Hingehört: Foxygen – “We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic”
| Künstler | Foxygen |
| Album | We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic |
| Label | Jagjaguwar |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | **** |
We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic heißt das zweite Album von Foxygen. Der entscheidende Bestandteil dabei ist “21st century”. Denn dass dieses kalifornische Duo, bestehend aus Sam France und Jonathan Rado, in der Gegenwart zuhause ist, mag man im Angesicht dieser Platte kaum glauben.
In The Darkness, der erste von neun Titeln, vereint eine Sgt. Pepper-Trompete mit einem Come Together-Beat und einem Lady Madonna-Klavier. Die Beatles, also. No Destruction klingt, als wäre Lou Reed der neue Sänger von Creedence Clearwater Revival, der sich dann kurz vor Schluss allerdings in Bob Dylan verwandelt.
Freilich ist das Duo, das schon seit 2005 zusammen musiziert, weit davon entfernt, bloß den Helden von einst nachzueifern. Das von ihrem Entdecker Richard Swift (unter anderem Damien Jurado) produzierte We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic klingt zwar retro, aber dennoch abenteuerlustig. Das Hören dieser Platte ist wie das Anschauen von alten Science-Fiction-Filmen, in denen man sehen kann, wie sich die Menschen vor zwei Generationen das Jahr 2013 vorgestellt haben.
Das instrumentale Bowling Trophies belegt das am besten: Ein Track mit Motorengeräuschen, Stimmeffekten und schrägen Bläsern wäre 1968 sicher futuristisch gewesen. Auch der seltsame Funk von Oh Yeah passt in diese Richtung: So etwas käme wohl heraus, wenn sich Beck mit MGMT zusammengetan hätte. Der komplexe Titeltrack nimmt einen patentierten Velvet-Underground-Sound als Grundlage, setzt aber reichlich Punk-Power und Irrwitz à la Ween obendrauf.
Dazu passt, dass Sam und Jonathan angeblich davon ausgehen, all ihre Ideen kämen in Wirklichkeit von kosmischen Wesen, und sie selbst dienten lediglich als Medium. Solche Theorien glaubt man sofort, wenn man den Rausschmeißer Oh No 2 hört, der am Beginn noch verträumt ist, dann aber völlig durchgeknallt. Oder das forsche On Blue Mountain, in dessen Strophe Mick Jagger erst schlimme Qualen zu erleiden scheint, um dann auf einen richtig miesen Trip zu geraten.
Der eindeutigste Einfluss sind allerdings die Kinks. Die Stimme von Jonathan Rado erinnert nicht nur an Ray Davies. Foxygen bieten in ihren Texten wiederholt auch deren lakonischen Witz. „She don’t love me / that’s news to me“, heißt die zentrale Zeile in der wunderhübschen Single Shuggie. Auch San Francisco könnte mit seinem feinen Wortspiel im Refrain (und dem Call-and-Response-Gesang, der von Flöten und Glockenspiel begleitet wird) gut zu den Kinks passen.
All das ist getragen von großer Lust auf Psychedelik und einer beeindruckenden Musikalität, die zugleich für Eingängigkeit und Abwechslung sorgt. Foxygen machen Pop für Leute, die Pop nicht mit Eindimensionalität gleichsetzen.
Das Video zu San Francisco, stilecht mit Sonne und Batikhemden:
Hingehört: Jake Bugg – “Jake Bugg”
| Künstler | Jake Bugg |
| Album | Jake Bugg |
| Label | Mercury |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **** |
“Das am besten gehütete Geheimnis Liverpools.” (Noel Gallagher über The Stands)
“Absolut genial.” (Noel Gallagher über Secret Machines)
“Verdammt gut.” (Noel Gallagher über The Futureheads)
“Sie sind was Besonderes, Mann.” (Noel Gallagher über The Thieves)
“Besser als wir.” (Noel Gallagher über Cast und Ocean Colour Scene).
Das ist eine ziemlich erstaunliche Liste. Sie zeigt erstens, dass Noel Gallagher (von dem alle immer denken, er finde in erster Linie sich selbst großartig) viel öfter Lob verteilt, als man gemeinhin annimmt. Sie zeigt zweitens, dass Noel Gallagher (der zweifellos etwas von guter Musik versteht) nicht besonders gut darin ist, das nächste große Ding vorherzusagen.
Bands wie The Stands, Cast oder The Thieves kennt heute quasi nur noch die Putzfrau, die jeden Abend die Exponate im Britpopmuseum abstauben muss. Keine dieser Gruppen hat irgendeine nachhaltige Relevanz erlangt, und der Rückenwind aus dem Mund von Noel G war daran womöglich sogar mit Schuld.
“Das ist die Zukunft der Musik – als würde Bob Dylan auf die Arctic Monkeys treffen”, sagt Noel Gallagher nun über Jake Bugg. Und er wird froh sein, dass er endlich einmal richtig liegt: Ganz England feiert den Wunderknaben aus Nottingham. Die Stone Roses (und auch Noel selbst) haben ihn fürs Vorprogramm engagiert, der NME verehrt ihn als einen „frighteningly talented songwriter“, das Debütalbum stieg Ende Oktober direkt auf Platz 1 der UK-Charts ein. Jetzt kommt Jake Bugg auch in Deutschland raus.
Mindestens ebenso erstaunlich wie die Zitatliste am Beginn dieses Textes ist die Art und Weise, wie der 18-Jährige damit umgeht. „Ich glaube, Noel hat sie [Jake Buggs Lieder] einfach gehört und ihm haben sie gefallen“, lautet sein Kommentar dazu, dass der beste britische Songwriter der vergangenen 20 Jahre liebend gerne den Mentor für ihn spielt. Auch für seinen Erfolg in den Charts hat er eine äußerst unprätentiöse Erklärung: „Ich gebe zwar nicht besonders viel auf Lob und Komplimente. Aber in der Regel kommen die Leute nach den Konzerten zu mir und sagen, dass sie den Sound einfach erfrischend finden. Keine Ahnung, aber scheinbar ist es doch so, dass Gitarrenmusik immer dann zurückkommt, wenn irgendwer sie gerade mal wieder für tot erklärt hat. Die Leute sind einfach hungrig nach diesem Sound. Und ich hoffe, dass noch mehr Leute mal wieder eine Gitarre in die Hand nehmen, anstatt immer nur mit Synthesizern rumzuhantieren.“
Diese Aussagen zeugen nicht nur von einer wunderbaren Bodenständigkeit, sondern weisen auch schon den Weg zur wichtigsten Eigenschaft im Sound von Jake Bugg: Er ist auf der Suche nach dem Kern, dem Ursprung von Rock – sowohl emotional als auch historisch. Als seine wichtigsten Einflüsse zählt er Bob Dylan, die Beatles und Jimi Hendrix auf, und er sagt von sich: „Ich wäre sehr gern in den 60ern geboren worden, das wäre meine Zeit gewesen.“
Dieser Wunsch könnte auf diesem Debütalbum kaum präsenter sein: Einige der Songs klingen, als hätten sie schon 30 Jahre auf dem Buckel gehabt, als Bob Dylan seine erste Platte gemacht hat. Die Leidenschaft von Someplace (übrigens eines der ersten Lieder überhaupt, die Jake Bugg komponierte, im zarten Alter von 14 Jahren) ist so universell, dass der Track genauso gut ein halbes Jahrhundert alt sein könnte. Simple As This könnte aus dem Repertoire der Everly Brothers stammen, Note To Self könnte man sich problemlos auch von Simon & Garfunkel vorstellen. Das denkbar reduzierte Fire (nur Gesang und Gitarre, mehr braucht es auch nicht) baut zwar die Melodie von Kylies Can’t Get You Out Off My Head ein, scheint aber aus einem Grammophon zu kommen, von einer Schellack-Platte.
Auch wenn viele der Referenzpunkte weit zurück weisen, hat die Platte doch genug Aktualität, um nicht zur Pastiche zu werden: Im rasanten Lightning Bolt am Beginn der Platte ist die Gitarre zugleich auch Rhythmusinstrument, dazu kommt halbgenuschelter Sprechgesang – und natürlich muss man da an Bob Dylan denken (oder an Oasis, wenn sie mit Tracks wie Mucky Fingers versucht haben, sich in einen fünfköpfigen Elvis zu verwandeln). Taste It ist schöner Radau, wie ihn die frühen Rolling Stones geliebt haben (oder wie Black Rebel Motorcycle Club ihm in den kraftvollen Momenten von Howl nachgespürt haben). Broken hat eine opulente Melodieführung, wie sie Buddy Holly geliebt hätte (oder wie Lana Del Rey sie unlängst wieder salonfähig gemacht hat). Slide ist toll gesungen und herrlich arrangiert wie ein Donovan-Song (oder wie es The Verve in ihren besten Momenten geglückt ist).
