Tennessee Champagne – „Tennessee Champagne“


Künstler Tennessee Champagne

Tennessee Champagne Review Kritik

Southern Rock mit Blick nach links und rechts liefern Tennessee Champagne.

Album Tennessee Champagne
Label Juke Joint 500
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Spätestens die Präsidentschaft von Donald Trump hat ja dafür gesagt, dass hierzulande wieder reichlich Klischees über Amerika blühen, vom übergewichtigen White Trash über den Redneck im Mittleren Westen bis hin zum kleinkriminellen Möchtegern-Pimp, der zu Plünderung neigt. Denkt man mit so einer Perspektive an ein Apalachen-Städtchen wie Elizabethon, Tennessee (15.000 Einwohner, davon 95 % weiß und 80 % Republikaner), kann man kaum anders, als eine Gegend vor sich zu sehen, in der die Menschen Hüte und Cowboystiefel tragen, das Barbecue als wichtigste Mahlzeit des Tages betrachten und Whisky praktisch aus der Wasserleitung kommt.

Das Erstaunliche an der Musik von Tennessee Champagne ist: Sie klingt genau so wie diese höchstwahrscheinlich doch etwas oberflächliche Vorstellung, und sie wird damit alle Fans des Labels Juke Joint 500 glücklich machen, das sich auf die Veröffentlichung dieses Sounds in Deutschland, vornehmlich auf Vinyl, spezialisiert hat und diese Platte am kommenden Freitag hierzulande herausbringt. Das Besondere an der Musik von Tim Hall, Dan Britt, Chris Kelley, Jonathan Grindstaff und Bill Cowden auf diesem Album ist, dass sie immer wieder auch weit über die naheliegende Southern-Rock-Ästhetik rund um Bezugspunkte wie Lynyrd Skynyrd, Blackberry Smoke, die Black Crowes oder die Allman Brothers hinausgehen.

Das zeigt schon das kernige Wicked als Auftakt des Albums. Der Song ist näher beispielsweise an Jet oder Kings Of Leon als an irgendetwas, das man mit Country assoziieren würde. Das folgende Thunder In The Mountains ist im Prinzip reiner Hard Rock, dem hier (höchstwahrscheinlich) besungenen Vulkanausbruch scheinen Tennessee Champagne insbesondere im Refrain ziemlich nahe zu sein. Später beginnt Silver Tongue mit einem Bass, der auch zu Rage Against The Machine passen würde, dann folgen eine vom Blues geprägte Strophe und ein Refrain mit viel Raum, Größe und Drama. Mountains In My Bones ist dreckig, wuchtig und ungeduldig – nicht nur wegen der recht prominenten Orgel und der imposanten Gitarrensoli kann man da an Deep Purple denken.

Immer wieder werden Rock, Blues, Outlaw Country und weitere Zutaten auf der in Asheville, North Carolina aufgenommenen Platte sehr geschickt kombiniert und vermengt, wobei Tennessee Champagne auch die nötige Eigenständigkeit entwickeln. Lediglich Corn From A Jar (es klingt wie ein etwas schwächlicher Zwilling von Thunder In The Mountains) und der beispielsweise an die Drive-by-Truckers erinnernde Schlusspunkt Shake It fallen etwas ab: Letzterer enthält deutlich mehr Americana-Standards als alle Tracks des Albums zuvor und wird damit etwas gewöhnlich.

Besonders stark sind Tennessee Champagne hingegen, wenn sie etwas den Fuß vom Gas nehmen wie beispielsweise in Selfish Ways. Die Orgel zu Beginn von Stompin‘ Grounds lässt kurz an Twistin‘ By The Pool denken, doch statt eines Gute-Laune-Hits gibt es dann Wehmut, Nostalgie und Leidenschaft, in denen man vielleicht die Counting Crows wiedererkennen kann. Singing To My Broken Heart ist wieder eine tolle Ballade, in der Selbstmitleid einfach durch ganz viel Romantik überdeckt wird. Can’t Get Over You lebt von Herzschmerz, Suff und der Illusion der guten alten Zeit wie beispielsweise einige Primal Scream-Balladen. „I can’t get over you / getting over me“, wird die gekränkte Eitelkeit auf den Punkt gebracht. Wer so viel Fähigkeit zur Selbstreflexion (und sogar zur Selbstironie) hat, kann offensichtlich auch musikalisch einen sehr individuellen Umgang mit der eigenen Tradition finden.

Mit Hüten! Und Lynyrd-Skynyrd-Shirt! Tennessee Champagne spielen Wicked.

Website von Tennessee Champagne.

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