The Coathangers – „The Devil You Know“


Künstler The Coathangers

The Devil You Know The Coathangers Review Kritik

Ganz von vorne begannen The Coathangers für „The Devil You Know“.

Album The Devil You Know
Label Suicide Squeeze
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Man könnte den Kleiderbügel für ein Relikt aus der Zeit halten, in der Marie Kondo noch nicht die Welt regierte. The Coathangers aus Atlanta haben sich bei der Gründung ihrer Band im Jahr 2007 aber aus einem anderen Grund für diesen Namen entschieden. Sie verweisen auf den Kleiderbügel als ein Utensil, das Frauen oft zur Hilfe nehmen müssen, wenn ihnen die Möglichkeit einer legalen Abtreibung verwehrt bleibt. Das zeigt schon: Stephanie Luke (Schlagzeug, Gesang), Julia Kugel (Gitarre, Gesang) und Meredith Franco (Bass, Gesang) haben keine Scheu davor, auch auf die unappetitlichen Themen des Lebens zu blicken, und sie tun das gerne mit einer guten Dosis Boshaftigkeit und aus einer spezifisch weiblichen Perspektive.

Für ihr heute erscheinendes sechstes Album The Devil You Know wollten sie diesen Ansatz aufrechterhalten, zugleich aber eine neue Herangehensweise als beim Vorgänger Nosebleed Weekend und in ihrer gesamten Karriere testen. Bisher war jede von ihnen für ein bestimmtes Element im Sound von The Coathangers bekannt, diesmal sollten die Karten neu gemischt werden. „Wir sind komplett offen an den Schreibprozess herangegangen. Alles, was vorher da war, sollte keine Rolle mehr spielen – auch Dinge, die uns vertraut und lieb waren. Wir haben ganz von vorne angefangen“, sagt Julia Kugel.

Dazu passt der Albumtitel, den die Amerikanerinnen nach den Erlebnissen auf der Hochzeit eines Freundes einem alten Sprichwort entnommen haben: Die Idee, sesshaft und solide zu werden, entspringt oft aus der Hoffnung, keinen Gefahren mehr ausgesetzt zu sein. Aber natürlich macht es mehr Spaß, sich auch an das Unbekannte zu wagen: Better The Devil You Know. „Warum bauen wir uns selbst Gefängniszellen, um darin zu leben? Um diese Frage dreht sich das Album“, erklärt Kugel.

Stranger Danger ist das Lied, das diese Experimentierfreude am deutlichsten zeigt. Es offenbart erst Lust auf Theatralik, dann Lust auf Krawall. Die Rock-Elemente sind besonders rockig, der Groove ist besonders tanzbar, die schrägen Stimmen sind besonders schräg – das hätte man sich auch von den B-52’s vorstellen können. 5 Farms (mit der Warnung: „Nobody gets out alive“) würde sicher auch Jack White, den Black Keys oder den Kings Of Leon gefallen mit diesem seltsamen Mix aus Zappeligkeit und Coolness. Der Beat in der Strophe von F The NRA könnte einen Löffel Krautrock gefuttert haben, im Refrain scheint sich dann eine Horde sehr ungezogener Cheerleader auf einen Feldzug gegen Waffenbesitz zu machen. „Human farming / human target / human fear’s the perfect market“, lautet der Schlachtruf.

Einen ähnlichen Slogan, der simpel klingt, aber den Dingen trotzdem auf den Grund geht, bietet auch Stasher. Mit dem Hinweis „You get what you get“ werfen The Coathangers die Frage auf, ob die Idee, immer mehr zu kaufen und zu bunkern, wirklich zu Zufriedenheit führt – oder nicht vielmehr dazu, reichlich Ballast mit sich zu tragen. Lithium schließt The Devil You Know nach etwas über einer halben Stunde ab, als halbes Liebeslied auf die Verlässlichkeit von Psychopharmaka. Der Song erkennt, wie aussichtslos es bleiben muss, das eigene Wohlbefinden in die Hände eines Alkalimetalls zu legen, und zeigt doch, wie verlockend diese Idee ist. „One pill, two pills / you’re my new thrill.“

Am anderen Ende der Platte steht Bimbo, „eine bittersüße Betrachtung von Liebe, Selbsterhaltung und Loslassen“, wie Julia Kugel den Auftakt der Platte nennt. Es geht um das Ende einer Beziehung, das sehr nüchtern betrachtet wird, weil sie weiß: Der Schlussstrich war die richtige Entscheidung, zumindest für sie selbst: „Von allen Songs auf dem Album war dieser am einfachsten zu schreiben. Er erzählt zwei Seiten einer Geschichte und klingt dabei aufmunternd und positiv. Er akzeptiert die Dinge so, wie sie sind.“ Zu dieser Wirkung tragen die heitere Gitarre und der niedliche Gesang bei, auch das Schlagzeug ist beinahe vorsichtig, bevor der gesamte Sound dann zum Refrain etwas rabiater wird.

Crimson Telephone wirkt auch zunächst etwas träge, bevor es im Refrain dann eine Eruption gibt, die von der Zeile „The more you see / the less you know“ eingeläutet wird und sich als kritischer Blick auf die Macht von Smartphones, Social Media und Always-On-Mentalität erweist. Step Back hat ein plakatives Riff, mit dem die Band aber nicht protzt; es wird einfach ein starker Bestandteil dieses Lieds. Die Strophe von Last Call zeigt mit angedeuteten Dub-Elementen, wie introvertiert The Coathangers sein können, der Refrain hingegen, wie viel Lust sie haben, diese Eigenschaft gelegentlich hinter sich zu lassen. In Memories geht es um die Erinnerungen, die man gerne loswerden möchte und die Momente, in denen man sich wünscht, das Gedächtnis würde etwa besser funktionieren.

Was The Coathangers auf The Devil You Know auszeichnet, zeigt vielleicht die Außenseiterhymne Hey Buddy am besten, in der sich wohl nicht ganz zufällig auch die Zeile aus dem Albumtitel findet. „You got your job / got your tie / got your wife / got your two kids / but we don’t need it / no we don’t need it“, lautet die Analyse. Die Aggressivität, die darin steckt, wird hier auch deshalb sehr geschickt gebremst, weil diese Stimme genau weiß, dass sie im Recht ist – und offensichtlich ein Kollektiv um sich herum hat, das ihr die Richtigkeit dieser Überzeugung und die Wichtigkeit der Lust auf Abenteuer täglich bestätigt.

Ein Skelett spielt die Hauptrolle im Video zu Step Back.

Homepage von The Coathangers.

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