Durchgelesen: David B. Agus – “Leben ohne Krankheit”
| Autor | David B. Agus |
| Titel | Leben ohne Krankheit |
| Verlag | Piper |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ![]() |
Im Februar ist Leben ohne Krankheit von David B. Agus in der deutschen Übersetzung erschienen. Heute, knapp vier Monate später, rangiert das Buch noch immer unter den Top20 der Spiegel-Bestsellerliste. Das ist kein Wunder. Der Autor, einer der renommiertesten Krebsärzte Amerikas, verspricht zum einen die Erfüllung eines jahrhundertealten Traums: den Sieg über körperlichen Verfall, Siechtum und Schmerz. Und er ist zum anderen ein perfekter Verkäufer.
Diese Kombination macht Leben ohne Krankheit, zumal für deutsche Leser, zu einem sehr ungewöhnlichen Buch. Es ist zum einen Ratgeber, zum anderen Bestandsaufnahme aktueller Entwicklungen in der Medizin und nicht zuletzt die Prophezeiung einer goldenen Zukunft. Das sorgt für eine Lektüre, die gelegentlich zu Kopfschütteln, Zweifel und Widerspruch anregt, aber auch sehr unterhaltsam, inspirierend und nicht zuletzt anschaulich ist.
Das Buch bietet viele praktische Tipps für das persönliche Wohlbefinden, die ohne viel Aufwand umzusetzen sind: Sport und ein regelmäßiger Tagesablauf gehören zu den wichtigsten Empfehlungen. Wertvoll sind auch die Hinweise auf Methoden und Hilfsmittel, die nichts bringen oder sogar schädlich für die Gesundheit sind. „Ein Multivitaminpräparat ist genauso wenig eine Versicherungspolice wie eine Heiratsurkunde eine Garantie für eine glückliche Ehe ist“, schreibt Agus beispielsweise.
Dass er nicht nur von der Forschung berichtet, sondern auch von seiner eigenen Erfahrung als Arzt, ist eine der großen Stärken des Buchs. Er schildert Fälle aus seiner Praxis, liefert Anekdoten und Beispiele. Und er macht sofort klar, dass der Frust für ihn die entscheidende Motivation war, dieses Buch zu schreiben. Er beklagt die geringen Fortschritte in der Onkologie und die Ohnmacht, wenn ihm immer wieder Patienten unter der Hand wegsterben, ohne dass er etwas auszurichten vermag. Das Wehklagen über den Stillstand ist zwar etwas zweifelhaft, denn Agus blendet einige Innovationen in der Krebsmedizin aus, die es durchaus gab und gibt. Aber es ist nachvollziehbar, dass er sich nach mehr Tempo sehnt, nach einem echten Durchbruch.
Sein Ansatz, um dieses Ziel (und letztlich das Leben ohne Krankheit) zu erreichen, lautet in erster Linie: Prävention. Es ist sein bestes Argument: Vorsorge ist billiger, beeinträchtigt die Patienten weniger und ist oft erfolgreicher als eine Therapie – darauf weisen viele Ärzte längst hin, ohne dass sich diese Erkenntnis auch im Gesundheitssystem niederschlagen würde. „Ein Gramm Vorsorge ist mehr wert als ein Pfund Heilung“, schreibt er treffend.
Große Fortschritte verspricht sich Agus dabei vom Gebiet der Proteomik, also einer systematischen Messung der Proteine im Blut, die Rückschlüsse auf Stoffwechsel, Entzündungen oder Infektionen zulässt. „Ihr Gesamtbefinden kann theoretisch zu jedem beliebigen Zeitpunkt und an jeder beliebigen Körperstelle aus einer Blutprobe durch die Untersuchung der Proteine bestimmt werden“, erklärt Agus. Er schwärmt derart von den Möglichkeiten der Methode, dass sein Buch in einigen Passagen zu einer ziemlich unfangreichen Werbebroschüre für seine Firma Applied Proteomics wird. Ein Beispiel? „In zehn oder 20 Jahren braucht Ihr Arzt vielleicht nur noch einen Tropfen Blut, um eine sich anbahnende Krankheit, selbst Krebs, bereits im Frühstadium zu erkennen. Dieses Tröpfchen enthüllt vielleicht auch, welche Erbkrankheiten Sie möglicherweise im Laufe Ihres Lebens bekommen und welche Arzneimittel, maßgeschneidert für Ihre genetische Ausstattung und Ihre persönliche Physiologie, genau die richtigen für Sie sind.“
Es sind solche Passagen, die beweisen: Agus ist nicht nur ein kritischer Geist, der offen für neue Ideen ist. Er ist auch Optimist, Enthusiast und ein sehr guter Vermarkter. Als »Rockstar of Sience« hat ihn das Männermagazin GQ einmal bezeichnet, und solch einen Ehrentitel bekommt man nicht, wenn man nicht gelegentlich auch mal tüchtig auf den Putz hauen und sich vom eigenen Sendungsbewusstsein mitreißen lassen kann.
Agus tut das, und er tut es gerne. Der Arzt schwärmt in Leben ohne Krankheit von der Verschmelzung von Medizin, Biologie und Computertechnik. Er benutzt erstaunlich viele militärische Metaphern. Und im Eifer des Gefechts stellt er sich auch schon einmal als Revoluzzer dar, sogar als Prophet, der als einziger die Wahrheit kennt und sie nun mit uns teilt. „Genau wie ich bei meiner Tätigkeit bestimmte ‚Regeln’ durchbreche, um neue Theorien über Krebs zu überprüfen, bricht auch dieses Buch ‚Regeln’, und zwar mit demselben Ziel: um Leben vielleicht zu retten“, schreibt er. „Ich ahne schon, dass ich damit (…) eine Mischung aus Neugier, Unglauben, Staunen und manchmal Wut auslösen werde, tue es aber trotzdem, und zwar aus ebenso gutem Grund: um Ihr Leben zu verlängern, und damit Sie sich in jedem einzelnen Lebensjahr besser fühlen. Was Sie hier lesen, ist, kurz gesagt, etwas anderes als in jedem anderen Gesundheitsratgeber – oder überhaupt in jedem Ratgeber. Es ist einerseits ein Manifest, andererseits aber auch ein Lebensplan.“
Seinen fast missionarischen Einsatz merkt man Agus auch bei seinem Plädoyer für die personalisierte Medizin an, die zum dritten Heilsbringer dieses Buches – neben Prävention und Proteomik – wird. Der Hinweis auf die Potenziale (mitunter sogar die Notwendigkeit) dieser Methode ist sicherlich berechtigt, dann Agus verweist immer wieder überzeugend auf die Individualität jedes Patienten, die unterschiedlichen genetischen Ausstattungen, Lebensstile, Krankheitsverläufe. Zudem betrachtet er die Gesundheit und den Körper ganzheitlich, als dynamisches System. „Krebs ist zum Beispiel nichts, was der Körper ‚hat’ oder ‚bekommt’, sondern etwas, das er tut“, betont er an einer Stelle. Daraus folgt seine These: Mediziner (und Patienten) können sich nicht auf Standardlösungen verlassen, denn dafür ist unser Organismus viel zu komplex.
Trotzdem macht Agus in Leben ohne Krankheit grundsätzliche Aussagen und gibt generelle Empfehlungen. Eigentlich hätte er für jeden Leser ein eigenes, individuell zugeschnittenes Buch schreiben müssen, wenn er seinem eigenen Ansatz hätte gerecht werden wollen. Immerhin erkennt er diesen Widerspruch: Im Vorwort zur überarbeiteten Auflage geht er auf dieses Problem ein und macht letztlich sogar einen Appell aus dem Manko: „Wenn ich dieses Buch in einem einzigen Satz zusammenfassen sollte, dann würde ich ihn so formulieren: Lernen Sie sich selbst kennen“, schreibt er.
So rät er dem Leser beispielsweise, eine persönliche Metrik für die wichtigsten Parameter seiner Gesundheit zu entwickeln und diese permanent zu kontrollieren. Der Körper soll „auf Gesundheit kalibriert“ werden. Agus geht mit gutem Beispiel voran und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen. Er führt ein Schlaftagebuch und speichert alle seine medizinischen Daten in der Cloud.
Das Smartphone soll dabei in seiner Zukunftsvision zum Universalmessgerät werden, quasi der Generalschlüssel zum Leben ohne Krankheit. „Bald schon werden wir kleine Geräte bei uns tragen können, die uns jederzeit unsere körperlichen Dynamiken mitteilen können. Nicht, dass wir so etwas wirklich alle rund um die Uhr tragen möchten, aber sie könnten uns unglaublich dabei nützlich sein, die Werte unseres Normalzustands beizubehalten, und uns mitunter auch darauf trainieren, zu bemerken, wenn wir etwas ändern müssen.“
Dieses Szenario ist, neben dem gelegentlich ungezügelten Optimismus des Autors, die größte Schwäche des Buches. Wer permanent misst, überwacht und gegensteuert, setzt sich einem Gesundheitsterror aus, der selbst aus kerngesunden Menschen sofort Patienten macht (und umgekehrt aus denen, die doch krank werden, unfähige Vorsorgeversager). Prävention und Gesundheitsbewusstsein sind zweifelsohne wichtige Faktoren. Aber hier schlägt beides mitunter in Hysterie und Paranoia um. Für einen vernünftigen, aber entspannten Umgang mit der eigenen Gesundheit gibt es in der Welt von David B. Agus offensichtlich keinen Platz. Und er blendet noch eine wichtige Frage aus: Kann es gesund sein, wenn man ständig Angst vor Krankheit hat, also letztlich vor seinem eigenen Körper?
Bestes Zitat: „Wenn es um den komplexen menschlichen Körper geht, kann man nicht einfach etwas Bestimmtes tun, um etwas anderes zu bewirken. Die Einnahme eines Medikaments verändert das gesamte System, nicht nur den Bereich, den man damit beeinflussen möchte.“
Durchgelesen: Tom Folsom – “Dennis Hopper”
| Autor | Tom Folsom |
| Titel | Dennis Hopper. Die Biografie |
| Originaltitel | Dennis Hopper. A Journey Into The American Dream |
| Verlag | Blessing |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ![]() |
Der dritte Todestag von Dennis Hopper liegt gerade ein paar Tage zurück, und das ist erneut ein Anlass, sich zu wundern. Dieser Mann stand wie kaum ein anderer im Auge des Sturms, den Beat-, Hippie- und Popkultur ab Mitte der 1950er Jahre ausgelöst hatten. Er hat mit James Dean gedreht, er war mit Andy Warhol befreundet, er hat Lieder von Bob Dylan inspiriert. Trotzdem hat er seine Lebensgeschichte nicht aufgeschrieben.
Tom Folsom holt das jetzt nach. Der Journalist, Jahrgang 1974, der zuvor schon das Leben des Drogenbarons Leroy Barnes und des Mafiabosses Crazy Joe Gallo zwischen Buchdeckel gepresst hat, legt nun die erste Biografie von Dennis Hopper vor. Die erstaunlichste Erkenntnis nach der Lektüre dieser 416 Seiten: Es ist ein Wunder, dass dieser Mann überhaupt 74 Jahre alt werden und mehr als 140 Filme drehen konnte. Denn Dennis Hopper hat das Leben in vollen Zügen ausgekostet, mit Drogen und Orgien, mit Waffen und schnellen Autos, auch mit gefährlichen Wegbegleitern wie Charles Manson oder den Gangmitgliedern aus Los Angeles, die in seinem Film Colors mitspielten.