Das Famose an Jake Bugg ist: Seine Lieder klingen nicht wie irgendwelche Stücke seiner Vorbilder, sondern oft genug wie deren beste Momente. Two Fingers, das in Deutschland als seine Debütsingle fungiert, ist ein grandioser Beweis dafür. Mit „I drink to remember / I smoke to forget“ gibt es einen unwiderstehlichen Einstieg, dann einen Monsterrefrain von Monkees-Ausmaßen, und dazu ein Thema, das sich immer wieder in diesen Stücken findet: „Scheiß drauf“, heißt die Attitüde. „Alles, was nervt am Leben, kann mich mal.“ Aber auch: „Das wird schon, irgendwie.“
Viele der Tracks handeln von einer Jugend ohne große Illusionen, in der es trotzdem niemals eine Option ist, den Glauben an Gerechtigkeit, Träume oder Liebe zu verlieren. Sie handeln „von meinem damaligen Leben, davon, wie mir… so vieles echt scheißegal war“, sagt Jake Bugg. „Ich bin nicht gerade besonders gut darin, das alles genau aufzudröseln, aber sie alle basieren auf persönlichen Erfahrungen. Wenn ich Texte schreibe, versuche ich ehrlich gesagt gar nicht so viel darüber nachzudenken; besser ist es doch, wenn man das alles einfach so aus sich heraussprudeln lässt.“
So wird Seen It All zu einer Momentaufnahme mitten aus dem Leben des jugendlichen Leichtsinns, wie es sonst allenfalls die Arctic Monkeys hinbekommen. Trouble Town, das im UK die Debütsingle von Jake Bugg war, beginnt mit einem Zweizeiler, der ebenfalls locker Alex-Turner-Niveau erreicht: „Stuck in speed bump city where the only thing that’s pretty / is the thought of getting out.” Der akustische Country Song verströmt einen wunderbar zarten Weltschmerz.
Dass hier mit Iain Archer (ehemals bei Snow Patrol), Matt Prime (unter anderem als Songwriter für Will Young und Saint Etienne tätig) und Crispin Hunt (der schon Material für Ellie Goulding, Florence & The Machine oder Natalie Imbruglia beigesteuert hat) auch ein paar alte Hasen als Co-Autoren mit am Werk waren, macht dieses Debüt kein bisschen weniger beeindruckend. Denn schon bald dürfte es eine Menge Songwriter geben, die von Jake Bugg lernen werden.
Das Video zu Lightning Bolt beweist: Jake Bugg klingt nicht nur nach Sixties, sondern sieht auch aus wie der junge Keith Richards:
Im März gibt es Jake Bugg live in Deutschland:
02.03.2013 Frankfurt am Main, Zoom
07.03.2013 Köln, Luxor
12.03.2013 Hamburg, Knust
18.03.2013 Berlin, Kleiner Postbahnhof
19.03.2013 München, Strom
Hingehört: The Rolling Stones – “Grrr”
| Künstler | The Rolling Stones |
| Album | Grrr |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **** |
Er wäre begeistert von Computern und würde sicher elektronische Musik machen. Das antwortete Yoko Ono vor zwei Jahren, als sie aus Anlass des 70. Geburtstags von John Lennon gefragt wurde, welche Musik ihr 1980 erschossener Mann wohl heutzutage machen würde. Sean Lennon, der gemeinsame Sohn des Paares, hatte eine andere Prognose: „In seiner Plattensammlung war nur Rock’N’Roll. Keine einzige Platte, die nach dem zweiten Album von Elvis erschienen ist. Er würde definitiv immer noch Rock’N’Roll machen.“
Erstaunlicherweise hinterfragte keiner von beiden, ob John Lennon heute überhaupt noch Musik machen würde, wäre er noch am Leben. Das ist vor allem deshalb überraschend, weil 70-jährige Rockstars unvorstellbar waren, als Lennon seine Erfolge mit den Beatles feierte – und auch dann noch wie eine absurde Vorstellung wirken mussten, als er in New York erschossen wurde.
Rockmusik wurde von vielen in ihren Anfangstagen für eine kurzlebige Mode gehalten, und auch als die Beatles ebenso wie die Rolling Stones und viele andere längst das Gegenteil bewiesen hatten, war sie weiterhin der Ausdruck von Revolte, Sex, Kraft – nicht gerade Begriffe, die man mit Senioren assoziiert. Ein Mann im Rentenalter in engen Jeans, mit offenem Hemd und in Posen, als hätte er Fellatio höchstpersönlich erfunden, wäre für eine ziemlich lange Phase der Menschheitsgeschichte undenkbar gewesen. Time Is On My Side, sangen die Stones zwar schon 1964 und bewiesen damit quasi prophetische Qualitäten. Aber den Ausblick, auch im Jahr 2012 noch in einer Band zu sein und auf der Bühne zu stehen, hätten sie damals wohl selbst als komplett lächerlich empfunden.
Dass das heute anders ist, dafür haben sie ganz und gar selbst gesorgt. Im 50. Jahr ihres Bestehens gelten die Rolling Stones noch immer als die Verkörperung des Rock’N’Roll-Lebensstils, als unantastbar und unkaputtbar. Ihr Jubiläum feiern sie entsprechend gebührend: mit Grrr, das 50 Lieder aus ihrer Karriere auf drei CDs versammelt (außerdem gibt es Grrr auch als 4-CD-Super-Deluxe-Version mit 80 Tracks, als Fünffachvinyl mit 50 Tracks und als Limited-Super-Deluxe-Edition, die fünf CDs, reichlich 7“-Vinyl, ein Buch und ein Tourposter enthält).
Man kann sich natürlich fragen, wer nach Jump Back, Forty Licks, Hot Rocks oder Story Of The Stones noch eine Compilation mit den größten Hits der Rolling Stones braucht. In der Tat haben die Stones jetzt ziemlich genau doppelt so viele „Best Of“-Alben veröffentlicht wie die Beatles während ihres Bestehens überhaupt Studioalben zustande gebracht haben (24:12 lautet das Verhältnis nach meiner Zählung).
Aber immerhin gibt es diesmal mit dem 50. Jubiläum einen würdigen Anlass, und zudem wird niemand meckern, wenn Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood wieder einmal den Beweis für die Klasse und Einzigartigkeit ihrer Band antreten. Grrr vereint ihre Monsterhits, relevante Albumtracks und eher Ungewöhnliches (Waiting On A Friend, She Was Hot oder Doo Doo Doo Doo Doo hätten wohl nicht viele zu den 50 ultimativen Songs in der Karriere der Stones gezählt). Trotzdem gelingt es wunderbar, mit dieser Auswahl nachzuzeichnen, wie die Engländer von Epigonen zu Ikonen wurden. Am Beginn ihrer Karriere eiferten sie reichlich ihren US-Helden und versuchten sich gerne an Chuck-Berry-Covers wie der Debütsingle Come On, später produzierten sie massenweise Songs, die Hymnen und Klassiker geworden sind, auch ohne jemals ein Singlehit gewesen zu sein wie Sympathy For The Devil, Play With Fire, Wild Horses oder You Can’t Always Get What You Want.
Zudem gibt es zwei neuer Lieder, eingespielt mit Don Was in Paris, wo die Band erstmals seit den Aufnahmen für A Bigger Bang vor sieben Jahren wieder im Studio vereint war: Doom And Gloom ist ein erdiger und kraftvoller Rocker, dem man in keinem Moment anhört, dass hier knapp 70-Jährige am Werk sind. Das eher gebremste One More Shot ist fast noch erstaunlicher, denn da klingen die Rolling Stones plötzlich, als wären sie tief in ihrem Herzen lieber wieder eine Kneipenband als eine Rockinstitution, Stadionattraktion und die vierköpfige Verkörperung eines „Triumphzugs von Macht, Kraft, Perversion, Liebe, Sex, Drogen und Rock’N’Roll“, wie US-Journalist Edi Schwager die Band 1972 beschrieben hat.
