Draufgeschaut: Homevideo
| Film | Homevideo |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2011 |
| Spielzeit | 89 Minuten |
| Regie | Kilian Riedhof |
| Hauptdarsteller | Jonas Nay, Wotan Wilke Möhring, Nicole Marischka, Sophia Boehme, Jannik Schümann, Tom Wolf |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Jakob steckt mitten in der Pubertät und ist genervt von den ständigen Streitereien seiner Eltern. Er schwärmt für die 13-jährige Hannah, traut sich aber nicht, ihr das zu gestehen. Um seine Noten ist es auch nicht zum Besten bestellt, und so beschäftigt er sich am liebsten mit seiner Videokamera. Das Hobby wird ihm dann zum Verhängnis: Jakob hat sich beim Masturbieren gefilmt, und das Video ist in die falschen Hände geraten. Zwei Jungs aus seiner Klasse erpressen ihn damit. Jakob weiß nicht, was er tun soll – zumal sich seine Eltern gerade trennen und deshalb genug mit sich selbst zu tun haben.
Das sagt shitesite:
Man weiß gar nicht, worüber man bei Homevideo am meisten staunen soll. Dem offiziell besten Fernsehfilm des Jahres 2011 gelingt es mühelos, ein hochaktuelles Thema aufzugreifen (Cybermobbing), dabei vollkommen authentisch in die Welt von Teenagern einzutauchen (woran die meisten Filme mit derart gut gemeinter Herangehensweise auf peinlichste Weise scheitern) und zugleich von einem Drama zu erzählen, in dem alle Beteiligten förmlich in einen Schraubstock der Beklemmung geraten, weil sie immer wieder die falschen Entscheidungen treffen.
Die Moormanns wirken wie eine Bilderbuchfamilie: Der Vater sorgt als Polizist für Recht und Ordnung, die Mutter kümmert sich als Krankenschwester um die, die Hilfe brauchen. Jakob und seine kleine Schwester Amelie sind ein Herz und eine Seele. Doch als Jakob dringend Rat und Hilfe braucht, findet er niemanden, dem er sich anvertrauen kann. Die Konflikte und Spannungen bei den Moormanns sind längst so groß, dass sie bloß noch eine virtuelle Familie sind.
Von diesem Kontrast erzählt Homevideo immer wieder: Die Gefahr, vor der Jakob kein Entrinnen sieht, ist virtuell. Seine Flirts mit Hannah sind (zumindest am Anfang) virtuell. Die Freundschaft mit den Klassenkameraden, die ihre eigene Sensationsgier und Machtlust über die Loyalität zu Jakob stellen, als sie das peinliche Video in die Hand bekommen, erweist sich als virtuell. Das Mobbing, das Jakob über sich ergehen lassen muss, als die halbe Schule das Video gesehen hat, kommt virtuell daher. Und auch das Glück, das hier zwischendurch in beinahe idyllischen Szenen auch immer wieder angedeutet wird, entpuppt sich am Ende als virtuell.
Dass Homevideo nicht erklärt, warum Jakob das pikante Video überhaupt gedreht hat, gehört zu den größten Stärken des Films. Weil nur er selbst den Grund kennt, wird erst recht deutlich, wie sehr dieses Filmchen seine Privatangelegenheit ist. Daraus erwächst eine enorme Fallhöhe, denn schnell ist Jakob (und dann irgendwann auch seinen Eltern) klar, dass eine Veröffentlichung des Videos nichts weniger als seine Existenz zerstören kann.
Jonas Nay ist in der Hauptrolle sagenhaft gut: Er hat den größten Anteil daran, dass Homevideo so beklemmend wird. Als ihm klar wird, was passiert ist, möchte er sterben vor Scham, und dann wird alles noch viel schlimmer. Erwachsene helfen ihm nicht, Gesetze helfen ihm nicht, Selbstjustiz hilft ihm nicht, und mit Hannah hat er seine einzige Verbündete durch seinen Selbstvoyeurismus ebenfalls besudelt. Man kann nicht anders, als seine Verzweiflung fühlen. Niemals wurde der Wunsch nach der Löschtaste fürs Internet so eindringlich vor Augen geführt wie hier.
Bestes Zitat:
“Und wer hat das alles gesehen? – Frag lieber, wer es nicht gesehen hat.”
Der Trailer zum Film:
Wie der rechte Terror Europa heimsucht

Hitlers SA schien auferstanden: Rainer Fromm filmte auch auf dem Parteitag der Neonazi-Partei FAP 1992 in Berlin. Foto: MDR
Für 10 Morde muss sich Beate Zschäpe demnächst vor Gericht verantworten. Sie ist die einzige, die übrig ist vom NSU-Terror-Trio, das laut Anklage zehn Jahre lang eine Todesspur durch Deutschland gezogen hat. „Die Mordserie der rechtsterroristischen Zelle aus Thüringen ist in ihrer Brutalität einzigartig“, schreibt Spiegel Online vor dem anstehenden Prozess.
Das stimmt. Und dennoch fiel die NSU nicht plötzlich vom Himmel. Sie steht am Ende einer langen Entwicklung, sie ist die Spitze eines brutalen Trends, der 40 Jahre lang unterschätzt wurde. Das ist die Quintessenz von Propaganda. Hass. Mord. Die Geschichte des rechten Terrors in Europa, dem Dokumentarfilm, der morgen um 11.30 Uhr auf ARTE zu sehen sein wird.
200 Morde protokollieren die Filmemacher Rainer Fromm und Rolf-Axel Kriszun in ihrer Dokumentation. Erschreckend ist dabei nicht nur das Ausmaß der Gewalt, sondern auch die Schwäche der Strafverfolgungsbehörden, die – wie zunächst auch im Fall NSU – zunächst nichts von einem rechtsradikalen Hintergrund wissen wollten. „Wenn man eine Mordserie an neun Menschen mit Migrationshintergrund hat und nicht nach rechts außen schaut, da muss man sich schon wundern“, sagt Fromm, den ich beim Dok Leipzig getroffen habe. Er betont aber auch: „Wegschauen ist kein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen.“ Der Fall NSU war für ihn der Auslöser, sich auf die Suche nach den Wurzeln des rechten Terrors zu machen.
