Durchgelesen: Susanne Schmidt – “Das Gesetz der Krise”

Februar 22, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
Zusammenhänge und Lösungen zeigt Susanne Schmidt in "Das Gesetz der Krise" auf.

Zusammenhänge und Lösungen zeigt Susanne Schmidt in “Das Gesetz der Krise” auf.

Autor Susanne Schmidt
Titel Das Gesetz der Krise
Verlag Droemer
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

So weit ist es also gekommen. Wirtschaftsexperten schreiben Bücher, in denen sie die Banken, die Märkte und das absolute Gewinnstreben brandmarken. Susanne Schmidt ist eine solche Expertin. Die promovierte Nationalökonomin hat zwanzig Jahre lang in leitender Position für internationale Bankhäuser gearbeitet. Jetzt geht sie in Das Gesetz der Krise den Ursachen von Finanz- und Schuldenkrise auf den Grund. Die Autorin erkennt: Die Politik lässt sich nach wie vor vorführen von den Finanzmärkten – und setzt damit unseren Wohlstand und die Stabilität Europas aufs Spiel.

Dass dieses Buch letztlich zu einem einzigen Plädoyer für mehr Regulierung und für mehr Staat wird, zeigt vielleicht am deutlichsten, wie sehr die Akteure auf den internationalen Finanzmärkten den Bogen inzwischen überspannt haben. Wer jetzt noch an Einsicht, Freiwilligkeit oder Selbstheilungskräfte von Hedgefonds-Managern, Investmentbankern oder Derivatehändlern glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Susanne Schmidt findet deutliche Worte für das asoziale Gebaren ihrer einstigen Kollegen. Sie kritisiert „Zombie-Banken“, die nur noch mit Staatsgeldern am Leben erhalten werden. Sie tritt für ein Gesundschrumpfen der Banken ein, die wieder Dienstleister für die Realwirtschaft sein sollen statt „Geschäfte als Selbstzweck zum eigenen Nutzen“ zu betreiben. Und sie schreibt vom „Paralleluniversum der Finanzakteure“, das sich immer weiter „von der eigentlichen Welt, der Welt der Realwirtschaft und der Haushaltsführung eines durchschnittlichen Bürgers“ entfernt. „Es fehlt den global agierenden Institutionen nach wie vor am Bewusstsein für verantwortungsvolles Handeln. Sie nutzen weiterhin jede Gelegenheit, den status quo aufrechtzuerhalten, nämlich Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren“, lautet ihre Diagnose.

Auch an anderen Stellen glänzt die Autorin mit dem Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Sie zeigt Zusammenhänge auf und liefert Lösungsvorschläge. Die wichtigste – und zugleich schockierendste – Erkenntnis von Das Gesetz der Krise ist aber, wie wenig die Politik bisher getan hat, um etwas an diesen Strukturen zu ändern. 2008 löste die Pleite der Lehman Brothers die internationale Finanzkrise aus, die seitdem weltweit 50 Millionen Arbeitsplätze zerstört hat. 2011 wurden die ersten Rettungsschirme aufgespannt, die mittlerweile Billionenhöhe erreicht haben. Doch weder wurden die Risiken beseitigt, die einen solchen Prozess erneut in Gang setzen könnten, noch wurde die Allmacht der Finanzmärkte entscheidend beschnitten. Zwischen den Zeilen dieses Buchs wird klar: Dass es insbesondere Deutschland (bisher) nicht noch viel schlimmer getroffen hat, ist fast ausschließlich den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zu verdanken, nicht den Regierungschefs.

Drei Gründe zeigt Susanne Schmidt dafür auf: Erstens hat die Politik keine Ahnung von den komplexen Mechanismen der Finanzmärkte – selbst manche Banker haben die nicht mehr oder hatten sie nie. Zweitens ist die Politik mittels der aktuellen Institutionen viel zu langsam, um auf das Marktgeschehen schlagkräftig reagieren zu können. Drittens, und das ist der entscheidende Grund, blockiert die Finanzlobby nach wie vor alle ernst gemeinten Reformversuche.

Eine erschütternde Erkenntnis beim Lesen von Das Gesetz der Krise: So hektisch das Marktgeschehen auch sein mag – fast alle Mechanismen, Risiken und Lösungen, die dieses Buch beschreibt, hätte man schon kurz nach der Lehman-Pleite erkennen und die Probleme umgehend angehen können. Doch seitdem ist praktisch nichts passiert. Das Einzige, was sich geändert hat: Neue Probleme sind dazu gekommen und die alten noch größer geworden.