Hopper war in all dieser Zeit ein Rebell, getrieben von seiner Leidenschaft und dem Durst nach Freiheit. Dass er (obwohl er das durchaus wiederholt angedacht und sogar schon Verträge mit Verlagen unterschrieben hatte) nicht die Zeit und Konzentration fand, tatsächlich einen strukturierten Rückblick auf sein Leben zu Papier zu bringen, überrascht dann letztlich doch nicht mehr. Er war viel zu sehr Chaot dafür – und er hatte stets etwas Spannenderes zu tun, als sich wochenlang hinter eine Schreibmaschine zu setzen.
Folsom versucht auf sehr eigene Weise, diese Lücke zu füllen. Er schreibt in einem angedeuteten Gonzo-Stil und will sich so der unkonventionellen, impulsiven Kunst Hoppers annähern. Das gelingt über weite Strecken, wirkt – zumal in der deutschen Übersetzung – aber manchmal auch ein wenig verkrampft. „Wo Hopper draufsteht, war Hopper drin, nur wusste man nie, was drin sein würde“, fasst der Autor die Arbeit des Schauspielers an einer Stelle zusammen – ein bisschen gilt das auch für sein eigenes Buch.
Die Kapitel sind eher wie Features, unzusammenhängend, szenisch, spontan. Sie werden damit wohl durchaus dem ebenso manischen wie inspirierenden Charakter des Schauspielers gerecht. Viele Wegbegleiter kommen zu Wort, zudem hat Folsom reichlich Zitate Hoppers aus dem Archiv zusammengetragen. So wird das Buch letztlich doch eine halbwegs vollständige, zudem weitgehend chronologisch erzählte Lebensgeschichte.
Als kleiner Junge auf einer Farm in Kansas hat Hopper nichts als seine Fantasie. Die einzige Abwechslung ist der Schnellzug, der regelmäßig vorbeijagt – und scheinbar aus einer anderen Welt kommt. Zugleich erlebt der kleine Dennis im benachbarten Dodge City, wo viele Western gedreht werden, früh die Möglichkeiten der Filmindustrie, all das Geld, all die Überzeugungskraft, all die Akribie, mit der Hollywood eine Fantasie erst zur Realität (während der Dreharbeiten) und dann erneut zu einer Fantasie (auf der Leinwand) werden lässt. Es wird für ihn eine prägende Erfahrung. „Ich war sofort hin und weg“, erinnert sich Hopper an seine erste Kinovorstellung. „Die Orte, die ich auf der Leinwand sah, waren diejenigen, von denen der Zug kam und zu denen er fuhr. Die Welt auf der Leinwand war die wirkliche Welt, und ich hatte das Gefühl, mir würde das Herz zerspringen, so sehr wünschte ich mir, ein Teil von dieser Welt zu sein.“
Es ist diese Fixierung auf das Kino, das Wissen um seine Möglichkeiten und Produktionsbedingungen, die zum Leitmotiv im Leben Dennis Hoppers wird. Als Teenager zieht er mit seinen (bis dahin in erster Linie durch Abwesenheit glänzenden) Eltern nach Kalifornien und macht erste Erfahrungen als Theaterschauspieler. Gleich seinen ersten Filmauftritt hat er im Klassiker Denn sie wissen nicht was sie tun an der Seite von James Dean, den er abgöttisch verehrt.
Schnell ist Hopper nicht nur Schauspieler, sondern Filmefühler, Filmedenker und schließlich auch Filmemacher. Er feiert einen phänomenalen Erfolg als Regisseur von Easy Rider, wird zum Aushängeschild der Gegenkultur, zum Pop-Vordenker und -Seismograph. „Wir sind ein neuer Menschenschlag. Wir gehen mehr Freiheit ein und auch mehr Risiken. Spirituell sind wir die vielleicht kreativste Generation der letzten neunzehn Jahrhunderte. Ich finde, wir sind Heroen. Ich will Filme über uns machen“, sagt er auf dem Höhepunkt seines Ruhms.
Folsom widmet dieser turbulenten Phase erfreulich viel Raum, auch den chaotischen Dreharbeiten von The Last Movie, das sein Meisterwerk werden sollte, aber als Flop endete und seinen Absturz in den drogendurchtränkten 1970er Jahren einleitete. Die Zeit nach dem faszinierenden Comeback als Frank Booth in Blue Velvet (1986) wird im Vergleich dazu eher spärlich betrachtet.
Dennoch gelingt es dem Autor, Konstanten herauszuarbeiten, denn es geht ihm ganz offensichtlich weniger um Fakten als vielmehr um die Suche nach dem Wesen dieses Schauspielers, den ein Kritiker einmal als „die perfekte Verkörperung des verlorenen Idealismus der Sixties“ bezeichnet hat. Hoppers Kunst – als Schauspieler, als Regisseur, auch als Fotograf und Maler – besteht fast nur aus Enthusiasmus, Talent und Illusion, aber sie kennt so gut wie keine Strategie, Organisation, Realität. Dennis Hopper ist besessen von Amerika, seiner Verheißung, seiner Geschichte, seinen Sünden und seiner Selbstzerstörung (A Journey Into The American Dream heißt der Originaltitel dieser Biografie). Gerade die Lust auf Zerstörung ist in diesem Leben omnipräsent: Sie bezieht sich zuerst auf die Konventionen seiner kleinen Welt, dann auf die Strukturen im Hollywood-Business, schließlich auf sich selbst.
So werden auch die Kämpfe und Niederlagen, die das Dasein als Außenseiter mit sich bringt, zu einem prägenden Element in der Karriere von Dennis Hopper. Viel mehr Geld, Ruhm und Anerkennung hätte sein Wirken bringen können, wenn er bereit gewesen wäre, sich unterzuordnen und nach den klassischen Hollywood-Regeln zu spielen. Dennis Hopper wusste durchaus, dass er letztlich ein Unvollendeter blieb. „Gescheitert? Ich meine, ja, vielleicht“, zog er in einer Fernsehtalkshow Bilanz über seine Karriere. „Aber es gab Momente, in denen ich wirklich brillant war, verstehen Sie? Ich glaube, die gab es. Manche Karrieren kommen mit solchen Momenten aus.“
Bestes Zitat: „Wir waren so naiv zu glauben, wenn man Drogen nahm, Alkohol trank oder nymphomanisch war, würde dadurch das Tor zur Kreativität geöffnet. Und Kreativität, die wollten wir erreichen.“
Durchgelesen: Harald Welzer – “Selbst denken”
| Autor | Harald Welzer |
| Titel | Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand |
| Verlag | S. Fischer |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ![]() |
Dass Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand von Harald Welzer sich wochenlang in der Spiegel-Bestsellerliste hielt, ist vielleicht der beste Beweis für die These von der German Angst, also der Behauptung, hierzulande sei man besonders skeptisch, pessimistisch und mitunter gar masochistisch veranlagt. Denn der Wissenschaftler macht in dieser „gelungenen Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch“ (Die Zeit) vor allem klar, was er beim Blick in die Zukunft erkennt: eine Katastrophe.
Gemeint ist damit nicht nur die Gefahr durch den Klimawandel. Welzer befürchtet ebenso eine wirtschaftliche, soziale und demokratische Katastrophe, weil alle von ihm diagnostizierten Fehlentwicklungen miteinander verknüpft sind. Die von ihm angeprangerte „Wachstumsreligion“, Konsumismus, Neoliberalismus, Totalisierung des Marktes, die Zerstörung der sozialen Beziehungen und das Kasperletheater, das aus dem Zusammenspiel von Politik und Medien besteht, tragen demnach dazu bei, dass wir auf dem besten Weg in den Abgrund sind.
Der Ausgangspunkt seines Buches ist die Feststellung, dass die Zukunft für uns nichts Verheißungsvolles mehr hat. Früher (und so war auch seine persönliche Erfahrung als Kind, wie er schreibt) war Zukunft noch „die unablässige Erweiterung des Machbarkeits- und Erfahrungshorizonts“, sie war ein Versprechen voller neuer Möglichkeiten, Technologien und Entdeckungen. Heute ist Zukunft eine Bedrohung.
Das Bedrückende daran sei vor allem, dass es scheinbar kaum Möglichkeiten gebe, etwas an dieser Entwicklung zu ändern. Welzer legt überzeugend dar, dass die vielfach propagierte Nachhaltigkeit in unserem Leben nur erreicht werden kann, wenn wir uns radikal umstellen, in vielen Bereichen. Die Quintessenz seiner These lautet: Ökologie und Wachstum schließen sich gegenseitig aus. Wenn man also die Umwelt retten und Ressourcenübernutzung vermeiden will, „geht das nicht ohne deutliche Wohlstandsverluste. Das gute Leben gibt es nicht umsonst“, stellt er klar. Auch anderswo in Selbst denken gibt es immer wieder den unpopulären Hinweis auf die Notwendigkeit zu Verzicht, Rückschritten und Abstrichen.
Das wirkt vor allem deshalb so radikal, weil das bestehende Modell scheinbar noch funktionstüchtig ist und auf trügerische Weise zukunftsfähig wirkt. Natürlich kann man Sorge haben, wie die Welt in 60 Jahren aussehen wird und sich beispielsweise fragen, ob man heutzutage wirklich Kinder in diese Welt setzen sollte. Doch Anlass zu solcher Sorge hatten die Menschen des Jahres 1953 in jedem Falle auch – die meisten davon haben sich zerstreut, der Fortschritt scheint solche Bedenken immer wieder obsolet zu machen.
Es ist eine Stärke von Welzers Buch, dass er aufzeigt, warum genau dieses Denkmuster nicht mehr funktioniert: Der Fortschritt frisst sich selbst auf. Durch die Übernutzung natürlicher Ressourcen gehen seine Grundlagen unwiederbringlich verloren und wir haben keine Antwort auf die Frage, was dann passiert.
Besonders fahrlässig handelt dabei seiner Ansicht nach die Politik, die sich auf einen „restaurativen Illusionismus“ beschränke statt die klare Ansage zu wagen: Um die Welt zu retten, ist eine große Veränderung notwendig, die für uns in Deutschland wahrscheinlich ein Abstieg sein wird, wenn wir nicht rechtzeitig Modelle entwickeln, um damit umgehen zu können. „Handlungsfähig wäre [die Politik] nur, wenn sie noch etwas zu gestalten vorhätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht“, klagt er an. Das Ausbrechen aus alten Denkmustern sei notwendig, aber Politik, Medien, Wirtschaft und nicht zuletzt unsere eigene Bequemlichkeit sorgten dafür, dass wir feststecken im „gesellschaftlichen Tunnelblick“.
Ein großer Teil von Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand widmet sich der Analyse möglicher Maßnahmen, die auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit naheliegend scheinen, aber zum Scheitern verurteilt sind. Welzer legt dar, dass die Politik gegen die aktuelle Entwicklung nichts tun kann, weil ein unser gesamtes Leben umgestellt werden muss von einer expansiven Kultur (also dem Fokus auf Wachstum) in eine reduktive (also auf das Zurückfahren vieler Faktoren). Derlei große Transformationen ließen sich nicht verordnen und steuern, habe die Geschichte immer wieder gezeigt.
