Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem


Film Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem

Texas Filmkritik

Doc Snyder (Helge Schneider) braucht saubere Klamotten.

Produktionsland Deutschland
Jahr 1993
Spielzeit 86 Minuten
Regie Helge Schneider, Ralf Huettner
Hauptdarsteller Helge Schneider, Helmut Körschgen, Werner Abrolat, Andreas Kunze, Peter Berling, Peter Thoms, Christa Strobel, Mirjam Wiesemann, Buddy Casino
Bewertung

Worum geht’s?

Doc Snyder macht den Wilden Westen im Jahr 1864 mit Überfällen auf Postkutschen und Banken unsicher, auch einem Duell geht er nie aus dem Weg. Schon lange ist deshalb ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und er muss stets auf der Hut sein, nicht geschnappt zu werden. Trotzdem wagt er sich jetzt wieder auf ein besonders gefährliches Pflaster, nämlich in seine Heimatstadt Texas, in die er erstmals nach 30 Jahren zurückkehrt. Erstens sitzt sein Bruder Hank im Knast und soll hingerichtet werden, was Doc Synder irgendwie verhindern will. Zweitens hat er keine saubere Wäsche mehr und muss deshalb heim zur Mama. In Texas wartet allerdings nicht nur der Sheriff auf ihn, sondern auch der Nasenmann, ein einst gefeierter Revolverheld. Er will sich dafür rächen will, dass Doc Synder seine Kutsche ausgeraubt und ihn vor seinen Edeldamen blamiert hat.

Das sagt shitesite:

Wer noch nie mit der Ästhetik von Helge Schneider in Berührung gekommen ist, könnte den Eindruck haben, bei Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem handele es sich um einen Film, der einfach wahllos improvisierte Szenen aneinander reiht, vermeintlich zusammengehalten ausgerechnet von einem Sack voller Dreckwäsche als Leitmotiv. In der Tat gibt es hier viele spontane Ideen, ein geringes Budegt und viele Komparsen aus dem Freundeskreis des Hauptdarstellers oder der Nachbarschaft des Drehorts im Sauerland. So war beispielsweise Helmut Körschgen eigentlich als Nachtwächter engagiert worden, um die Autos im Fuhrpark im Blick zu behalten, dann bekam er einen kleinen Part, im nächsten Film dann fast eine Hauptrolle. Auch der Macher selbst war mit etwas Abstand nicht mehr restlos zufrieden mit dem Ergebnis: Er störte sich etwa an der Zusammenarbeit mit Co-Regisseur Ralf Huettner und fand im Nachhinein vor allem die Idee des Erzählers aus dem Off misslungen.

Trotzdem bezeichnet Helge Schneider Texas im Bonusmaterial der DVD als „einen meiner Lieblingsfilme“, und man kann das gut nachvollziehen. Die offensichtlichen Abweichungen vom Drehbuch sind einer der größten Stärken des Streifens, bei dem Christoph Schlingensief in einigen Szenen des Nachdrehs als Kameramann fungiert hat. Wenn Schneider in quälender Ereignislosigkeit einen scheinbar banalen Satz wie „Nen Moment hätte ich gedacht, es fängt an zu regnen“ improvisiert, dann ist das tatsächlich zum Brüllen komisch. Die Szene lässt an einen Moment in den Outtakes denken, als er mit dem legendären Wäschesack durch eine Saloon-Schwingtür gehen will und sich immer wieder selbst im Weg steht. Auch diese Slapstick-Einlage ist sagenhaft witzig und führt vor Augen, dass Helge Schneider eine Eigenschaft beispielsweise mit Louis de Funès oder Charlie Chaplin teilt: Die alltäglichsten Aktionen sehen bei ihm lustig aus; selbst wenn er gar nichts tut, scheint ihm dabei der Schalk im Nacken zu sitzen. Er hat „funny bones“, wie die Amerikaner dazu sagen.

Er hat zugleich einen anarchischen Geist, der Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem zu so etwas wie einer Western-Parodie-Parodie macht. Natürlich wird hier mit den Klischees des Wilden Westens gespielt, doch selbst die Stilmittel einer Persiflage werden wieder gebrochen. Letztlich lässt Schneider in diesem Film nie das passieren, was man als Zuschauer vorauszuahnen meint, er stellt sich immer gegen die Erwartung. Manchmal zeigt er sich überdeutlich als Kunstfigur, wenn er direkt in die Kamera schaut, als „Helge“ angesprochen wird, obwohl er im Film „Doc“ heißt, oder sich plötzlich hinter die Kulissen begibt und diese somit entlarvt. An anderer Stelle bricht er mit den Konventionen, indem er bereits Kommissar Schneider aus dem nächsten Film auftauchen lässt. Und mindestens alle 60 Sekunden platziert er einen herrlich absurden Gag wie das erste Mobiltelefon der Weltgeschichte, den sprechenden Schuh oder die Auftritte des Stotterers, des Buckligen und des lieben Gotts.

So offenbart er in seinem ersten Kinofilm eine große Lust darauf, mit den Mitteln dieses Mediums zu spielen. Hinter der vermeintlich amateurhaften Produktion stecken – nicht nur das Bonusmaterial auf der DVD lässt das erkennen – viel Inspiration, Hingabe (Schneider hat für den Film extra Reiten gelernt) und Liebe zum Detail, etwa in Requisite und Kostüm („Die ganze Aufmachung erinnert mich ein bisschen an Räuber Hotzenplotz“, sagt Schneider im Audiokommentar zum Outfit seines Titelhelden). Die Outtakes und das Probenmaterial zeigen auch, wie viele Szenen die Macher dann doch nicht verwendet haben, auch wenn man glauben könnte, es hätte hier keinerlei Qualitätskontrolle geben. Die erste Fassung von Texas war fast drei Stunden lang, wurde also schließlich im Schneideraum noch halbiert, was eine sicher handwerklich recht mühselige und künstlerisch schmerzhafte Angelegenheit war. Auch daraus spricht aber ein Effekt, der in diesem Film überdeutlich wird: Helge Schneider genießt hier die kindische Freude am Verkleiden und Blödeln („Ich bin ein Regenwurm mit toupierten Haaren und trinke ein riesengroßes Stück Holz!“), vor allem aber lebt er genussvoll und nach seinen ganz eigenen Regeln die Faszination Kino aus.

Bestes Zitat:

„Scheiß ihm in die Stiefel! Hol alles aus deinen Schläuchen raus!“

Der Trailer zum Film:

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