Schmidt präsentiert am Ende ihres ersten Kapitels zehn Vorschläge zur Neuregulierung des Banken- und Finanzsystems, das zweite Kapitel schließt mit zehn Empfehlungen zum Abbau der Staatsverschuldung. Nichts davon hat den Anspruch, das lange gesuchte Allheilmittel zu sein, aber alle Vorschläge sind vollkommen einleuchtend – und auf jeden Fall besser als der Status Quo.

Einige Ideen kennt man bereits, etwa eine europäische Finanzaufsicht oder die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Andere sind neu, beispielsweise der Vorschlag, Staaten sollten bei ihren eigenen Aktivitäten am Finanzmarkt als Kreditnehmer oder Investoren nur noch mit Banken zusammenarbeiten, die sich halbwegs anständig verhalten. Warum sich kein Politiker findet, der wenigstens einen dieser Punkte entschlossen angeht, ist eine ebenso dringende wie beängstigende Frage.

Denn immer wieder macht Susanne Schmidt klar, wie gefährlich die Verstrickung von Staatsfinanzen und Finanzsystem ist. So stellt sie heraus, dass die europäische Schuldenkrise keineswegs durch jahrzehntelanges, unverantwortliches Haushalten von allzu großzügigen Finanzministern ausgelöst wurde. Vielmehr sei die Staatsverschuldung durch „die Finanzkrise, die Bankenrettung und die nachfolgende globale Rezession“ allerorten sprunghaft gestiegen. Wir zahlen also für die Rettung des Finanzsystems, damit es uns danach erneut erpressen kann.

Es ist eine der Stärken dieses Buches, dass Schmidt große fachliche Autorität beweist, die Zusammenhänge aber dennoch verständlich darstellt (ergänzt um ein hilfreiches Glossar). Für blutige Laien ist Das Gesetz der Krise nicht geeignet, aber wer zumindest gelegentlich einen Blick in den Wirtschaftsteil der Zeitung wirft, der kann ihren Ausführungen problemlos folgen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Szenario, das sie für den Fall des Austritts eines Lands aus der Euro-Zone entwirft. Bis ins Detail geht sie die möglichen (übrigens weitgehend verheerenden) Folgen durch, räumt dabei auch mit reichlich Propaganda auf und lässt so erkennen, was die vielleicht wichtigste Motivation für das Schreiben dieses Buches war: Susanne Schmidt möchte zeigen, wie gravierend die Probleme sind, und sie möchte eine vernünftige Grundlage schaffen, um sie sachlich diskutieren zu können. „Wir sollten uns als Bürger der Emotionalisierung und Moralisierung der Probleme machtvoll entgegenstellen, sie vernebeln den Blick auf die Urteilskraft“, schreibt sie.

Dazu gehört auch der Hinweis auf die unzulässige Verkürzung der Euro-Krise auf die wirtschaftliche Dimension. Sie erinnert daran, dass sowohl die EU als auch die Gemeinschaftswährung nicht wirtschaftliche, sondern in erster Linie politische Projekte waren. Ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone würde deshalb „das Aufgeben jahrzehntelanger politischer Bemühungen, das Scheitern im ganz großen Stil“ bedeuten.

Die Brücke schlägt die 66-jährige Autorin dabei auch zum Versagen der europäischen Institutionen. Sie thematisiert die Geburtsfehler der Europäischen Währungsunion, „das demokratische Defizit in der EU“ und führt die mangelnde Identifikation der europäischen Bürger mit der EU auch auf die zu schnelle EU-Erweiterung zurück. Zugleich kritisiert sie die Mittelmäßigkeit des Brüsseler und Straßburger Personals. „Das europäische Parlament muss eine Heimat auch für ambitionierte Politiker werden, statt zur Endstation für diejenigen, die es in der nationalen Politik nicht in die Top-Positionen geschafft haben.“

Derlei Systemkritik findet sich auch an anderen Stellen des Buchs. Gelegentlich würde man sich aber wünschen, dass Susanne Schmidt noch grundsätzlicher wird. Sie bewahrt fast immer eine realpolitische Perspektive, was ihre Analysen und Vorschläge greifbar macht. Aber an manchen Stellen wirken ihre Schlussforderungen deshalb auch zu kurz gedacht. So sind Wachstum, Rendite, Dividenden oder die grundlegenden Prinzipien der Kapitalmärkte für sie offensichtlich unantastbare Begriffe, dabei haben sie alle ebenfalls den Boden bereitet für die Krise, in der wir nun stecken.