Grrr hat noch zwei erstaunliche Effekte: Wenn man bedenkt, wie schnell die Rolling Stones das Image als Rabauken verpasst bekamen und wie dankbar sie es von Anfang an pflegten, dann klingen einige der frühesten Songs heute erstaunlich brav. Und letztlich zeigen diese drei CDs, worin die größte Leistung der Rolling Stones besteht, neben einem ganzen Sack voller fantastischer Songs: Sie sind der ultimative Beweis für die (nicht nur biologische) Überlebensfähigkeit des Rock’N’Roll.
Sie haben es wohl schon immer gewusst: Die Rolling Stones spielen Time Is On My Side live 1981, schon damals mit putzigen Rückblicken:
Draufgeschaut: Zabriskie Point
| Film | Zabriskie Point |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1970 |
| Spielzeit | 107 Minuten |
| Regie | Michelangelo Antonioni |
| Hauptdarsteller | Mark Frechette, Daria Halprin, Rod Taylor |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Mit einem Streik kämpfen die Studenten an der Universität von Los Angeles für mehr Mitbestimmung. Doch Mark geht all das nicht schnell genug. Er kritisiert die Halbherzigkeit seiner Altersgenossen, das Verharren in Debatten und die Mutlosigkeit im Kampf gegen Autoritäten. Als mehrere seiner Freunde Opfer von Polizeigewalt werden, ist das Maß für ihn voll: Mark erschießt einen Polizisten, stiehlt dann ein Sportflugzeug und flieht damit in Richtung Wüste. Dort trifft er auf Daria, eine Sekretärin, die auf dem Weg zu einer Konferenz in Phoenix ist. Sie ist fasziniert vom Freigeist, den Mark vorlebt. Am Zabriskie Point, einem Aussichtspunkt mitten in der Wüste, entdeckt auch sie, dass sie gerne aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen möchte.
Das sagt shitesite:
Die Handlung von Zabriskie Point wirkt nicht nur auf dem Papier verworren, doch sie ist für diesen Film letztlich zweitrangig. Viel wichtiger sind hier zum einen die Musik (unter anderem von Pink Floyd, Grateful Dead und den Rolling Stones) und zum anderen die Ästhetik.
Michelangelo Antonioni will zugleich den amerikanischen Konsumwahn vor Augen führen und die passenden Bilder für die Hippie-Ideale finden, die an seine Stelle treten sollen. Für Ersteres setzt er auf die Omnipräsenz von Werbetafeln, thematisiert Verkehrsinfarkt, Smog und das gnadenlose Ausschlachten der Natur, für Letzteres findet er eine ganz eigene Form mit fantastischen Elementen und Zitaten aus der Trash-Kultur. Das Ergebnis ist nicht besonders konsistent in der Handlung, aber höchst reizvoll in den filmischen Mitteln.
Die Protagonisten sehnen sich danach, auszubrechen und fliehen aus einer bedrückenden Welt voller Materialismus, Rassismus, Sexismus und Gewalt notfalls mittels Drogen ins Reich der Fantasie. Genau für diesen Geist findet Zabriskie Point eine wunderbare Form. Der Film lebt in seiner Ästhetik genau die Kompromisslosigkeit vor, die er mit seiner Botschaft einfordert: Auf eine Orgie der Debatten zum Beginn lässt Antonioni in der Wüste eine Orgie der körperlichen Liebe und am Ende eine Orgie der Gewalt folgen, die fast malerische Qualität annimmt.
Rückblickend betrachtet ist es höchst bemerkenswert, wie weitblickend Zabriskie Point mit seiner Diagnose von Verfall und Größenwahn war. Aus deutscher Perspektive gibt es noch eine erstaunliche Erkenntnis: Man brauchte in den späten 1960er Jahren gar nicht das Nazi-Erbe, um gegen die Zustände, die Autoritäten, den Mief und die Arroganz der älteren Generation aufzubegehren.
Bestes Zitat:
“Ein weißer Radikaler ist eine Mischung aus Scheiße und Gewäsch.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Tribes – “Baby”
| Künstler | Tribes |
| Album | Baby |
| Label | Island |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
1, 2, 3, 4. Dann ein markerschütternder Schlagzeugwirbel und ein Gitarreninferno. Dann eine Strophe, die so ungestüm und frisch klingt, dass man sofort noch einmal nachrechnen will, wie lang das jetzt noch einmal genau her ist mit Alright und Supergrass (knapp 17 Jahre, ergibt das Nachrechnen). Dann ein Refrain, in dem sich „young“ auf „fun“ reimt. So klingt When My Day Comes, und der Song kann als Manifest dienen für den Sound, das Credo, das Lebensgefühl von Tribes.
Das Quartett aus Camden legt mit dem am Freitag erschienenen Baby ein Debüt vor, das die vier Buchstaben „R-O-C-K“ so stolz vor sich herträgt als wäre Billy Idol der Premierminister und die Lederjacke die offizielle britische Schuluniform. Es ist eine dieser Platten, bei denen man tatsächlich Lust bekommt, Schlagzeug zu lernen, oder die Gitarre wieder einmal rauszuholen oder in jedem Fall sofort einen ganzen Collegeblock mit möglichen Namen vollkritzeln für die Band, die man morgen gründen wird.
Wer das altmodisch findet, wird in den schwächsten Momenten von Baby durchaus bestätigt. Himalaya beispielsweise probt die große Geste samt „ohoho“-Chor und klingt am Anfang noch wie ein Bryan-Ferry-Schauermärchen. Dann bleibt der Rest aber hohl, und die wiederholt gestellte Frage „Does it move you / the state I’m in?“, muss man eindeutig mit „Nein“ beantworten. Auch Nightdriving ist viel zu konventionell und durchschaubar.
Aber Johnny Lloyd (Gesang, Gitarre), Dan White (Gitarre), Miguel Demelo (Schlagzeug) und Jim Cratchley (Bass) haben keinerlei Problem damit, nicht modern zu sein. Sie benennen völlig freiwillig Nirvana und REM als wichtige Einflüsse. Als sie im April 2011 ihre erste EP We Were Children veröffentlichten und dazu ein Video drehten, da filmten sie ganz selbstverständlich ihren eigenen Auftritt auf dem Dach eines Hauses. Sie waren mit den Kooks auf Tour, demnächst sind sie als Vorgruppe der Kaiser Chiefs zu sehen, und das ist genau das richtige Umfeld für Tribes, denen Refrains offensichtlich wichtiger sind als Coolness.
Baby beginnt trotzdem (nach einem Sound, der so klingt, als würden Tribes ihre Knochen strecken und die Muskeln lockern) sehr cool, erst knapp vor der Mitte wird der Opener Whenever richtig leidenschaftlich. Dafür klingt das folgende We Were Children (das ebenso wie das eingangs erwähnte When My Day Comes schon zuvor auf EP erschienen ist) von Anfang an wie ein Glaubensbekenntnis. Es braucht nicht viel Fantasie, und man kann eine ganze Arena mitsingen hören: „Unknown stranger, you’re just like me / these things happen, we were children in the mid-90s“.
Der Track zeigt die größte Stärke von Tribes: Wenn sie ein bisschen Tempo rausnehmen, sind die Songs auf Baby am besten. Corner Of An English Field ist so ein Fall, leicht melancholisch, mit reichlich Grandezza und toller Melodie wie die Balladen von Ash. Halfway Home wird dann noch ein wenig zarter und hat all die Beiläufigkeit (und den Klassizismus), die die Kooks oder die Courteeners in ihren besten Momenten einzufangen vermögen. Alone Or With Friends klingt dann dank seiner zwölfsaitigen Gitarre, LSD-Lyrik (mit all den üblichen Metaphern von Engeln und Donner, dem Universum und einer Symphonie) und dem seltsamen Stimm-Effekt verdammt nach Seventies. Der Refrain wäre selbst für Oasis, Aerosmith oder, jawohl, Barclay James Harvest nicht zu groß.
Die Single Sappho hingegen könnte nicht mehr Rock sein, wenn sie in alte Socken von Keith Richards eingewickelt wäre und nur gemeinsam mit einer Urinprobe von Jet verkauft würde. Das Schlagzeug am Anfang von Walking In The Street ist wohl das Virtuoseste, was Baby zu bieten hat, und auch dieses Lied hat wieder einen Refrain, zu dem sich betrunkene Männer wunderbar in den Armen liegen können. Der Rausschmeißer Bad Apple beweist, dass Tribes auch nichts gegen ein bisschen Pathos haben, sodass etwas Ähnliches wie eine Guns’N’Roses-Ballade dabei herauskommt.
