Hingehört: The Thiams – “Ko Ok”

April 1, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Eleganz, Liebe und Können sind die wichtigsten Werte auf "Ko Ok".

Eleganz, Liebe und Können sind die wichtigsten Werte auf “Ko Ok”.

Künstler The Thiams
Album Ko Ok
Label Ko Ok Entertainment
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Vielleicht, vielleicht hätte N’gone Thiam so etwas werden können wie der weibliche Xavier Naidoo. Wie der bekennende Sohn Mannheims hat auch sie große Freude an der schwarzen Musik, auf der ganzen Bandbreite von Soul bis HipHop. Wie er hat sie sich ihre ersten Meriten mit Backgroundgesang verdient (unter anderem für Seal, Mando Diao und Jan Delay, bei dem sie dann als Mitglied von Disko No. 1 gar nicht mehr so weit back im Background war). Und wie Naidoo verfügt auch sie über eine sagenhafte Stimme.

Aber sie wollte wohl weder ständig von der Erlösung singen („I believe in good love for eternity“, heißt stattdessen das hier an einer Stelle besungene Glaubensbekenntnis) noch für den ganz großen Durchbruch auf einen Gastauftritt bei Sabrina Setlur warten. Deshalb hat sie sich mit ihrer Schwester Boussa (im Hauptberuf Moderatorin bei Radio Energy Berlin) zusammengetan, mit der sie schon seit zehn Jahren gemeinsam musiziert. Als The Thiams legen sie nun mit Ko Ok ein äußerst angenehmes Debütalbum vor.

„Come down and relax a while / I know what’s on your mind / and it’s alright”, beginnt Big Chair, das dritte Lied der Platte, mit Bläsern und kokettem Gesang à la Vanessa Paradis, und diese Zeilen entsprechen genau der Atmosphäre, die hier herrscht. Wohlklang ist angesagt, es darf gerne geschmeichelt werden und sogar geschmust.

That Song illustriert das wunderbar, als toll gesungene Pianoballade. Nature ist ähnlich lässig und sexy wie die besten Momente von En Vogue – mit dem hier besungenen Ruf der Natur könnte ebenso ein Spaziergang ins verlockende Grüne gemeint sein wie die unwiderstehliche Kraft der Hormone. Kurz vor Schluss wird der Beatles-Schmachtfetzen Oh Darling! mit mächtig Soul-Leidenschaft aufgeladen. Cookie ist ein unfassbar selbstbewusstes und elegantes Liebeslied und ein Schlusspunkt, wie ihn nur echte Ladys setzen können.

The Thiams können aber auch Gas geben, wenn es sein muss. „Zwei Schwestern machen Krach in jedem Herzen“, heißt schließlich ihr Motto. Good News hat dementsprechend mächtig Punch. Der Opener Mercury ist kraftvoll im Stile der flotteren Sugababes-Stücke und wartet sogar mir einem Hardrock-Gitarrensolo auf (von Jerry Schmidt Jr., der das Album auch produziert hat). No Loosers erinnert mit seiner jazzigen Atmosphäre, dem komplexen Beat und dem Zusammenspiel der Stimmen von N’gone und Boussa Thiam nicht nur ein bisschen an TLC. Der Titelsong ist komplex, opulent und verspielt wie ein Musicalbeitrag. Mit Say Yeah Yeah gibt es zudem noch ein feuriges James-Brown-Cover.

Dass Ko Ok in Berlin, der Heimatstadt der Thiams, aufgenommen wurde und nicht in New Orleans, Memphis oder Atlanta, will man spätestens beim akustischen The Whatever nicht mehr glauben. Das Lied wird herrlich organisch und scheint fast privaten Charakter zu haben, als würden ein paar (sehr talentierte) Freunde sich zur Hausmusik treffen.

Nicht alle Lieder sind so rund, insgesamt fehlen ein paar Ecken und Kanten. Manchmal sorgt die Kompetenz aller Beteiligten auf Ko Ok auch dafür, dass die Songs ein bisschen zu sehr in die Nähe von Schema F geraten wie Every Single Day, das mit seiner Gesangsakrobatik (nur begleitet von einer Gitarre und ein paar Orgeltönen) zumindest für all jene nervig werden könnte, die gerade keinen Liebeskummer haben. Aber auch dann gerät keines dieser 13 Stücke herz- oder lieblos.

Mit dem fast zwölfminütigen Silence gibt es zudem noch einen absoluten Kracher. Der Song beginnt als Reggae, dann gibt es einen Dancehall-Teil inklusive eines Auftritts von Rapper Mello, danach viel afrikanische Ausgelassenheit. Eine Soul-Oper könnte man das Ganze nennen. Da dürfte man sich nicht wundern, wenn demnächst Jan Delay im Hintergrund steht – um diesen beiden Soul-Sisters zu applaudieren.

Der Dreh zum Video von No Loosers dürfte richtig Spaß gemacht haben:

Homepage von The Thiams.

Hingehört: Foxygen – “We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic”

Februar 26, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Foxygen klingen so, wie man sich früher die Zukunft vorgestellt hat.

Foxygen klingen so, wie man sich früher die Zukunft vorgestellt hat.

Künstler Foxygen
Album We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic
Label Jagjaguwar
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ****

We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic heißt das zweite Album von Foxygen. Der entscheidende Bestandteil dabei ist “21st century”. Denn dass dieses kalifornische Duo, bestehend aus Sam France und Jonathan Rado, in der Gegenwart zuhause ist, mag man im Angesicht dieser Platte kaum glauben.

In The Darkness, der erste von neun Titeln, vereint eine Sgt. Pepper-Trompete mit einem Come Together-Beat und einem Lady Madonna-Klavier. Die Beatles, also. No Destruction klingt, als wäre Lou Reed der neue Sänger von Creedence Clearwater Revival, der sich dann kurz vor Schluss allerdings in Bob Dylan verwandelt.

Freilich ist das Duo, das schon seit 2005 zusammen musiziert, weit davon entfernt, bloß den Helden von einst nachzueifern. Das von ihrem Entdecker Richard Swift (unter anderem Damien Jurado) produzierte We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic klingt zwar retro, aber dennoch abenteuerlustig. Das Hören dieser Platte ist wie das Anschauen von alten Science-Fiction-Filmen, in denen man sehen kann, wie sich die Menschen vor zwei Generationen das Jahr 2013 vorgestellt haben.

Das instrumentale Bowling Trophies belegt das am besten: Ein Track mit Motorengeräuschen, Stimmeffekten und schrägen Bläsern wäre 1968 sicher futuristisch gewesen. Auch der seltsame Funk von Oh Yeah passt in diese Richtung: So etwas käme wohl heraus, wenn sich Beck mit MGMT zusammengetan hätte. Der komplexe Titeltrack nimmt einen patentierten Velvet-Underground-Sound als Grundlage, setzt aber reichlich Punk-Power und Irrwitz à la Ween obendrauf.

Dazu passt, dass Sam und Jonathan angeblich davon ausgehen, all ihre Ideen kämen in Wirklichkeit von kosmischen Wesen, und sie selbst dienten lediglich als Medium. Solche Theorien glaubt man sofort, wenn man den Rausschmeißer Oh No 2 hört, der am Beginn noch verträumt ist, dann aber völlig durchgeknallt. Oder das forsche On Blue Mountain, in dessen Strophe Mick Jagger erst schlimme Qualen zu erleiden scheint, um dann auf einen richtig miesen Trip zu geraten.

Der eindeutigste Einfluss sind allerdings die Kinks. Die Stimme von Jonathan Rado erinnert nicht nur an Ray Davies. Foxygen bieten in ihren Texten wiederholt auch deren lakonischen Witz. „She don’t love me / that’s news to me“, heißt die zentrale Zeile in der wunderhübschen Single Shuggie. Auch San Francisco könnte mit seinem feinen Wortspiel im Refrain (und dem Call-and-Response-Gesang, der von Flöten und Glockenspiel begleitet wird) gut zu den Kinks passen.