Noch eine kleine Schwäche: Mitunter scheint Schmidt in Das Gesetz der Krise die Einflussmöglichkeiten der Politik zu überschätzen – kein Wunder, schließlich ist sie die Tochter eines Bundeskanzlers. Ein Beispiel: Im Falle von Griechenland weist sie korrekt darauf hin, dass es nicht nur ums Sparen gehen kann, weil das die Gefahr einer Negativspirale („Kaputtsparen“) birgt. Es braucht auch Wachstum, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber wie soll in Griechenland von Seiten des Staates kalkuliert und investiert werden, um das Land konkurrenzfähig zu machen, nicht nur innerhalb der EU, sondern auch im globalen Wettbewerb? Auch noch bei Erhalt eines Lebensstandards auf EU-Niveau? Womöglich ist das ein Unterfangen, mit dem jede Regierung überfordert wäre.

Bestes Zitat: „Sämtliche finanziellen Krisen und Kriegsgefahren, die wir zurzeit beobachten, sind direkte Folgen der Banken- und Finanzkrise beziehungsweise zur Rettung des immer noch sehr ungesunden europäischen Bankensystems ergriffenen Maßnahmen. Im Grunde haben wir es mit der Bankenkrise zweitem Akt zu tun. Inhalt dieses zweiten Aktes ist die unheilvolle gegenseitige Abhängigkeit von Staaten und Banken, ihrer jeweiligen Kreditwürdigkeit und ihres Finanzierungsbedarfs.“

Durchgelesen: Tim Harford – “Trial And Error”

September 26, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Scheitern ist nicht schlimm, wenn man daraus lernt - das propagiert Tim Harford in "Trial And Error".

Scheitern ist nicht schlimm, wenn man daraus lernt – das propagiert Tim Harford in “Trial And Error”.

Autor Tim Harford
Titel Trial And Error. Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Viele Menschen gehen davon aus, dass die Führungskräfte an der Spitze von Unternehmen zu irgendetwas gut sein müssen.“ Nach so einem Satz hält man den Atem an. Er kitzelt die Schadenfreude in uns, den Neid, den Frust. Denn natürlich haben wir alle schon die Unfähigkeit von Chefs erlebt. Und vor allem stammt dieser Satz von Tim Harford, einem der erfolgreichsten Wirtschaftsjournalisten der Welt – und einem bekennenden Querdenker.

Wenn so einer endlich den Beweis dafür erbringen könnte, dass „die da oben“ alle inkompetente, überbezahlte Nichtsnutze sind, dann wäre das nichts weniger als ein Triumph für den Kleingeist in uns allen. Der Autor enttäuscht unsere Hoffnung nicht: In einem Test des Psychologen Philip Tetlock hätten sich die Einschätzungen und Prognosen wichtiger Firmenbosse „angesichts der komplexen Situation, die er ihnen zur Analyse vorlegte, als mehr oder weniger nutzlos erwiesen“.

Es ist ein Experiment, das im Zentrum seines neuen Buches steht: Wie treffen wir Entscheidungen? Wer wird warum als Fachmann erachtet oder zur Führungskraft gemacht? Und was passiert, wenn sich deren Maßnahmen als Fehler erweisen – und daraufhin alles schief geht? Diesen Fragen geht Tim Hartford nach, und er erkennt bei der Suche nach Antworten immer wieder die Gesetzmäßigkeiten der Evolution. Trial And Error. Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen heißt sein neues Buch deshalb.

Die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Harford, der früher für die Weltbank und bei Shell gearbeitet hat, ergeht sich nicht in abstraktem Philosophieren, sondern liefert viele konkrete Beispiele. Erfolgreiche Strategien und untergegangene Imperien werden vorgestellt, und auch der Cappuccino aus seinem Weltbestseller Ökonomics taucht wieder auf.

Das alles liefert überzeugende Argumente für die Empfehlung des Autors, sich komplexen Problemen öfter mit einem evolutionären Ansatz zu nähern. Ausprobieren, anpassen und vor allem souverän damit umgehen, wenn man mal daneben liegt – dieses Prinzip hätte sich immer wieder als unübertroffen erwiesen. Niederlagen seien nicht nur unvermeidlich, sondern auch notwendig und nützlich. Scheitern sei kein Problem, denn langfristig und im großen Maßstab betrachtet führe es zum Erfolg – das ist seine Botschaft. Auch dabei wird Harford erfreulicherweise konkret und spielt in Gedankenexperimenten durch, was dieser Ansatz beispielsweise im Kampf gegen Armut, Klimawandel oder Terrorismus für Vorteile bringen könnte.