Die MDR-Produktion Propaganda. Hass. Mord. zeigt Bilder, die Angst machen: Ausbildungslager für Neonazis, Waffendeals, Verbrüderungsszenen, eine bedrohliche Radikalisierung, eine deutlich gestiegene Gewaltbereitschaft, tödliche Anschläge in Bologna oder München. Fromm zeigt auf, wie sich solche Strukturen herausbilden und verfestigen konnten, und er räumt im Gespräch mit mir auch seine Wut angesichts dieser Tatsache ein.
Im Kampf gegen Rechts fordert der 47-Jährige unter anderem ein europaweites Register für Neonazis und einen „europäischen Blickwinkel bei den Ermittlern“, der bisher fehle. Besonders bedrohlich sei, wie die Szene das Netz nutzt: Seit die radikalsten Organisationen in Deutschland verboten sind, haben sich die Neonazis in kleinen Zellen organisiert. „Getrennt marschieren, vereint schlagen“, lautet das Motto – das Internet bietet dafür die ideale Organisationsform. „Jeder ist nur einen Mausklick von einer Terrorzelle entfernt. Das Internet hat die rechte Szene viel gefährlicher gemacht“, sagt Fromm.
Das Netz werde aber nicht nur als Organisations-Infrastruktur, sondern auch als Propagandamaschine genutzt. „Das Internet ist ein anonymes Medium. Deshalb können dort Tabus gebrochen werden, und das nutzen Neonazis aus. Sie versuchen, in der virtuellen Welt den Boden gut zu machen, den sie in der realen Welt verlieren“, hat Fromm erkannt. „Da werden Erdbebenopfer in der Türkei bejubelt, der Genozid an Juden, die Verbrechen der SS. Da ist so ein hohes Level an Gewaltbereitschaft und an Menschenverachtung zu finden – aus meiner Sicht ist das nicht zu toppen“, sagt der studierte Politologe. Vor allem in Foren habe sich „ein Eigenleben etabliert mit einer schockierenden, sehr heftigen Qualität in den Beiträgen. Das kann aufpeitschend wirken.“
Auch die Finanzierung der rechten Szene laufe mittlerweile in erster Linie über Online-Kanäle. In der morgen ausgestrahlten Dokumentation ist noch zu sehen, wie Altnazis in den 1990er Jahren die jungen Kameraden mit Spenden unterstützen. Das sei damals aber in einer „sehr dürftigen“ Größenordnung geschehen, erklärt Fromm. „Kein Neonazi ist durch die Spenden von Altnazis reich geworden.“ Heute sei die Szene finanziell deutlich besser aufgestellt. „Es gibt beispielsweise rund 130 Konzerte pro Jahr, 100 Bands, die Merchandising verkaufen, eigene Kleidungsstile und eigene Marken kreieren. Es gibt Vertriebe, die international agieren und teilweise mehr als eine Million Euro jährlich umsetzen mit rechtsextremem Merchandising. Da wird richtig Geld gemacht“, sagt der 47-Jährige. „Eine zusätzliche Gefahr: Die Kunden solcher Firmen sind nicht nur Neonazis, sondern auch ganz normale Jugendliche. Und solche Musik bleibt ja nicht blutleer. Sie inspiriert Gewalttäter“, warnt er.
Fromm weiß, wovon er spricht: Für seine Aufnahmen in Propaganda. Hass. Mord. sprach der Filmemacher mit den Köpfen der rechten Szene, ganz offen, ohne versteckte Kamera. Sie redeten Klartext, machten keinen Hehl aus ihrem Ziel eines “Europa der weißen Vaterländer” oder aus ihren Plänen zum gewaltsamen Sturz des Systems. Mehrfach hatte Fromm Leute vor der Kamera, die später zu Gewalttätern wurden. Wegen seiner Arbeit wurde er wiederholt direkt bedroht, unter anderem hat er Briefbomben bekommen. Einschüchtern lässt er sich trotzdem nicht: Momentan arbeitet Fromm an einer Doku über V-Männer in der rechten Szene.
Die komplette Dokumentation Propaganda. Hass. Mord.
Die 25 schönsten Floskeln aus „Internet – Fluch oder Segen“

Statt seiner nachgewiesenen Expertise liefert Sascha Lobo leider oft nur Floskeln. Foto: Reto Klar/Rowohlt
Dass Internet – Fluch oder Segen von Kathrin Passig und Sascha Lobo ein etwas seltsames Buch ist, habe ich an anderer Stelle schon geschildert. Das liegt vor allem daran, dass sich das Buch – absichtlich – selbst nicht ernst nimmt, sondern immer wieder in Witzeleien abdriftet, wo ein Bekenntnis oder zumindest eine Analyse gefragt gewesen wäre. Fast genauso ärgerlich ist die Tatsache, dass das Buch – unabsichtlich – vor Allgemeinplätzen wimmelt, die an Substanzlosigkeit kaum zu überbieten sind. „Wo eine Wiese ist, da kann kein Wald sein“, heißt einer der poetischsten davon, doch auch wenn es tatsächlich ums Netz geht, liefern Lobo und Passig immer wieder Sätze, bei denen das Phrasenschwein sich nach einer Diät sehnen dürfte und die so banal und selbstverständlich sind, dass nicht einmal die Wikipedia als Quellenangabe dafür taugt.