All das ist getragen von großer Lust auf Psychedelik und einer beeindruckenden Musikalität, die zugleich für Eingängigkeit und Abwechslung sorgt. Foxygen machen Pop für Leute, die Pop nicht mit Eindimensionalität gleichsetzen.

Das Video zu San Francisco, stilecht mit Sonne und Batikhemden:

Foxygen bei Facebook.

Hingehört: Kaizers Orchestra – “Violeta Violeta Vol. III”

Februar 18, 2013 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Zum Abschluss der Violeta-Trilogie haben Kaizers Orchestra ein Symphonieorchester im Gepäck.

Zum Abschluss der Violeta-Trilogie haben Kaizers Orchestra ein Symphonieorchester im Gepäck.

Künstler Kaizers Orchestra
Album Violeta Violeta Vol. III
Label Petroleum
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ****

Was macht man bloß, wenn man eine Trilogie abschließen soll, deren erste beide Teile bereits zum Bersten gefüllt waren mit Leidenschaft, Ambition und Klassesongs? Im Falle von Kaizers Orchestra setzt man einfach noch einen drauf. Oder zwei. Violeta Violeta Vol. III ist ein unfassbares, atemberaubendes, im besten Sinne unerhörtes Album.

Kurze Rückblende: Im Jahr 2011, dem zehnten Jahr ihres Bestehens, kündigten Kaizers Orchestra eine Trilogie an. Das Sextett aus Norwegen wollte in drei zusammenhängenden Alben die Geschichte von Violeta, ihrer Mutter Beatrice und ihrem Vater Kenneth erzählen. “Es geht um die Kraft der Träume, um wahre und falsche Liebe, Betrug und Verrat, die verführerische Macht des Wodkas, und schließlich erscheint der Teufel auf der Bildfläche, als Doppelspieler, der verführt und richtet”, klärt die Plattenfirma auf.

Man kann auf diesen Plot aus den Texten schließen (wenn man Norwegisch kann). Zur Sicherheit ist der Fortgang der Handlung aber im Booklet auch noch einmal nachgezeichnet. Man kann diesen Hintergrund aber auch vollkommen ausblenden und sich einfach dieser ebenso ausgereiften wie abenteuerlustigen Musik hingeben. Schon Teil 1 der Trilogie bot sagenhaft intensive Lieder. Teil 2 gefiel mit hoch kreativen Rocksongs. Mit Violeta Violeta Vol. III schießen Kaizers Orchestra nun den Vogel ab.

Nehmen wir zum Beispiel Aldri Vodka, Violeta. Der dritte Track des Albums beginnt mit Piano und Streichern, einer tollen Melodie und viel Inbrunst. Dann wird daraus plötzlich eine Prog-Rock-Attacke, bevor ein Orchester mit himmlischen Trompeten und sanften Geigen das Lied auf einen eigenen Planeten entführt, der um einen seltsamen Chor kreist. Und mit dieser komplexen Dramaturgie ist Aldri Vodka, Violeta noch eines der reduziertesten Stücke auf dieser Platte.

Es ist schlicht sagenhaft, was Kaizers Orchestra in diesen zehn Tracks und 61 Minuten veranstalten. Ein so profaner Begriff wie „Rocksong“ wäre eine Beleidigung für die meisten dieser Stücke. Stattdessen wagt es die Band, in alle musikalischen Richtungen zu denken und sich alles zuzutrauen – inklusive Verstärkung durch das Symphonieorchester Stavanger. Janove Ottesen (Gesang), Geir Zahl (Gitarre), Terje Winterstø Røthing (Gitarre), Helge Risa (Orgel), Rune Solheim (Schlagzeug) und Øyvind Storesund (Bass) haben den Mut und die Fähigkeiten, im ganz großen Maßstab zu denken – als Bezugspunkt kann man da allenfalls noch die späten Beatles heranziehen.

Perfekt I En Dröm ist schockierend schön, wie Röyksopp ohne Beats, Siste Dans scheint Jay-Zs Hard Knock Life in einen intelligenten Rocksong zu verwandeln. Ein Megafon-Sprechgesang und Heavy Metal werden in Satan I Halsen problemlos zusammengeführt. Markedet Bestemmer setzt auf eine Sitar, Südstaatenrock und Peer Gynt-Anleihen, um am Ende dreimal so episch zu werden wie Queen und Muse zusammen.

In Begravel Sespolka stecken gleich zu Beginn des Albums mehr Ideen, als manche Bands in ihrer ganzen Karriere aufbieten können: Auf ein entferntes Klavier folgt ein Balkan-Trauermarsch, dann die Stimme eines geistesgestörten Herolds, ein Donkosakenchor und schließlich eine Passage à la Brecht/Weill. Forloveren vereint zu einem Offbeat schräge Streicher, arabische Elemente, und einen hymnischen Beatles-Refrain mit etwas, das erst wie der Soundtrack zu Sweeney Todd klingt, und dann wie gottverdammte klassische Musik.

Tvilling ist ein Klanggemälde, das im Kopf Bilder von Wüste, Seefahrt und einem Ball am königlichen Hofe entstehen lässt. Sollte James Bond jemals eine Verfolgungsjagd absolvieren müssen, die ihn aus einem Zirkus über einen Basar hin zum Kreml führt, dann wäre Det Polaroide Liv der perfekte Soundtrack dazu. Und ganz am Ende von Violeta Violeta Vol. III steht mit Seksløver eine tolle Ballade, die vermuten lässt, dass die Geschichte der Titelfigur ein Happy End hat.

„Durch das Arrangement mit dem Symphonieorchester erhalten wir einen komplett neuen Sound, behalten aber gleichzeitig all das bei, was Kaizers Orechstra ausmacht. Man könnte sagen, dass die Evolution von Kaizers Orchestra mit Violeta Violeta Vol. III ihren Höhepunkt erreicht“, sagt Frontmann Janove Ottesen über die neue Platte. Den Konjunktiv hätte er problemlos weglassen können, denn noch mehr Qualität ist kaum vorstellbar. Wenn man ein leeres Blatt Notenpapier ist, dann kann einem derzeit wenig Besseres passieren als in die Hände von Kaizers Orchestra zu geraten.

Kaizers Orchestra (und ein paar wenige Gäste) spielen Forloveren live:

Deutsche Fanpage von Kaizers Orchestra.

Hingehört: The Rolling Stones – “Grrr”

November 19, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Mit 50 Songs auf 3 CDs feiern die Stones ihr halbes Jahrhundert.

Mit 50 Songs auf 3 CDs feiern die Stones ihr halbes Jahrhundert.

Künstler The Rolling Stones
Album Grrr
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Er wäre begeistert von Computern und würde sicher elektronische Musik machen. Das antwortete Yoko Ono vor zwei Jahren, als sie aus Anlass des 70. Geburtstags von John Lennon gefragt wurde, welche Musik ihr 1980 erschossener Mann wohl heutzutage machen würde. Sean Lennon, der gemeinsame Sohn des Paares, hatte eine andere Prognose: „In seiner Plattensammlung war nur Rock’N’Roll. Keine einzige Platte, die nach dem zweiten Album von Elvis erschienen ist. Er würde definitiv immer noch Rock’N’Roll machen.“

Erstaunlicherweise hinterfragte keiner von beiden, ob John Lennon heute überhaupt noch Musik machen würde, wäre er noch am Leben. Das ist vor allem deshalb überraschend, weil 70-jährige Rockstars unvorstellbar waren, als Lennon seine Erfolge mit den Beatles feierte – und auch dann noch wie eine absurde Vorstellung wirken mussten, als er in New York erschossen wurde.