Der Engländer beansprucht nicht für sich, die Lösung für alles zu haben. In der Danksagung nimmt er das Prinzip Trial And Error auch für seine eigene Arbeit in Anspruch: Das Buch „bedurfte zahlreicher Versuche und Niederlagen und nicht zuletzt eines hohen Maßes an Hilfe“, gibt er da zu. Aber mit guten Argumenten macht er klar, warum es meist sinnvoll ist, lokal begrenzt und in kleinen Schritten vorzugehen oder gelegentlich die Perspektive des Regenwurms einzunehmen, also alles von unten, aus der Nähe und in allen Einzelheiten zu betrachten, wie es auch Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus propagiert.

Hilfreich ist auch sein Blick auf die Wirkungsweisen in komplexen, eng gekoppelten Systemen. Nicht zuletzt gelingen ihm treffende Definitionen der verschiedenen Kategorien von Fehlentscheidungen (die er in Patzer, Verstöße und Fehler unterteilt), die dabei helfen, aus ihnen lernen und die Verantwortlichen benennen zu können.

Ein großes Problem steckt trotzdem in Trial And Error. Wenn es um Fehler im System gehen soll, muss sich der Blick natürlich auch auf die Finanzkrise richten, die in der Tat großen Raum in diesem Buch einnimmt. Spätestens da wird es schwierig, Fehlkonstruktionen mit dem Blick auf ihre evolutionäre Bedeutung gelassen hinzunehmen, wie Harford auch selbst erkennt: „Die Finanzkrise hat gezeigt, dass eine tolerante Haltung gegenüber Niederlagen für das Bankensystem eine extrem heikle Angelegenheit ist. Was also, wenn wir uns nicht den Luxus leisten können, Fehler zu machen, weil diese katastrophale Folgen haben können?“

Diese wichtige Frage verliert er dann leider wieder aus den Augen. So überzeugend Harford an vielen Stellen ein völlig neues Denken anregt, so sehr ist er hier in alten Ideen gefangen: Allzu leichtfertig setzt er die Mechanismen der Evolution, nicht nur bei der Finanzkrise, mit dem Wirken des Marktes gleich. Doch was für die Entwicklung der Arten noch praktikabel sein mag, ist für das Gestalten unsere Gesellschaft nicht hinnehmbar: Wenn Manager Milliarden in den Sand setzen oder Spekulanten den Wohlstand ganzer Staaten untergraben, dann sind das womöglich Phänomene, die durch das Prinzip von Versuch und Irrtum irgendwann beseitigt und durch bessere Lösungen ersetzt werden. Aber zunächst einmal sind Menschen davon betroffen, sofort und unmittelbar. Diesen sozialen Aspekt sucht man in Trial And Error vergebens. Harford blendet eine entscheidende Tatsache einfach aus: Die Evolution kennt nur Effektivität, aber keine Moral.

Bestes Zitat: „Das Finanzwesen ist für latente Fehler in ganz besonderem Maße anfällig, teils wegen seiner Komplexität, teils weil der Anreiz für Zuwiderhandlungen hier sehr viel größer ist als anderswo. Piloten, Chirurgen, Kernkraftingenieure – sie alle sind Menschen, sie alle werden Fehler machen und hin und wieder auch mal pfuschen. Aber wir können in der Regel darauf hoffen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, Unglücke zu vermeiden. Im Finanzwesen hingegen, wo sich die Folgen von Regelverstößen häufig weit weg von den Tätern und lange nach Einstreichen des Profits niederschlagen, dürfen wir dieses Vertrauen nicht haben.“

Draufgeschaut: It’s A Free World

August 27, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Angie (Kierston Wareing) vermittelt Jobs an Einwanderer.

Angie (Kierston Wareing) vermittelt Jobs an Einwanderer.

Film It’s A Free World
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2007
Spielzeit 96 Minuten
Regie Ken Loach
Hauptdarsteller Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Angie heuert in Polen Arbeitskräfte im Auftrag ihrer englischen Personalvermittlungsfirma an. Sie ist gut in ihrem Job – doch dann wird sie gefeuert und steht als alleinerziehende Mutter vor dem Nichts. Gemeinsam mit ihrer Freundin Rose beschließt sie, sich selbstständig zu machen und selbst Arbeitskräfte anzuheuern. Sie setzt auf ihre Erfahrung, weiblichen Charme und die Verzweiflung der Arbeitslosen. Schon bald ist sie hoffnungslos verstrickt in einem unbarmherzigen System.