Auch die Wissenschaft könne nichts tun, weil sie zu sehr gefangen sei in ihren eigenen Kategorien und fast nie den Transfer ihrer Ergebnisse in Handlungsempfehlungen wage. Die Klimaforscher, die als Vielflieger für die Vermeidung von CO2-Ausstoß werben, sind dafür nur das frappierendste Beispiel.
Selbst der Versuch, über die Mechanismen des Marktes etwas in Richtung Nachhaltigkeit zu bewirken, beispielsweise durch Boykotte oder Proteste gegen bestimmte Unternehmen und ihre Praktiken, ist laut Welzer zum Scheitern verurteilt. „Der Markt, der alles, auch den heftigsten Widerstand gegen sich selbst, inkorporieren und in eine Ware verwandeln kann, ruft jederzeit ‚ick bün all da’ und hetzt die naiven Strategen ganz entspannt zu Tode“, schreibt er. „Die im 20. Jahrhundert eingeübten politischen Kampfformen und Einflussgrößen sind im 21. Jahrhundert schwach oder gar gegenstandslos geworden. Es handelt sich um neue Formen der Machtbildung, die mit den alten Mitteln nicht zu bekämpfen sind. Sie bieten nicht einmal mehr ein Feindbild, an dem sich Gegenmacht organisieren könnte.“
Die einzige Dimension, innerhalb der wirklich etwas getan werden kann, ist demnach das Selbst. Darin liegt die Lösung, die Welzer propagiert. „Ich selbst bin das Problem, das gelöst werden muss, wenn unsere Welt zukunftsfähig werden soll“, fasst er seinen Appell zusammen. Wir müssen selbst denken und anders handeln.
Das klingt einleuchtend und nicht allzu kompliziert, doch Welzer geht sehr seindrucksvoll darauf ein, wie groß die Widerstände sind, die es dafür zu überwinden gilt. Zunächst sei der Handlungsbedarf schwer zu erkennen: Immer wieder betont der Autor die Ungleichzeitigkeit des Wandels. Das heißt: Viele negative Entwicklungen sind längst im Gange, ohne dass wir sie erkennen, und sie verstärken sich gegenseitig mit den Szenarien, die wir erst noch erwarten.
Dazu kommt, dass wir träge sind und kaum gelernt haben, uns ein Verhalten oder eine Gesellschaft jenseits des Status Quo vorstellen zu können. Das kulturelle Modell der Industrialisierung hat nicht nur Wirtschaft und Politik geprägt, wie Welzer deutlich macht, sondern auch unseren Habitus und unsere Psyche. Er zeigt mit vielen Beispielen die Bedeutung des „impliziten Handlungsmodells der gelebten Kultur“, die einer radikalen Veränderung im Wege steht. Nicht zuletzt geht es uns (noch) gut. Wir erliegen gerne den Verlockungen der von ihm angeprangerten „Kultur des ALLES IMMER“, und selbst wenn wir ahnen, dass diese moralisch fragwürdig ist, brechen wir nicht daraus aus. Sinn kann man kaufen und dann notfalls in Raten bezahlen, attestiert Welzer.
Dennoch sieht er im Umdenken jedes Einzelnen den einzigen Weg, um eine intakte Umwelt und eine gerechte Gesellschaft zu vereinen. Er fordert „Widerstand gegen die physische Zerstörung der künftigen Lebensgrundlagen, gegen den Extraktivismus, Widerstand aber auch gegen die Okkupation des Sozialen. Widerstand gegen die freiwillige Hingabe der Freiheit. Widerstand gegen die Dummheit. Widerstand gegen die Verführbarkeit seiner selbst, leichthin zu sagen: ‚Ist ja egal, es kommt doch nicht auf mich an.’ Nichts ist egal. Nur auf Sie kommt es an.“
Das ist harter Stoff, doch es gelingt Harald Welzer, aus Selbst denken dennoch eine unterhaltsame Lektüre zu machen. Sprachlich ist er mitunter brillant, viele Abbildungen illustrieren seine Thesen und gelegentlich ist inmitten all der dunklen Wolken auch Platz für Humor. „Es existiert eine unendliche Menge von Möglichkeiten, es sich selbst und anderen unbequem zu machen“, schreibt Welzer beispielsweise augenzwinkernd. All das führt zu der erstaunlichen Tatsache, dass seine Schreckensszenarios und sein Levitenlesen sogar Spaß machen.
Erfreulich ist auch, dass sich Welzer nicht zum Über-Gutmenschen oder zum Bruce Willis der Soziologie stilisiert, der als ultimatives Vorbild gelten kann und den Masterplan zur Rettung der Welt in der Tasche hat. „Wir leben auf Kosten der kommenden Generationen“, schreibt er beispielsweise, und dieses „wir“ (statt „ihr“) zeigt: Er bezieht sich ein, er stellt sich selbst mit an den Pranger. In teilweise sehr persönlichen Gedanken zeigt er, wie schwer auch ihm der Weg zum Selbst denken fällt. Er ist zwar einen Schritt zurückgetreten, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen, aber er stellt sich nicht moralisch über alle anderen oder den Leser.
Dass Selbst denken ein so aufrüttelndes und wichtiges Buch wird, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass Welzer sehr verständlich, direkt, praktisch und konkret bleibt und aus einem riesigen Wissensfundus schöpft (die erste Fußnote des Buches verweist auf ein Micky-Maus-Heft als Quelle, die zweite auf Francis Fukuyama, der die Theorie vom „Ende der Geschichte“ geprägt hat – das illustriert wunderbar die Bandbreite). Immer wieder findet er eine faszinierende Form für seine Thesen, beispielsweise, wenn er sich in den Kapiteln Lebenskunst, zwanzig Jahre später und Eine nicht ganz so schöne Geschichte aus dem Jahr 2033 als Science-Fition-Autor betätigt. Dass seine Utopie von einem nachhaltigen, innovativen 2030 glaubwürdiger klingt als seine Dystopie von 2033, ist dabei entweder ein gutes Zeichen oder ein Signal für unsere Blindheit gegenüber all den apokalyptischen Bedrohungen.
Das Buch lebt auch von der Begeisterung, dem Sendungsbewusstsein und den Emotionen, die darin stecken. Mitunter wird der Autor euphorisch, beinahe esoterisch (man kann natürlich auch wohlmeinend sagen: ganzheitlich) bei der Erklärung seiner Vision der Zukunft: „Die Transformation von der expansiven zur reduktiven Kultur ist die Tranformation von einer einfachen zu einer intelligenten Kultur: von der Addition zur Kombinatorik, vom Wachstum zur Kultivierung, vom Aufbau zum Ausbau. Von Passivität zu Aktivität. Vom Dulden zum Widerstehen. Von Dienen zum Genießen. Zum sich selbst wieder Ernst-Nehmen“, schreibt er beispielsweise.
Dieses Schwärmerische kann man ihm ebenso ankreiden wie die Tatsache, dass er beim Vorstellen von Lösungsansätzen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen gelegentlich die globale Perspektive übersieht oder vernachlässigt. Und ein bisschen Eitelkeit steckt auch noch in Selbst denken, wenn Welzer in einigen Passagen seine Unzufriedenheit mit dem Bildungs- und Wissenschaftssystem zum Ausdruck bringt, aus dem er sich mittlerweile als Direktor der Stiftung FUTURZWEI weitgehend zurückgezogen hat.
Nichtsdestotrotz ist Selbst denken ein großer Wurf. Welzer wird darin dem Titel als „einer der konsequentesten Vordenker unserer Zeit“ gerecht, den ihm sein Verlag ans Revers heftet. Sein Buch ist deshalb so stark, weil es den Fokus nicht auf der Klimathematik belässt, sondern nach Ursachen, weiteren Folgen und Zusammenhängen sucht.
Welzer arbeitet zum einen exzellent heraus, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass jeder neue Tag mittlerweile eher wie ein weiterer Schritt in Richtung Weltuntergang wirkt als wie eine Etappe auf dem Weg zum Paradies. Er befürchtet beziehungsweise attestiert völlig zu Recht „das freimütige Eintauschen von Autonomie gegen Produkte (…) weil hier ohne Not preisgegeben wird, war der wirkliche historische Gewinn des Aufstiegs der frühindustrialisierten Gesellschaften war (…): bürgerliche Rechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildungs- und Gesundheitsversorgung. Denn die kapitalistischen Gesellschaften produzieren ja beides zugleich: die Erfahrung von Freiheit und Teilhabe und Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die Steigerung des individuellen Glücks und die Zerstörung der Welt. Aufklärung und Selbstentmündigung.“
Zum anderen zeigt er, wie viele Möglichkeiten zur Gestaltung der Welt wir haben, wenn wir unseren Horizont ein wenig erweitern und unsere Fantasie benutzen: „Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Zerfall vollziehen wird – ob man sehenden Auges die sukzessive Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen.“
Vor allem ist Selbst denken ein großartiges Plädoyer für den Abschied vom reinen Wachstums- und Wirtschaftsdenken. Das wirklich Bedrohliche an der Zukunft ist nicht Peak Oil, der Crash des Finanzsystems oder die Klimakatastrophe, sondern das Ende der Grundlagen unseres Zusammenlebens. Welzer will, und das ist sein stärkstes Argument, unseren zivilisatorischen Standard bewahren, nicht unbedingt unseren Lebensstandard. Er hat erkannt: Demokratie, Frieden und Menschenrechte sind wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt.
Bestes Zitat: „Der Kapitalismus ist ein System von faszinierender Geschmeidigkeit: Er regelt die Beziehungen der Menschen zueinander unabhängig davon, ob sie einander freundlich oder feindlich gegenüber stehen. Er erneuert und modernisiert sich durch seine wiederkehrenden Krisen. Er absorbiert Kritik und Gegenbewegungen, indem er für beides Teilmärkte schafft, also auch aus ihnen Modernisierungspotenzial schöpft. Er verwandelt die Welt und ihre kulturellen Differenzen und historischen Ungleichzeitigkeiten in einen gigantischen Synchronisierungsapparat, der von Energie, Arbeit und Material gespeist wird. Er wäre perfekt, hätte er nicht wie jedes andere Perpetuum mobile den konstruktiven Nachteil, dass er ohne Energiezufuhr von außen nicht läuft.“
Durchgelesen: Ernst Horst – “Die Nackten und die Tobenden”
| Autor | Ernst Horst |
| Titel | Die Nackten und die Tobenden. FKK – Wie der freie Körper zum deutschen Kult wurde |
| Verlag | Blessing |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ![]() |
Der Regierungsschulrat ist außer sich. Schweinkram! Zügellosigkeit! Sodom und Gomorrha! So kann das nicht weiter gehen. Er fordert, dass Medizinstudenten künftig die Anatomie nur am männlichen Körper gelehrt bekommen. Die weibliche Anatomie dürften sie erst kennen lernen, wenn die Studenten verheiratet seien. Das ist wirklich passiert. In Würzburg, im Jahr 1953.