Egal, wie oft man Baby hört: Man kann sich voll und ganz dem Urteil anschließen, das Paul Lester im Guardian gefällt hat, als er Tribes vor einem guten Jahr vorgestellt hat: „Most likely to: Entertain us. Least likely to: Change rock music forever.”
Direkt aus dem Tour-Kleinbus: Auch mit dieser Akustik-Performance von We Were Children sind Tribes ganz und gar Rock:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Hingehört: Vetiver – “The Errant Charm”
| Künstler | Vetiver |
| Album | The Errant Charm |
| Label | Bella Union |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
„When is this old world gonna treat me kind?“, fragt sich Andy Cabic in, wie passend, Wonder Why. Diese Zeile aus dem siebten Song von The Errant Charm ist durchaus typisch für die Herangehensweise von Vetiver. Die Band aus San Francisco macht, böse formuliert, Musik für Heulsusen. Oder aber, wohlmeinend formuliert, die perfekte Untermalung für einen Nachmittag im Herbst.
The Durutti Column, Fleetwood Mac, Erik Satie und Yo La Tengo nennt das Presse-Info als Einflüsse auf The Errant Charm, das fünfte Album von Vetiver. Leichter wird ihr Sound erkennbar, wenn man weiß, dass das Quartett beispielsweise schon als Vorband für Devendra Banhart und Joanna Newsom auf der Bühne stand.
Entsprechend ruhig geht es los. Die Stimme von Andy Cabic, der auch alle Songs bei Vetiver schreibt, erinnert immer wieder an eine noch schüchternere Version von Ben Kweller und ist im Opener It’s Beyond Me fast nur geflüstert. Auch für den Rest des Albums gibt es ganz viel Simon & Garfunkel-Zartheit. Auf Politur legen Vetiver hingegen offensichtlich wenig Wert: Manches auf The Errant Charm klingt fast noch wie ein Demo.
Was es dafür gibt, ist eine immer wieder auszumachende Liebe zur Gitarre. Cabic und Produzent Thom Monahan (der auch schon für alle vorherigen Vetiver-Alben verantwortlich war) haben diesmal nicht mit fertigen Kompositionen gearbeitet, sondern im Studio mit Ideen und Versatzstücken gespielt und daraus dann die Songs gemacht. So hört man dem Album immer wieder an, wie fasziniert die Macher von einem strahlenden Picking, einem einzelnen Ton oder auch einem Effekt (wie der Smiths-Referenz in Can’t You Tell) waren.
Das zweite dominierende Element sind alte Keyboards und noch ältere Drum Machines. Sie sorgen dafür, dass The Errant Charm nach einem ganz langen Anlauf nicht nur Zauber, sondern dann doch auch Schwung entwickelt, zumindest in der Dimension, wie sie auch Belle & Sebastian erreichen, ohne ins Schwitzen zu kommen. Eine Orgel und leichte Reggae-Anleihen sorgen im besagten Can’t You Tell für Sommerstimmung, Hard To Break und Fog Emotion setzen danach auf lateinamerikanische Rhythmen.
Mit Right Away, pünktlich zur zweiten Hälfte der Platte, beweisen Vetiver erstmals so etwas wie Punch, auch wenn es eher ein Wattebäuschchen-Punch ist. Wonder Why wagt sich anschließend noch ein Stückchen weiter in Richtung Rock’N’Roll. Ride, Ride, Ride kommt dann sogar an diesem Ziel an: Das Lied ist klassischer Bluesrock, aber so langsam und schlapp, wie ihn die Rolling Stones in ihrem Alter eigentlich mittlerweile spielen müssten.
Mit dem schwebenden Faint Praise und dem mysteriös-stoischen Rausschmeißer Soft Glass findet The Errant Charm dann aber doch zurück in ruhiges Fahrwasser. Andy Cabic vergleicht das Album übrigens sehr passend mit einer kleinen Wanderung und empfiehlt, The Errant Charm am besten bei einem Spaziergang zu hören. Nicht der schlechteste Tip.
Vetiver sind so schüchtern, dass sie sich am liebsten komplett hinter den Mikros verstecken würden, wie dieser Mitschnitt von Wonder Why bei Radio Eins beweist:
Hingehört: The Rifles – “Freedom Run”
| Künstler | The Rifles |
| Album | Freedom Run |
| Label | Right Hook Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Runderneuert treten The Rifles auf ihrem dritten Album an. Joel Stoker und Luke Crowther sind nach wie vor die Köpfe des Quintetts aus London. Doch vom Rest der Gründungsformation ist auf Freedom Run niemand mehr übrig.
Das personelle Update hat der Band hörbar gut getan: Freedom Run klingt durchweg so frisch und energisch, als hätten sich die Rifles seit ihrem letzten Album Great Escape (2009) ausschließlich von Red Bull ernährt. Vom ersten Song an ist Freedom Run einnehmend und kurzweilig.
„Give me a friend with a heart that beats“, fordert Dreamer, besagter erster Song. Dazu gibt es den ersten von vielen Refrains mit so viel Klasse, wie das sonst nur Mumm-Ra oder die Kooks hinbekommen. Long Walk Back entwickelt rund um ein eingängiges Piano-Riff, eine Akustikgitarre und Handclaps eine Atmosphäre voller Unschuld und Ungeduld.
Bei Sweetest Thing, das zugleich Radiohit, Festivalhymne und Discofeger ist, spielt Rifles-Mentor Paul Weller an der Gitarre mit. In seinem Black-Bam-Studio wurde die Platte mit Produzent Chris Potter aufgenommen. Dass der schon mit Größen wie den Rolling Stones, The Clash oder The Verve gearbeitet hat, lässt der nächste Song mehr als erahnen. Die Vorab-Single Tangled Up In Love baut sich, ganz ähnlich wie einst Bittersweet Symphony, um eine Streicherfigur auf und steigert sich am Ende fast in einen Rausch hinein.
The Jam standen bei Eveline unverkennbar Pate, wenn Stoker und Crowther gemeinsam singen, klingen gelegentlich auch die Harmonies der Rembrandts durch. Auch I Get Low dürfte Meister Weller bestens gefallen: Northern Soul at its best.
Freilich gelingt nicht alles auf Freedom Run: Love Is A Key soll wohl wie die frühen Beatles klingen, beschwört dann aber eher Assoziationen zu Status Quo (die erste Hälfte) und den Monkees (die zweite Hälfte) herauf. Auch das Interlude nach gut der Hälfte der Platte hat eine Prise zu viel Muckertum und scheitert mit dem Versuch, zugleich psychedelisch und heavy zu sein. Falling ist bloß hübsch, hat aber kaum Substanz. Nothing Matters beginnt sehr reduziert und verheißungsvoll, übt danach die ganz große Geste, verpasst aber den Moment, in dem das Lied richtig abheben könnte.
Nach diesem Durchhänger zeigen The Rifles aber am Schluss, dass sie ihr Pulver doch nicht zu früh verschossen haben. Coming Home klingt so einfach und beglückend, wie es sich nun einmal anfühlt, nach Hause zu kommen. Mit Little Boy Blue (Human Needs) beweisen sie, dass sie durchaus auch ein bisschen verschroben sein können. Und Cry Baby ist ein höchst ungewöhnlicher Rausschmeißer: Es gibt keine opulente Monster-Ballade, sondern einen kompakten Song, der ebenso elegant wie lässig aus dem Ärmel geschüttelt wirkt. Das kann man durchaus als Zeichen von Selbstbewusstsein interpretieren. Wie heißt es in einer Zeile von I Get Low? „Take me back to your home / and make a new start.“ Dieses Vorhaben den Rifles mit Freedom Run definitiv gelungen.
Die Single Tangled Up In Love ist perfekt für eine Kneipenparty geeignet, wie The Rifles im Video beweisen:
Hingehört: Red Hot Chili Peppers – “I’m With You”

"I'm With You" ist das zehnte Album der Chili Peppers, und vielleicht der Beginn vom dritten Frühling.
| Künstler | Red Hot Chili Peppers |
| Album | I’m With You |
| Label | Warner |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Als die Red Hot Chili Peppers 1998 zum letzten Mal einen neuen Gitarristen bekamen, war das ein alter Bekannter. John Frusciante, der die Band 1992 verlassen hatte, kehrte für das Album Californication zurück – und läutete damit die bisher erfolgreichste Phase in der Karriere der Red Hot Chili Peppers ein, die mittlerweile auf sechs Grammys und 60 Millionen verkaufter Platten zurückblicken.
