The Thermals – „We Disappear“


Künstler The Thermals

The Thermals We Disappear Review Kritik

„We Disappear“ erwies sich als prophetischer Titel für The Thermals.

Album We Disappear
Label Saddle Creek
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Into The Code eröffnet dieses Album. Der Bezug auf das Eintauchen in die Programmiersprache verbreitet die Botschaft: Wir könnten unsterblich werden, als eine Kombination aus Nullen und Einsen. Unsere ewig gespeicherten Facebook-Profile könnten das neue Jenseits werden. Sind The Thermals auf ihrem siebten Album etwa auf Elektronik und Techno umgeschwenkt? Natürlich nicht. Das Lied vereint Feedback, Kraft, Intelligenz und Sensibilität, genau in dieser Reihenfolge. Trotzdem spielen die technischen Entwicklungen eine wichtige Rolle auf We Disappear, wie Sänger Hutch Harris erklärt: „Technologie, Liebe und Tod sind die drei Leidenschaften dieser Platte. Unsere Privatsphäre war uns einmal sehr wichtig, jetzt hat sich das alles geändert. Informationen über unsere Beziehungen und unseren Alltag, die früher einmal geheim waren, bieten wir jetzt freimütig an. Wir versuchen, unser Leben auf digitale Weise zu bewahren, damit die Menschen uns nicht vergessen, wenn wir tot sind. Wir benutzen Technologie, um die Unsterblichkeit zu erreichen. Man kann sogar seine Facebook- und Twitter-Profile nach dem Tod weiter aktualisieren lassen. We Disappear handelt davon, wie die Menschheit das Unvermeidliche bekämpft.“

Schon in den Songtiteln sind diese Themen äußerst präsent. Das zurückgenommene If We Don’t Die Today zeigt ein reizvolles Aufeinandertreffen von Leidenschaft und Fatalismus. Das psychedelische The Great Dying erweist sich als die Fantasie einer Auslöschung, die vielleicht sogar als Erlösung betrachtet wird: „The sky will turn to fire / the sea will turn to salt / we disappear.“ Das Aufeinandertreffen von „always“ und „never“ in Always Never Be ist eine einfache Idee, die sehr gekonnt und kurzweilig umgesetzt wird. In Every Way erweist sich als Rückblick mit dem Fazit „In every way I had it all.“ Diese proklamierte Vollkommenheit klingt allerdings erstaunlich unzufrieden, wohl weil das „all“ nicht die Kategorien abdeckt, die ihm in der Retrospektive wichtig erscheinen. Die Protagonisten in My Heart Went Cold haben sich nicht bloß auseinandergelebt, sondern waschecht entfremdet.

„The Thermals sind am besten, wenn sie Lieder machen, die man auf Mixtapes namens Drunken Sing-alongs When You’re Sad packen kann“, schreibt Comedian Kurt Braunohler in seinem Begleittext zu We Disappear, das in Portland und Seattle aufgenommen und von Chris Walla (Death Cab For Cutie) produziert wurde. In der Tat bieten Hutch Harris, Kathy Foster und Westin Glass hier Eingängigkeit und Wehmut in immer neuen Dosierungen. The Walls hätte toll auf die Platte von Neil Young mit Pearl Jam gepasst. Hey You ist nicht nur im Titel plakativ: Alles klingt energisch, wie ein Imperativ – obwohl es um die Angst vor dem Tod geht, wie Harris sagt, „aber als Feier dieser Angst, nicht als Trauer darüber“.

Die Zutaten bei dieser Band sind weiterhin Grunge, Punk und Pop, das Ergebnis ist etwas, was man früher College-Rock genannt hätte, auch dadurch entsteht ein reizvoller Kontrast zu den sowohl aktuellen als auch zeitlosen Themen der Platte. Thinking Of You bezeichnet Harris als „eines der eindeutigsten Liebeslieder, die wir je gemacht haben. Es ist ein offensichtlicher Song über die Folgen einer Trennung, der genau das sagt, was er meint. Das Lied handelt, wie viele Momente der Platte, vom Bedauern.“ Das Stück wäre tatsächlich von den Beatles vorstellbar, nicht nur wegen des Harmoniegesangs, sondern auch wegen der hoch romantischen Zeilen: „When I thought about love / I was only thinking of you / when I thought of all things I want to do / I was only thinking of you.“ Auch der Abschluss der Platte, Year In A Day, ist so ein recht eindeutiger Moment, eine Ballade voller Sehnsucht und Reue, aber ohne Selbstmitleid. Es ist ein sehr passender Schlusspunkt für We Disappear, denn es klingt wie eine Bilanz, ein Abschiedsbrief, vielleicht am meisten: wie ein Testament. Diese Interpretation sollte sich, ebenso wie der Albumtitel, als prophetisch erweisen. Im April 2018 lösten sich The Thermals auf.

The Thermals spielen vier Songs von We Disappear live für KEXP.

Website der Thermals.

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