Einerseits ist das nicht allzu verwunderlich: Kaum ein Zeitalter der Menschheitsgeschichte dürfte derart zugeknöpft gewesen sein wie das wilhelminische Kaiserreich. Und auch zu Zeiten der oben beschriebenen Anekdote war Spießigkeit in Deutschland erste Bürgerpflicht. Der Erzbischof von Köln war die oberste moralische Autorität, noch vor dem Bundeskanzler, der damals Konrad Adenauer hieß und ebenfalls stockkatholisch war.
Andererseits ist die Prüderie des Regierungsschulrats aus dem Frankenland auch erstaunlich. Schließlich gilt Deutschland als Mutterland der Freikörperkultur. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Trend spürbar, in den Nachkriegsjahren war er ungebrochen.
Warum waren ausgerechnet die sonst so auf Sittlichkeit bedachten Deutschen so versessen darauf, ihre Freizeit nackt und im Freien zu verbringen? Dieser Frage geht Kulturforscher Ernst Horst in seinem Buch Die Nackten und die Tobenden nach. FKK – Wie der freie Körper zum deutschen Kult wurde lautet der Untertitel, der freilich etwas irreführend ist. Denn statt einer Kulturgeschichte der nackten Deutschen liefert der Journalist, der vor allem für das Feuilleton der FAZ schreibt, eher einen Überblick über die Medien, die in Deutschland die FKK-Kultur begleiteten. Er wertet Hefte wie Sonnenfreunde, Freies Leben oder Licht und Schönheit aus, der Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1949 bis 1970, also der Blütezeit der Nacktkultur.
Dieser Fokus ist schnell erklärt: Folgt man der Argumentation von Ernst Horst, dann erregten die Zeitschriften viel mehr Aufmerksamkeit als die eigentlichen Nacktvereine und Nacktstrände. Sowohl die Sittenwächter auf Seiten der Justiz beschäftigten sich intensiv mit den Blättern als auch all jene, die gerne nackte Menschen betrachten (aus welchen Gründen auch immer), aber niemals auf die Idee gekommen wären, sich selbst in der Öffentlichkeit auszuziehen.
Die Freikörperkultur bestehe „zu neunzig Prozent nur aus medialem Echo“ (also den Tobenden, die sich über die Nackten aufregen), folgert Horst. „Jedenfalls existierte sie zunächst mehr in der abstrakten Sphäre der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, ehe sie sich dann allmählich in die raue Wirklichkeit hinein bewegte.“
Das Buch wird zum Porträt einer schillernden, längst vergessenen Medienlandschaft. Horst Ernst zeichnet beispielsweise nach, wie fleißig die Verleger voneinander abkupferten: Jede Variation, die sich als Erfolgsrezept erwies, wurde eilends kopiert. Er stellt die wichtigsten Protagonisten vor (Verleger, Fotografen, Funktionäre) und macht deutlich, dass die Macher vor allem in den frühen Jahren der Bundesrepublik immer mit einem Bein im Gefängnis standen. Verlage und Redaktionen testeten genau aus, wie weit sie bei der Auswahl der Fotomotive gehen konnten, ohne dass diese als allzu aufreizend oder gar pornografisch galten.
Dass die Freikörperkultur gar nichts mit Erotik zu tun haben wollte, merkt der Autor immer wieder an, genauso wie er klarstellt, dass das vielen der Leser der Hefte und erst recht den empörten Moralaposteln egal gewesen sein dürfte. „Die Gegner der FKK haben deren Zeitschriften immer als Erotika gesehen. Auch heute ist es noch so, dass Normalverbraucher, die in Internetauktionen solche Hefte verkaufen, selten einen Unterschied zwischen FKK und Sex machen. Es gibt aber einen Unterschied. FKK ist auch die Freiheit, gesellschaftliche Konventionen nicht zu akzeptieren. FKK ist so etwas wie Atheismus“, schreibt Horst.
Solche mitunter philosophischen Interpretationen sind ebenso typisch für Die Nackten und die Tobenden wie der angenehm ironische Ton des Autors. Der Kulturwissenschaftler nähert sich seinem Thema nicht mit Bierernst, sondern mit großer Leichtigkeit, die auch dafür sorgt, dass der Verdacht von Spießigkeit, Anrüchigem oder allzu viel Wissenschaft zugleich vom Tisch gewischt wird.
Zum Lesevergnügen tragen auch die Miszellen am Ende jedes Kapitels bei, in denen verwunderliche Begebenheiten rund um die Nacktheit berichtet werden wie die vom bereits erwähnten Würzburger Regierungsschulrat. Und nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen, die den Charme der FKK-Hefte illustrieren und erst recht unverständlich wirken lassen, warum sie bis weit in die 1960er Jahre hinein für so viel Aufregung und juristischen Ärger sorgen konnten.
Nach knapp einem halben Jahrhundert war dann alles vorbei. Die Pädophilie-Vorwürfe gegen einige der Magazine wollten damals nicht verstummen, zudem war im Internet längst viel mehr Nacktheit verfügbar. 1998 verschwand das letzte Magazin vom Markt.
Bestes Zitat: „Die FKK-Presse (…) war letztlich eine Form der erotischen Literatur, nur auf eine extrem unschuldige Art. Jedes einzelne Foto zeigte etwas, das auch am Strand von Sylt erlaubt war. Die Auswahl der Fotos war aber so, als hätte eine gute Fee alle Badenden bis auf die fünf Prozent der hübschesten und jüngsten Frauen weggezaubert.“
Durchgelesen: Tony McCarroll – “Die Wahrheit über Oasis”
| Autor | Tony McCarroll |
| Titel | Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis |
| Originaltitel | Oasis – The Truth |
| Verlag | Iron Pages |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ![]() |
“Beschissener Drummer. Beschissene Frisur. Beschissenes Outfit.” Mehr als diese drei Sätze hatte Noel Gallagher nicht übrig für Tony McCarroll, nachdem er ihn gerade aus der Band geworfen hatte. Der frischgebackene Ex-Schlagzeuger von Oasis war zu diesem Zeitpunkt längst derlei Komplimente gewohnt. Er wurde von seinen Bandkollegen während des Videodrehs für Live Forever lebendig begraben. Als Noel Gallagher in einem Radiointerview in den USA von einem Hörer gefragt wurde, ob er jemals eine Penisverlängerung in Betracht ziehen würde, antwortete er: “Oasis haben schon eine Penisverlängerung. Den Drummer.” Und als McCarroll sich für den Rausschmiss mit einer Einmalzahlung von läppischen 550.000 Pfund abspeisen ließ, kam zu all diesen Beleidigungen auch noch der Ehrentitel als “der dümmste Mensch im Popgeschäft” (The Sun) hinzu.
Angesichts solcher Anekdoten ist es einerseits ein Wunder, dass Tony McCarroll es überhaupt bis 1994 in dieser Band ausgehalten hat. Andererseits ist es nur allzu verständlich, dass er sich seinen Frust von der Seele schreiben will, die Möglichkeit einer Rechtfertigung sucht. Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis ist genau dies, und obendrein ein spannender Einblick für allem in die frühen Jahre der erfolgreichsten britischen Rockband der vergangenen 20 Jahre.
Zwischen den Zeilen steckt in diesem Buch überall der Frust, die Reue, der stumme Aufschrei von einem, der vollkommen unverhofft am unendlichen Rausch des Glücks teilhaben durfte, aber letztlich doch mit dem Gefühl zurückbleiben musste, zu kurz gekommen zu sein. Tony McCarroll, der offiziell gefeuert wurde, weil er als Schlagzeuger einfach nicht gut genug für die schnell wachsenden musikalischen Ambitionen von Oasis war, versucht in diesem Buch niemals, sich als meisterhaften Musiker zu inszenieren. Aber er betont dennoch, dass sein Anteil am Aufstieg von Oasis (zu deren Gründungsmitgliedern er – im Gegensatz zu Noel Gallagher – schließlich gehörte) keineswegs gering zu schätzen und vor allem zu respektieren sei. “Erwartet nicht den gemeinen Rundumschlag eines zurückgewiesenen Musikers”, schreibt er im Vorwort. “Ihr sollt einen ehrlichen Entwicklungsbericht von Oasis und ein Verständnis für die Fallstricke des Lebens erhalten – besonders diejenigen, die das Rockgeschäft auslegt.” Immer wieder betont er, dass er die Wahrheit berichtet, die der Buchtitel verspricht.
Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis trägt wenig dazu bei, das Image vom etwas tumben Schlagzeuger abzustreifen, der zu blöd war, das Manchester-Äquivalent eines Sechsers im Lotto vernünftig zu genießen. Die Sprache ist manchmal arg hölzern, gelegentlich zielt McCarroll bei seinen Retourkutschen unnötig weit unter die Gürtellinie und auch die oft alberne deutsche Übersetzung (auf die Idee, das altertümliche “Schnarrtrommel” statt “Snare Drum” zu verwenden, muss man erst einmal kommen; und von “grenzgeilen Melodien” würde wohl auch kein halbwegs ernsthafter deutschsprachiger Musikjournalist mehr schwärmen) und das schlampige Lektorat tragen dazu bei.
Faszinierenderweise zeigt sich Tony McCarroll in diesem Buch aber in erster Linie noch immer als Fan von Oasis. Bonehead preist er als “genialen Musiker”, die herausragende Bedeutung von Liam Gallagher als Frontmann schätzt er völlig richtig ein. “Zudem brachte Liam die Songs ziemlich markig rüber, womit er den Rest von uns beinahe völlig überstrahlte”, schreibt er über einen der ersten Liveauftritte. “Immerzu schoss das Publikum sich auf ihn ein, sogar während der Proben. Wenn er seine Zeilen mit aufsässigem Blick ins Mikro näselte, fühlten sich die Leute gleichzeitig umgarnt wie angegriffen, beeindruckt und beunruhigt.”
Auch Noel Gallagher, der erst später zur Band stieß und während des kometenhaften Aufstiegs von Oasis immer mehr zum Peiniger des Drummers wurde, erfährt hier durchaus respektvolle Würdigungen. McCarroll zeigt sich zutiefst enttäuscht von Noel als Mensch, trotzdem bringt er in diesem Buch immer wieder unverhohlene Bewunderung für ihn als Musiker auf. Die Beziehung der beiden Männer, die spätestens dann zum Psychokrieg wurde, als Oasis ihren Plattenvertrag in der Tasche hatten und Label-Boss Alan McGee sofort die Inthronisierung von Noel als Band-Diktator einleitete, ist hier sicherlich parteiisch, aber sehr spannend nachgezeichnet. Für McCarroll gibt es den “alten” Noel, mit dem er Fußball spielte und durch die Straßen Manchesters zog. Ihn beschreibt er als großen Kumpel, als Beschützer und Autorität. Als Bandleader wurde daraus der “neue Noel”, ein asozialer Egomane.