Das ist schade, denn die Autoren hätten zweifelsohne genug Expertise zu bieten gehabt, um gerade Netz-Neulingen das Wesen des Internets zu erklären. Stattdessen liefern sie allenfalls eine Bestandsaufnahme aktueller Debatten und immer wieder Worthülsen und Plattitüden. Hier also 20 unsagbar existenzille Erkenntnisse aus Internet – Segen oder Fluch, in aufsteigender Reihenfolge ihrer Weisheit/Allgemeingültigkeit/Belanglosigkeit. Allesamt vorbildlich aus dem Zusammenhang gerissen, altmodisch mit Belegstellen versehen und frei nach dem Motto: „Hätten Sie’s gewusst?“
„Das Netz verändert die Welt.“ (S. 7)
„Die sozialen Medien wirken naheliegenderweise vor allem auf diejenigen, die sie selbst nutzen.“ (S. 168)
„Der Siegeszug des Internets ist unaufhaltsam.“ (Klappentext)
„In der Datenschutzdebatte treffen verschiedene gegenläufige Wünsche und Bedürfnisse aufeinander.“ (S. 211)
„Einer der größten sozialen Vorteile des Internets ist, dass man darin sehr viele Gleichgesinnte findet.“ (S. 225)
„Digitale Kopien machen ohne Qualitätsverlust aus einem Ding zwei.“ (S. 13)
„Die Vorstellung, manipuliert zu werden, ist allgemein unbeliebt, und zwar vor allem dann, wenn diese Beeinflussung heimlich geschieht.“ (S. 273)
„Dass 55 Millionen Deutsche im Internet sind, bedeutet auch, dass fast 30 Millionen Deutsche nicht im Internet sind, warum auch immer – man kann niemanden dazu zwingen.“ (S. 174)
„Die Einflüsse, die dazu führen, dass sich bestimmte Wertvorstellungen stärker ausprägen als andere, liegen in der eigenen Persönlichkeit, in der Erziehung, dem kulturellen Umfeld und den individuellen Erfahrungen.“ (S. 26)
„Die digitale Welt ist zweifellos schnell.“ (S. 91)
„Die Spannung zwischen etablierten und weniger etablierten Autoritäten ist alt, ebenso wie die zwischen den Interessen des Einzelnen und denen größerer Gruppen.“ (S. 150)
„Im Netz können sich im Prinzip beliebig viele Menschen schriftlich an Debatten beteiligen.“ (S. 134)
„Im Streit um das Urheberrecht im digitalen Zeitalter gibt es nicht nur eine Front, sondern viele.“ (S. 246)
„Neue Technologien können sich nur dann durchsetzen, wenn sie auf ein vorhandenes, starkes Bedürfnis treffen.“ (S. 61)
„Papier kostet Geld und braucht Platz.“ (S. 125)
„Wer sich im Internet von 1995 bewegt wie ein Fisch im Wasser, der muss sich deshalb in den sozialen Netzwerken der nuller Jahre noch lange nicht zu Hause fühlen.“ (S. 21)
„Weil im Internet tätige Unternehmen ihren Sitz selten in Deutschland haben, kann der deutsche Staat nicht ohne Weiteres deren Rechte einschränken.“ (S. 204)
„Die Gesellschaft ist man eben nicht allein.“ (S. 218)
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Welt durch Technologien – ja, auch durch das Internet – weder besser noch schlechter, sondern bloß ANDERS wird.“ (S. 32)
„Wo heute noch kein konkretes Problem besteht, kann morgen eines auftauchen.“ (S. 272)
„Wahrscheinlich kann das Netz sogar besonders dazu beitragen, Verschwörungstheorien zu entwickeln und zu verbreiten, weil sich darin wirklich jede Information und Meinung wie auch deren Gegenteil finden lässt.“ (S. 47)
„Die Wahrscheinlichkeit, dass Facebook in einigen Jahren durch einen anderen Anbieter abgelöst wird und an Bedeutung verliert, ist auch höher als die, dass dasselbe mit dem Staat geschieht.“ (S. 218)
„Es ist ganz leicht, mit Behauptungen über das Neue daneben zu liegen.“ (S. 53)
„Sachbuchautoren oder Journalisten erhalten für alarmistische Thesen oder goldene Zukunftsvisionen mehr Aufmerksamkeit als für sachliche Aufklärung.“ (S. 19)
„Schon Immer wurde mehr Unsinn gesprochen als Nichtunsinn.“ (S.117)
Durchgelesen: Kathrin Passig, Sascha Lobo – “Internet. Segen oder Fluch”
| Autoren | Kathrin Passig und Sascha Lobo |
| Titel | Internet – Segen oder Fluch |
| Verlag | Rowohlt |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ** |
Die größte Stärke von Internet – Segen oder Fluch ist eindeutig, wie unmissverständlich das Buch die Neuartigkeit des Netzes macht. Das Internet hat unser aller Leben verändert, in ganz vielen Bereichen – und es wird es weiter tun. Das betrifft auch das Schreiben von Büchern: Lobo und Passig haben an diesem Sachbuch gleichzeitig geschrieben, per Google Doc konnten sie simultan am Text arbeiten, und über Fußnoten machen sie den Entstehungsprozess und Diskussionen beim Verfassen an einigen Stellen erfreulich transparent. Zur Modernität des Werks zählt auch, dass man mit dem Kauf des Buches zugleich einen Download-Code für das E-Book erwirbt.
Noch ein Pluspunkt: Lobo und Passig erklären die technologischen Rahmenbedingungen, wo das notwendig ist, haben aber kein Buch für Informatiker geschrieben, sondern für Nutzer. Sie fragen nicht so sehr danach, wie das Netz funktioniert, sondern eher danach, wie die Menschen im Umgang mit dem Netz funktionieren. Das hat immer wieder den Hinweis zur Folge, wie neu alles ist und wie wenig wir noch über langfristige Folgen wissen. Manchmal treten auch spannende Gedanken zutage, beispielsweise der Verdacht, dass sich das Volk sich in Sachen digitaler Demokratie selbst nicht traut, oder die Erkenntnis: „Wenn wir so einzigartig wären, wie wir uns fühlen, könnten Empfehlungsalgorithmen nicht funktionieren, deren Vorschläge auf dem Verhalten anderer Menschen beruhen.“
Das Buch zeigt: Das Internet ist hoch komplex, widersprüchlich, flüchtig, unverbindlich, für viele Menschen bloß eine Bühne zur Selbstdarstellung. Leider gilt all dies auch für das Buch. Letztlich krankt Internet – Segen oder Fluch vor allem daran, dass die Autoren sich davor scheuen, Stellung zu beziehen. Der Buchtitel trägt kein Fragezeichen, doch natürlich erwartet man bei einem solchen Gegensatzpaar eine Antwort – genau die bleiben Passig und Lobo aber letztlich schuldig. Ärgerlich ist dieser fehlende Mut vor allem deshalb, weil im Prinzip offensichtlich ist, auf welcher Seite die Autoren stehen: Für Lobo und Passig ist das Internet ganz offensichtlich ein Segen, denn sie haben ihm ihr Betätigungsfeld zu verdanken, ihren Broterwerb und nicht zuletzt auch die Möglichkeit, ein Sachbuch wie dieses zu schreiben.