Rockmusik wurde von vielen in ihren Anfangstagen für eine kurzlebige Mode gehalten, und auch als die Beatles ebenso wie die Rolling Stones und viele andere längst das Gegenteil bewiesen hatten, war sie weiterhin der Ausdruck von Revolte, Sex, Kraft – nicht gerade Begriffe, die man mit Senioren assoziiert. Ein Mann im Rentenalter in engen Jeans, mit offenem Hemd und in Posen, als hätte er Fellatio höchstpersönlich erfunden, wäre für eine ziemlich lange Phase der Menschheitsgeschichte undenkbar gewesen. Time Is On My Side, sangen die Stones zwar schon 1964 und bewiesen damit quasi prophetische Qualitäten. Aber den Ausblick, auch im Jahr 2012 noch in einer Band zu sein und auf der Bühne zu stehen, hätten sie damals wohl selbst als komplett lächerlich empfunden.

Dass das heute anders ist, dafür haben sie ganz und gar selbst gesorgt. Im 50. Jahr ihres Bestehens gelten die Rolling Stones noch immer als die Verkörperung des Rock’N’Roll-Lebensstils, als unantastbar und unkaputtbar. Ihr Jubiläum feiern sie entsprechend gebührend: mit Grrr, das 50 Lieder aus ihrer Karriere auf drei CDs versammelt (außerdem gibt es Grrr auch als 4-CD-Super-Deluxe-Version mit 80 Tracks, als Fünffachvinyl mit 50 Tracks und als Limited-Super-Deluxe-Edition, die fünf CDs, reichlich 7“-Vinyl, ein Buch und ein Tourposter enthält).

Man kann sich natürlich fragen, wer nach Jump Back, Forty Licks, Hot Rocks oder Story Of The Stones noch eine Compilation mit den größten Hits der Rolling Stones braucht. In der Tat haben die Stones jetzt ziemlich genau doppelt so viele „Best Of“-Alben veröffentlicht wie die Beatles während ihres Bestehens überhaupt Studioalben zustande gebracht haben (24:12 lautet das Verhältnis nach meiner Zählung).

Aber immerhin gibt es diesmal mit dem 50. Jubiläum einen würdigen Anlass, und zudem wird niemand meckern, wenn Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood wieder einmal den Beweis für die Klasse und Einzigartigkeit ihrer Band antreten. Grrr vereint ihre Monsterhits, relevante Albumtracks und eher Ungewöhnliches (Waiting On A Friend, She Was Hot oder Doo Doo Doo Doo Doo hätten wohl nicht viele zu den 50 ultimativen Songs in der Karriere der Stones gezählt). Trotzdem gelingt es wunderbar, mit dieser Auswahl nachzuzeichnen, wie die Engländer von Epigonen zu Ikonen wurden. Am Beginn ihrer Karriere eiferten sie reichlich ihren US-Helden und versuchten sich gerne an Chuck-Berry-Covers wie der Debütsingle Come On, später produzierten sie massenweise Songs, die Hymnen und Klassiker geworden sind, auch ohne jemals ein Singlehit gewesen zu sein wie Sympathy For The Devil, Play With Fire, Wild Horses oder You Can’t Always Get What You Want.

Zudem gibt es zwei neuer Lieder, eingespielt mit Don Was in Paris, wo die Band erstmals seit den Aufnahmen für A Bigger Bang vor sieben Jahren wieder im Studio vereint war: Doom And Gloom ist ein erdiger und kraftvoller Rocker, dem man in keinem Moment anhört, dass hier knapp 70-Jährige am Werk sind. Das eher gebremste One More Shot ist fast noch erstaunlicher, denn da klingen die Rolling Stones plötzlich, als wären sie tief in ihrem Herzen lieber wieder eine Kneipenband als eine Rockinstitution, Stadionattraktion und die vierköpfige Verkörperung eines „Triumphzugs von Macht, Kraft, Perversion, Liebe, Sex, Drogen und Rock’N’Roll“, wie US-Journalist Edi Schwager die Band 1972 beschrieben hat.

Grrr hat noch zwei erstaunliche Effekte: Wenn man bedenkt, wie schnell die Rolling Stones das Image als Rabauken verpasst bekamen und wie dankbar sie es von Anfang an pflegten, dann klingen einige der frühesten Songs heute erstaunlich brav. Und letztlich zeigen diese drei CDs, worin die größte Leistung der Rolling Stones besteht, neben einem ganzen Sack voller fantastischer Songs: Sie sind der ultimative Beweis für die (nicht nur biologische) Überlebensfähigkeit des Rock’N’Roll.

Sie haben es wohl schon immer gewusst: Die Rolling Stones spielen Time Is On My Side live 1981, schon damals mit putzigen Rückblicken:

Homepage der Rolling Stones.

 

Draufgeschaut: How I Won The War

Oktober 25, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Gripweed (John Lennon) muss sich mit einem unfähigen Offizier durch Afrika kämpfen.

Gripweed (John Lennon) muss sich mit einem unfähigen Offizier durch Afrika kämpfen.

Film How I Won The War
Produktionsland Großbritannien
Jahr 1967
Spielzeit 106 Minuten
Regie Richard Lester
Hauptdarsteller Michael Crawford, John Lennon, Roy Kinnear, Jack MacGowran, Michael Hordern, Lee Montague, Karl-Michael Vogler
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gerät Lt. Ernest Goodbody in deutsche Gefangenschaft. Seinen Aufsehern erzählt er seine Lebensgeschichte, von der Offiziersausblidung über seinen Sondereinsatz in Afrika (wo er ein Cricketfeld hinter den feindlichen Linien errichten soll) bis zum Kampf am Rhein. Dass seine Truppe ihn für eine Witzfigur hält, verschweigt er dabei geflissentlich. Schließlich wird er doch noch zum Helden, denn er spielt eine entscheidende Rolle beim Sieg der Alliierten.

Das sagt shitesite:

Aus heutiger Sicht mag How I Won The War vor allem deshalb interessant ist, weil es den einzigen Auftritt von John Lennon in einem Nicht-Musik-Spielfilm zeigt. Der Brillenbeatle, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits so etwas wie ein lebender Gott, gibt hier den Soldaten Gripweed, der sich vor allem durch eine Vergangenheit als Nationalsozialismus-Sympathisant (“Faschismus ist etwas, aus dem man herauswächst”, urteilt ein Vorgesetzter gelassen) und eine Gegenwart als notorischer Schweißfußbesitzer auszeichnet.

Ob Lennon ein guter Schauspieler ist, lässt sich freilich kaum beantworten, denn How I Won The War ist viel zu surreal und grotesk, um Raum für dramatisches Talent zu lassen. Monty Python trifft Private Ryan – so könnte man diese Persiflage am treffendsten zusammenfassen. Das hält einige gute Gags bereit, überzeugt aber vor allem durch die Konsequenz, mit der Regisseur Richard Lester hier mit dem Militarismus abrechnet und mit der Glorifizierung des heldenhaften Siegs, die wohl auch eine Generation nach dem Ende des Krieges in England noch an der Tagesordnung war.

Er proträtiert die englische Armee als eine Truppe, die besessen ist von Tradition, Manieren und Egozentrik – lauter Eigenschaften, die man an der Front nun wirklich nicht gebrauchen kann. Sein Frontalangriff auf den Kriegskult nimmt wirklich alles ins Visier: die Pose, das Schauspiel und das Protzen, das dem Militär innewohnt. Den Fetisch rund um Ausrüstung, Geschichte, Tapferkeit  und Patriotismus. Homoerotik, Feigheit, nationalistische Klischees. Die absurde Hoffnungslosigkeit von Truppenunterhaltung und die banale Sorge darum, was die Frau wohl zuhause treibt, während man selbst an der Front kämpft.