Neben diesem Konflikt lebt das Buch vor allem von seinen vielen Anekdoten aus der Zeit, als Oasis zunächst noch Nobodys und dann für eine ganze Weile die heißeste Rockband des Planeten waren. McCarrolls Biographie ist durchaus typisch für eine Jugend im Manchester der 1970er und 80er Jahre und für das Milieu, aus dem auch der Rest der Band kam. Fußball und Schlägereien waren angesagt, The Smiths und die Stone Roses. Kurz vor dem Durchbruch mit der Band hat McCarroll, der schon als Teenager Vater einer Tochter geworden war, noch in einer Fleischerei gearbeitet und war dort unter anderem mit dem Entsorgen von Augen, Hirnen und Geschlechtsteilen befasst. Auch mehrere andere Oasis-Mitglieder hatten interessante Nebenjobs: Sie wuschen zeitweise die Autos von Manchester-United-Spielern, unter anderem von David Beckham und Eric Cantona. Für Oasis-Insider sind solche Informationen natürlich Manna, genauso wie die vielen bisher unveröffentlichten Fotos aus den Jahren 1984 bis 1994, die Geschichten von der Beinahe-Schlägerei mit East 17, die überraschende Anekdote, dass ausgerechnet Blur ihnen bei einem Auftritt 1994 in San Francisco vom Bühnenrand aus zusahen und die Geschichte, in der Noel und Liam sich an der kanadischen Grenze um einen Staubsauger stritten.
Auch mit Blick auf die Musik liefert Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis durchaus Erhellendes. An erster Stelle ist hier der große Einfluss zu nennen, den die frühen Sessions mit The Real People in Liverpool offensichtlich auf die Band ausübten. Nicht zuletzt entlarvt McCarroll zumindest ein bisschen auch den Mythos von Oasis. Ein nicht geringer Teil des Rabaukentums der wilden Jahre sei inszeniert gewesen, schreibt er, vor allem bei Noel und vor allem nach dem Tip von Alan McGee, Oasis sollten das ultimative Rock’N'Roll-Leben propagieren, um Schlagzeilen zu machen und die Verkäufe anzukurbeln.
Das Buch zeigt zwar auch, dass es wenig Anstiftung brauchte, wenn man geborene Chaoten und Unruhestifter wie Bonehead in der Band hat. Aber McCarroll illustriert mehr als glaubhaft, wie formbar die Band in ihren Anfangsjahren noch war, und wie sehr sie wusste, dass sie auch von ihrem Image lebt. Zu diesem Image gehörte nicht zuletzt das Credo von der Gang, dem Männerbund, der zusammenhält wie Pech und Schwefel und gemeinsam durch dick und dünn geht. Dieses Versprechen war für den Erfolg von Oasis fast genauso entscheidend wie die Killersongs von Noel Gallagher oder die einmalige Stimme von Liam. Es ist wohl genau das, was Tony McCarroll fast 20 Jahre nach seinem Rauswurf noch immer so bitter aufstößt: Oasis gründeten sich auf Loyalität – und genau die wurde ihm verwehrt.
Die beste Stelle ist Tony McCarrolls Kommentar zum Ausstieg von Noel Gallagher bei Oasis: “Dass er Verbalattacken als einen der Gründe für die Auflösung vorschiebt, ist nichts weniger als lächerlich. Jahrelang pflegte er selbst, seine Mitmenschen mit Füßen zu treten. Hatte sich da wer an seiner eigenen Bitterkeit verschluckt?”
Durchgelesen: Michael Mary – “Ab auf die Couch”
| Autor | Michael Mary |
| Titel | Ab auf die Couch. Wie Psychotherapeuten immer neue Krankheiten erfinden und immer weniger Hilfe leisten |
| Verlag | Blessing |
| Erscheinungsjahr | 2013 |
| Bewertung | ![]() |
Im Mai ist es wieder soweit. Dann erscheint DSM-5. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die neuste Ausgabe eines Leitfadens, der Diagnosen für psychische Erkrankungen versammelt. Mit anderen Worten: In dieser Liste wird definiert, was als krank gilt – und was, im Umkehrschluss, als geistige Gesundheit gelten kann.
Wenn das Werk, an dem seit 1994 gearbeitet wird, endlich vorliegt, werden viele mit dem Kopf schütteln. Binge-Eating, also das exzessive Nahrung-In-Sich-Hineinstopfen, wird darin beispielsweise als Krankheitsbild anerkannt, ebenso wie eine Launenfehlregulationsstörung. Auch für Internetsucht wurde das diskutiert, aber letztlich verworfen. Diese Entscheidung hat weit reichende Folgen: Denn die Aufnahme in DSM-5 bedeutet auch, dass die gesetzlichen Krankenkassen für die Behandlung der jeweiligen Krankheit aufkommen müssen.
Michael Mary wird zum Start von DSM-5 ganz vorne stehen im Chor der Zweifler, und er wird aus vollem Halse protestieren. Der Psychotherapeut aus Hamburg meint nicht nur, dass die Psychobranche seit Jahren fleißig neue Krankheiten erfindet und prächtig daran verdient, dass sie ganz normale Sorgen in krankhafte Phänomene umdeutet. Er hält auch nichts davon, die menschliche Psyche in Schubladen oder Listen zu unterteilen. Die Kernthese seines neuen Buchs Ab auf die Couch lautet: Psychotherapie ist etwas anderes als Medizin. Sie ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Behandeln ist nicht möglich, sondern nur begleiten. Psychotherapeuten sind keine Operateure der Seele mit Erfolgsgarantie, Schablonen, Richtlinien und Handbücher sind unbrauchbar.
„Die Psychotherapie befasst sich nicht mit Dingen, nicht mit Fakten, nicht mit Ursachen – sondern mit unüberschaubaren Zusammenhängen und hat dazu nur begrenzte Mittel zur Verfügung. Ein Psychotherapeut kann seinem Klienten kommunikative Angebote machen; und dass der Einzelne diese annimmt und Sinn darin findet, darauf muss der Therapeut hoffen, aber darauf zählen kann er nicht“, betont er.
Sein Buch zeigt auf, wie weitgehend dieser Grundsatz missachtet wird. Sein erster Vorwurf: Der Patient (den Begriff lehnt er ab und spricht lieber von „Klienten“) spielt im heutigen System der Psychotherapie quasi keine Rolle mehr. Statt einer individuellen Therapie, die genau auf seine Stimmungen zugeschnitten ist, gibt es immer häufiger nur noch Standardmethoden. Die Therapeuten sind gezwungen, sich auf gerade einmal drei verschiedene Ansätze zu beschränken, weil nur diese drei von den Krankenkassen bezahlt werden. Diagnosen werden nach der Erfahrung des Autors deshalb zunehmend willkürlich und letztlich nur erstellt, um den Anforderungen der Bürokratie zu genügen. Ist der Betroffene nun psychotisch oder depressiv? Letztlich sei das egal, solange die Diagnose nur im DSM-5 enthalten ist.
Mary, der unter anderem den Bestseller 5 Lügen, die Liebe betreffend geschrieben hat, propagiert einen anderen Ansatz, und zeigt am Ende des Buches etliche Alternativen zur heute gängigen Praxis auf: Der Therapeut solle sich auf genau das Problem konzentrieren, mit dem der Klient zu ihm gekommen ist, völlig offen in der Wahl seiner Methoden sein und zudem berücksichtigen, dass die meisten Probleme ihre Lösung bereits in sich tragen.
„Psychotherapie leistet etwas, was weder Medizin noch Psychiatrie leisten können. Sie befasst sich mit den nicht verallgemeinerbaren Dingen: mit der Individualität eines Menschen, mit seinen Besonderheiten, mit jenen Merkmalen und Merkwürdigkeiten, die aus ihm erst ein Individuum machen“, legt er zu Beginn von Ab auf die Couch dar. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, doch dieser Grundgedanke ist offenbar so weit aus dem Fokus der Disziplin gerückt, dass er in seinem Buch immer wieder darauf hinweist.
Sein zweiter Vorwurf: Es werden reichlich Patienten/Klienten behandelt, bei denen das gar nicht nötig wäre. Die im Prinzip beruhigende Botschaft von Mary lautet: Wir sind ganz normal. Dass viele Menschen an sich selbst zweifeln und Probleme haben, ihr seelisches Gleichgewicht zu halten, Probleme zu bewältigen oder Sinn in ihrem Leben zu finden, hat längst nicht zu bedeuten, dass sie alle in Behandlung gehören. Sehr gekonnt zeigt Mary auf, dass die Komplexität der modernen Welt dazu führt, dass quasi jeder Mensch aus mehreren Ichs besteht, zwischen denen er je nach Anforderung der jeweiligen Alltagssituation wechselt. Mary sieht uns als „Identitäts-Chamäleons“ und betont: „Es gibt in der modernen Welt keinen Charakter und keinen Sinn- und Verhaltensmodus mehr, an dem sich durch alle Lebensbereiche hindurch festhalten lässt.“
Dass zwischen diesen verschiedenen Ichs mitunter Reibungen entstehen, ist in seinen Augen längst kein Grund dafür, einen Therapeuten aufsuchen zu müssen. „Die Persönlichkeit ist multipel – psychische Probleme gehören heute dazu“, lautet eine Zwischenüberschrift des Buchs. Was bloß eine Krise ist, wird aber in vielen Fällen zur Krankheit gemacht. Auch die Pharmabranche, die für jede Sorge die passende Pille im Angebot verspricht, trage dazu bei, dass die Psychotherapie mehr und mehr „dem Marktgesetz der Expansion“ folge. „Ein Volk, so kann man ohne Übertreibung sagen, wird psychopharmakologisch angefüttert, indem man schon Kinder an Psychopillen heranführt“, schreibt er.
Mitunter ist es ein wenig ermüdend, wie sehr Mary in diesem Buch auf seinen beiden Kernthesen herumreitet. Die Hälfte, sogar ein Drittel des Umfangs von gut 250 Seiten hätte auch genügt, um seine Botschaft rüberzubringen. Allerdings erkennt er auch so viele Dimensionen, die von der Schematisierung und Ökonomisierung der Psychotherapie betroffen sind, dass es verständlich erscheint, wie häufig er auf die Probleme hinweist – letztlich unterstreichen die Redundanzen seines Buchs die Bedeutung seiner Kritik. Glaubwürdigkeit gewinnen seine Argumente auch dadurch, dass er mit der eigenen Zunft hart ins Gericht geht und etlichen Psychotherapeuten Gier und Arroganz vorwirft. Zudem präsentiert er in Kästen immer wieder Zahlen, Erfahrungsberichte und Beispiele.
Wiederholt wendet er sich auch gegen den Vormarsch der Evidenzbasierung, die mittlerweile auch die Psychotherapie erreicht hat. Folgt man seinem Ansatz, dass es in der Psychotherapie kein Ursache-Wirkungs-Prinzip gibt, sondern bloß Zusammenhänge, dann sind Erfolgsmessungen und Effektivitätskontrollen in der Tat fragwürdige Ansätze. Mary plädiert für „Ergebnisneutralität“, und das bedeutet: „Ich weiß nicht, wie deine Psyche beschaffen ist, ich weiß nicht, was gut für dich ist, ich weiß nicht, wie die Lösung deines Problems aussehen wird, aber ich bin durchaus bereit, mich mit dir auf die Suche danach zu machen – und ich erkenne deine Lösung an, ganz gleich, was ich davon halte.“
Allerdings muss bei diesem Ansatz auch die Frage erlaubt sein: Wenn bei der Psychotherapie keine Erfolgskontrolle möglich ist, wie soll man dann die Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen, also durch die Solidargemeinschaft, rechtfertigen? Mehr noch: Woher kommt die Legitimation der Disziplin, wie unterscheidet sie sich von Scharlatanerie, wenn sie nicht in der Lage ist, ihre eigene Wirksamkeit zu beweisen?