Das sagt shitesite:

Fast dokumentarisch beginnt It’s A Free World: Angie sitzt in einem provisorischen Büro, vor ihr stehen polnische Arbeitslose Schlange und können es kaum erwarten, für die Aussicht auf irgendeinen Job in England ihre Ausbildung, ihre Erfahrung und ihr Leben wegzuwerfen. Manch ein Akademiker oder Facharbeiter schiebt noch ein Schmiergeld über den Tresen, um künftig als Hilfskraft arbeiten zu dürfen. Eindrucksvoller könnten das Geschäft der Personalvermittler, die Hoffnung der Einwanderer und die Abgeklärtheit von Angie kaum illustriert werden, und dieses Prinzip greift in diesem Film immer wieder: Es wird zurückhaltend erzählt, mit Respekt und Mitgefühl für die Beteiligten, aber mit scharfem Blick auf all die Abgründe des Geschäfts mit der Leiharbeit.

Wenn Angie mit einem Auftraggeber aneinander gerät, mit ihrem Vater über die Löhne ihrer Leiharbeiter streitet oder sich mit ihrer Partnerin Rose in die Haare kriegt, weil die nicht noch schneller und mit noch skrupelloseren Methoden wachsen will, dann wird sie zum Knotenpunkt all der Entwicklungen, die da aufeinander treffen: Sie glaubt, Gutes zu tun, und sie steht doch auf der Seite der Ausbeuter. Sie verschafft Menschen ein Auskommen, und weiß doch, dass für Fairness in diesem Business kein Platz ist. Sie bemüht sich, im Umgang mit ihren Arbeitern so etwas wie Menschlichkeit zu bewahren, und merkt nicht einmal, dass sie sie schon nach ein paar Tagen selbst bloß noch als Ware betrachtet.

Die Stärke von It’s A Free World ist es, dass der Film dabei keinen anderen Schuldigen benennt als das System selbst. Die Wut der illegalen Einwanderer, die nicht bezahlt werden, wird ebenso nachvollziehbar wie Angies Versuch, sich ohne Rücksicht auf Verluste nach oben zu kämpfen oder der Druck ihrer Auftraggeber, die Löhne noch ein bisschen mehr zu drücken. Alle spielen mit und trösten sich, so ist der Titel des Films gemeint, mit der Einbildung, sie könnten auch aussteigen aus diesem Spiel, wenn es ihnen nicht mehr passt. In Wirklichkeit sind sie alle ohnmächtig gefangen im Hamsterrad der globalisierten Arbeitswelt.

Jeder wird mies behandelt, jeder wird verarscht, und es gibt immer noch jemanden weiter oben, der das wirklich große Geld macht – das ist die trostlose Botschaft von It’s A Free World.

Bestes Zitat:

“Wir geben den Menschen eine Chance.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: The International

April 12, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Louis Salinger (Clive Owen) und Eleanor Whitman (Naomi Watts) sind den kriminellen Geschäften einer Bank auf der Spur.

Louis Salinger (Clive Owen) und Eleanor Whitman (Naomi Watts) sind den kriminellen Geschäften einer Bank auf der Spur.

Film The International
Produktionsland USA/Deutschland
Jahr 2009
Spielzeit 118 Minuten
Regie Tom Tykwer
Hauptdarsteller Clive Owen, Naomi Watts, Ulrich Thomsen, Armin Müller-Stahl, Jack McGee, Brían F. O’Byrne, Axel Milberg
Bewertung ****

Worum geht’s?

Seit Jahren ermittelt die New Yorker Staatsanwaltschaft gegen die IBBC in Luxemburg. Die Bank scheint das internationale Verbrechen weltweit mit Geld zu versorgen und damit gute Geschäfte zu machen. Als ein Insider über die Machenschaften der Bank auspacken will, ist der Kontaktmann, dem er sich anvertrauen wollte, wenige Minuten später tot. Kurz darauf kommt auch der Informant bei einem Autounfall ums Leben. Agent Louis Salinger sucht trotzdem weiter nach Beweisen. Er will die Bank endlich vor Gericht bringen. Doch die Bosse des Geldinstituts ziehen alle Register, um ihre Geschäfte zu vertuschen – und sie gehen über Leichen.