Im Mittelpunkt von How I Won The War steht das Verhältnis zwischen Offizieren und ihren Mannschaften: Die Unfähigkeit von Ernest Goodbody wird nur noch durch seine sagenhafte Arroganz übertroffen (herrlich zum Ausdruck gebracht in seinen abgehobenen Motivationsreden), während die unteren Dienstgrade ihm natürlich immer wieder den Arsch retten und den wirklich entscheidenden Anteil am Sieg haben. Man kann das als Metapher auf den Klassenkampf lesen, doch letztlich lässt How I Won The War niemandem die Gelegenheit, stolz auf seine Rolle im Krieg zu sein. Es gibt hier, unabhängig vom Dienstgrad, nur Wichtigtuer und Hanswürste – klarer könnte man die Absurdität von Krieg nicht zum Ausdruck bringen.

Bestes Zitat:

“Der Krieg ist zweifellos das erhabenste Spiel, das es gibt.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Lena – “Stardust”

Oktober 24, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Souverän und sexy: So klingt die neue Lena.

Souverän und sexy: So klingt die neue Lena.

Künstler Lena
Album Stardust
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Um ihr erstes Album bekannt zu machen, hatte Lena Meyer-Landrut ein ganzes Fernsehformat zur Verfügung (Unser Star für Oslo). Die Promotion für ihre zweite Platte konnte noch auf die 120 Millionen Zuschauer setzen, die ihren Auftritt als Titelverteidigerin beim Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf sahen. Jetzt geht Album Nummer 3 an den Start, und um die Fans für sich zu begeistern, hat sie nur noch: sich selbst.

Stefan Raab, der Lena entdeckte, förderte und zur ersten deutschen ESC-Siegerin seit fast 30 Jahren machte, hat nichts mehr zu tun mit dieser Platte. Die 21-Jährige hatte selbst die Fäden in der Hand, hat alle Mitstreiter selbst ausgewählt und auch an neun der zwölf Songs mitgeschrieben. Es wäre eigentlich konsequent, wenn dieses Album Lena heißen würde. Es heißt aber Stardust. Das ist vielsagend für eine Künstlerin, der einst ein Lied namens Satellite den Durchbruch brachte. Vielleicht ist der Ruhm jetzt verglüht, vielleicht bleibt nur noch Sternenstaub – die Möglichkeit des Scheiterns scheint der Albumtitel schon mitzudenken.

Im Booklet der neuen CD dankt Lena Meyer-Landrut ihrer Plattenfirma dafür, „in ein drittes Casting-Album“ vertraut zu haben und zeigt damit, dass sie selbst nicht so recht mit einer Musikkarriere jenseits von Eurovision und Pro7 gerechnet hatte.

In der Tat hatte sich die Hannoveranerin schon entschlossen, das Singen lieber anderen zu überlassen und sich an der Universität Köln eingeschrieben, um sich dort fortan beispielsweise mit „Grundfragen der Erkenntnis- und Sprachphilosophie” zu beschäftigen. Dann bemerkte sie aber, dass sie dort wohl die berühmteste Studentin seit mindestens Anne Will geworden wäre und die Idee mit dem Alltag doch nicht so gut funktioniert hätte. Dazu kam die Lust auf Musik nach ihren eigenen Regeln. „Ich wollte den Leuten beweisen, dass ich ganz cool bin, dass viel mehr in mir steckt“, hat sie dem Kulturspiegel gesagt.

Deshalb gibt es nun Stardust. Diese Entscheidung ist durchaus mutig, denn die Kurve der Lena-Begeisterung schien zuletzt noch deutlicher nach unten zu zeigen als das Interesse an Castingshows, denen Unser Star für Oslo doch scheinbar nachhaltig neues Leben eingehaucht hatte. Platz 10 beim ESC 2011 werteten manche als Enttäuschung. Die letzte Lena-Tournee wurde als Flop betrachtet, weil die Hallen nicht ausverkauft waren, obwohl Opel sogar noch Gratis-Tickets verteilte. Als ein Kollege von Spiegel Online das neue Album vorab vorgespielt bekam, begann er seinen Text dazu mit vier Worten, die das Risiko für Stardust auf den Punkt bringen: „Lena? Ist doch durch.“

In dieser Mentalität lauert die Gefahr für Lena. Es gibt wohl genug Leute, die sich freuen würden, wenn sich Stardust als Rohrkrepierer entpuppt, der die 21-Jährige als längst langweilig gewordenes Medienphänomen entlarvt. Zumal die Messlatte verdammt hoch hängt. Ihre beiden ersten Alben haben jeweils Platinauszeichnungen bekommen, zeitweise hatte Lena sechs Lieder gleichzeitig in den deutschen Top100. Es wäre verständlich gewesen, wenn es Lena Meyer-Landrut dabei belassen hätte. Stattdessen sagt sie jetzt über Stardust: „Ich bin ehrgeizig geworden, was ich vorher nicht so von mir kannte. Ich möchte gerne, dass es erfolgreich wird, weil: Das ist, was jetzt ich mache.“ Schauen wir uns die neue CD also an, Lied für Lied.

Stardust: Der Auftakt ihres dritten Albums ist enorm selbstbewusst: nur Schlagzeug, ein paar Klaviertöne und die unverwechselbare Stimme von Lena. Dazu kommen clevere Details wie das Glockenspiel, die leichte Variation des Gesangs am Schluss und natürlich ein umwerfender Refrain, mindestens so groß wie die Stadionhymnen von Coldplay. „Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, war das Album eigentlich schon fast fertig. Aber hier hat echt alles gestimmt: Der Text ist wunderschön. Die Melodie ist toll“, schwärmt Lena über das Lied aus der Feder der Amerikanerin Rosi Golan, zugleich erste Single des Albums. „Musikwissenschaftler sprechen hier von einem sogenannten ‚Sehr-sehr-sehr-gute-Laune-Lied’“, scherzt Lena – und sie hat völlig Recht.

Mr. Arrow Key: Das Lied hat eine fast naive Unbeschwertheit im Stile von Lily Allen, aber einen alles andere als heiteren Text. Lena singt darüber, wie es sich anfühlt, wenn man erschöpft ist, überall herumgereicht wird und nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Mr. Arrow Key soll jemand sein, der Orientierung gibt und Vertrauen schenkt. „Jemand, der sagt: Das ist der richtige Weg“, erklärt die 21-Jährige. Manchmal braucht es einen guten Rat, damit man sich selbst wieder aufrichten kann – diese Erkenntnis setzt sie hier in einem herrlich munteren Swing-Sound um. Geschrieben hat sie das Lied gemeinsam mit der Schwedin Miss Li: „Die Sessions mit ihr waren superschön, weil wir viele 60er-Einflüsse drin hatten. Leichte Beatles-Geschichten, Trompeten, erdige Instrumente. Mein Anspruch war: Ich möchte gerne, dass man die Instrumente erkennt, wenn man das Lied hört.“

Pink Elephant: Diesen Anspruch hört man auch Pink Elephant an, das schmissig, eingängig und am Ende erstaunlich ausgelassen wird. Produziert wurde das Lied (wie vier weitere auf Stardust) von Sonny Boy Gustafsson, dem Ehemann von Miss Li. „Die müssen ein Gen für Pop haben“, sagt Lena über die Schweden. Pink Elephant handelt von einem Mädchen, das versucht, grazil zu sein, aber sich eher verhält wie der berühmte Elefant im Porzellanladen. „Ob das jetzt ich bin oder jemand anders, ist eigentlich egal“, sagt Lena. „Das Mädchen ist trampelig, aber sie hat Spaß daran und genießt das Leben.“

Neon (Lonely People): Auch hier hat Lena mitkomponiert, und das Ergebnis ist beeindruckend souverän und sexy. Erzählt wird eine Allerweltsszene, ein Flirt im Club, die Erkenntnis, dass man sich manchmal auch mitten in der Menge sehr einsam fühlen kann. Das Neonlicht über der Tanzfläche ist am Ende die einzige Orientierung, der letzte Hoffnungsschimmer für die Nachtschwärmer. Es sind wohl Lieder wie Neon, die den Rolling Stone zum Fazit gebracht haben, diesmal gehe es „wirklich um Lena, nicht um Stefan Raabs Vorstellung von Lena“.