Sascha Lobo, der sich in diesem Buch ironisch selbst als „industrienaher Netzkolumnist“ und „Möchtegern-Provokateur“ bezeichnet und der mit seiner roten Irokesenfrisur für wenig web-affine Menschen wohl so etwas wie die Verkörperung „von diesem Internet“ ist, und Kathrin Passig, von der Zeit als „die intellektuellste Analytikerin des Medienwandels“ gelobt, geben immerhin einen Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Problems und den Stand der Debatten von Datenschutz und Urheberrecht über Informationsüberflutung und Beschleunigung bis hin zur Frage, wie wir über das Netz diskutieren sollten und ob uns das Internet vielleicht alle doof macht.
Anhand von Studien gelingt eine brauchbare Materialsammlung. Auch die zahlreichen Verweise auf historische Parallelen („Die Recherchen zu diesem Buch haben eine zuvor nur vage vorhandene Ahnung bestätigt: Die Diskussion, die heute vom Internet handelt, ist weitgehend unverändert seit Jahrhunderten im Gang, wir sind Marionetten, die ein uraltes Stück aufführen“, heißt es auf einer der ersten Seiten) sind immer wieder erhellend. Aber mehr als ein Appell für mehr Transparenz oder die Ermahnung zu mehr Rücksicht auf die Perspektive der Gegenseite bleibt als Ergebnis kaum. Lobo und Passig entlarven zwar wiederholt sinnlose Argumente und zeigen oft genug, dass sie es besser wissen. Sie wissen aber, erwartungsgemäß, auch nicht alles und maßen sich Lösungsvorschläge oder gar eine umfassende Antwort in der Regel nicht an.
Das ist vielleicht einfach nur seriös, womöglich ist es sogar eine Entsprechung für das Wesen des Internets; schließlich ist das Netz liquid, und auch eine Betrachtung und Bewertung des Netzes muss somit flexibel bleiben. Wenn man diese Position vertritt, muss man allerdings gar nicht erst ein Buch mit solch einem ebenso anmaßenden wie nichtssagenden Titel schreiben. Internet – Segen UND Fluch wäre die passendere Wahl gewesen. Vielleicht auch: Internet – Segen oder Fluch! mit einem Ausrufezeichen. Am besten hätte allerdings Internet – Segen oder Fluch
gepasst.
Denn lästig ist auf Dauer vor allem die Unernsthaftigkeit dieses Buches, die von den Autoren wohl als Unterhaltsamkeit gemeint ist. Sie berufen sich zwar auf Geistesgrößen wie Neil Postman, Max Planck, Charles Darwin, Wittgenstein, Leibniz, Petrarca, Einstein, Bismarck oder Euripides, zitieren aber ebenso gerne halbwitzige Tweets und sparen auch selbst nicht mit Kalauern. Die Idee, der Debatte ein bisschen Verbissenheit zu nehmen, mag begrüßenswert sein. Verbal abrüsten, argumentativ aufrüsten – diese Aufforderung an die Teilnehmer der öffentlichen Diskussion rund um Für und Wider des Netzes ist dem Buch immer wieder anzumerken. Doch die Form dafür ist misslungen und dem Thema nicht angemessen. Denn schließlich zeigt das Buch, wie bedeutend der digitale Wandel ist und wie tief er in unser Leben hineinwirkt. Liebesbeziehungen, Arbeitsplätze und politische Entscheidungen hängen längst von ihm ab – und Probleme dieser Dimension lassen sich nun einmal schwer mit Pennäler-Humor, ein bisschen Pop und im Zweifel auch mal einem „scheiß drauf“ diskutieren, erst recht nicht in einem Sachbuch.
Internet – Segen oder Fluch ist im Ergebnis zu platt und schwammig für Kenner des Netzes, aber gleichzeitig zu schwierig und fahrig für Ahnungslose.
Bestes Zitat: „Technisch gesehen ist es durch das Netz viel leichter geworden, sich mit anderen Positionen zu beschäftigen. Das macht es schwieriger zu rechtfertigen, warum wir es nicht tun.“
Eine leicht gekürzte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Urheberrecht – Argumente für die Müllhalde

Urheberrechtsverstöße sind auch im Netz strafbar - und können schnell teuer werden. Foto: obs/Advocard Rechtsschutzversicherung AG
Von den „halbgaren Versuchen, sich in die Moderne hineinzuzwängen“ habe ich vor zwei Jahren geschrieben, als ich gerade zurück kam vom Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig. Damals ging es um das Leistungsschutzrecht. Zwei Jahre später sind die Medienkonzerne diesem Blödsinns-Ziel dank beharrlicher Lobbyarbeit deutlich näher gekommen. Diskutiert wird trotzdem noch, Sven Regener sei Dank. Diesmal geht es ums Urheberrecht an sich.
Die Debatte spannt einen erstaunlichen Bogen. Es geht um Details wie die Nutzung von Schulbüchern im Unterricht oder die Frage, wer bei einer Kulturflatrate auswerten soll, welche Angebote überhaupt genutzt werden, bis hin zur Forderung nach einer weltweiten Internetverfassung oder dem Heraufbeschwören eines „Kulturkampfs“ ums Netz. Und es ist erstaunlich, wie renitent sich die etablierte Medienindustrie weiterhin weigert, die Realität anzuerkennen.
„Weltfremd“, sagt eine junge Dame hinter mir, als sich die Podiumsdiskussion zum Thema Der Konflikt ums Urheberrecht. Freiheit, Eigentum, Vielfalt dem Ende nähert. „Wo leben die denn?“, fragt sich ihr Nachbar wenig später. Ein paar Mal müssen beide kichern, und es wundert, dass auch bei den anderen Zuhörern im Saal offensichtlich die Höflichkeit regiert. Denn die Argumente von Plattenfirmen, Verlagen oder Filmstudios sind nach wie vor hanebüchen.
These 1: Wer alles kostenlos herunterlädt, kauft nichts mehr. Falsch! Moderatorin Vera Linß (Deutschlandradio) zählt gleich eine ganze Reihe von Studien auf, die das widerlegen. Filesharer gehen besonders oft ins Kino, in Norwegen wächst die Musikindustrie wieder – nicht trotz, sondern wegen eines besonders liberalen Umgangs mit der Thematik.