Das sagt shitesite:

The International hat viele spannende Momente, spektakuläre Schauplätze, gute Actionsequenzen, eine famose Dialogszene am Ende und eine durch und durch stimmige Atmosphäre zu bieten. Die größte Stärke des Films ist aber etwas anderes: sein Thema.

Die Allmacht der Finanzmärkte in einem Thriller vor Augen zu führen, mag im Herbst 2007, als die Dreharbeiten für The International begannen, noch wie der pubertäre Traum eines Attac-Spinners gewirkt haben. Spätestens als ein Jahr später aber die Lehman-Brothers-Pleite die schwelende Finanzkrise zu einer globalen Bedrohung werden ließ, konnte an der Bedeutung dieses Ansatzes kein Zweifel mehr bestehen. Seitdem hat die Thematik sogar noch an Relevanz und Aktualität gewonnen.

Tom Tykwer inszeniert die Verstrickungen der Finanzwelt ganz plakativ als den Kampf von Moral gegen Skrupellosigkeit. Kapituliert man vor der Macht, dem Markt, dem Geld und seinen höchst effektiven Mechanismen? Oder lehnt man sich dagegen auf? Diese Frage steht im Mittelpunkt. Clive Owen spielt dabei die ganze Zeit mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck: den der ultimativen Entschlossenheit. Er trifft auf einen Gegner, der ebenfalls nur ein Ziel kennt: Profit.

Die Spannung von The International erwächst daraus, dass es auf beiden Seiten trotzdem Schattierungen gibt. Agent Salinger hat bei seinem Kampf für die Gerechtigkeit kein Problem damit, auch mal gegen das Gesetz zu verstoßen. Und die Bank gaukelt Transparenz vor oder geriert sich als Unterstützer von afrikanischen Freiheitskämpfern.

Dabei hat sie es kaum nötig, ihre Allmacht zu kaschieren: Sie kontrolliert die, die eigentlich sie kontrollieren sollten (die Behörden), sie zieht ihre Strippen auch in den Tempeln der Künste (der Killer in The International erhält seine Aufträge jeweils in berühmten Museen) und lässt selbst die einstigen Gegner (wie einen Vorzeige-Kommunisten) für sich arbeiten. Die Bank erscheint in diesem Thriller so unbesiegbar, wie es das Finanzsystem derzeit für die Bemühungen der Politik zu sein scheint. Das widersprüchliche, nur halb-versöhnliche Finale von The International ist deshalb ein kongeniales Ende für diesen Film.

Bestes Zitat:

“Darin liegt das wahre Wesen des Bankgewerbes: Man will uns, egal ob als Länder oder als Individuen, zu Sklaven der Schulden machen.”

Der Trailer zum Film:

Der kritische Blick: Das Ende der Lohn-Bescheidenheit

Februar 22, 2012 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Bis zu 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde. Das klingt anmaßend – ist aber überfällig. Denn mit ihrer jahrelangen Zurückhaltung haben die Gewerkschaften zwar dafür gesorgt, dass Deutschland wettbewerbsfähig ist. Das ging aber auf Kosten der Binnennachfrage und der anderen EU-Länder und hat so zur Euro-Krise beigetragen. Vor allem aber haben die Arbeitnehmer dadurch den Aufschwung verpasst. Das darf nicht so bleiben.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Der kritische Blick: Der Hokuspokus der Ratingagenturen

Dezember 7, 2011 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · 1 Comment 

Wenn man selbst nicht mehr durchblickt, dann braucht man Berater. In der Antike haben sich die Kaiser deshalb Traumdeuter an die Seite geholt, im Mittelalter haben sie Astrologen beschäftigt. Heute erfüllen die Rating-Agenturen diese Rolle. Und sie geben selbst zu: Viel profunder als damals sind ihre Voraussagen auch nicht.

Trotzdem haben sie eine unfassbare Macht erlangt. Standard & Poor’s droht Deutschland gerade mit dem Entzug des Top-Ratings AAA. Dann könnten die Staatsschulden für uns alle noch teurer werden. Ich frage mich, warum sich die Politik derart von ihnen treiben lässt.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Draufgeschaut: Syriana

August 29, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 1 Comment 
Der CIA-Agent Bob Barnes (George Clooney, vorne) wird in ein dubioses Ölgeschäft verwickelt.