Better News: Auch hier ist der Text beachtlich, denn er zeigt, dass man manchmal bloß unzufrieden ist, weil man maßlos ist. Die Musik setzt in der Strophe auf eine kleine Dosis Reggae und im unwiderstehlichen Refrain auf eine gute Dosis Avril Lavigne. Geschrieben hat Lena das Lied übrigens gemeinsam mit Ian Dench, der vor mehr als 20 Jahren als Gitarrist von EMF mit Unbelievable einen Riesenhit hatte und danach unter anderem für Shakira und Beyoncé gearbeitet hat.

Day To Stay: Das Lied, das ursprünglich ganz am Ende von Stardust stehen sollte, ist eine zauberhafte Ballade rund um die Idee, bei Mistwetter einfach im Bett zu bleiben und es sich gemeinsam mit dem Liebsten gut gehen zu lassen. Das Lied beginnt zart und zuckersüß und mündet dann in einem großen Finale mit Bläsern in bester Beatles-Manier. Seit sie in der Öffentlichkeit steht, habe sie eine „total emotionale und volle Zeit“ durchlebt, sagt Lena – in Day To Stay hört man am deutlichsten, wie sehr sie sich nach Ruhe, Abstand und einer Möglichkeit zum Reflektieren gesehnt hat.

To The Moon: Gemeinsam mit Alexander Schroer (Mobilée) hat Lena hier eine Liebeserklärung geschrieben, die alles auf einer Karte setzt. „Meine Welt ist besser, wenn du da bist“, lautet die Botschaft an den Liebsten, für den sie sogar bis zum Mond fliegen würde. Musikalisch ist To The Moon eines der wenigen Lieder, die nicht gut oder sehr gut sind, sondern nur passabel. Dafür kann Lena hier als Sängerin glänzen. „Lena nimmt die Emanzipation zur Songwriterin mit kleinen, aber spürbaren Schritten in Angriff. Das merkt man schon allein daran, dass sie sich nicht mehr so stark wie früher hinter Manierismen wie ihrem exaltierten englischen Akzent versteckt“, hat Spiegel Online richtig erkannt.

Bliss Bliss: Auch etwas schwächer als der Durchschnitt von Stardust ist dieses Lied, dessen Refrain stark an Ching Ching Ching von Nikka Costa erinnert. Produziert hat den Song übrigens Swen Meyer (Kettcar), der auch bei sechs weiteren Liedern den Sound bestimmte.

ASAP: Auch hier zeigt sich Lena als ungeduldige, fordernde Verliebte. Das Duett mit Miss Li ist sehr gute, moderne Popmusik, die sich längst nicht damit begnügt, auf bekannte Schablonen zu setzen. Miss Li lobt übrigens explizit den Gesang von Lena, auch wenn der nicht jedermanns Geschmack ist: „Es kommt doch vor allem darauf an, dass eine Stimme Charakter hat. Neil Young oder Bob Dylan sind auch keine brillanten Sänger – aber eben sehr besondere. Und Lenas Stimme hat zweifelsfrei etwas Interessantes.“

I’m Black: Spätestens mit diesem Lied kriegt Stardust wieder die Kurve. Die Strophe schwankt zwischen Flüstern und Rappen, der Refrain nimmt sich viel Raum, das Ergebnis ist wundervoll organisch und leidenschaftlich. Im Text singt Lena anscheinend über unnötige Streitereien, in denen man sich noch unnötigere Verletzungen zufügt.

Goosebumps: „Ein Lied, das für mich sehr emotional ist. Ein Herzenslied“, sagt Lena über Goosebumps. Wieder thematisiert sie die Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Sicherheit. Ein sanftes Schlagzeug, akustische Gitarren, ein Cello und ein Kontrabass (der sogar ein kurzes Solo bekommt) sorgen für die passende Atmosphäre. Dass Lena zwei Jahre nach My Cassette Player so reif klingen könnte, hätten wohl niemand gedacht.

Don’t Panic: Ein versehentlich ausgelöster Feueralarm in London gab den Anstoß für dieses Lied, das Lena mit Johnny McDaid (Snow Patrol) geschrieben hat. „Mit Johnny zu schreiben war supertoll. Ich habe Snow Patrol vorher gar nicht so richtig wahrgenommen“, erzählt Lena. Nachdem sie die Band live gesehen hat, war sie aber „innerhalb von einer halben Stunde der totale Fan.“ Der Trubel nach dem ausgelösten Alarm kann auch gut als Metapher für das Leben im Rampenlicht gelesen werden. Ein bisschen Revue-Feeling kommt dabei auf und viel gute Laune. Und, Skandälchen: Die niedliche Lena singt das böse Wort „fuck“.

Hidden Track: Womöglich als Wiedergutmachung für die ganz jungen Fans gibt es nach 20 Sekunden Pause zum Abschluss von Stardust noch eine Überraschung: Auf Schwedisch singt Lena das Lied Lille Katt (Kleine Katze), bekannt aus dem Soundträck von Michel in Lönneberga. Das ist sehr putzig und passt durchaus zum Charakter des Albums und dem neuen Lena-Prinzip: Sie macht, worauf sie Lust hat.

Fazit: Stardust ist viel, viel besser als man es sich jemals hätte erträumen lassen, als Lena noch über die Pro7-Castingbühne hopste und Songs von Adele oder Kate Nash interpretierte. Jetzt sind ihre eigenen Lieder so gut wie die der Vorbilder. Sie hat etwas zu sagen, sie hat stimmlich neue Facetten entwickelt und sich dabei ihren Charme erhalten. Radiosender müssten begeistert sein von diesen Liedern, auch ohne den Hintergrund als Fräuleinwunder, Liebling der Nation und größtem Castingstar der Republik. Lena macht hier Pop mit solcher Selbstverständlichkeit und Stilsicherheit wie sonst kaum jemand in Deutschland. Stardust bringt in Erinnerung, dass sich die Nation einst nicht wegen des Konzepts von Unser Star für Oslo oder wegen der Retortenhits aus dem Hause Stefan Raab in sie verliebt hat. Sondern weil sie Lena ist.

Homepage von Lena.

Eine Kurzversion dieser Rezension als Fotostrecke gibt es bei news.de.

Hingehört: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – “Jeder auf Erden ist wunderschön”

Oktober 10, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Fußball, Liebe, Musik, Kumpels - das ist das Wertgefüge der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Fußball, Liebe, Musik, Kumpels – das ist das Wertgefüge der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Künstler Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen
Album Jeder auf Erden ist wunderschön
Label Tapete Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Als Fan ist man ja gerne enttäuscht, sogar persönlich beleidigt, wenn sich eine Band auflöst. Erst recht, wenn es um eine Band wie Superpunk geht, die nicht nur tolle Songs zu bieten hat, sondern dazu auch gleich einen Lebensentwurf mitliefert, in dem es darum geht, die wirklich wichtigen Dinge ganz nach oben zu stellen: Musik, Fußball, Kumpels, Liebe (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge).