Dem hält Holger Enßlin aus dem Vorstand der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) einen Schaden von mehr als 20 Milliarden Euro im Jahr 2010 in Deutschland entgegen. Doch solche Größenordnungen zweifelt inzwischen selbst die US-Regierung an. Die Entwicklung habe sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren „dramatisiert“, jetzt finde eine Konsolidierung auf hohem Niveau statt, mahnt Enßlin.
Doch wie solche virtuellen Beträge gemessen werden, ist schleierhaft. Man kann diese widersprüchlichen Aussagen ganz nüchtern betrachten wie Jan Engelmann, der für Wikimedia auf dem Podium sitzt. „Der Urheberrechtsdebatte mangelt es an empirischem Material“, sagt er, „wir wissen beispielsweise nicht, wie es mit der Zahlungsbereitschaft oder dem Unrechtsbewusstsein aussieht.“ Man kann auch auf den gesunden Menschenverstand setzen: Dass Filesharer alle Produkte auch kaufen würden, die sie sich im Netz kostenlos beschaffen, ist höchst unrealistisch.
These 2: Alle Urheber wollen Geld verdienen. Falsch! Permanent ist in der Debatte, nicht nur in Leipzig, die Rede von Intellektuellen, Produzenten, Kreativen. Doch keiner hat im Blick, dass es auch Kreative gibt, die in erster Linie ein Werk kreieren wollen, unabhängig von der Vergütung. Ein Bildhauer, der eine Skulptur schafft – weil es ihm ein Bedürfnis ist. Ein Musiker, der ein Lied schreibt – weil ihm eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Journalist, der einen Text verfasst – weil er die Ergebnisse seiner Recherche oder seine Meinung an die Öffentlichkeit bringen will. Ein Wissenschaftler, der eine Studie veröffentlicht – weil er sich Lob und Anerkennung erhofft.
Natürlich brauchen sie alle die Rahmenbedingungen, um überhaupt geistiges Eigentum schaffen zu können. Aber all diese Menschen zu „Urhebern“ zu machen, ist eine unzulässige und unnötige Justifizierung. Die Debatte wird dadurch auf einen finanziellen Aspekt verengt. „Es gibt nicht nur einen Typus Urheber“, stellt Engelmann endlich klar – er bleibt der einzige auf dem Podium, dessen Horizont so weit reicht.
Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang gesagt werden: Die Freiheit der Kunst, auch die Pressefreiheit, meint natürlich nicht die Freiheit, dass sich jeder einfach das geistige Eigentum eines anderen aneignen darf. Gemeint ist aber auch nicht, dass geistige Eigentum automatisch kostenpflichtig ist oder dass die Freiheit unmittelbar an eine Garantie auf Geldverdienen geknüpft ist. Im Gegenteil: Beispielsweise die Pressefreiheit soll es ermöglichen, dass jeder – als Produzent und Konsument von Medien – an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann. Angestrebt wird also eine möglichst große Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit wird umso größer, je einfacher (also auch: günstiger) diese Medien (also auch: Kopien von ihnen) verfügbar sind. In letzter Konsequenz bedeutet das: Kostenlose Inhalte, die jeder ungehindert verbreiten kann, sind der beste Nährboden für eine lebendige, informierte, pluralistische Öffentlichkeit.
These 3: Die Urheber brauchen Distributoren, um Geld zu verdienen. Falsch! Durch Piraterie würden in erster Linie die Kreativen getroffen, die Geld verdienen wollen, sagt Enßlin. Stimmt. „Dazu brauchen sie nach wie vor Vertriebswege wie Plattenfirmen, Verlage oder Kinoverleih“, ergänzt er. Stimmt nicht.
Gerade diese Behauptung führt zum Kern der Debatte: Das Internet macht nicht das Urheberrecht überflüssig, sondern die Distributoren. Jeder Kreative kann sein geistiges Eigentum heutzutage selbst vermarkten – weltweit, vom eigenen Schreibtisch aus und vor allem, ohne Zwischenhändlern ein saftiges Stück vom Kuchen abgeben zu müssen. Wer Videos bei YouTube hochlädt, kann sie von Google vermarkten lassen, Blogger können auf AdSense setzen oder auf Bezahlmodelle wie Flattr. Natürlich ist es schwierig, aus solchen Erträgen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber es zeigt, dass das Netz die Macht der Urheber stärkt.
Plattenfirmen oder Verlage, die sich nun vorgeblich für die Urheber in die Bresche werfen, haben jahrzehntelang prächtig an den Leistungen der Künstler verdient (und zudem immer wieder versucht, deren Anteil am Erlös so gering wie möglich zu halten). Sie kämpfen auch jetzt nicht für die Kreativen, sondern um ihre eigene Existenz.
These 4: Ohne die Finanzkraft großer Konzerne entsteht kein neues geistiges Eigentum. Falsch! „Wir müssen Geld verdienen, nur dann können wir in neue Inhalte investieren“, erklärt Michael Müller, bei ProSiebenSat.1 für den Bereich Distribution zuständig. Weiter gedacht bedeutet das: Wenn die Distributoren nicht mehr zahlen, entstehen keine neuen Inhalte – die Medienkonzerne werden zum Motor der Produktion geistigen Eigentums.
Das Gegenteil ist der Fall: Zum einen gibt es etliche Kreative, die auch ohne finanzielle Anreize produzieren (siehe These 2). Zum anderen waren und sind die Medienkonzerne bei weitem nicht nur Förderer, sondern in mindestens ebenso großem Maße auch Verhinderer von Kultur. Jahrzehntelang haben Buchverlage die Manuskripte abgelehnt, die sie für unverkäuflich hielten. Plattenfirmen haben Demobänder weggeschmissen, denen sie keine Marktchancen einräumten. Bei Produktionsfirmen landeten Drehbücher im Müll, die unrentabel erschienen. All diese Werke sind niemals veröffentlich worden. Die Distributoren haben daraus eine riesige Müllhalde der Kreativität gemacht, weil sie in diesen Werken für sich selbst keine Gewinnchancen sahen. Das macht ziemlich gut deutlich, wie weit es her ist, mit dem Kulturförderungsbewusstsein der Rechte-Industrie.
Im Netz können all diese Werke das Licht der Welt erblicken. Jeder Urheber kann sie selbst veröffentlichen und verbreiten. Mehr noch: Durch die Digitalisierung sind die Produktionsmittel deutlich günstiger geworden, auch für die Vermarktung gibt es ganz neue, zum Teil kostenlose Werkzeuge. Kein Künstler braucht mehr Unternehmen, die behaupten, nur sie könnten ihm den erfolgreichen Zugang zum Markt gewähren.