Mary hat Antworten auf beide Fragen, auch wenn sie nicht ganz befriedigend sind. Die Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen lehnt er ab, er sieht darin (und in der damit verbundenen staatlichen Aufsicht) sogar den Grund für viele Fehlentwicklungen innerhalb der Psychotherapie. Für die Frage nach der Wirksamkeit verweist er darauf, dass Psychotherapie eben nicht mit wissenschaftlichen Standards gemessen werden kann, sondern als „Kunst“ zu betrachten sei.
Umso spannender geraten seine Ausführungen zum Nutzen psychischer Störungen. Wenn die Gesellschaft plötzlich ein Phänomen wie „Burn Out“ diskutiert (das übrigens nicht als Diagnose im DSM-5 enthalten sein wird), dann werden damit Fehlentwicklungen thematisiert, für die Lösungen gefunden werden müssen. „In der individualisierten Welt können massiv auftretende psychische Symptome die Funktion sozialer Auflehnung übernehmen“, meint er sogar. So könne man Depression, Erschöpfung oder Ängste als Absage an Leistungsdruck, die Fixierung auf das materielle Leben oder das Verschwinden sozialer Kontakte interpretieren – einen „Aufstand der Psychen“.
Das ist der wichtigste Appell von Ab auf die Couch, weil er weit über den Bereich der Psychotherapie hinausreicht: Die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit müssen sozial gelöst werden – nicht zu Krankheiten von Einzelnen umgedeutet, die dann therapeutisch behandelt werden sollten.
Bestes Zitat: „Im Zuge der Vorarbeiten für dieses Buch habe ich mit etlichen Psychotherapeuten diskutiert, die ihren Beruf zum Teil seit dreißig Jahren ausüben. Keiner war in der Lage, mir klar und nachvollziehbar den Unterschied zwischen Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und deren Unterformen und Überschneidungen zu erläutern. Um trotz der individuellen Vielfalt der Probleme den Klienten in eine Diagnose-Schublade zu stecken, müssen die Therapeuten für ihre Gutachten Bücher in die Hand nehmen, damit sie den theoretischen und bürokratischen Vorgaben gerecht werden und den Krankenkassen keinen Grund liefern, die Behandlung abzulehnen.“
Durchgelesen: Nathan Wolfe – “Virus”
| Autor | Nathan Wolfe |
| Titel | Virus. Die Wiederkehr der Seuchen |
| Originaltitel | The Viral Storm. The Dawn Of A New Pandemic Age. |
| Verlag | Rowohlt |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ![]() |
Es ist wieder soweit. H7N9 heißt der Code, der weltweit Ärzte, Patienten und Wissenschaftler in Aufregung versetzt. Im Osten Chinas sind offiziell 45 Menschen mit diesem neuartigen Vogelgrippe-Erreger infiziert, 10 von ihnen starben bereits. Virus-Alarm.
Warum Mikroorganismen immer wieder zur tödlichen Gefahr werden können, erklärt Nathan Wolfe in seinem aktuellen Buch Virus – Die Wiederkehr der Seuchen. Er liefert darin nicht nur spannende Einblicke in die Biologie. Der Virologe, der an der US-Eliteuniversität Stanford forscht und vom Time-Magazine in die Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde, macht auch deutlich, wie groß die Bedrohung ist. Die moderne Welt liefert „perfekte Bedingungen für einen Virensturm“, schreibt er. An anderer Stelle wird er noch deutlicher: „Mikroorganismen werden immer stärker in der Lage sein, uns krank zu machen, Menschen zu töten, die Wirtschaft ganzer Regionen zu zerstören. Sie werden für die Menschheit gefährlicher sein als die heftigsten Vulkanausbrüche, Wirbelstürme oder Erdbeben, die wir uns vorstellen können.“
Wolfe blickt auf die menschliche Evolution und die Entwicklung des Immunsystems. Er verweist auf die verheerende Wirkung, die gefährliche Viren in der Geschichte bereits gehabt haben (wie die Influenza-Pandemie von 1918, die wahrscheinlich mehr Todesopfer forderte als sämtliche Kriege des 20. Jahrhunderts zusammen) und arbeitet auch heraus, was im Kampf gegen Pandemien falsch läuft, beispielsweise bei den Gesundheitsbehörden.
Sehr anschaulich erklärt Wolfe, wie Pandemien entstehen. Entscheidend sind dabei zwei Faktoren: Wie tödlich ist das Virus? Und wie schnell kann es sich ausbreiten? Die Vogelgrippe war bisher (nur) sehr tödlich, die Schweinegrippe breitete sich (nur) sehr schnell aus. Ein Erreger, der beide Eigenschaften in sich vereint, könnte ein globaler Killer werden. Die Viren verändern sich ständig, passen sich dem Menschen an oder übernehmen Erbgut von anderen Virentypen. Eine Mutation in einem der bekannten Viren könnte ausreichen, um zur einen Eigenschaft auch die andere hinzukommen zu lassen.
Wolfe macht in Virus – Die Wiederkehr der Seuchen aber auch deutlich, dass Viren keineswegs nur schädlich sind. Er zeigt auf, wie unvorstellbar groß die unvorstellbar kleine Welt der Mikroorganismen in Wirklichkeit ist. „Nehmen wir zum Beispiel den menschlichen Körper. Nur ungefähr eine von jeweils zehn Zellen zwischen Ihrem Scheitel und Ihrer Sohle ist menschlich – die anderen neun gehören zu den Bakterienmassen, die unsere Haut bedecken, sich in unserem Magen tummeln und in unserem Mund gedeihen. Wenn wir an die Vielfalt der genetischen Informationen ‚an Bord’ denken, kann man nur eine von jeweils 1000 genetischen Informationseinheiten auf und in uns als menschlich bezeichnen. Die Gesamtzahl der bakteriellen und viralen Gene übersteigt die Zahl der menschlichen Gene bei weitem“, führt er beispielsweise aus. Mikroorganismen spielen eine wichtige Rolle für das weltweite Ökosystem und den menschlichen Organismus – beides Aspekte, die gerade erst in Ansätzen erforscht sind. Nicht zuletzt werden Viren auch medizinisch genutzt: für Impfstoffe (längst nicht nur für Infektionskrankheiten, sondern auch für chronische Krankheiten) oder zur Virotherapie.
Immer wieder macht Wolfe deutlich, wie vielfältig diese Mikrowelt ist und wie schwierig das ständige Wechselspiel zwischen Virus, Wirt und Immunsystem zu durchschauen ist. „Reihte man sämtliche irdische Viren Kopf an Schwanz aneinander, so würde die resultierende Kette einer Schätzung zufolge 200 Millionen Lichtjahre weit reichen, also bis weit über den Rand der Milchstraße hinaus“, illustriert er die Dimensionen.
Solche Vergleiche zeigen, wie gut es ihm gelingt, die komplexe Materie anschaulich zu erklären. Virus ist eine durchaus amüsante, sogar spannende Lektüre. Einmal schildert Wolfe einen Ausbruch, ohne Ort und Zeit zu nennen, und unterstreicht damit gekonnt: Seuchen sind ein ewiges, zeitloses, globales Problem. Wenn Wolfe einige seiner Forscherkollegen vorstellt, liefert er oft kurze Charakterisierung mit und verrät auch ein paar der Spleens der jeweiligen Wissenschaftler, das macht die Materie angenehm menschlich. Und er berichtet, nicht ohne eine gewisse Eitelkeit, von seinen Forschungsreisen in entlegene, unberührte Regionen der Welt, die ihm den Spitznamen «Indiana Jones der Virologie» eingebracht haben.
Wolfe liegt das Lesevergnügen am Herzen, ohne dass es jedoch jemals seine Botschaft in den Schatten drängen könnte. Und die besteht in einer eindeutigen Warnung: Die Bedrohung nimmt zu. Die meisten Viren stammen aus Wildtieren und springen, meist bei unmittelbarem Kontakt mit deren Blut und Organen, auf den Menschen über. Früher passierte das, wenn der Mensch auf die Jagd ging. Heute sind vor allem Landwirte und Fleischer gefährdet (auch die meisten der H7N9-Erkrankten in China fallen in diese Kategorie).
Ist ein Virus dann von Mensch zu Mensch übertragbar, kann es sich durch die globalen Handels- und Reisewege heute rasant verbreiten. „Die Mobilitätsrevolution hat eine einzige, engvernetzte Welt hervorgebracht – einen gigantischen Mischkessel für Infektionserreger, die früher isoliert an Ort und Stelle geblieben wären“, betont Wolfe. „Fest steht, dass eine ständig zunehmende Vernetzung von Mensch und Tier ein perfektes Szenario für den Ausbruch neuer Pandemien geschaffen hat“, lautet sein Fazit.
In der Tat kann einem bei der Lektüre mitunter angst und bange werden. Die Frage ist offenbar nicht, ob ein globales Killervirus entsteht, sondern bloß wann. Wolfe ist aber keineswegs daran gelegen, Untergangsszenarien zu malen oder Panik zu schüren. Er setzt auf Prävention. Ziel müsse es sein, nicht nur auf Pandemien zu reagieren, sondern die Ausbreitung gar nicht erst zuzulassen, lautet seine Empfehlung. Mit der von ihm begründeten Global Viral Forecasting Initiative, die neben der Beobachtung von Patienten in Kliniken beispielsweise auch Abfragen in Suchmaschinen und Social Media auswertet, beschreitet er genau diesen Weg.
Das ist die letztlich beruhigende Erkenntnis von Virus: Die Technologien, die das Risiko einer schnellen Ausbreitung von gefährlichen Seuchen in der modernen Welt deutlicht erhöht haben, liefern zugleich auch die Mittel, um Pandemien rechtzeitig erkennen, bekämpfen und sogar vorhersagen zu können.
Bestes Zitat: „Wir leben in einer Welt, die voller Risiken für neue Pandemien steckt. Zum Glück leben wir auch in einem Zeitalter, das über die Werkzeuge verfügt, ein globales Immunsystem aufzubauen. Unsere große, aber simple Vorstellung ist, dass wir auf dem Gebiet der Pandemieprognose und –prävention viel mehr tun sollten und könnten. Aber wirklich kühn ist die Vorstellung, dass wir einen Punt erreichen können, an dem wir so erfolgreich sind, dass wir die ‚letzte Seuche’ melden – einen Zeitpunkt, an dem es uns so gut gelingt, Pandemien im Vorfeld zu entdecken und zu stoppen, dass dieser Begriff völlig aus unserem Sprachschatz verschwinden wird.“
Durchgelesen: Sean Wilentz – “Bob Dylan und Amerika”
| Autor | Sean Wilentz |
| Titel | Bob Dylan und Amerika |
| Originaltitel | Bob Dylan In America |
| Verlag | Reclam |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ![]() |
“Well, the world of research has gone berserk / too much paperwork.” Man weiß das bei ihm nie so genau, aber mit diesen Zeilen aus dem Song Nettie Moore (vom 2006er Album Modern Times) nahm Bob Dylan womöglich all jene auf die Schippe, die sich allzu emsig der Aufgabe verschrieben haben, sein Leben und sein Werk zu erforschen. „Dylanologen“ nennt man diese Spezies.
