Durchgelesen: Clemens Meyer – „Als wir träumten“ 2


„Als wir träumten“ ist ein in jeder Hinsicht mächtiges Debüt.

Autor Clemens Meyer
Titel Als wir träumten
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung *****

„Neon“, das Magazin für alle Menschen in dem Alter, in dem man früher als erwachsen galt und in dem man sich heute gerne noch wie ein Jugendlicher füht, zählt Clemens Meyer zu den 100 wichtigsten jungen Deutschen. Ob sich der Autor in der illustren Riege neben Vorzeige-Vokuhila Florian Silbereisen und Porno-Prinzessin Tyra Misoux wohlfühlt, sei einmal dahingestellt. Wenn man aber davon ausgeht, dass dort Menschen aufgelistet sind, die schon jetzt viel können und von denen man für die Zukunft noch viel mehr erwarten darf, dann gehört Meyer, Jahrgang 1977, definitiv dahin.

Denn neben einem Studium am Literatur-Institut Leipzig und einigen Preisen hat er nun einen Roman vorzuweisen, den „Neon“ – und in diesem Fall gibt es über die Einordnung keine Diskussion – schlicht „das Buch des Jahres“ nennt.

In der Tat ist „Als wir träumten“ ein Roman, der einem den Atem nimmt. Von Beginn an. Es ist die Geschichte von Daniel und seinen Leipziger Freunden, von Rico dem Boxer, von Pitbull dem Jähzornigen und vom Mädchen mit dem Pionierhalstuch, das dann in den Westen geht.

Dieser historische Rahmen ist es, der Meyers ohnehin schon grandiose Coming-Of-Age-Geschichte wirklich herausragend macht. „Als wir träumten“ ist vor allem deshalb stark, weil es die Wende erklärt, im Epizentrum der politischen Veränderungen spielt und dabei zeigt, wie global und rasant sie das Leben erfassen – und was sie trotz all dessen eben nicht beeinflussen können. So ist es auch das Porträt einer Generation, der der Boden unter den Füßen zerbröselt ist, bevor sie überhaupt gemerkt hat, dass dieser Boden existiert.

Doch es ist nicht nur das Thema, das diesen Roman so fesselnd macht. Es ist auch die virtuose Erzählstruktur und Meyers reduzierte Sprache. Immer wieder wiederholen die Protagonisten einige Sätze, weil sie sich selbst immer wieder, beinahe täglich, ihre Position und ihre Beziehungen erklären müssen; weil sie versuchen, sich immer wieder der paar Dinge zu vergewissern, die sie noch für ewige Wahrheiten halten.

So wird der Taumel, der nicht nur die Orientierungssuche der Jugend ist, unfassbar gekonnt nachvollziehbar gemacht, ohne dabei die Geschichten von Crash-Kids und Drogen, von Fußball und Faschos zu romantisieren. Selten war ein zeitgenössischer Roman so tief und bedeutend.


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