Lange, bevor das Patentrecht erfunden wurde, gab es Erfindungen und Innovationen. Genauso würde auch ohne Urheberrechte weiter geistiges Eigentum produziert. Lediglich die Distributoren verlören dann die Macht, Gatekeeper für dessen Entstehung und Verbreitung zu sein.
These 5: Die User und die Politik müssen sich bewegen, nicht die Rechte-Industrie. Falsch! Viola Bensinger, die als Anwältin unter anderem große Medienkonzerne berät, macht auf dem Podium in Leipzig einen zunächst einleuchtend klingenden Vergleich. Es sei unsinnig, den Anbietern von Musik oder Filmen in Deutschland ein fehlendes legales Vertriebsmodell vorzuwerfen und damit Piraterie zu rechtfertigen. Übertragen auf die Analog-Welt würde dies bedeuten: „Du willst dein Auto nicht verkaufen, dann nehme ich es mir eben einfach so.“ Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: In der digitalen Welt geht es nicht um einmalig verfügbare Güter, sondern es geht um identische Kopien, bei denen das Original voll und ganz erhalten bleibt.
Dass es also um ein ganz anderes Verhältnis gibt, und dass die Digitalisierung hier längst Fakten geschaffen hat, die sich nicht mehr werden auslöschen lassen, ignoriert ein solcher Ansatz. „Man kann den Nutzern nicht vorwerfen, dass keine Geschäftsmodelle entwickelt wurden“, dreht Engelmann den Spieß um und fordert: Die Rechte-Industrie sollte nicht Kopien hinterherjagen, sondern ihre Kreativität lieber in die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle stecken.
Mehr noch: Das bisherige Treiben von Plattenfirmen, Filmstudios & Co. war kontraproduktiv, meint er: „Durch den Fokus auf die Rechtedurchsetzung wurde womöglich eine ganze Generation von Kunden verprellt.“ Da widersprechen nicht einmal die Piraterie-Gegner. Die Abmahnindustrie (pro Jahr gibt es 3,6 Millionen Auskunftsersuche bei Providern wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen) sei ein „fragwürdiges Geschäftsmodell“, erkennt Bensinger an. Aber dieses Vorgehen zeige eben auch die Hilflosigkeit der Anbieter.
These 6: Das Urheberrecht hat jahrzehntelang funktioniert. Es muss nicht reformiert werden. Falsch! Eine ganz außergewöhnliche Vielfalt der Angebote habe das System des Urheberrechts in Deutschland hervorgebracht, schwärmt Michael Müller. Und er warnt sogleich vor Änderungen: „Da können wir stolz drauf sein und da sollten wir vorsichtig mit umgehen.” Auch Viola Bensinger sieht beim Urheberrecht keinen grundsätzlichen Reformbedarf, sondern lediglich die Notwendigkeit „flankierende Rechte“ der digitalen Welt anzupassen.
Beides stimmt nicht (zumal man Müller entgegen halten möchte: Die Vielfalt ist nicht dem Urheberrecht zu verdanken, sondern den Urhebern) und unterschätzt die Wucht des digitalen Wandels. Engelmann macht das mit einem banalen Beispiel deutlich: „Wir sind alle potenzielle Urheber. Schon mit einem Handyfoto, das wir bei Facebook einstellen, können wir dazu werden“, erklärt er und führt damit die Dimension des Problems vor Augen: „Früher war das Urheberrecht nur für Kulturschaffende relevant, heute regelt es Alltagshandlungen.“ Auch Antje Karin Pieper, Medienanwältin und Sprecherin des Berliner Initiativkreises öffentlich-rechtlicher Rundfunk, lässt daran keinen Zweifel. „Das Urheberrecht muss auf jeden Fall geändert werden. Das Prinzip, dass jede Nutzung einzeln abgegolten wird, wird nicht mehr funktionieren“, sagt sie. Es gelte, Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte oder geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter in Einklang zu bringen. Genau so ist es.
Durchgelesen: Franziska Gerstenberg – “Spiel mit ihr”
| Autorin | Franziska Gerstenberg |
| Titel | Spiel mit ihr |
| Verlag | Schöffling & Co. |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **** |
So ist das also. Angeblich entfremdet das Internet ja vom Leben, dem Sinnlichen, der Realität. Bei Reinhard ist es umgekehrt. Er hat sich gerade scheiden lassen, nun findet er im Netz sein wahres Ich: Pornoseiten öffnen dem 50-jährigen Anwalt die Augen über ungeahnte Spielarten der Sexualität. Auf Dating-Portalen findet er willige Frauen, mit denen er seine neu entdeckte Lust ausleben kann.
Eine davon ist Kristine, mit der Reinhard seine Erfüllung in immer neuen Rollenspielen gefunden zu haben scheint. Doch die alleinerziehende Mutter sucht nicht nur sexuelle Abenteuer, sondern auch einen Vater für ihre Tochter Emma. So wird aus der Affäre eine seltsame Dreiecksbeziehung – bis Emma verschwunden ist.
Das ist die Ausgangssituation für Spiel mit ihr, den ersten Roman von Franziska Gerstenberg. Man könnte in Versuchung geraten, der Autorin allzu geschicktes Kalkül vorzuwerfen: Nach zwei preisgekrönten Bänden mit Erzählungen wagt sie sich nun erstmals an die verkaufsträchtigste literarische Form. Und sie würzt ihr Romandebüt mit einer satten Dosis Erotik und greift zudem Trendthemen wie Pornographiesierung, Spieltheorie und Partnerbörsen auf.
Glücklicherweise ist Franziska Gerstenberg viel zu begabt, um solcherlei Verdacht lange im Raum stehen zu lassen. An keiner Stelle macht die 33-jährige Autorin den Fehler, das Konventionelle mit dem Normalen zu verwechseln. Genau deshalb kann sie selbst mit delikaten Themen wie Sado-Maso oder Kindesmissbrauch höchst sensibel umgehen. Alle Protagonisten des Romans sind faszinierend authentisch, alle werden sehr behutsam eingeführt und niemals gibt es in Spiel mit ihr eine explizite moralische Wertung – allenfalls Sympathie für alle Figuren.