Nun haben die Red Hot Chili Peppers wieder einen neuen Gitarristen. Er heißt Josh Klinghoffer – und ist ebenfalls ein alter Bekannter. Er spielte schon auf den Solo-Alben von John Frusciante und stand auch bei der letzten Welttournee des Quartetts aus Los Angeles schon mit auf der Bühne. Für das gerade erschienene I’m With You ist er zum offiziellen Bandmitglied aufgestiegen – und läutet damit womöglich so etwas wie den dritten Frühling für die Red Hot Chili Peppers ein. Bei iTunes steht I’m With You in 16 verschiedenen Ländern bereits auf Platz 1.
Fahndet man auf dem neuen Album nach Spuren des Gitarristen, der nun immerhin 25 Prozent dieser Rock-Institution ausmacht, dann findet man zunächst: nichts. Der Bass von Flea (etwa im lässigen Annie Wants A Baby oder dem energetischen Goodbye Hooray) oder das Schlagzeug von Chad Smith (wie im komplexen Ethiopia oder dem ebenfalls afrikanisch angehauchten Did I Let You Know) sind durchweg weitaus prägnanter. Es gibt auf I’m With You keine markanten Riffs und keine filigranen Gitarrensoli. Nirgends setzt Josh Klinghoffer, der sich bisher in unbekannteren Bands wie Warpaint und als Studiomusiker verdingt hatte, eine Duftmarke. Niemals versucht er, die etablierten Stars der Show in den Schatten zu stellen.
Sein Einfluss auf das zehnte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers ist trotzdem erstaunlich. Der Vorgänger Stadium Arcadium stieg in 28 Ländern auf Platz eins der Charts ein, bekam einen Grammy als bestes Rockalbum und wurde schließlich mit einer umfangreichen Tournee um die Welt getragen. Und dann? Wollten die Red Hot Chili Peppers erst einmal ihre Ruhe haben. Frusciante hatte sogar genug von der Band, und man trennte sich freundschaftlich. “He did it in a very gentlemanly way. He came and had a very calm and earnest conversation about him just wanting to do something else. And it was a great relief, because there was a certain amount of discord and tension that had built up from him not, you know, being where he wanted to be. And kind of vice versa. So it was a very kind gesture and it just worked out remarkably well”, sagt Sänger Anthony Kiedis über die Trennung.
Der zweite Abschied Frusciantes von den Chili Peppers hätte womöglich gar das Ende der Band bedeuten können. Doch nach zwei Jahren Auszeit bekamen die verbliebenen Drei wieder Lust auf ihre Musik. “Wir mussten ganz von vorne anfangen. Alles andere wäre komplett dämlich gewesen. Wir mussten also alles ein bisschen herunterfahren. Wir mussten uns vergewissern, wer wir sind, und uns dann an die Arbeit machen. Und zu so einem Schritt gezwungen zu sein – das ist eine großartige Sache”, erinnert sich Kiedis heute an die Zeit, als die Red Hot Chili Peppers auf der Kippe standen.
Klinghoffer hat einen beträchtlichen Anteil daran, dass man I’m With You diese neu gewonnene Lust auch anhört. “Wir haben unsere Einflüsse mit denen von Josh vermischt, und daraus ist etwas Wunderschönes entstanden. Es macht Spaß, ihm zuzuhören und seinen Stil kennen zu lernen. Ich habe versucht, mich dann damit zu verschmelzen, und daraus ist ein ganz neues Rezept für unseren Sound entstanden”, schwärmt Kiedis.
Schon der Auftakt Monarchy Of Roses ist ungewöhnlich mutig für diese Band, die zuletzt nicht nur zu den erfolgreichsten, sondern auch berechenbarsten Rockbands der Welt gezählt hatte. Der Song hatte den Arbeitstitel Disco Sabbath, und während der Refrain für den Disco-Anteil sorgt, steuert die Strophe mit verzerrtem Gesang und abstrakter Gitarre den (Black-)Sabbath-Anteil bei. Das famose Brendan’s Death Song (das den Tod von Brendan Mullen thematisiert, der die Biographie der Band geschrieben hat und zu Beginn der Aufnahmen für I’m With You starb) beginnt ganz akustisch und schwingt sich dann über einen ebenso betörenden wie glaubwürdigen Refrain auf. Die Single The Adventures Of Rain Dance Maggie ist so cool und sexy wie es die Rolling Stones während ihrer Tattoo You-Phase wohl gern gewesen wären. Und Even You Brutus? klingt unverschämt frisch und kernig für eine Band, die schon seit 28 Jahren im Geschäft ist. Gegen Ende lässt auch Meet Me At The Corner aufhorchen, der zurückgenommenste Song der Platte, mit federnden Drums, einem toll gesungenen, rührenden Refrain, einem etwas gespenstischem Break und einer famosen Gelassenheit, die über all dem schwebt.
Der beste Moment an I’m With You sind aber die Sekunden nach Goodbye Hooray. Da ist erst für ein paar Momente komplett Ruhe, dann beginnt das außergewöhnliche Happiness Loves Company. Es ist nicht nur eine schöne Metapher für die Entstehungsgeschichte dieser Platte. Es ist auch ein wichtiges Innehalten für dieses Album, das viele sehr gute Songs enthält, manchmal aber doch Gefahr läuft, sich längst bekanntem Funk-Rock-Fahrwasser ein bisschen zu stark zu nähern. Es gibt hier ein paar Phasen, in denen Anthony Kiedis ein bisschen zu sehr scharf phrasiert wie einst bei Give It Away, säuselt wie bei Under The Bridge oder den kraftstrotzenden Macho gibt wie bei den Californication-Singles. Nach zwei Dritteln des Albums (die Band wollte eigentlich ein Album mit nur 12 Stücken machen, hatte dann aber genug Material für eine Doppel-CD, berichtet Produzent Rick Rubin, der bei I’m With You wie bei allen RHCP-Alben seit Blood Sugar Sex Magik 1991 hinter den Reglern saß) hat man fast schon genug davon. Doch genau dann kommt Happiness Loves Company. Da erklingen tatsächlich ein Klavier, so etwas Ähnliches wie ein Country-Beat und ein verspielter Background-Gesang – das ist genau die Dosis Spannung, die dann auch den Rest der Platte erfreulich macht.
I’m With You klingt in jedem Moment so souverän, wie man es von Könnern dieses Kalibers erwarten darf, und in keiner Sekunde so satt, wie man es von kalifornischen Superstars, die sich ihr Albumcover von Kunst-Guru Damien Hirst entwerfen lassen können, befürchten musste. Es ist ein Album, das vielseitig ist, neue Türen öffnet und doch im genau richtigen Maße der Tradition der Band verpflichtet bleibt. Sind das jetzt die erwachsenen Red Hot Chili Peppers, wurde Anthony Kiedis kürzlich in einem Interview gefragt. Und seine Antwort ist genauso kreativ wie diese Platte. „Ich würde es nicht unbedingt erwachsen nennen. Ich hoffe, wir werden immer weiter wachsen – aber nicht zwangsläufig erwachsen.”
Im Video zur Single The Adventures Of Rain Dance Maggie muss man sich nicht so sehr an den neuen Gitarristen gewöhnen, sondern eher an der Schnauzbart von Anthony Kiedis:
Die Red Hot Chili Peppers bei MySpace.
Eine leicht gekürzte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Hingehört: My Morning Jacket – “Circuital”
| Künstler | My Morning Jacket |
| Album | Circuital |
| Label | V2 |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Man muss das beinahe putzig nennen. Da leben wir in Zeiten, in denen in Arabien die Autokraten gestürzt werden, in denen eine schwarz-gelbe Bundesregierung den Atomausstieg beschließt und in denen es schon als Sommer gilt, wenn es mal einen Tag lang nicht regnet. Aber trotz all dieses Wandels gibt es immer noch scharenweise junge Männer, die dem Reiz von Gitarre, Schlagzeug, Bass erliegen. Den elementaren Zutaten von Rockmusik. So wie My Morning Jacket. Auf den Promo-Fotos zu Circuital erinnern sie an das legendäre Bohemian Rhapsody-Video von Queen oder an den Rolling-Stones-Sampler Hot Rocks. Klassischer geht es fast nicht mehr.
