The Boxer Rebellion – „Ghost Alive“


Künstler The Boxer Rebellion

The Boxer Rebellion Ghost Alive Review Kritik

Von einer anderen Seiten zeigen sich The Boxer Rebellion auf ihrem sechsten Album.

Album Ghost Alive
Label Absentee Recordings
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Seit 17 Jahren gibt es The Boxer Rebellion bereits, Ghost Alive ist ihr sechstes Album. Man kann die Geschichte dieser Band allerdings nicht verstehen, ohne noch einmal ganz zurück zum Anfang zu gehen.

2003 wurden sie von Alan McGee (der Mann, der Creation Records gegründet und mit Oasis ein Vermögen verdient hat) für sein damals neues Label Poptones unter Vertrag genommen. Die Band hatte sich da schon eine kleine Fangemeinde aufgebaut, vor allem mit Konzerten. Im Mai 2005 erschien das Debütalbum Exits und wurde größtenteils gefeiert. Alles war vorbereitet für eine Mega-Karriere, für den alten Traum von Sex & Drugs & Rock’N’Roll. Und dann ging Poptones zwei Wochen später pleite. Mit dem Label implodierten die Hoffnungen der Band, ebenso wie das Fundament, das sich The Boxer Rebellion in den vier Jahren seit ihrer Gründung geschaffen hatten. „Das hat mich in eine wirklich düstere Stimmung gestürzt“, sagt Bassist Adam Harrison. „Wir mussten dann wieder Teilzeit-Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen.“

Erst vier Jahre später war das Quartett aus London in der Lage, ein zweites Album zu veröffentlichen. Dass es das überhaupt gab und dann sogar noch (bisher) vier weitere Longplayer folgen konnten, hätte wohl niemand geglaubt, nicht einmal die Band selbst. „Als wir so am Boden lagen, hätte keiner von uns eine Sekunde lang daran geglaubt, dass wir es noch einmal so weit bringen würden. Es war eine Lehrstunde in Erniedrigung, und alles, was seitdem passiert ist, betrachten wir als einen Segen.“

Wie prägend diese Erfahrung war, zeigt sich mit Ghost Alive sehr deutlich. Die Single Love Yourself ist ein Beispiel dafür. „Das Lied soll herausstellen, was Menschen alles durchmachen müssen, und dass wir das jeder für sich bewältigen müssen“, sagt Frontmann Nathan Nicholson. „Es geht nicht um Bravado. Es geht nicht um eine Nacht im Club oder irgendetwas, das sonst so häufig in Indie-Songs besungen wird. Wir wollen uns nicht aufplustern, wir sind nicht die Erlöser. Wir sagen einfach: Das ist das echte Leben, so fühlen wir uns.“ Das Ergebnis klingt, als hätten die Stereophonics ihre sensible Seite entdeckt oder als hätte Richard Ashcroft plötzlich etwas mitzuteilen. Auch River verweist auf die Zeit, in der viele Kratzer am Selbstbewusstsein entstanden sind und ist erstaunlich verletztlich. „I am not a lost cause“, singt Nicholson eine von vielen Beteuerungen und Bekenntnissen auf dieser Platte, bei denen der Adressat ebenso sehr er selbst zu sein scheint wie ein (wo auch immer verortetes) Gegenüber. Im abschließenden Goodnight wird die Zeile „I used to sit by the river / knowing one day / it would lead me to my dreams“, tatsächlich mit jeder Wiederholung ein bisschen eindringlicher.