Das erstaunt vor allem, weil sich hier nach und nach ein knallharter Machtkampf entwickelt. Alle Figuren in diesem Roman sind einsam, doch sie versuchen nicht, das mit Verständnis oder Wärme zu überwinden, sondern setzen auf Härte. Beim Spielen geht es ums Siegen und Besiegen – diese Idee wird hier in aller Konsequenz vor Augen geführt. Sie eint auch die seltsamen und doch nicht unrealistischen Pärchen, die es in Spiel mit ihr gleich reihenweise gibt: Reinhard will Kristine beherrschen, die will wiederum ihre Tochter im Griff haben, die Sechsjährige versucht derweil, einen seltsamen Nachbarn um den Finger zu wickeln.
Aus dieser Konstellation erwächst eine erstaunliche Spannung, die vor allem der geschickten Konstruktion des Romans zu verdanken ist: Trieb und Lust können hier jederzeit zuschlage, auch im unpassendsten Moment – mit grausamen Folgen.
Bestes Zitat: „Liebe allein ist doch eine Illusion, da fehlt die biologische Erfüllung. Sexualität löst das Versprechen ein, das man sich in einer Beziehung gibt. Nein, mehr noch: Durch die Lust wird das Versprechen erneuert.“
Diese Rezension gibt es auch bei news.de.
Obamas hollywoodreife Wahlwerbung

Der richtige Mann für die Krise - diese Botschaft vermittelt Barack Obama in seiner Wahlwerbung. Foto: http://www.whitehouse.gov
Wenn man es nüchtern betrachtet, ist es ein Rückblick, eine Chronologie. Barack Obama hat ein 17 Minuten langes Video ins Netz gestellt, eine Bilanz der wichtigsten Stationen seiner Amtszeit. Doch der selbstbewusste Ton, die beeindruckenden Bilder und die Unterstützung durch reichlich Prominenz geben ein ganz anderes Signal: Ab jetzt machen wir ernst. Während die Republikaner noch über ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl streiten, ist Barack Obama nun mit aller Macht in den Wahlkampf eingestiegen. Yes we can, noch immer – so lautet seine Kampfansage.
The Road We’ve Traveled heißt das Video, das seit Donnerstagabend im Netz steht und bereits mehr als 660.000 Mal angeschaut wurde (zum Vergleich: der aktuellste Podcast von Angela Merkel vom 2. März kommt bisher auf 308 Aufrufe). Schauspieler Tom Hanks spricht aus dem Off, Oscar-Preisträger Davis Guggenheim (Emergency Room, Alias – Die Agentin) hat Regie geführt. Ex-Präsident Bill Clinton tritt auf und lobt die Entschlusskraft des Präsidenten, eine ganze Schar von Experten macht deutlich, wie schwierig die Ausgangslage war, als Obama im Januar 2009 ins Weiße Haus einzog. «Wie ein Horrorfilm» habe sich die wirtschaftliche Situation des Landes dargestellt, sagt Politikberater David Axelrod in die Kamera. Und Tom Hanks setzt mit seiner sonoren Stimme noch einen drauf. «Kein Präsident seit Franklin D. Roosevelt hatte eine solche Last zu schultern.»
Das ist eine geschickte Strategie, um all jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die enttäuscht sind von der Amtszeit Obamas – egal, ob es seine Gegner bei der Tea Party oder seine einstigen Anhänger in der Occupy-Bewegung sind. Der Kritik stellt der Film eine ganze Reihe von Erfolgen gegenüber: In der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt geht es bergauf, Amerika ist raus aus dem Irak, hat sich Osama Bin Ladens entledigt und ist wieder beliebt in der Welt. Vielleicht das größte Zeichen von Stärke: Der Friedensnobelpreis, den Obama im Dezember 2009 erhielt, wird nicht einmal erwähnt.
Vor allem aber verbreitet The Road We’ve Traveled eine andere Aussage: Auch wenn er nicht rundum erfolgreich war – Obama ist der richtige Mann für die Krise. Der Präsident wird nicht zum Messias gemacht, die Stimmung des Films ist eher demütig als großkotzig. Immer wieder ist der US-Präsident mit ernster Miene zu sehen, nachdenklich, unverkennbar gezeichnet von der Last der Verantwortung. Gerne wird er ganz allein gezeigt, am Schreibtisch im Oval Office, in Gedanken versunken am Fenster, schweigend an der Gedenkstätte für die Opfer des 11. September. Hier ist ein Entscheider, ein Führer, ein Vordenker – das ist die Botschaft dieser Bilder.
Weil in dem Kurzfilm auch eine gute Dosis Hollywood steckt, kommen auch die Gefühle und das Private nicht zu kurz. Es gibt wehende Fahnen und strahlende Gesichter, Obama küsst Babies und begrüßt mit brüchiger Stimme die letzten Soldaten, die aus dem Irak zurückkehren zu ihren Familien. Der Präsident erzählt von seinen Großeltern, die ihm von den harten Zeiten der Great Depression berichtet haben. Von seiner Mutter, die an Krebs erkrankte und mangels einer brauchbaren Krankenversicherung danach ruiniert war. Und als es um ein Obama-Gesetz geht, dass Frauen künftig den gleichen Lohn für gleiche Arbeit wie Männern zugestehen soll, sind seine Töchter Sasha und Malia eingeblendet, liebevoll umarmt vom Papa.
Der spannendste Moment des Videos kommt nach gut fünf Minuten: Da gibt es in The Road We’ve Traveled einen unverhohlenen Seitenhieb auf Mitt Romney. Der hatte die US-Autoindustrie bereits abgeschrieben, als sie am Boden lag. Obama hingegen setzte damals Hilfskredite durch, inzwischen machen die Hersteller wieder gute Geschäfte. Es ist eine kleine Anekdote, die aber erkennen lässt, wen Obama für seinen gefährlichsten Gegner hält. Romney hat übrigens auch einen eigenen YouTube-Channel: Dort muss er aber erst einmal gegen Rick Santorum wettern, bevor er sich Obama widmen kann.