Die Tränen, die mit dem Ende von Superpunk vergossen werden mussten, können nun aber erstaunlich schnell getrocknet werden: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen ist ein, jawollo, gleichwertiger Ersatz. Das liegt nicht nur daran, dass mit Sänger Carsten Friedrichs und Bassist Tim Jürgens zwei Superpunks dabei sind. Sondern auch daran, dass hier genau der Geist, Sound und Charme der Top Old Boys wieder aufersteht, kaum dass die Blumen auf dem Superpunk-Grab verwelkt sind. „Die Grundlage des Glücks bleibt der klassische Soul der sechziger Jahre, gespielt mit rotziger Punk-Attitüde“, schreibt Thomas Winkler bei Zeit Online treffend über das Debütalbum Jeder auf Erden ist wunderschön.

Als neue Mitstreiter gehören Schlagzeuger André Rattay (Ex-Blumfeld), Gitarrist und Saxophonist Philip Morton Andernach sowie Keyboarder Gunther Buskies (im Hauptberuf Chef von Tapete Records) zur Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Und ein bisschen ist es mit dieser Besetzung wie im Fußball: Wechselt ein Spieler das Team, wird er womöglich beflügelt vom neuen Umfeld, kann in andere Rollen schlüpfen und bisher ungeahnte Tricks zeigen.

Schon der Titelsong am Beginn der Platte zeigt nicht nur die vertrauten Superpunk-Stärken, sondern auch ein paar neue Qualitäten. Zum Soul-Beat gesellen sich euphorisierende Streicher, Bläser und Chöre. Dazu wird eine Geschichte erzählt vom Gewinn auf der Pferderennbahn, der dann sofort verfeiert wird und im Kater mündet – am Ende bleibt trotzdem ein Rest von Zufriedenheit, und die Erkenntnis: „Jeder auf Erden ist wunderschön – sogar du.“

Diese kleine Gehässigkeit am Ende, die den Refrain mit nur zwei Worten davor bewahrt, ein Klischee zu werden, zeigt die ganze Klasse, die Carsten Friedrichs mittlerweile als Songwriter hat. Überall auf dieser Platte erzählt er mitten aus dem Leben, ebenso romantisch wie authentisch. In Frühling im Park (das auf Velvet-Underground-Sound setzt) reichen ein paar Wörter pro Zeile, um eine ganz besondere Atmosphäre und eine lebendige Szenerie zu erschaffen und noch eine gute Dosis Lebensweisheit dazuzupacken. Auch Ich lass mich gehen in letzter Zeit, das mit Flöten, Saxofon und Chören ebenso opulent wie filigran wird und somit Superpunk im besten Sinne des Wortes bietet, und Ein Fremder in der eigenen Stadt, das eine bekannte Superpunk-Thematik wieder aufgreift, passen in diese Kategorie.

„Die Texte von Carsten waren zwar noch nie angeberisch, aber sie scheinen nun noch mehr den Zauber des Alltäglichen beschreiben zu können“, lobt Jan Müller von Tocotronic, der den Pressetext zu Jeder auf Erden ist wunderschön verfasst hat. Das trifft zweifelsohne auf das herrliche Meine Jeans zu (Carsten Friedrichs: “Ich dachte mir, es sei eine gute Idee, mal ein Lied über meine Lieblingshose zu schreiben.”), das mit Handclaps und einer tollen Gitarre den frühen Beatles nacheifert.

Am deutlichsten wird diese Sträke aber, wenn es um Fußball geht. Die Gentlemen Spieler macht klar, dass es viel zu wenig Lieder gibt, die von der Unwiderstehlichkeit des Fußballs handeln, und wirkt wie der nachgereichte Titelsong zu Der ganz große Traum. Gar zum Therapeutikum wird Fußball in Nimm mich mit zum Spiel, das gerade deshalb so großartig ist, weil es nicht auf Mitgröl-Effekte oder Plakatives setzt, sondern in aller gebotenen Lässigkeit die unvergleichliche Stimmung eines Samstags im Stadion einfängt.

Der beste Song ist Mach mich traurig, ein famos beschwingtes Liebeslied, völlig ohne Glamour, aber mit ganz viel Herz. In Weine nicht, es ist nur ein Film und Der fünfte Four Top darf die Popkultur hochleben. „Wär’ die Welt perfekt, dann wär’ sie ein Song / von Holland/Dozier/Holland oder Barrett Strong“, heißt es in Letzterem. Wer solche Zeilen schreibt, der wird niemals die Hoffnung verlieren und zugleich seinen Hörern immer wieder neue Hoffnung machen  – und sei sie auch nur auf Vinyl gepresst.

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen amüsiert sich im Video zu Jeder auf Erden ist wunderschön prächtig:

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen bei Facebook.

Hingehört: Beachwood Sparks – “The Tarnished Gold”

August 13, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Für Beachwood Sparks und "The Tarnished Gold" ist die Zeit mittlerweile wohl reif.

Für Beachwood Sparks und “The Tarnished Gold” ist die Zeit mittlerweile wohl reif.

Künstler Beachwood Sparks
Album The Tarnished Gold
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

2000 ≠ 1969. 2003 ≠ 1969. 2012 = 1969. Das ist so etwas wie Mathematik für Fortgeschrittene. Oder aber: Die Karriere von Beachwood Sparks, als Formel ausgedrückt.

Wer es jetzt immer noch nicht versteht, bekommt gerne noch ein bisschen Nachhilfe in Buchstabenform. Beachwood Sparks sind ein Quartett aus Los Angeles, das sich dem Sound verpflichtet fühlt, den Gram Parsons einmal „cosmic American music“ genannt hat. Es gibt also herrliche Akustikklänge mit traumhaftem Harmoniegesang, mit Pedal-Steel-Gitarre, Banjo, Mundharmonika und allem drum und dran. The Byrds, Buffalo Springfield oder Crosby, Stills & Nash waren die Aushängeschilder dieses Genres. Mit einem Satz: Beachwood Sparks machen Musik aus dem Jahr 1969.

Als sie im Jahr 2000 ihr Debütalbum vorlegten, ließ sich damit kaum reüssieren. Bis zum Jahr 2003 folgten noch eine weitere LP und eine EP, aber kaum echte Perspektiven für die Band, sodass sich das Quartett auflöste. Jetzt sind sie wieder vereint und haben mit The Tarnished Gold ein neues Album gemacht. Und diesmal könnte es klappen mit der Anerkennung. Denn seit 2003 haben Bands wie Fleet Foxes und Bon Iver oder die neue Britfolk-Generation um Mumford & Sons oder Laura Marling dafür gesorgt, dass Lieder durchaus wieder geschätzt werden, die nach alten Männern auf der Veranda am Sonntagnachmittag klingen.

Genau solche liefern Chris Gunst (Gitarre), Brent Rademaker (Bass), Farmer Dave Scher (alles Mögliche) und Aaron Sperske (Schlagzeug), die zudem alle auch singen, auf The Tarnished Gold. „Forget the song that I’ve been singing“, lautet ihre Aufforderung ganz zu Beginn in Forget The Song. Aber das ist gar nicht so einfach. Denn das Quartett hat massenhaft tolle Melodien in petto. Das Einzige, was dazu beiträgt, dass die sich doch nicht allzu lange einprägen, ist die Fluffigkeit, mit der Beachwood Sparks agieren.

Water From The Well ist unfassbar zart, zum Ende von Sparks Fly Again, das mit seinem dezent rockigen Beat am ehesten an die Byrds erinnert, muss man fast von Easy Listening sprechen, das zärtliche Leave That Light On gemahnt an die Atmosphäre, die von den Beatles (übrigens 1969) für den Sun King erschaffen wurde. Und nicht zuletzt gehört Originalsound von 1969 nun einmal auch ein bisschen Esoterik samt Textzeilen wie „You are like the warmth of the sun / I am like your shadow“ (Mollusk) oder die altkluge Erkenntnis des Titelsongs: „Funny when you find what you’re looking for / it was already there“.