Wobei man natürlich ehrlicherweise ergänzen muss: My Morning Jacket beschränken sich keineswegs auf das Grundprinzip des Rock, sondern haben ihren Sound schon immer gerne mit Elementen aus Country, Soul und Psychedelia angereichert. Und ganz jung sind sie auch nicht mehr. Das Quintett erlebt gerade des dritte Jahrzehnt seiner Karriere, Circuital ist immerhin schon das sechste Album der Band aus Louisville, Kentucky (übrigens die Geburtsstadt von Chuck Berry und somit mit einiger Berechtigung die Wiege des Rock’N’Roll).
Da liegt es durchaus nahe, ein bisschen zurückzublicken, sich seines Weges und seiner Selbst zu besinnen. Genau das tun My Morning Jacket auf Circuital, dem Album und dem gleichnamigen Lied. “On that song I sing about ending up in the same place where you started out. And that makes a lot of sense for this album… I hate the phrase ‘going back to our roots’, but for this record we came home and made it in Kentucky. And it just felt a lot like it did when we were first starting out”, erklärt Frontmann Jim James. Der Song beginnt geheimnisvoll, holt dann mit einer Pinball Wizzard-Gitarre vermeintlich Schwung, nimmt aber erst bei deren zweiten Anlauf eine Strophe später wirklich Fahrt auf. Da klingt die Komplexität von Arcade Fire durch, die Gitarrenverliebtheit von Neil Young, auch die Ursprünglichkeit von Clap Your Hands Say Yeah. Viel mehr Kreativität kann man in gut sieben Minuten kaum packen.
“The album’s like a rolling, gentle soundwave”, findet James, und das ist ein treffendes Bild. Der Auftakt Victory Dance ist düster und hart wie der Black Rebel Motorcycle Club oder Queens Of The Stone Age, aber ohne deren Betonung von Männlichkeit. Beim Siegestanz scheint James nur der Zuschauer zu sein, und am Ende meint man sogar ein ganzes Leben der Erniedrigung aus ihm herausbrechen zu hören.
Immer wieder beeindruckt auf Circuital vor allem sein Gesang. The Day Is Coming verleiht er eine faszinierende Leichtigkeit. Im akustischen Wonderful (The Way I Feel) singt er höchst zerbrechlich, am Ende klingt sein Tenor fast wie eine singende Säge. Auch am Ende von Circuital brilliert er: Der Rausschmeißer Movin Away wird zauberhaft, davor steht mit Slow Slow Tune eine herbe Ballade im Stil von Nick Cave oder Glasvegas. Wieder ist da der Schmerz von Victory Dance, aber Gram wird hier durch Souveränität ersetzt, an die Stelle von Trotz ist ein blendender Stolz getreten.
Dazwischen darf auch die Band glänzen. Alles an Circuital haben My Morning Jacket in einer Turnhalle in Louisville live aufgenommen. “We wanted to capture the sound of us just playing, being in the same place and just feeding off each other”, erklärt Jim James diese Arbeitsweise. So bekommt Outta My System (dessen Melodie sich in der Strophe allerdings arg nah an Jerry Lee Lewis’ Breathless anlehnt) eine feine Dynamik. Holdin On To Black Metal ist keineswegs eine Brachial-Attacke, sondern dank Fuzz-Gitarre, Frauenchor und Bläsern äußerst funky. Auch das beinahe ausgelassene You Wanna Freak Out und First Light mit seinem luftigen Beat werden reizvoll. Unterm Strich ist das durchaus beeindruckend – und ein gutes Zeichen dafür, dass das Rezept von Gitarre, Schlagzeug, Bass wohl noch eine ganze Weile funktionieren wird.
My Morning Jacket spielen den Titelsong Circuital live in Los Angeles:
My Morning Jacket bei MySpace.
Durchgelesen: Peter Guralnick – “Careless Love – The Unmaking Of Elvis Presley”
| Autor | Peter Guralnick |
| Titel | Careless Love – The Unmaking Of Elvis Presley |
| Verlag | Backbay Books |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | **** |
23 Jahre alt ist Elvis Presley, als die Handlung dieses Buches beginnt. Für viele andere Rockstars fängt in diesem Alter, damals wie heute, die Karriere erst an. Für Elvis ist es fast genau die Mitte seines Lebens. Und der Beginn seines Abstiegs.
Peter Guralnick, der im ersten Teil seiner Biographie den sagenhaften Triumphzug des King Of Rock’N’Roll erzählt hatte, widmet sich in Careless Love – The Unmaking Of Elvis Presley dem Niedergang seines Helden. Der Ehrgeiz, der Aufstieg – das taucht hier nur noch ganz am Schluss in der Trauerrede bei Elvis’ Beerdigung auf. Elvis sei der beste Beweis dafür, was man alles erreichen könne als “one human being who has strong desire and unfailing determination”, schwärmt der Priester da.
Auch wenn jeder dieses schmerzhafte Ende der Geschichte bereits kennt, ist Careless Love ein ebenso fesselndes Buch wie der erste Teil. Denn es wird hier nicht nur deutlich, wie Elvis Presley nach seiner Rückkehr von der Army immer unvermeidlicher in sein Verderben schlidderte. Guralnick zeigt immer wieder auch retardierende Momente, kleine Lichtblicke und Atempausen im Martyrium. Gerade daraus bezieht Careless Love seine Stärke: Das Buch zeigt einerseits die Zwangsläufigkeit von Elvis Presleys (Selbst-)Zerstörung, andererseits aber den unbändigen Kampf des Protagonisten gegen diesen Prozess. Careless Love macht damit auch deutlich: Eine Rettung für Elvis wäre möglich gewesen, aber Elvis hätte sich nur selbst retten können.
Am Beginn erklärt Guralnick, wie schon in Last Train To Memphis, seine eigene Sympathie für Elvis. “I know of no sadder story”, bekennt der Autor im Vorwort und macht dann deutlich, dass er beim Leser für einen neuen, unverstellten Blick auf den King werben will: “Elvis Presley may well be the most written-about figure of our time. He is also in many ways the most misunderstood, both because of our ever-increasing rush to judgement and, perhaps more to the point, simply because he appears to be so well known. (…) ‘It’s very hard’, Elvis declared without facetiousness at a 1972 press conference, ‘to live up to an image’. And yet he, as much as his public, appeared increasingly trapped by it.”
Genau dieses Image, und Elvis’ eigener Glaube daran, sind es am Ende dieser 766 Seiten, die Elvis ins Grab gebracht haben. Careless Love ist die Geschichte eines Mannes, der sich nach Veränderung sehnt, nach künstlerischer Herausforderung, nach Authentizität. Und der sich in den hier erzählten Jahren seiner Karriere trotzdem mit Ruhm begnügt, mit Durchschnitt, mit Routine.
An einer Stelle im Buch erklärt Elvis in (rückblickend) schmerzhafter Klarheit dieses Dilemma: „I’d like to progress. But I realize that you can’t bite off more than you can chew, you have to know your capabilities. I have people say to me all the time, ‘Why don’t you do an artistic picture? Why don’t you do this picture or that picture?’ Well, that’s fine – I would like to. I would like to do something some day where I feel that I really done a good job. I think it will come eventually – you know, that’s my goal. But in the meantime, if I can entertain people with the things I’m doing – well, I’d be a fool to tamper with it, to try to change it. It’s ridiculous to take it on your own and say, ‘Well, I’m gonna change, I’m gonna try to appeal to a different-type audience.’ Because you might not. You might not. And if you goof a few times, you don’t get many chances in this business. (…) So you are better off – if what you are doing is doing okay, you’re better off sticking with it, till just time itself changes things.”
Dieser Pragmatismus führt schnurstracks in Richtung Ruin. Zunächst, nach seiner Rückkehr aus Deutschland, braucht Elvis die Bewunderung seines Publikums, um sein Selbstvertrauen aufzufrischen. Dann wird der Erfolg für ihn zu einem Korsett, und in seinen letzten Jahren sind seine Tourneen bloß noch ein weiteres Betäubungsmittel, um ihn von der völligen inneren Leere abzulenken.
Seinen musikalischen Horizont hatte Elvis vor allem während der Army-Zeit in Deutschland erweitert, und er kam 1960 zurück in die Staaten mit dem Ziel, die gesamte amerikanische Musik zu verkörpern, alle Genres, von Country bis Gospel, von Rockabilly bis zum Broadway-Sound. Als er klassische Musik in seine Musik einfließen lässt, zum Beispiel bei It’s Now Or Never, ist er zunächst skeptisch: „At first it frightened him to think what his fans’ reaction might be. But then he fell back on the one precept that had guided him throughout his recording career: what you sang had to come from the heart; it couldn’t just be a matter of following trends, because then the public would never believe you. Up till now he had relied on instinct alone, and his instinct had proved as reliable in music as the Colonel’s in business.”
