The Age Of Stupid


Film The Age Of Stupid – Das Zeitalter der Dummheit

The Age Of Stupid Review Kritik

Der Archivar (Pete Postlethwaite) sichtet Nachrichten aus der Vergangenheit.

Produktionsland Großbritannien
Jahr 2009
Spielzeit 92 Minuten
Regie Franny Armstrong
Hauptdarsteller*innen Pete Postlethwaite
Bewertung

Worum geht’s?

Im Jahr 2055 hat die globale Erwärmung weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht und fast die gesamte menschliche Zivilisation zerstört. Einstige Millionenstädte sind überflutet, einstige Ackerflächen sind Wüste. Die wenigen Menschen, die noch die Erde bevölkern, kämpfen in Flüchtlingslagern ums Überleben. Vor der Katastrophe wurde ein riesiges Archiv vor der norwegischen Küste angelegt, in dem alle Tier- und Pflanzenarten konserviert sind, ebenso wie alle Kunstwerke aus den großen Museen. Auf einem riesigen Server sind zudem sämtliche Bücher, Filme und Nachrichtenbeiträge der Menschheitsgeschichte gespeichert. Ein Archivar kümmert sich dort um die Pflege der Bestände – und wundert sich beim Sichten der vielen Berichte über den wissenschaftlich nachgewiesenen Klimawandel und die drohenden Folgen, warum die Menschheit nicht rechtzeitig reagiert hat, um die Apokalypse zu verhindern, in der er jetzt gelandet ist. „Wir hätten uns retten können, aber wir haben nichts getan“, lautet seine verwunderte Erkenntnis beim Blick auf die zurückliegenden Jahrzehnte.

Das sagt shitesite:

Es gibt in diesen anderthalb Stunden viele schockierende Bilder von Naturkatastrophen, zerstörten Ökosystemen oder verbrannter Erde nach militärischen Auseinandersetzungen um Erdöl. Noch erschütternder als all diese Szenen ist aber etwas anderes: The Age Of Stupid kam vor zehn Jahren in die Kinos. Und an der Diagnose, dass wir viel zu wenig tun, um den Kollaps des Klimas zu verhindern und damit die Existenzgrundlagen kommender Generationen zu schützen, hat sich seitdem (bis auf die noch größere Dringlichkeit) praktisch nichts geändert. Wenn im Vorspann die Beteiligten des Films genannt werden, ist deshalb dort auch „And you“ zu lesen.

Es ist dieser erhobene Zeigefinger, der eines der Probleme dieses Films bildet. Man kennt das aus den durchaus ähnlich gelagerten Filmen von Michael Moore: Da meint einer, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und die Welt endlich aufrütteln zu müssen. Auch formal kann man einige Parallelen zu dessen Werken entdecken. The Age Of Stupid kommt natürlich mit einer klaren Agenda daher, trifft eine entsprechende Auswahl von Schwerpunkten (so wird hier viel über die Emissionen aus dem Verkehrssektor gesprochen, aber recht wenig über Ernährung, Bauindustrie oder Bevölkerungspolitik) und ist manchmal etwas arg verkürzt in den Aussagen („Die Ölindustrie stellt die US-Regierung“). Der Film wird zwangsläufig zum Parforceritt statt wirklich Tiefe bieten zu können (gerade am Ende, wenn die Jahre ab 2009 im Zeitraffer gezeigt werden, ist diese Methode aber besonders wirkungsvoll). Nicht zuletzt kann man sich deshalb fragen, ob dieser Mix aus Endzeit-Fiktion mit mittelprächtigen Special Effects und Dokumentation so glücklich ist – und ob es nicht lohnender gewesen wäre, nur einen der Erzählstränge zu verfolgen, dafür aber mit mehr Details und Hintergründen.

Den mehr als berechtigten Appell dieses Films und seine Fähigkeit, den Finger in die Wunde unserer Zeit zu legen, mindert das indes nicht. Der Archivar aus der Zukunft ist stoisch und neutral, er lässt die Fakten für sich sprechen. Wenn er am Touchscreen aus dem riesigen Fundus einzelne Beiträge anklickt, wirkt das willkürlich, aber die dabei in The Age Of Stupid entstehende Auswahl echter Nachrichtenbeiträge, Werbespots und Ausschnitte aus Dokumentationen zeigt wichtige Zusammenhänge und die zentralen Ursachen der Umweltzerstörung: Verschwendung, Ignoranz, Korruption, vor allem aber die Klimakatastrophe als unvermeidliche Nebenwirkung eines auf ständiges Wachstum angelegten Wirtschaftssystems mit den USA als fatalem Vorbild. Auch die Protagonist*innen sind gut ausgewählt, weil sie verschiedene Aspekte abdecken und auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen: ein Airline-Gründer in Indien, ein Mitarbeiter der Ölindustrie in den USA, eine Frau aus Nigeria, die Ärztin werden will, zwei aus dem Irak nach Jordanien geflohene Kinder, ein betagter Bergführer in den französischen Alpen und ein Windkraft-Ingenieur in England.