Wenn man so will, haben The Boxer Rebellion für dieses Werk den Titel ihres Debüts leicht abgewandelt: Statt Exits könnte das Motto für das neue Album heißen: Exist. „Jeder Mensch will authentisch sein, wir alle brauchen das. Wir sind darüber hinweg, uns noch Gedanken darum zu machen, was die Leute wohl von uns erwarten. Stattdessen machen wir jetzt genau das, was wir wollen“, sagt Bassist Adam Harrison. Und Nicholson ergänzt: „Dies ist mit Abstand unser ehrlichstes Album. Unser einziges Ziel dabei ist es, den Leute eine andere Seite von uns zu zeigen.“

Ursprünglich wollte das Quartett akustische Versionen einiger ihrer schon veröffentlichten Songs aufnehmen, quasi ein Unplugged-Album. Dann kam alles anders, wie Nicholson erzählt: „Vor ungefähr einem Jahr ist mein Vater gestorben. Das hat die Platte sehr geprägt. Es passierte zwei, drei Wochen bevor wir mit den Aufnahmen begonnen haben. Die Lieder waren schon geschrieben, aber als wir sie unter diesen Vorzeichen aufnahmen, haben sie eine neue Bedeutung bekommen.“ Nachdenklich hat ihn auch ein Besuch in seiner Heimatstadt in Tennessee gemacht, kurz nachdem Donald Trump gewählt worden war. „Das war eine aufreibende Zeit, und es hat ebenfalls die Stimmung des Albums beeinflusst.“

Die Single What The Fuck eröffnet die Platte und verdeutlicht sofort diese Richtung: Der Song ist mit akustischer Gitarre, Besenschlagzeug und dezenten Bläsern extrem zurückhaltend, erst recht für einen Opener. Die Fassungslosigkeit, die im Titel steckt, wird hier beherrscht ausgedrückt, nicht brachial. Das erweist sich als Grundprinzip für Ghost Alive. Das folgende Rain wird noch weiter abgespeckt, es verbleiben zunächst nur Gitarrenpicking und Gesang, bis sich Cello, Schlagzeug und Bass heranwagen. Under Control ist ähnlich aufgebaut, es zieht seine gesamte Kraft zunächst aus dem Gesang, dann wird es opulenter und geheimnisvoller. Don’t Look Back zeichnet eine unterschwellige Spannung aus, zugleich steckt viel Wärme darin.

„Melancholie ist in meinen Augen nichts, vor dem man fliehen sollte. Wir sollten anerkennen, das gilt insbesondere für Männer, dass es auch Traurigkeit in der Welt gibt“, sagt Harrison. „Mit dieser Platte stellen wir uns dieser Erkenntnis. Nathans Texte sind persönlicher, und die Musik reflektiert diesen Gedanken ebenfalls.“ Fear ist der deutlichste Beleg dafür, die Zeilen „I don’t feel nothing / won’t you stay“ klingen besonders flehentlich, weil Nicholson sie von Anfang an mit Kopfstimme singt.

Noch rührender wird Here I Am. „Here I am / I lost you once, I won’t lose you again“, singt Nicholson darin höchst eindringlich. Das Lied hatten The Boxer Rebellion ursprünglich für den Einsatz in einem Kinofilm geschrieben, in dem es dann aber nicht berücksichtigt wurde. Es sollte eine Szene untermalen, in der ein Vater seine Tochter beerdigen muss, in Tränen aufgelöst. „Ich bin nicht sonderlich religiös, aber ich habe jetzt beide Eltern verloren. Es geht deshalb um die Idee, dass man sich selbst heilen kann, um solche Erfahrungen zu überstehen“, erklärt Nicholson. „Die Vorstellung, der Tod sei das absolute Ende und man werde sich nie wieder begegnen, gefällt mir einfach nicht. Es geht um die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist. Darum, diese Endgültigkeit nicht zu akzeptieren.“

So klar wie in diesem Song wird nirgends sonst, worum es The Boxer Rebellion auf Ghost Alive geht: Atmosphäre statt Spektakel. Das ist in einigen Momenten langweiliger als die früheren Platten, zugleich merkt man, wie unbedingt und aufrichtig sie diese Seite der Band präsentieren wollen. Sollte die Karriere diesmal wirklich zu Ende sein, wäre das Album in jedem Fall ein sehr passender Abschluss.

Sehr sensibel zeigen sich The Boxer Rebellion auch im Video zu Here I Am.

Website von The Boxer Rebellion.

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