Die Hippie-Philosophie fügt sich auf The Tarnished Gold allerdings erstaunlich stilsicher ein. Denn auch der Klang von Beachwood Sparks basiert auf Gemeinschaft, Zusammenhalt, Miteinander. Das meint nicht nur den Harmoniegesang oder die Tatsache, dass Gäste wie Neal Casal (Ryan Adams & The Cardinals), Ben Knight (The Tyde) oder Dan Horne, der die Pedal Steel spielt, mühelos ins Bandgefüge integriert werden, sondern das gesamte Flair dieses Albums. The Tarnished Gold klingt, als seien Phänomene wie Egoismus und Einsamkeit ein für allemal besiegt. Talk About Lonesome und das tröstliche Alone Together machen das sogar fast explizit. Und selbst, wenn plötzlich eine Mariachi-Ballade wie No Queremos Oro erklingt, dann verlieren Beachwood Sparks niemals das, was sie ausmacht: emotionale Aufrichtigkeit. Und ein so seltenes Gut sollte eigentlich in jedem Zeitalter gefragt sein.

Skateboarding ist total 1969, jedenfalls im Video zu Forget The Song:

Beachwood Sparks bei MySpace.

Hingehört: Paul McCartney – “Ram (Deluxe Edition)”

Mai 28, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
Die Vorzüge des Landlebens preist Paul McCartney auf "Ram".

Die Vorzüge des Landlebens preist Paul McCartney auf "Ram".

Künstler Paul McCartney
Album Ram (Deluxe Edition)
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Seit Paul McCartney kein Beatle mehr ist, sagt man seinen Alben gerne einen Mangel an Ehrgeiz nach. Er begnüge sich allzu schnell mit hübschen Liebesliedern, Seichtigkeit, Wohlklang. Wenig bis nichts reiche noch an die Kreativität, den Forscherdrang, das Einzigartige der Beatles-Ära heran.

Bei Ram, im Mai 1971 als zweites Soloalbum von Paul McCartney erschienen, kann davon keine Rede sein. Die Beatles waren endgültig Geschichte, und der damals gerade 28-Jährige hatte durchaus etwas zu beweisen. Erstmals seit vielen Jahren war seine musikalische Unfehlbarkeit infrage gestellt worden. Sein Solo-Debüt McCartney hatte die Kritik fast einhellig zerrissen. „Meist hört man nur einen Mann allein in einem kleinen Aufnahmestudio, der sich an ein paar halbfertigen Songs mit viel Instrumentalbegleitung versucht“, schrieb beispielsweise der Melody Maker. Schlimmer noch: John Lennon höchstpersönlich reihte sich in den Chor der Nörgler ein. „Ich fand, Pauls Album ist Mist“, sagte er dem Rolling Stone in einem legendären Interview, in dem er McCartney auch noch als Engelbert-Humperdinck-Musik schmäht.

Das konnte Paul natürlich nicht auf sich sitzen lassen, zumal in einer Zeit, in der die vier Beatles fast nur über ihre Anwälte kommunizierten und mit ihren ersten eigenen Werken in einen musikalischen Konkurrenzkampf eingetreten waren. Man hört Ram an, dass McCartney seine eigene Messlatte deutlich höher gelegt hat. Nicht zuletzt deshalb zogen sich die Aufnahmen, die auf seinem Hof in Schottland begannen und dann in New York und Los Angeles fortgesetzt wurden, und auch die endgültige Songauswahl lange hin.

Im Unterschied zum Solo-Debüt, auf dem er fast alle Instrumente selbst gespielt hatte, gibt es diesmal wieder Mitstreiter. Denny Seiwell (Drums) und Ex-Moody-Blues-Mann Denny Laine (Gitarre) sind dabei, beide sollten später auch bei den Wings mitwirken. Und dann ist da ja auch noch Linda, Pauls frisch angetraute Ehefrau. Ihr musikalisches Talent wurde schon damals allenfalls belächelt. Trotzdem erschienen als Interpreten von Ram offiziell „Paul & Linda McCartney“, Linda fungiert zudem als Co-Produzentin und bei sechs der zwölf Lieder als Co-Autorin. Vielleicht war das ein ultimativer Liebesbeweis, vielleicht ein kleiner Seitenhieb auf John & Yoko. Vielleicht ist es auch bloß ein Finanztrick: Alles, was Paul McCartney bis 1973 schreiben sollte, war laut Vertrag im Besitz von Northern Songs – alles was Linda schrieb, war von dieser Regelung nicht betroffen, ihre Hälfte der Tantiemen blieb also in der Familie.

Der mächtige Schatten der Beatles ist auf Ram auch sonst allgegenwärtig. Das ebenso ausgelassene wie komplexe Too Many People kann wohl als Nachtreten gegen Yoko Ono verstanden werden. Die Musik will wie aus dem Moment heraus klingen, als Ergebnis der spontanen Inspirationen, wirkt dafür aber ein bisschen zu bemüht. Auch Oh Woman, Oh Why, das ebenfalls aus den Sessions zu Ram stammt und als B-Seite der Single Another Day erschien, mit einem beinahe HipHop-Beat beginnt und dann eine nette CCR-Atmosphäre entwickelt, kann man als kaum kaschierte Attacke auf Yoko interpretieren.

Schon diese beiden Lieder zeigen, dass in Ram viel mehr Sorgfalt steckt als im Vorgänger. Die Kritik nahm die Platte nur unwesentlich wohlwollender auf, John Lennon fand sie nach eigenem Bekunden sogar noch schlechter als McCartney. Erfolgreich war das Album trotzdem: Platz 1 und England und Platz 2 in den USA stehen als Chart-Bilanz zu Buche.

Auch Sir Paul blickt heute gerne auf diese Karrierephase zurück. “Ladies and Gentlemen, dieses Album stammt aus einer Zeit, als die Welt noch anders aussah. Es ist ein Teil meiner Geschichte – entstanden in den Hügeln Schottlands – und es heißt Ram. Es erinnert mich an meine Hippie-Zeit und das Gefühl der Freiheit, durch das es geprägt wurde. Ich hoffe, es gefällt Ihnen, denn mir gefällt es sehr”, sagt er anlässlich der Wiederveröffentlichung. Ram ist gerade, als viertes Album in der Archive Collection, als Deluxe Edition neu veröffentlicht worden. Der Klang ist komplett restauriert, es gibt eine Doppel-CD mit den B-Seiten und weiteren Bonustracks und für die Hardcore-Fans ein Box-Set mit 112-seitigem Buch, Fotos, handgeschriebenen Texten und Notizen, vier CDs und einer Bonus-DVD.

In der Tat kann sich Ram auch im Rückblick sehen lassen. Uncle Albert/Admiral Halsey ist opulent und verspielt wie die Stücke der Sgt. Pepper-Ära (heutzutage kaum zu glauben, dass eine solch irre Single damals bis an die Spitze der US-Charts kommen konnte). Smile Away ist gelungener Glamrock mit beeindruckender Spielfreude. Der Rausschmeißer The Back Seat Of My Car (eine weitere Single) ist eine schön elegische Ballade.

Vor allem ist es ein Vergnügen zu hören, wie viel Spaß und Können Paul McCartney hier als Bassist und Sänger beweist. Dear Boy ist ein putziges Liebeslied mit himmlischen Harmonies, das seine ganze melodiöse Klasse unterstreicht. Im unterhaltsamen Dadaismus von Monkberry Moon Delight wird seine Stimme rotzig, in Oh Woman, Oh Why gibt er den heiseren Schreihals, fast in der Nähe von Aerosmith.