Sean Wilentz ist ein Exemplar davon. Sein Werk Bob Dylan und Amerika liegt jetzt auf Deutsch vor, und darin untersucht der Historiker, der an der Universität Princeton lehrt und bisher beispielsweise zur Geschichte der Reagan-Ära publiziert hat, wie sehr Bob Dylan von seinem Heimatland beeinflusst ist und wie sehr der Songwriter umgekehrt die amerikanische Kultur geprägt hat. Es geht dem Autor darum, „Dylans Werk in seinen breiteren historischen und künstlerischen Kontext zu stellen. Voraussetzung dafür war, Dylan als einen Künstler zu erkennen, der zutiefst eingestimmt ist auf die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Geschichte Amerikas und seiner Kultur“, betont Wilentz zu Beginn seines Buches. Das ist ein ebenso überraschender wie ambitionierter Ansatz – und könnte ein typisches Beispiel für einen Dylan-Forscher sein, der übers Ziel hinausschießt.
Doch Bob Dylan und Amerika ist weit davon entfernt. Was Wilentz abliefert, dürfte stattdessen selbst „His Bobness“ in Erstaunen versetzen: Das Buch ist einerseits eine faszinierende Kulturgeschichte, andererseits eine kenntnisreiche Analyse von Dylans künstlerischem Selbstverständnis. Man kann sich durchaus vorstellen, wie Bob Dylan in diesem Buch über die Wurzeln seines eigenen Schaffens liest und erkennt: Die hier entdeckten Verbindungslinien, Kontinuitäten und Bezüge hätte ich vielleicht selbst nicht alle bemerkt – doch sie sind vollkommen schlüssig.
Wilentz ist durchaus berufen für eine Betrachtung dieser Art. Zum einen kommt er aus Greenwich Village, wo seine Familie eng mit der Folkszene der 1960er Jahre verbunden war, er erlebte den Aufstieg Dylans also aus nächster Nähe mit. Schon als 13-Jähriger besuchte er sein erstes Bob-Dylan-Konzert, es war die legendäre Show in der New Yorker Philharmonic Hall am Halloween-Abend 1964.
Zum anderen ist der 52-Jährige unverhohlener Bewunderer von Bob Dylan. Er gilt als inoffizieller Haus-Historiker von Dylans offizieller Webseite und verfasste im Auftrag des Künstlers beispielsweise die Liner Notes zum Album Love And Theft (2001).
Auch wegen dieser intensiven Verbindung ist Bob Dylan und Amerika als Einsteigerbiografie nicht geeignet. Wilentz setzt viel voraus, überspringt etliche Abschnitte in Dylans Leben und Karriere. Aber er trifft eine sehr geschickte Auswahl von Schlüsselmomenten. Und er schafft es, anhand von Verweisen auf Wegbegleiter, Lektüre oder Milieus die Einflüsse aufzuzeigen, die Bob Dylan offensichtlich ganz entscheidend geprägt haben.
Auf allseits bekannte Eckpfeiler wie Woody Guthrie oder die Folkbewegung in Dylans frühen Jahren geht Wilentz nur sporadisch ein. Ihm geht es viel eher darum, überraschende Verbindungslinien aufzuzeigen. So stellt er Aaron Copland als wichtigen Einfluss heraus, der während der Great Depression in den 1930er Jahren in seine klassische Musik auch Elemente von Folk und Country einfließen ließ. Wilentz arbeitet heraus, wie Minstrelsongs aus 1850er Jahren in Dylans Werk ihre Spuren hinterlassen haben (er nennt Dylans künstlerische Methode sogar mehrfach einen „modernen Minstrelstil“), ebenso wie französische Kinofilme und japanische Krimis. Großen Raum nimmt die Auseinandersetzung Dylans mit den Autoren der Beat Generation ein, vor allem mit Allen Ginsberg.
Wilentz hat intensiv recherchiert und für die biographische Untermauerung seiner Thesen auch teils obskure Quellen, Briefe oder Rezensionen aufgetrieben. Am besten ist er aber, wenn er über Musik schreibt wie im Kapitel „Dunkelheit“ oder den hellsichtigen und hoch informativen Betrachtungen zu den Sessions für Blonde On Blonde. Seine Kenntnisse gehen so tief, dass er es anhand eines einzigen Liedes (Delia) schafft, über zig Seiten zu erklären, wie sich Bob Dylan um das Jahr 1990 herum künstlerisch wieder neu belebte.
Die Verbindung zwischen Biographischem und Kreativem findet Wilentz in Dylans Arbeitsweise. Beinahe ebenso sehr wie als Poet und Komponist erscheint Dylan in diesem Buch selbst als Historiker. Er springt durch die Zeitalter, er fühlt sich überall zuhause, er hebt letztlich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, attestiert Wilentz: „In einem Dylan-Song mögen wir das Jahr 1927 oder 1840 schreiben, wir mögen uns in biblischen Zeiten befinden – wir befinden uns immer zugleich im Jetzt. Dylans Genie beruht nicht einfach auf der Kenntnis all dieser Zeitalter nebst ihrer Klänge und Bilder, sondern auch auf seiner Fähigkeit, in mehr als einer Ära gleichzeitig zu schreiben und zu singen.“
Der Autor sieht Dylan (wie Walt Whitman, Herman Melville oder Edgar Allan Poe) in einer Tradition, „die das Alltägliche in Amerikas Symbolen und im Alltag das Symbolische sieht und dann Geschichten darüber erzählt. Einige von diesen handeln, wenn man will, buchstäblich von Amerika, aber alle sind sie in Amerika entstanden, aus all seinen Rätseln, seiner Mystik, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz.“
Was Dylan macht, kann in den Augen von Sean Wilentz als die Definition einer uramerikanischen Herangehensweise gelten: Er puzzelt und sampelt, er sammelt Ideen auf, die er dann „bis zur Unkenntlichkeit transformiert“, er spielt mit seinem Image. Dylan ist ein Schmelztiegel, vielleicht die Blaupause für alle Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie virtuos und vor allem konsequent und bewusst er das tut, zeigt Wilentz akribisch auf und liefert so erstaunlich einleuchtende Antworten auf die Fragen, denen Bob Dylan am liebsten notorisch aus dem Weg geht: Was ist die Botschaft? Was ist dir wichtig? Woran sollen wir uns halten? Wohin geht die Reise?
Erfreulicherweise ist Wilentz trotz dieser Schlussfolgerung, die aus Dylan nichts weniger als einen popkulturellen Amerika-Universalphilosophen macht, und seiner anderen Huldigungen für Dylan nicht übertrieben unkritisch. Er sieht bereits im frühen Bob Dylan einen „Künstler, dessen schöpferische Phantasie die selbst der kompetentesten Folk-Songwriter seiner Zeit weit übertraf“ und stellt überzeugend heraus, wie es Dylan in den folgenden Jahren geschafft hat, völlig neu (und zu großen Teilen aus sich selbst heraus) zu definieren, was Rock’N’Roll alles sein kann. Aber er erkennt auch das Problem, das in Dylans Stil und Methode liegt: Dylan wird vor allem gefeiert als Autor bedeutender Texte. Dieses Buch zeigt aber mehrfach auf, dass bei einigen Songs seine Autorschaft ebenso fragwürdig wie die Bedeutung des Liedes unklar ist.
Dylan zitiert und kompiliert, nicht nur in seinen Texten, sondern auch in der Komposition, aber er formuliert mit dieser Methode Aussagen über das Heute. Es ist somit mitunter ganz wörtlich zu nehmen, wenn Wilentz zu einem Schluss kommt, dem man nach der Lektüre dieses Buchs kaum noch widersprechen kann: „Er macht sich die Gegenwart zu eigen, indem er sich die Vergangenheit zu eigen macht.“
Bestes Zitat: „So sehr sie an die Collagen der Modernen erinnerte, Dylans Methode zielte nicht einfach nur auf Anspielungen ab, sondern auf etwas ganz anderes, etwas, das ganz wesentlich für sein jüngstes Werk war: eine empathischere, zuweilen riskante Auflösung der Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie der zwischen hoher und niederer Kunst, zwischen wissenschaftlich und populär, vertraut und exotisch, und das unter der Maßgabe, sich in dieser Disziplin scheinbar mühelos zu bewegen.“
Durchgelesen: Gavin Knight – “The Hood”
| Autor | Gavin Knight |
| Titel | The Hood |
| Originaltitel | Hood Rat. Britain’s Lost Generation |
| Verlag | Ullstein |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Wäre The Hood ein Roman, müsste man dieser Geschichte über Jugendkriminalität in Großbritannien einige Vorwürfe machen. Der Plot ist mit Zahlen überfrachtet. Die Figuren – egal ob Kriminelle oder Polizisten – wirken mitunter schablonen- und klischeehaft. Und vor allem scheint das Buch zur Übertreibung zu neigen. Von Achtjährigen als Gangster auf Mountainbikes ist da die Rede. Von Banden, die zur Rache an ihren Gegnern deren Mütter und Schwestern vergewaltigen. Von finsteren Ecken in London, die „genauso wie Mogadischu“ sein sollen.
In Wirklichkeit sind all dies die Stärken von The Hood. Denn Gavin Knight, der als Journalist unter anderem für den Guardian und die Times arbeitet, hat keinen Roman geschrieben. The Hood ist ein Sachbuch. Es ist spannend, mitunter sogar so spannend wie ein Thriller. Es ist lebendig. Und es ist schockierend. Der Autor hat zwei Jahre lang als embedded journalist Polizeieinheiten bei ihrem Kampf gegen die Gangkultur und Drogenkriminalität begleitet. Was er berichtet, wurde vom Independent, in Anspielung auf den Mafia-Bestseller von Roberto Saviano, nicht ganz zu Unrecht zusammengefasst als „Großbritanniens Gomorrha“. Die Scottish Mail nennt das Buch „the most important crime story of the decade“.
Knight erzählt von drei Schauplätzen. Der 14-jährige Troll, ein ehemaliger Kindersoldat aus Somalia, herrscht auf den Straßen im Osten Londons. Als Pilgrim, ein einst gefürchteter Gangleader, aus dem Gefängnis entlassen wird, kämpfen die beiden um ihr Revier. Das Mittel der Wahl heißt: erbarmungslose Gewalt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.
In Manchester versucht Detective Anders Svensson, den Drogenboss Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Killer Flow, zu überführen. Svensson arbeitet in einer Spezialeinheit gegen Bandenkriminalität, und seine unorthodoxen Methoden und sein legendäres Informantennetzwerk sollen helfen, die beiden Gangster in Schach zu halten. Svensson ist ein beinahe besessener Polizist, der Prototyp des unbeugsamen Kämpfers gegen das Unrecht. Die Verbrecherjagd ist sein Lebensinhalt, und sein (entsprechend zerrüttetes) Privatleben steht natürlich immer hinten an. Auch diesmal, denn die Zeit drängt: Merlin und Flow kommen bald auf Bewährung aus dem Gefängnis und sind dann wieder eine Gefahr für die ohnehin fragile Sicherheit auf den Straßen. Svensson will genug Beweise gegen sie sammeln, um sie schnellstmöglich wieder hinter Gitter zu bringen.