Menschen, die ohnehin schon von den drohenden Folgen der globalen Erwärmung alarmiert sind, könnten durch diesen Film tatsächlich motiviert werden, noch mehr zu tun. Menschen, die Zweifel haben, könnten hier von der Dimension der Gefahr überzeugt werden. Was der Film dennoch nicht macht, ist Hoffnung. Denn nicht zuletzt die seit seiner Kinopremiere weiterhin viel zu zaghaften politischen Bemühungen für einen wirkungsvollen Klimaschutz zeigen die enormen Beharrungskräfte, auf die auch der Film selbst hinweist. Weder die menschliche Psychologie noch unsere aktuellen Regierungsformen sind geeignet, um angemessen auf das hier dargestellte Risiko zu reagieren: Als Bedrohung, die uns wirklich zum Handeln bringt, empfinden wir das, was uns sofort und persönlich betrifft, nicht erst in zig Jahren und für die gesamte Menschheit gefährlich wird. Politisch Verantwortliche denken in Horizonten von Wahlperioden, also von vier bis fünf Jahren, und sind darauf aus, wiedergewählt zu werden, statt Stimmverluste zu riskieren, weil man Menschheitsaufgaben löst, die das Hier und Heute vielleicht ein bisschen unbequemer machen.

Nicht zuletzt hat in den Industriestaaten derzeit die Generation besonderes politisches Gewicht, die uns allen diesen Schlamassel eingebrockt hat. Wer die wissenschaftlichen Fakten anerkennt und aus diesen Jahrgängen stammt, kann nicht anders als ein schlechtes Gewissen haben. Und da neigen wir lieber zur Verdrängung statt zur vernünftigen Aufarbeitung mit den entsprechenden Lehren für die Zukunft. Dass der Film die Klimakatastrophe mit dem Holocaust vergleicht, mag in dieser Hinsicht drastisch und unangemessen erscheinen. Die Mechanismen von Verleugnung und Verharmlosung sind aber durchaus vergleichbar. Und während beim Holocaust ein Volk innerhalb weniger Jahre vorsätzlich die Schuld für Millionen Todesopfer auf sich geladen hat, ist es bei der globalen Erwärmung gleich die gesamte westliche Welt, fahrlässig und über Jahrzehnte hinweg.

Neben der direkten Verknüpfung zwischen Klimakollaps und Kapitalismus und „Not in my backyard“-Phänomenen, die in The Age Of Stupid ebenfalls thematisiert werden, ist es wohl dieses schlechte Gewissen, das einer sinnvollen Klimapolitik und wirkungsvollen Präventions- oder wenigstens Anpassungsmaßnahmen im Wege steht. Die Regierenden der Welt müssten einem Großteil ihrer Wähler*innen sagen (und sich selbst dabei einschließen): Ihr habt euch schuldig gemacht. Ihr habt die Lebensgrundlagen kommender Generationen zerstört. Und zwar, weil ihr genau so gelebt habt, wie wir es euch vorgegeben haben. Das sind nicht gerade die Botschaften, mit denen man Wahlen gewinnt, und darin besteht ein entscheidendes Hindernis für sinnvolle Klimapolitik: Um mit der nötigen Wucht und Geschwindigkeit umzusteuern, müsste die Generation der Babyboomer ihre eigene Verantwortung für die Katastrophe anerkennen – und für sie wird es bequemer sein, das nicht zu tun, weil sie zu Lebzeiten von den dramatischen Folgen nicht mehr betroffen sein wird.

So ist ein Szenario nicht ganz unwahrscheinlich, in dem womöglich die Tragik von The Age Of Stupid liegt: Dieser Film selbst könnte eines Tages zu all den vielen Informationen bezüglich der Klimakatastrophe gehören, die wir längst hatten, die uns aber nicht zum Handeln gebracht haben.

Bestes Zitat:

„Wir wären nicht die erste Lebensform, die sich selbst auslöscht. Aber die erste, die es sehenden Auges tut.“

Der Trailer zum Film.

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