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Der kritische Blick: SOPA geht zu weit
Ein Tag ohne Wikipedia? Dass uns dieses Szenario vielleicht nicht unvorstellbar, aber immerhin doch sehr ärgerlich und unbequem erscheint, ist der beste Beweis dafür, wie tief das Internet inzwischen in unsere Lebensumstände eingedrungen und wie weitreichend der Wandel ist, den es ausgelöst hat. Manche wollen das allerdings nach wie vor nicht begreifen, und genau gegen diese Gruppe protestiert die englische Wikipedia-Seite heute, indem sie einen Tag lang keine Inhalte bietet. Dem Protest gegen eine drohende Internetzensur in den USA haben sich viele andere Seiten angeschlossen. Auch ich meine: Der Stop Online Piracy Act (SOPA) bedroht die Freiheit im Netz. Raubkopien kann man schließlich auch ohne neues Gesetz bestrafen.
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Der kritische Blick: Die GEZ ist Schwachsinn
Jeder Haushalt muss ab 2013 seinen Beitrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk leisten. Das haben die Ministerpräsidenten mit dem neuen Rundfunkstaatsvertrag gerade beschlossen. Die Haushaltsabgabe ersetzt die bisherige GEZ-Gebühr. Damit werden die letzten Schlupflöcher im System gestopft. Das wäre an sich gar nicht schlimm, denn ein guter öffentlich-rechtlicher Rundfunk kann sehr wichtig für eine demokratische Gesellschaft sein.
Das Problem ist nur: ARD und ZDF sind bei weiten nicht so anspruchsvoll, innovativ oder erfolgreich, wie sie gerne tun. Trotzdem fließen pro Jahr mehr als 7 Milliarden Euro an die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Ich meine: Dass ihnen jetzt mit der neuen Regelung ein Freibrief ausgestellt wird, ist Schwachsinn.
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Hingehört: Crash Conspiracy – “Forward Rewind”
| Künstler | Crash Conspiracy |
| Album | <> (Forward Rewind) |
| Label | IME |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
Eigentlich hätte diese Erklärung schon genügt, um für einige Aufmerksamkeit zu sorgen: Crash Conspiracy sind die neue Band von Aydo Abay, ehemals Sänger von Blackmail. Ein Ex-Rocker macht also auf Electro? So einfach wollte es sich der Mann, der das einzig feste Mitglied von Crash Conspiracy ist, dann wohl doch nicht machen. Und deshalb ist die Erklärung, was sich nun genau hinter Crash Conspiracy verbirgt, ein bisschen schwieriger geworden. Und spannender.
Denn im Prinzip ist diese Band bloß virtuell, eine Vision aus der Zukunft. Crash Conspiracy sorgen für die Musik in Alpha 0.7 – Der Feind in Dir, einem Fersehexperiment von Sebastian Büttner und Oliver Hohengarten. Sie betrachten darin die Entwicklung weg von der Privatsphäre und hin zum Überwachungsstaat im Jahr 2017 und entwerfen dazu eine Zukunftsidee, zu der auch Radioprogramme und Internetaktionen gehören. Und Crash Conspiracy als Band aus dem Film, die mit dem Album <> (was sie wohl Forward Rewind nennen, wenn sie darüber sprechen) wie einst die Hansen Band nun quasi den Sprung von der Leinwand ins echte Leben macht.
“Das Thema war noch nie so aktuell, gleichzeitig aber auch noch nie so diffus. Es ist ein schleichender Vorgang, die Dinge gleiten ab. Es ist nicht greifbar, aber man fühlt, dass es nicht gut ist”, sagt Aydo über den Kampf zwischen Datenschutz und Sicherheitswahn. Er hat mit verschiedenen Mitstreitern (unter anderem Simon Werle von Werle & Stankowski) versucht, dafür eine Entsprechung im Sound zu finden. Aydo selbst beschreibt das Ergebnis ganz treffend: “Die Platte ist von Vorstellungen inspiriert, die man sich als Kind von der Zukunft gemacht hat. Sie hat eine gewisse Buck-Rogers-Ästhetik, ist aber auch voll von 1980er-Synths, die wir zu integrieren versucht haben. Eigentlich ist da alles zusammengefügt, was die Vergangenheit so zu bieten hat. Das Neue gibt es ja in dem Sinne nicht, und 2017 schon gar nicht.”
Wenn die sechsteilige Fernsehserie nur halb so gelungen ist wie diese Platte, dann dürfte das ein durchaus erstaunliches TV-Ereignis sein. Denn Forward Rewind ist mutig und modern, voller Ambition und Abwechslung.
Das beweist schon Protester, der erste Song (nach einem Noise-Intro mit Störgeräuschen und einer gespenstischen Keyboardmelodie): Stimme, Gitarre und Schlagzeug bleiben ganz sanft, sodass man sich schon im Lande Notwist wähnt. Doch irgendwo im Sound ist da auch ein fieses Röcheln – und tatsächlich auch eine Blaskapelle, die für einen erstaunlich satten Bass sorgt.
Diese Richtung erkundet Sleeplab dann ohne jegliche Schüchternheit weiter. Der Gesang ist plötzlich verzerrt, der Beat könnte von den Chemical Brothers oder Underworld stammen. Monotype gerät dagegen fast konventionell: Ein forscher Beat, eine robuste Piano-Figur à la Coldplay und der Gesang von Aydo Abay durchaus in der Nähe von Placebos Brian Molko.
So geht es weiter durch die Charts des Jahres 2017: Der Geist von Brian Eno schaut kurz vorbei (2014), sehnsüchtiger, etwas melancholischer Pop im Stile von beispielsweise Roman Fischer ist gefragt (Wright), die Pet Shop Boys sind noch immer eine gewichtige Referenz (The Escapist). Protest-Hymnen klingen wie kaputte Kinderlieder (Moonlit), und eine gute Dosis Zweifel mit einer kleinen Prise Aggressivität ergibt noch immer eine extrem spannende Kombination (Everything).
Das Beste an Forward Rewind ist eigentlich: Ohne die Idee zu Alpha 0.7 wäre diese Platte nie entstanden. Doch nun ist die Musik stark genug, dass sie diesen Kontext eigentlich gar nicht braucht. Zumindest, was die Musik angeht, scheint zu gelten: Man darf sich freuen auf 2017.
Ehrensache: Der Chor für das fesselnde Moonlit wurde natürlich im Netz gecastet. Und das Ballett bleibt hübsch anonym:
Crash Conspiracy sind nicht bei MySpace, haben dafür aber eine sehr spannende eigene Homepage.