Auch sonst läuft es zunächst gut. Die Fans haben ihn während seiner Abwesenheit nicht vergessen. Zudem ist Elvis Presley nach seiner Rückkehr vielleicht noch nicht ganz domestiziert, aber in jedem Fall disziplinierter, was seinen Gesang und seine Bühnen-Performance angeht. Das nimmt ihm ein Stück von seiner Rohheit, öffnet ihm aber auch neue Türen (und Zielgruppen) – und führt ihn erst recht in eine künstlerische Zwickmühle zwischen seinem Selbstverständnis als Rebell und der Sehnsucht nach Mainstream-Anerkennung. Der Ausweg für Elvis: Ab den ganz frühen 1960er Jahren nimmt er Kritiker, Publikum und auch sich selbst nicht mehr allzu ernst.
Fast könnte man sagen: Wenn man sieht, wie schlecht seine Filme (und oft auch die dazugehörige Musik) in jenen Jahren sind, dann bleibt ihm auch kaum etwas übrig. Der Colonel ist begeistert von den Cross-Promotion-Möglichkeiten zwischen Kinofilm und dazugehörigem Soundtrack: Das eine beflügelt den Verkauf des anderen, die Qualität spielt dabei kaum eine Rolle. Und die zaghaften Versuche von Elvis, dieser Fließbandware etwas künstlerisch Essenzielles entgegenzusetzen, werden kaum ernst genommen.
Im März 1962 ist ein weiterer dieser retardierenden Momente erreicht, ein Punkt, an dem Elvis vielleicht einen kreativen zweiten Frühling hätte erleben können. Doch er hat nicht die richtigen Berater um sich herum, um das zu erkennen. Sein Mut ist noch zu klein, und die Verzweiflung zu diesem Zeitpunkt noch nicht groß genug. “Had there been anyone to analyze the nonsoundtrack sessions of the last two years, they would certainly have noticed that new directions were being explored, that Elvis appeared tentatively to be trying to forge a new artistic identity composed of equal parts bravado (the aria-like quality of many of his most ambitious songs) and vulnerability (the utterly naked, painfully wounded fragility of some of the Don Robertson and Doc Pomus ballads). His very willingness to put his name on two of the songs, to claim actual authorship for the first time since 1956 (and not for business reasons this time), might have seemed to an outside observer evidence of a barely cloaked desire to reveal himself. But there was no such person. The Colonel increasingly saw these nonsoundtrack sessions as a waste of time, a diversion from their principal business of making movies.”
Elvis vermag es nicht, sich aus dieser Tretmühle zu befreien, und seine Unzufriedenheit mit den Filmen und den Liedchen, die er darin trällern muss, färbt immer mehr auch auf seine Live-Shows ab, bei denen er regelmäßig in eine ironische Perspektive abgleitet. “Honesty, simplicity, the purely instinctual gut-level response – that was what his music was all about, it was what it had always been about”, erkennt Peter Guralnick ganz richtig – und dieses Unverstellte, Unbedingte, Unmittelbare verträgt sich natürlich kaum mit der Vorstellung von jemandem, der nicht nur singen, sondern sich zugleich rechtfertigen und sein eigenes Selbstbild persiflieren möchte.
Das Buch räumt damit auch mit der weit verbreiteten Legende auf, Elvis sei am Ende ein körperliches Wrack gewesen, seine Musik und seine Performance seien aber stets makellos geblieben. Die Schilderungen der späten Konzerte von Elvis, in denen er sich oft in ewig langen Tiraden verlor, statt seine Lieder zu singen, gehören zu den schockierendsten Passagen in Careless Love. “Once in a great while, a special champion comes along (…), someone in whose hands the way a thing is done becomes more important than the thing itself. (…) Elvis was like that”, jubelt die New York Times nach einem der wenigen gelungenen Elvis-Auftritte in den 1970er Jahren (im Madison Square Garden).
Gerade angesichts dieses Potenzials ist es umso erschreckender, wenn diesen Momenten des Triumphs die totale Erniedrigung gegenüber gestellt wird, wie in diesem Fazit einer Las-Vegas-Show aus dem Jahr 1974: „Where once it seemd his voice floated above the music, was capable of subtly suggesting emotion, even on the bravura pieces, now that voice struggles to summon up strength, trembles with a vibrato that seems both mannered and out of control, and substitutes a kind of thick-tongued bellow fort he dramatic modulation that characterized showpieces from It’s Now Or Never to Suspicious Minds. For the moment these shortcomings were oscured by the praiseworthiness of the effort. But one has only to compare the recorded evidence of this show with the Vegas engagements of 1969 and 1970 to recognize what a falling-off there has been. And one needn’t travel far in the realm of speculation to image how disappointed, and fearful, Elvis himself at this point must have been.”
Mit Gedanken wie diesen schafft es Guralnick wie schon im ersten Teil seiner Biographie, unfassbar nah an Elvis ranzukommen. Er lässt die wichtigsten Wegbegleiter zu Wort kommen, konzentriert sich zielsicher auf entscheidende Phasen der Karriere und beeindruckt immer wieder dann am meisten, wenn er sich an Introspektive versucht. Ein Geniestreich ist der Absatz, in der Guralnick die Zerrissenheit und Unzufriedenheit von Elvis Presley der Unbeschwertheit der anderen Rock-Größen seiner Zeit gegenüber stellt: „However sincere his public pronouncements that there was room for everyone in this business, however carefully phrased his well wishes for he Beatles’ success, none of the guys missed that he saw the Beatles and the whole British invasion as a threat and that it galled him to be widely perceived as passé. It was clear that he himself was neither interested in, nor satisfied with, the music that was being released in his name, and (…) there was no getting past the fact that the records were no longer selling as they once had, they no longer mattered as they used to. He admired the Beatles, he felt threatened by the Beatles, sometimes it made him angry how disrespectful the Beatles and Bob Dylan and the Rolling Stones were toward the public and their fans – but most of all he was envious of the freedom that they evidently seemed to feel and to flaunt. He, too, had once enjoyed that freedom, he, too, had once been in the vanguard of the revolution, and now he was embarrassed to listen to his own music, to watch his own films.”
Das ist keineswegs nur eine Interpretation des Autors. Elvis selbst gesteht es in einem Interview für die Filmdokumentation Elvis Live. Da sagt er über seine eigenen Filme: “I don’t think anyone was consciously trying to harm me. It was just Hollywood’s image of me was wrong, and I knew it, and I couldn’t say anything about it, couldn’t do anything about it. (…) I had thought that they would give me a chance to show some acting ability or do a very interesting story, but it did not change. (…) They couldn’t have paid me no amount of money in the world to make me feel self-satisfaction inside.” Steve Binder setzt genau bei dieser Sehnsucht an, als er das legendäre TV-Special ’68 Comeback produziert – einen weiteren der retardierenden Momente, in denen sich alles noch einmal zum Guten zu wenden schien. “This was Elvis’ chance to proclaim, through his music, who he really was”, beschreibt er seinen Ansatz, der noch einmal für Höhepunkte wie Suspicious Minds oder In The Ghetto sorgen sollte, letztlich aber eine Episode bleibt.
Freilich ist es nicht nur seine Kunst, die Elvis immer mehr in Selbstzweifel und Einsamkeit treibt. Der Regisseur Gene Nelson macht bei ihm eine grundsätzliche Unsicherheit aus. „He knew he was great. He knew he could do anything he wanted. He knew the value of his status, and there was never any shyness or awkwardness about his persona onstage. However, I thought he suffered an acute lack of self-esteem as a human being. I found, not once, but a number of times, that he felt that he was uneducated and had nothing to contribute in a conversation.”
Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass nach der Rückkehr aus Deutschland der wichtigste Eckpfeiler seines Lebens weggebrochen ist: Noch 1964, also sechs Jahre nach dem Tod seiner Mutter Gladys, sagt er zu Larry Geller: “I swear to God no one knows how lonely I get. And how empty I really feel.” Die Sehnsucht nach seiner Mutter wird noch verstärkt, weil sein Vater Vernon noch einmal heiratet und lieber die Gegenwart genießt als seiner ersten Ehe nachzutrauern. Auch dadurch ist Graceland für Elvis nicht mehr die heile Welt, die er vermisst und in seiner Erinnerung bei sich trägt
Auch hier führt seine Reaktion Elvis mitten hinein in ein Dilemma. Einerseits sehnt er sich nach Ruhe. Die Drogen (bei der Army kam Elvis erstmals mit Amphetaminen in Kontakt) nehme er nur, weil er mit ihnen so nahe wie möglich an das vollkommene Schweigen herankomme, sagte Elvis einmal. In den späteren Jahren lässt er sich lieber krankschreiben als noch einen dämlichen Film zu drehen, er zieht sich tagelang ins Krankenbett zurück und lässt sich am liebsten (übrigens in frappierender Parallelität zu Michael Jackson) von Ärzten umgeben. Er will fliehen, sich zurückziehen, in Ruhe gelassen werden; er ist wie ein Besessener auf der Suche nach Sinn und Erleuchtung, nach Wundern und Gott. Das macht ihn in gewisser Weise zu einem Einsiedler und geht so weit, dass Elvis zwischenzeitlich glaubt, heilende Kräfte zu besitzen und Stimmen zu hören.
Doch gleichzeitig ist er gierig nach Ruhm, auch daran lässt Guralnick keine Zweifel: „He loved being Elvis Presley.“ Er hat quasi kein Privatleben, permanent wechseln sich Job und Party ab. Als er einmal gefragt wurde, was er im Leben am meisten mag, „he came up with enthusiasm for sports, staying up all night, fried foods, listening to old rhythm and blues 78s, Marlon Brando, making movies and, above all, ‚having lots of people around me at all times.’”
Ironischerweise ist auch Las Vegas aus diesem Grund so reizvoll für ihn. Die Hauptstadt des Glücksspiels ist die perfekte Metapher für dieses Tauziehen zwischen Trubel und Isolation. „He loved Las Vegas for one reason above all: time was meaningless here, there was no clock, there were no obligations. It was a place where you could lose yourself, a place you could indulge your every fantasy – it was, for Elvis, momentary respite from all the self-doubt, from all the questions lying in wait, lurking in the shadows, waiting to assault him.”
Zur Ablenkung von der eigenen Orientierungslosigkeit dient ihm auch seine riesige Entourage. Er und seine Jungs – das ist ein eigenes Reich. “In Elvis’ life the outside world was a distant place he ventured out into but never really lived in”, umschreibt das Larry Geller. Und Peter Guralnick findet noch deutlichere Worte. Elvis war seiner Ansicht nach gefangen ”in an atmosphere that more and more resembled a zoo”. Wie er sich darin verhält, ist an manchen Stellen kaum zu glauben, wenn man den höflichen, sogar bodenständigen Elvis’ aus dem ersten Band noch vor Augen hat. Hier ist Elvis für jeden, der ihm begegnet verletzlich und unberechenbar, selbst auf seine engsten Vertrauten wirkt er mitunter arrogant und aufbrausend. Spätestens, seit ihn Priscilla verlassen hat, ist aus dem freundlichen, sympathischen Typ aus Tupelo ein Arschloch geworden, wie es Hollywood nicht besser erschaffen könnte.
Stetig ist jetzt nur noch sein musikalischer Niedergang, alles andere im Leben von Elvis Presley gleicht einer Achterbahnfahrt. Immer mehr Frauen, Drogen und semi-religiöse Bücher sollen ihn ablenken. „It was as if once the floodgates were open, he simply couldn’t stop. And it was as if, in another way, he were seeking to still some profound disquiet, cover up a need he couldn’t quite bring himself to recognize, and expiate some deep inner guilt.” Dieses Zitat bezieht sich auf den Kaufrausch, in den Elvis immer wieder verfällt, das Prinzip wirkte aber auch bei seinem Drogenkonsum, seiner Lektüre und dem Essen. Der Elvis der 1970er Jahre ist die personifizierte Maßlosigkeit. Doch all das bietet ihm letztlich keine Befriedigung. Seine Welt wird durch Geld, Ruhm und Erfolg nicht größer, sonder enger – und der Superstar immer isolierter.
Diese Mentalität führte zu einigen der skurrilen Auswüchse, die heute das Image von Elvis vielleicht mehr prägen als seine Hits von Hound Dog bis The Wonder Of You. Guralnick lässt keinen der Fehltritte aus: Elvis nahm LSD und drehte Videos, die man vielleicht nicht “Privatpornos” nennen kann, die aber viele Girls und wenig Wäsche beinhalteten. Er organisiert auf eigene Faust ein irres Treffen mit Richard Nixon, um sich offiziell für die Drogenfahndung anwerben zu lassen (auch seine Vorliebe für Freunde aus Polizei und FBI illustriert den Wunsch von Elvis, zum Establishment zu gehören). Als er für das TV-Event Aloa from Hawaii abnehmen muss, versucht er es angeblich, indem er sich den Urin einer schwangeren Frau injizieren lässt.
Eine weitere Stärke von Careless Love: Das Buch hält allen im Elvis-Umfeld den Spiegel vor. Es ist beinahe eine Marter, wenn man liest, wie blindlings alle Beteiligten Elvis in sein Verderben rennen lassen. Alle wissen, dass Elvis früh sterben wird, wenn er sich nicht ändert. Manche warnen ihn, viele bieten Hilfe an, aber Elvis ignoriert es – und die Leute, die fast immer nicht nur seine Freunde, sondern auch seine Angestellten sind, lassen es geschehen.
Der Colonel, sein engster Vertrauter, erkennt früh, dass Elvis auf einem bedenklichen Weg ist. “I’m havin’ trouble with the boy”, sagt er 1966 einem Vertrauten, und entdeckt auch ganz richtig die Ursache der Spannungen. “Well, he’s changing, you know. He’s not the way he used to be.”
Bei einem Krankenhausaufenthalt 1973 wird erstmals offiziell erkannt: Elvis ist süchtig. Aber er zieht keine Lehren aus der Behandlung oder aus der Tatsache, dass sein Gesundheitszustand bedrohlich ist. Auch sein Umfeld melkt lieber weiter die Elvis-Maschine als ihn ernsthaft zur Besinnung zu bringen. “Elvis appeared to have hit bottom and was still singing”, umschreibt Guralnick diese Situation, der kein bisschen Trotz, aber ganz viel Tragik anhaftet. Noch im selben Jahr muss Elvis in Las Vegas erstmals Konzerte absagen (wegen gesundheitlicher Probleme, verursacht und behoben von immer mehr Tabletten), einmal verliert er auf der Bühne seine Stimme. Noch einmal zwei Jahre später, an seinem 40. Geburtstag, erkennt Elvis: Er kann nicht ewig jung sein, aber genau darauf hat er seine Karriere aufgebaut. Noch einmal zwei Jahre später verliert er nicht nur seine Stimme, sondern seine Würde. „There was no longer any pretense of keeping up appearances. The idea was simply to get Elvis out onstage and keep him upright for the hour he was scheduled to perform”, umschreibt Guralnick die Begleitumstände von Elvis’ letzter Tour im Jahr 1977.
Die Fans bleiben ihm trotzdem bis zum Schluss treu, sogar begeistert. Ein Kritiker schreibt, sie würden immer kommen, „no matter how bad, ho will, how uncaring he would get. But for some of us it would never be the same, because the man who had given us the original myth of rock’n’roll – the man who created it and lived it – was now, for whatever reason, taking it all back.“
Auch Guralnick widmet sich in seiner weisen Nachbetrachtung die Frage, warum Elvis’ sogar in seiner Selbstzerstörung noch zur Ikone wurde. Seine Antwort könnte nicht einleuchtender sein: „In the face of facts, for all that we have come to know, it is necessary to listen unprejusiced and unencumbered if we are to hear Elvis’ message: the proclamation of emotions long suppressed, the embrace of a vulnerybility culturally denied, the unabashed striving for freedom. Elvis Presley may have lost its way, but even in his darkest moments, he still retained some of the same innocent transparency that first defined the difference in the music and the man. More than most, he had an awareness of his own limitations; his very faith was tested by his recognition of how far he had fallen from what he had set out to achieve – but for all of his doubt, for all of his disappointment, for all of the self-loathing that he frequently felt, and all of the disillusionment and fear, he continued to believe in a democratic ideal of redemptive transformation, he continued to seek out a connection with a public that embraced him not for what he was but for what he sought to be.“
Bestes Zitat: „He had dozens of people around him, supposedly looking after him, but already seemed like a corpse.“ (Elton John erinnert sich an eine Begegnung mit Elvis im Jahr 1976)