Freilich hat Ram seine Schwächen. Vor allem ist da die fast durchweg grassierende lyrische Banalität zu nennen. Es geht um Stinkefüße oder die Vorzüge des Landlebens, mitunter bieten die Lieder auch nur anscheinend wahllos aneinander gereihte Zeilen. Eat At Home ist völlig belanglos. Long Haired Lady hätte vielleicht als kurze Akustik-Skizze funktionieren können, scheitert hier aber an seiner Üppigkeit und hat, auch wenn der Text in aller Ausführlichkeit die Erkenntnis „love is long“ klarstellt, nicht einmal annähernd genug Substanz, um mehr als sechs Minuten zu tragen.

Vielleicht steckt da eine „Leck-mich-am-Arsch“-Attitüde dahinter, gleichzeitig gespeist aus der Freiheit, nicht mehr dem Mythos der Beatles anzugehören, und der gekränkten Ehre nach der Häme für McCartney. “Ich glaube, bei Ram trat seine ganze Angst zutage. Eine Menge dieser Songs entstand am Ende der Beatles-Zeit, und beim Schreiben und bei der Vorbereitung für die Stücke kamen so einige Emotionen hoch. Ich denke, er hat sich damit viel von der Seele geschrieben“, erzählt Schlagzeuger Denny Seiwell in der McCartney-Biographie von Howard Sounes über die Aufnahmen. Vor allem im Blues 3 Legs kann man diese seltsame Frustration heraushören. Auch Rode All Night, der spektakulärste der Bonustracks auf der zweiten CD dieser Deluxe Edition, passt zu dieser These. Da zeit Paul McCartney in fast neun Minuten hartem Rock nicht nur, dass er der Mann ist, der einst Helter Skelter gemacht hat, sondern auch, dass er sehr genau mitbekommt, was die damals abgöttisch verehrten Led Zeppelin so treiben.

All das macht Ram zu einem nicht durchweg gelungenen, aber sehr spannenden Album. Es ist eines der besten aus der frühen Solo-Phase von Paul McCartney. Und es macht deutlich: Ihm fehlte es in diesen Jahren nicht an Ehrgeiz, sondern vielmehr an einem Korrektiv. Hätte er jemanden an seiner Seite gehabt, der ihn mit seiner eigenen Kreativität anspornt, der eine gute Idee erkennt, aber auch darauf hinweist, dass man selbst an einer guten Idee noch ein bisschen feilen und arbeiten sollte, dann hätte Ram ein famoses Werk werden können. Aber George Martin war nicht mehr da. Und John Lennon erst recht nicht.

Der Trailer für das Reissue von Ram:

Paul McCartney bei MySpace.

Hingehört: The Overtones – “Gambling Man”

April 13, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Klingt gut, sieht gut aus - das ist das Prinzip der Overtones.

Klingt gut, sieht gut aus - das ist das Prinzip der Overtones.

Künstler The Overtones
Album Gambling Man
Label Warner
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Es gibt Leute, denen es beim Fußball vor allem um die Tore geht. Solche Leute werden Fans des FC Bayern München. Es gibt Leute, die sich vom Lesen in erster Linie Bildung versprechen. Diese Leute sorgen dafür, dass ein Sachbuch über einen Firmenboss (die Steve-Jobs-Biografie von Walter Isaacson) in Deutschland fast mit der selben Startauflage auf den Markt kommt wie der meistverkaufte Roman des Jahres (Erlösung von Jussi Adler-Olsen; 250.000 zu 300.000 lauten die entsprechenden Zahlen). Und es gibt Leute, für die Musik in erster Linie schön klingen soll. Solche Leute hören The Overtones.

Es gibt viele Leute von dieser Sorte. Good Ol‘ Fashioned Love, das Debütalbum der Overtones, hat sich im vergangenen Jahr in Großbritannien mehr als 400.000 Mal verkauft. Jetzt kommt es unter dem Titel Gambling Man und ergänzt um vier Bonustracks auch in Deutschland auf den Markt. Die Musik der fünf jungen Männern aus England, Irland und Australien wird wirklich all jenen gefallen, die auf Gute-Laune-Wohlklang stehen. “It puts a smile on your face and a bit of sunshine into your day”, umschreibt Lachlan Chapman den Effekt der Platte – und da ist was dran.

Auf Gambling Man findet sich kein einziger schlechter Song, der Gesang ist gekonnt, die Stimmung heiter. Zudem schaffen es die Overtones, einigermaßen mühelos die Brücke von klassischen Vocal-Groups wie den Temptations zur Stimmakrobatik von Boybands wie Blue zu schlagen. Als den „heißesten UK-Import seit Take That“, preist sie die Plattenfirma dann auch prompt an.

Vor allem im Opener Second Last Chance ist dieses Element unverkennbar. Der Song ist durchaus eingängig, aber unfassbar clean. Man sieht geradezu das Zahnpastalächeln der Jungs vor sich, oder das Bühnenbild vom Disney-Club im Hintergrund. Dazu trägt auch bei, dass Mark Franks, Mike Crawshaw, Darren Everest, Timothy Matley und Lachlan Chapman (die vor den Overtones unter anderem als Tänzer, Model, Schauspieler und Musical-Darsteller ihr Geld verdienten) eine beinahe unverschämt gut aussehende Formation bilden.

Es gibt aber auch einige Songs, die nicht nur Teenager-Herzen höher schlagen lassen dürften. Der schmissige Titelsong hat reichlich Hitpotenzial und könnte bei Radiomachern mit einem Faible fürs Altmodische in die Fußstapfen von Everytime (das 2002 The Flames zum One-Hit-Wonder machte) treten. Für ein Lied wie Say What I Feel würden die nicht mehr ganz so jungen Jungs von NKOTBSB wohl all ihre Botox-Spritzen verkaufen. Für ihre feine Version von Beggin‘ von den Four Seasons haben die Overtones sogar Lob von Frankie Vallie höchstpersönlich bekommen. Und immer wieder verstehen sie es, ebenso wie ihre großen Vorbilder, die Bass-Stimme von Lachlan Chapman sehr effektvoll einzusetzen, wie im flotten Why Do Fools Fall in Love. Chapman stieß als letztes Mitglied zu den Overtones. „Lachie hatte die unglaublichste tiefe Stimme, die ich je gehört hatte“, berichtet Timothy Matley heute, „und mir wurde klar, dass wir unser fehlendes Puzzlestück gefunden hatten, wenn er auch nur annähernd so gut singen konnte, wie es seine Sprechstimme versprach.“

Die beiden letztgenannten Songs führen aber auch zum Grundproblem von Gambling Man: 14 der 20 Songs sind Coverversionen, von Cee-Lo Green über Billy Joel bis hin zu den Beatles. Viele davon bleiben nah am Original und verzichten auf eine kreative Eigeninterpretation (die überraschende und gelungene Version von Rihannas Only Girl ist die rühmliche Ausnahme). Das trägt einen gehörigen Teil dazu bei, dass diese Musik fast immer extrem oberflächlich bleibt. Was wollen die Overtones ihrem Publikum sagen? Was wollen sie zeigen – außer der Tatsache, dass sie singen können? Darauf gibt es keine Antwort.

Lieder wie ihre Version von Sh-Boom haben Musical-Niveau, anderes lässt eher an Castingshows oder Karaoke denken. Alles klingt nach Retorte – auch wenn sich die Overtones angeblich schon 2006 formiert und jahrelang vergeblich auf den großen Durchbruch gehofft haben. Der Gesang ist durchweg makellos, aber immer klingt es, als habe der Sänger gar keine persönliche Beziehung zu dem, was er da singt. Das ist das Grundübel von Gambling Man: Viel Kompetenz, aber keine Identität.

Ein bisschen wie die Klassiker – dieses Prinzip gilt bei den Overtones auch für das Video von Gambling Man:

The Overtones bei MySpace.

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