil man maßlos ist. Die Musik setzt in der Strophe auf eine kleine Dosis Reggae und im unwiderstehlichen Refrain auf eine gute Dosis Avril Lavigne. Geschrieben hat Lena das Lied übrigens gemeinsam mit Ian Dench, der vor mehr als 20 Jahren als Gitarrist von EMF mit Unbelievable einen Riesenhit hatte und danach unter anderem für Shakira und Beyoncé gearbeitet hat.
Day To Stay: Das Lied, das ursprünglich ganz am Ende von Stardust stehen sollte, ist eine zauberhafte Ballade rund um die Idee, bei Mistwetter einfach im Bett zu bleiben und es sich gemeinsam mit dem Liebsten gut gehen zu lassen. Das Lied beginnt zart und zuckersüß und mündet dann in einem großen Finale mit Bläsern in bester Beatles-Manier. Seit sie in der Öffentlichkeit steht, habe sie eine „total emotionale und volle Zeit“ durchlebt, sagt Lena – in Day To Stay hört man am deutlichsten, wie sehr sie sich nach Ruhe, Abstand und einer Möglichkeit zum Reflektieren gesehnt hat.
To The Moon: Gemeinsam mit Alexander Schroer (Mobilée) hat Lena hier eine Liebeserklärung geschrieben, die alles auf einer Karte setzt. „Meine Welt ist besser, wenn du da bist“, lautet die Botschaft an den Liebsten, für den sie sogar bis zum Mond fliegen würde. Musikalisch ist To The Moon eines der wenigen Lieder, die nicht gut oder sehr gut sind, sondern nur passabel. Dafür kann Lena hier als Sängerin glänzen. „Lena nimmt die Emanzipation zur Songwriterin mit kleinen, aber spürbaren Schritten in Angriff. Das merkt man schon allein daran, dass sie sich nicht mehr so stark wie früher hinter Manierismen wie ihrem exaltierten englischen Akzent versteckt“, hat Spiegel Online richtig erkannt.
Bliss Bliss: Auch etwas schwächer als der Durchschnitt von Stardust ist dieses Lied, dessen Refrain stark an Ching Ching Ching von Nikka Costa erinnert. Produziert hat den Song übrigens Swen Meyer (Kettcar), der auch bei sechs weiteren Liedern den Sound bestimmte.
ASAP: Auch hier zeigt sich Lena als ungeduldige, fordernde Verliebte. Das Duett mit Miss Li ist sehr gute, moderne Popmusik, die sich längst nicht damit begnügt, auf bekannte Schablonen zu setzen. Miss Li lobt übrigens explizit den Gesang von Lena, auch wenn der nicht jedermanns Geschmack ist: „Es kommt doch vor allem darauf an, dass eine Stimme Charakter hat. Neil Young oder Bob Dylan sind auch keine brillanten Sänger – aber eben sehr besondere. Und Lenas Stimme hat zweifelsfrei etwas Interessantes.“
I’m Black: Spätestens mit diesem Lied kriegt Stardust wieder die Kurve. Die Strophe schwankt zwischen Flüstern und Rappen, der Refrain nimmt sich viel Raum, das Ergebnis ist wundervoll organisch und leidenschaftlich. Im Text singt Lena anscheinend über unnötige Streitereien, in denen man sich noch unnötigere Verletzungen zufügt.
Goosebumps: „Ein Lied, das für mich sehr emotional ist. Ein Herzenslied“, sagt Lena über Goosebumps. Wieder thematisiert sie die Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Sicherheit. Ein sanftes Schlagzeug, akustische Gitarren, ein Cello und ein Kontrabass (der sogar ein kurzes Solo bekommt) sorgen für die passende Atmosphäre. Dass Lena zwei Jahre nach My Cassette Player so reif klingen könnte, hätten wohl niemand gedacht.
Don’t Panic: Ein versehentlich ausgelöster Feueralarm in London gab den Anstoß für dieses Lied, das Lena mit Johnny McDaid (Snow Patrol) geschrieben hat. „Mit Johnny zu schreiben war supertoll. Ich habe Snow Patrol vorher gar nicht so richtig wahrgenommen“, erzählt Lena. Nachdem sie die Band live gesehen hat, war sie aber „innerhalb von einer halben Stunde der totale Fan.“ Der Trubel nach dem ausgelösten Alarm kann auch gut als Metapher für das Leben im Rampenlicht gelesen werden. Ein bisschen Revue-Feeling kommt dabei auf und viel gute Laune. Und, Skandälchen: Die niedliche Lena singt das böse Wort „fuck“.
Hidden Track: Womöglich als Wiedergutmachung für die ganz jungen Fans gibt es nach 20 Sekunden Pause zum Abschluss von Stardust noch eine Überraschung: Auf Schwedisch singt Lena das Lied Lille Katt (Kleine Katze), bekannt aus dem Soundträck von Michel in Lönneberga. Das ist sehr putzig und passt durchaus zum Charakter des Albums und dem neuen Lena-Prinzip: Sie macht, worauf sie Lust hat.
Fazit: Stardust ist viel, viel besser als man es sich jemals hätte erträumen lassen, als Lena noch über die Pro7-Castingbühne hopste und Songs von Adele oder Kate Nash interpretierte. Jetzt sind ihre eigenen Lieder so gut wie die der Vorbilder. Sie hat etwas zu sagen, sie hat stimmlich neue Facetten entwickelt und sich dabei ihren Charme erhalten. Radiosender müssten begeistert sein von diesen Liedern, auch ohne den Hintergrund als Fräuleinwunder, Liebling der Nation und größtem Castingstar der Republik. Lena macht hier Pop mit solcher Selbstverständlichkeit und Stilsicherheit wie sonst kaum jemand in Deutschland. Stardust bringt in Erinnerung, dass sich die Nation einst nicht wegen des Konzepts von Unser Star für Oslo oder wegen der Retortenhits aus dem Hause Stefan Raab in sie verliebt hat. Sondern weil sie Lena ist.
Eine Kurzversion dieser Rezension als Fotostrecke gibt es bei news.de.