In Glasgow, dem dritten Schauplatz von The Hood, toben wilde Gangfights. Jedes Wochenende prügeln sich Teenager wie in einem barbarischen Ritual gegenseitig krankenhausreif. Polizeianalystin Karyn McCluskey versucht, etwas gegen die Gewalt in Europas gefährlichster Stadt zu unternehmen. Ein Modellprojekt, das der Kriminologe David Kennedy in Boston entwickelt hat, erscheint ihr interessant. Doch sie ist unsicher, ob es sich einfach so nach Schottland übertragen lässt. „Jeder sagt, bei uns ist es völlig anders. Wir sind an der Westküste, haben asiatische Gangs, unser sozialer Wohnungsbau besteht aus Hochhäusern. Die Leute finden jeden nur vorstellbaren Grund, warum es anders ist“, versucht Kennedy, sie zu überzeugen. „Aber die Gewalt ist immer gekoppelt an eine überhitzte Gruppe. Sie überqueren einen Hof und legen Leute um, die sie hassen, weil ihr Dad es genauso gemacht hat. Sie sind gefangen. Sie haben Angst. Sie suchen einen Ausweg. Sie können gehen, wohin sie wollen, es ist überall das Gleiche.“
Solche Analysen sind, neben der Anschaulichkeit, die große Stärke von The Hood. Gavin Knight hat sehr präzise recherchiert und daraus so etwas wie eine spannende Mammut-Reportage gemacht. Doch er begnügt sich längst nicht mit dem Beschreiben. Der Autor blickt auf die Biografien und Beweggründe der Täter. Er benennt auch klar die Ursachen des Problems: kaputte Familien, Einwanderer ohne Chance auf Integration, Bildung oder gar Ausbildung, schlechte Vorbilder und ein dämliches Männlichkeitsideal mit Gangsta-Attitüde, mangelnde Erziehung und Bildung, Bürokratie in den Behörden, die sich dadurch mitunter selbst im Weg stehen.
Dass all diese Faktoren wenig überraschend sind, ist vielleicht das Schockierendste an diesem Buch: Wir haben längst erkannt, was schief läuft. Doch wir haben noch kein Mittel gefunden, etwas daran zu ändern. Wenige Wochen, nachdem die englische Originalausgabe von The Hood erschien, bestätigten die Unruhen in London diese These sehr eindeutig. Dass ähnliche Zustände auch in Deutschland denkbar sind, hat unlängst beispielsweise Cem Gülay in Kein Döner Land angedeutet. All das zeigt: Es brodelt und gärt bei den perspektivlosen Jugendlichen, nicht nur in den Großstädten. Und wir laufen weiterhin Gefahr, das Problem massiv zu unterschätzen.
Bestes Zitat: „Die Verhaftung von Merlin markiert vielleicht das Ende des Straßengenerals alter Schule. Vor zehn Jahren ging es nur um die hochrangigen Dealer, um ältere Gangmitglieder, die die jüngeren brutal ausnutzten. Sie brachten ihnen bei, dass nur zählt, wer der Brutalste, der Gewalttätigste, der Gefürchtetste von allen werden kann. Heute ist der Drogenhandel zersplittert, und den Kids bleibt nur noch die Gewalt. Die älteren Gangmitglieder, die im organisierten Verbrechen Geld machen wollen, mit Betrug oder Geldwäsche, können sie nicht mehr unter Kontrolle halten. Sie sind viel zu chaotisch, zu sprunghaft. Ein Zwölfjähriger kann es nicht erwarten, vorzutreten, einen General zu erschießen und sich einen Namen zu machen. Es ist wie bei X Factor.“
Durchgelesen: Cem Gülay – “Kein Döner Land”
| Autor | Cem Gülay mit Helmut Kuhn |
| Titel | Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten |
| Verlag | DTV |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ** |
„Deutschland ist dönerisiert.“ Das ist die Grundthese von Cem Gülay. Keine Sorge: Der Autor, 1970 als Gastarbeiterkind in Hamburg geboren und mittlerweile in Berlin zuhause, will mit diesem Satz nicht noch ein bisschen mehr Wasser auf die Mühlen von Thilo Sarrazin schütten. Aber er hat durchaus auch etwas zur Integrationsdebatte zu sagen. Sein Buch Kein Döner Land – Kurze Interviews mit fiesen Migranten ist alarmierend.
Der Untertitel ist dabei allerdings eine Mogelpackung. Wortlautinterviews mit Migranten gibt es in diesem Buch nicht. Kein Döner Land ist eher so etwas wie ein Tagebuch, in dem Cem Gülay seine Erfahrungen sammelt, nachdem er mit seiner Autobiographie Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere von seinem Ausstieg aus der Kriminalität erzählt hatte und so zum gefragten Gesprächspartner geworden war überall dort, wo es darum ging, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund auf die schiefe Bahn geraten könnten.
Gülay trifft auf seinen Lesungen viele Migranten und „Bio-Deutsche“, bemitleidenswerte Lehrer, engagierte Sozialarbeiter, aalglatte Politiker, aufmüpfige Kids. Was er sieht, schockiert ihn und bringt ihn zur Schlussfolgerung: „Ich will mich einmischen. Ich will euch aufmischen. Ich will mitreden. Ich will mich gegen diese Apartheid wehren. (…) So darf es nicht weitergehen.“
Jawohl: Apartheid. Diesen Begriff verwendet Gülay, wenn er schildert, wie wenig deutsche Kinder meist mit ihren ausländischen Mitschülern zu tun haben wollen – und umgekehrt. Auch sonst ist der Autor ein Freund klarer Worte: Er spricht von Segregation. Er stellt die These auf, dass eine Schule ab einem gewissen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund unweigerlich „kippt“ wie ein See, dem Algen den gesamten Sauerstoff entziehen. Er greift sogar den von Thilo Sarrazin geprägten Begriff der „Kopftuchmädchen“ auf.
Gülay hat erkannt, dass die Probleme längst zu groß sind, um sich noch um so etwas wie Political Correctness den Kopf zerbrechen zu müssen. Noch eine Stärke seines Buchs: Kein Döner Land würdigt die kleinen Leute, die vor Ort wirklich etwas verändert haben (oder es wenigstens versuchen).
Der Autor kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher und geht mit „Bio-Deutschen“ erfreulicherweise ebenso hart ins Gericht wie mit Migranten. Den deutschen Unternehmern wirft er beispielsweise vor, dass sie Migranten nach wie vor vom Arbeitsmarkt ausgrenzen. Türkischen Migranten attestiert er wiederum ein „übertriebenes Ehrgefühl“, das meist von den Vätern anerzogen werde und oft genug Grund für unnötige Aggression sei.
In erster Linie will er Beobachtungen liefern, nicht Lösungen. Er habe keinen Masterplan, bekennt Gülay, aber seine Leser sollten zumindest verstehen, was in deutschen Städten (und längst auch auf dem Land) abgeht. Mit dem Verweis auf oftmals fehlende Vorbilder für gelungene Integration und dem Plädoyer für Bildung, Bildung, Bildung spricht er trotzdem zwei entscheidende Grundprobleme an.
Uneingeschränkt empfehlenswert ist Kein Döner Land trotzdem nicht. Ein erstes Manko ist, dass der Osten Deutschlands hier (abgesehen von Klischees und Glatzkopf-Witzen) über weite Strecken nicht vorkommt, bevor ihm dann doch noch ein paar Kapitel mit Blick auf die NSU-Morde und fragwürdige Polizeiarbeit gewidmet werden. Eine weitere Schwäche: Viele der Anregungen sind schlicht unrealistisch. Wenn Gülay beispielsweise den Migrantenanteil an einer Schule auf 35 Prozent begrenzen will und „überschüssige“ Schüler dann per Bus in Schulen anderer Stadtteile fahren lassen will, dann steht dem nichts Geringeres im Wege als die Freiheit der Eltern und Schüler. Integration per Gesetz, Zwang und Umsiedlung? Das erscheint wenig überzeugend.
Ärgerlich ist auch, dass einige Gedanken oder Hinweise nicht zu Ende recherchiert sind. Da werden Daten bloß geschätzt, Vermutungen nicht einmal durch einen kurzen Wikipedia-Check geprüft oder die Frage offen gelassen, wie es mit einem Protagonisten weitergeht, für den man als Leser gerade Interesse entwickelt hat. Derlei Nachlässigkeit ist auch mit dem Charakter als Reisetagebuch nicht ganz zu entschuldigen.
Viel schwerer wiegen aber andere Fehler. Zum einen vermischt Gülay leider – bezeichnenderweise genau wie Sarrazin und andere Rechtspopulisten – Migranten insgesamt und einzelne Bevölkerungsgruppen wie Araber, Türken, Kurden usw., wie es ihm gerade passt, um seine Argumentation schlüssig wirken zu lassen. Das ist unzulässig. Es gibt, etwa bei der Jobsuche, definitiv Diskriminierung, die beispielsweise Schulabgänger mit russlanddeutschen, türkischen, vietnamesischen oder italienischen Wurzeln in gleichem Maße betrifft. Es gibt aber auch Probleme, die es nur für beziehungsweise mit einigen dieser Gruppen gibt. Letztlich reflektiert Gülay zu wenig, wie weit er selbst und seine Biographie als exemplarisch gelten können.
Dazu gehört leider auch, dass in Kein Döner Land eine klare Absage an Gewalt fehlt. Der ehemalige Gangster Gülay gibt sich nach wie vor gerne martialisch. Einem Sozialarbeiter namens Paul Römer gibt er den Tipp, im Umgang mit seinem Klientel nicht zu sehr auf Kuschelkurs zu gehen: „In ihrem Leben, in der Familie, auf der Straße, ist Gewalt nun mal ein Mittel. Das kann man nicht ignorieren.“ Römer findet nach diesem Hinweis angeblich seinen „goldenen Mittelweg zwischen Konfrontation und Reformpädagogik“, indem er zusätzlich auch Kung-Fu-Stunden anbietet, bei denen er den Kids „erst mal ein paar auf die Nuss“ gibt, wenn sie ihm auf der Nase herumtanzen.
Zu solch fragwürdigen Empfehlungen gehört auch die Geschichte, die Gülay von zwei Mädchen erzählt, die in der U-Bahn von jungen Türken belästigt werden. Die eine ist genervt und will in Ruhe gelassen werden – sie muss am Ende um ihr Leben fürchten. Die andere reagiert vergleichsweise freundlich und kommt glimpflich davon. Natürlich kann man das als Appell lesen für mehr Offenheit und Kommunikation. Aber die Frage, warum sich die beiden Mädchen überhaupt Sprüche über ihre „Hupen“ gefallen und sich bedrängen lassen sollten, blendet dieses Szenario aus. Das asoziale Verhalten der Jungs erscheint als gottgegeben, aber von den Mädchen wird Verständnis und Nachsicht gefordert. Immer wieder argumentiert Gülay auf diese Weise: pragmatisch, nicht moralisch. Das ist vielleicht kurzfristig wirkungsvoll. Aber es fragt sich, ob das langfristig wirklich die Probleme beseitigt.
Bestes Zitat: „Manche Politiker sind vermutlich einfach naiv. Sie leben in einer anderen Welt und schauen mal eine halbe Stunde vorbei in der Problemschule. Niemand kann diese Jugendlichen beurteilen, die dort leben, wenn er selbst nicht dort lebt. Was machen sie denn? Sie integrieren sich doch! Und zwar perfekt! Diese Jugendlichen integrieren sich in Armut, Kriminalität und in die Machtstrukturen der Viertel, in denen sie aufwachsen.“