Der CIA-Agent Bob Barnes (George Clooney, vorne) wird in ein dubioses Ölgeschäft verwickelt.

Film Syriana
Produktionsland USA
Jahr 2005
Spielzeit 128 Minuten
Regie Stephen Gaghan
Hauptdarsteller George Clooney, Amr Waked, Christopher Plummer, Jeffrey Wright, Chris Cooper, Amanda Peet, Robert Foxworth, Matt Damon, William Hurt
Bewertung *****

Worum geht’s?

Die US-Firma Killen hat sich wichtige Förderrechte für ein großes Ölverkommen in Kasachstan gesichert. Als Killen vom Großkonzern Connex gekauft wird, untersucht die US-Regierung die geplante Fusion. War Korruption im Spiel? Auch der US-Geheimdienst hat ein gesteigertes Interesse an dem Deal, geht es doch um strategische Fragen in der Region, und dabei könnte ein arabischer Prinz hinderlich sein, der in seinem Land demokratische Reformen plant. Zwischen Wirtschaft, Politik und Justiz entspinnt sich ein spannender Kampf um die Frage, wer die Wahrheit als erstes findet – und wer sie am besten in seinem Sinne missbrauchen kann.

Das sagt shitesite:

Es braucht eine ganze Weile, bis sich die Komplexität von Syriana und die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen offenbart. Aber das ist ein geniales Stilmittel, denn schließlich geht es in diesem meisterhaften Wirtschaftsthriller auch darum, die vielschichtigen und schwer zu durchschauenden Verstrickungen in der globalisierten Welt vor Augen zu führen. Es geht um Rassismus und Macht, um Erniedrigung und Stolz, um Angst und Gier – auf ganz vielen Seiten.

Das Stärkste an Syriana: Der Film zeigt den Turbokapitalismus einerseits als System, das durch seine unbarmherzige Konsequenz quasi unerschütterlich geworden ist. Andererseits wird hier sehr deutlich, dass alle Beteiligten (übrigens fast ausschließlich Männer) getrieben werden von ihrem ganz persönlichen Egoismus und ihren ganz individuellen Zwängen, sodass sich letztlich keiner von ihnen mit Verweis auf die Allmacht des Systems aus der Verantwortung stehlen kann.

Zusätzliche Größe bekommt Syriana auch dadurch, dass hier zwar mit scharfem Blick analysiert wird, Regisseur und Drehbuchautor Stephen Gaghan seinen Protagonisten aber trotzdem mit Sympathie und sogar Wärme begegnet. Immer wieder schimmert das Menschlich-Allzumenschliche durch. Zwischen knallharten Verhandlungen, Terrorattacken und Schicksalsschlägen gibt es in Syriana eben auch die Banalität des Alltags: notgeile junge Männer, Ablenkung beim Sport, Ärger mit den Eltern. Mit dieser Facette knüpft Syriana nicht nur ein (neben den wirtschaftlichen Abhängigkeiten) weiteres Band zwischen den Kulturen, sondern schafft inmitten des blanken Zynismus auch so etwas wie ein bisschen Hoffnung.

Bestes Zitat:

“Kapitalismus kann ohne Verschwendung nicht existieren.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: 39,90

Januar 23, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Octave (Jean Dujardin) ist erfolgreicher Werbefachmann - und verliert dann den Halt.

Octave (Jean Dujardin) ist erfolgreicher Werbefachmann - und verliert dann den Halt.

Film 39,90
Originaltitel 99 Francs
Produktionsland Frankreich
Jahr 2007
Spielzeit 100 Minuten
Regie Jan Kounen
Hauptdarsteller Jean Dujardin, Jocelyn Quivrin, Patrick Mille, Vahina Giocante, Elisa Tovati, Nicolas Marié
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

Octave arbeitet in einer Werbeagentur. Der Job, der von anderen als “kreativ” betrachtet wird, ist für ihn selbst nur erträglich, weil er viel Geld für wenig Arbeit bekommt. Als seine schwangere Freundin Sophie ihn verlässt, verliert er völlig den Halt.

Das sagt shitesite:

Die Verfilmung des Bestsellers von Frédéric Beigbeder ist ähnlich zynisch, knallig und amüsant wie das Buch. Dass der Mensch in 39,90 als Produkt betrachtet wird, ist schon nach dem Intro klar, in dem die Namen der Schauspieler jeweils mit einem Strichcode versehen sind. Danach wird ein schonungsloser Blick geworfen auf die Welt der Werbung: Das Leben von Octave ist an Dekadenz nicht zu überbieten, er ist (wie alle seine Kollegen in der Branche) ein ewiger Teenager, abgehoben, überbezahlt und oberflächlich. Das Starke daran ist: 39,90 überhöht diesen Lifestyle so stark, dass es amüsant wird statt nach erhobenem Zeigefinger zu riechen. Und Jean Dujardin versteht es, den Octave authentisch zu machen, ohne jemals Sympathie für ihn einzufordern. Er leugnet jede Verantwortung, er ist Dandy und Wrack, gleichzeitig komplett selbstverliebt und voller Selbsthass – weil er weiß, wie hohl seine Welt ist, wie unmoralisch seine Arbeit und wie banal sein Vergnügen. Verstörende Szenen, tolle Pointen und Bilder und Dialoge, die stets auf den maximalen Effekt aus sind – damit schafft 39,90 als Film eine kongeniale Entsprechung der Botschaft des Buches: Konsum bedeutet zwangsläufig Manipulation.

Bestes Zitat:

“Kein verantwortungsloser Idiot hatten in den letzten 2000 Jahren so viel Macht wie ich.”

Der Trailer zum Film:

Die Dioxin-Hysterie befällt die Falschen

Januar 5, 2011 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · 1 Comment 

Alle schreien Alarm. Dioxin! Gift! Krebs! In unseren Lebensmitteln! Dabei gibt es eigentlich gar keinen Grund für so viel Aufregung. Erstens betonen Experten, dass die nun festgestellten Werte zwar deutlich zu hoch sind, aber nicht ernsthaft gefährlich. Zweitens ist der Skandal, entstanden durch verseuchtes Futtermittel einer Firma in Schleswig-Holstein, nur die logische Folge der Prinzipien in der Lebensmittelindustrie: Wenn die Kunden es bloß möglichst billig und die Produzenten bloß möglichst viel Gewinn machen wollen, dann bleibt der Verbraucher eben auf der Strecke – notfalls sogar seine Gesundheit.

Immerhin: Der erneute Lebensmittelskandal dürfte die Sorgenfalten der Bauern noch größer werden lassen. Das ist das Beste daran: Nach und nach wird transparent, mit welch üblen Methoden die Lebensmittelindustrie arbeitet. Und die hat nun allen Grund, sich langsam um ihren Ruf zu kümmern.

Den kompletten Kommentar gibt es auf news.de.

Weißes Gold und schwarze Füße

Januar 1, 2011 · Posted in Blog, Ich · 1 Comment 

Der Auftrag kam vor einer Weile. Mein bezaubernder Arbeitgeber hatte die Idee, dass sich das Team von news.de den Usern noch ein bisschen besser vorstellen sollte. Und zwar mit einer Serie namens “Meine Heimat” – jeder Kollege erzählt ein bisschen von der Gegend, aus der er kommt, und macht dabei den Usern noch ein bisschen Lust darauf, auch mal dorthin zu fahren. Touristisch sollte der Text also werden, aber auch persönlich.

Damit stellte sich für mich natürlich erst einmal die Frage: Was ist Heimat? Schließlich habe ich fast die Hälfte meines Lebens dort und mittlerweile schon mehr als zehn Jahre hier verbracht – und dazwischen war ich noch einmal eine reichliche Weile ganz woanders. Ist die Heimat dort, wo man sich zuhause fühlt? Kann sie noch immer da sein, wo man inzwischen nur noch Gast ist?  Home is where the heart is? Oder doch eher: Home is where the start is?

Die Antwort fiel dann doch nicht schwer. Heimat ist da, wo man die Dinge und Menschen kennt. Die Straßennamen und die Schleichwege. Die Macken der Leute, die hier früher mal gewohnt haben. Die Legenden, die sich um den riesigen Baum am Waldrand spinnen. Wo man all das weiß – und zwar nicht aus dem Reiseführer, sondern weil man es gelernt hat, im Ort selbst – und vom Ort selbst.

Die Entscheidung fiel also auf Merkers, meine Heimat. Und glücklicherweise hat der Ort dann nicht nur die Anekdote vom kleinen Michael mit den schwarzen Füßen zu bieten. Sondern auch noch eine ziemlich spektakuläre Geschichte von einem Goldschatz der Nazis, einem Naturschauspiel und dem ewigen Sommer unter der Erde.

Meinen Beitrag zur Serie “Meine Heimat” gibt es in voller Länge auf news.de.

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