The War On Drugs – „Live Drugs“


Künstler The War On Drugs

The War On Drugs Live Drugs Review Kritik

Bei der 2017er-Tournee sind die Aufnahmen für „Live Drugs“ entstanden.

Album Live Drugs
Label Super High Quality Records
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

The War On Drugs ist keine Erfolgsgeschichte. Zumindest, wenn man damit die gleichnamige Kampagne meint, die US-Präsident Richard Nixon in den frühen 1970er Jahren ausgerufen hat. Offiziell beendet wurde sie nie, aber ihr Scheitern ist offensichtlich: Die Zahl der Drogendelikte in den USA hat sich seitdem mehr als verdreifacht, fast die Hälfte der Insassen in amerikanischen Gefängnissen sitzt wegen Vergehen ein, die mit Drogen zu tun haben.

Blickt man auf die gleichnamige Band aus Philadelphia, sieht das Fazit ganz anders aus. Adam Granduciel (Gesang, Gitarre), David Hartley (Bass), Robbie Bennett (Keyboards), Charlie Hall (Schlagzeug), Jon Natchez (Saxofon) und Anthony LaMarca (Gitarre), die seit 2005 zusammen spielen, haben mit ihren bisher vier Alben Top-10-Platzierungen in den USA, im UK und mehreren anderen europäischen Ländern erreicht, eine goldene Schallplatte im UK erhalten und mit Thinking Of A Place (2017) sogar einen veritablen Singlehit vorzuweisen. Vielleicht der bisherige Höhepunkt ihres Erfolgs: A Deeper Understanding, das bisher jüngste Studioalbum des Sextetts, wurde 2017 mit dem Grammy als bestes Rockalbum ausgezeichnet.

Mit Live Drugs gönnen sie sich jetzt so etwas wie eine Zwischenbilanz, schließlich sind auch ihre Meriten auf der Bühne durchaus vorzeigbar. Zum aktuellen Album gab es eine umfangreiche Welttournee mit 34 Stationen im Herbst 2017. Bei diesen Konzerten entstanden Mitschnitte, die 40 Festplatten füllen, die besten daraus wählte „eine der besten Livebands ihrer Generation“ (Pitchfork) jetzt für das Livealbum aus. Die Platte, co-produziert von Dominic East, soll mit ihren 70 Minuten Spielzeit der typischen Dramaturgie einer War-On-Drugs-Show entsprechen, zugleich bietet Live Drugs einen guten Einblick in den Entdeckergeist dieses Sextetts, sagt Adam Granduciel: „Als Bandleader will ich immer wissen, in welche Richtungen sich ein Song entwickeln kann. Wir haben dieser Lieder aufgenommen, gemastert, veröffentlicht und mit auf Tour genommen. Das muss aber nicht heißen, dass wir sie auf ewig in der selben Art und Weise spielen werden.“

An Ocean Between The Waves eröffnet die Platte mit einem recht forschen Rhythmus, der Rest der Musik bleibt erst im Ungefähren. Vieles daran lässt an Roxy Music denken (auch im Gesang), mit der zweiten Strophe gewinnt der Song dann klare Kontur, wird tanzbar, romantisch und entwickelt schließlich sogar Dringlichkeit. Pain dürfte alle Fans von Bruce Springsteen begeistern, Granduciel singt hier aus der Perspektive eines Mannes, der die Welt kennt und gelernt hat, dass man ihr mit Gelassenheit begegnen muss, im richtigen Moment aber auch die nötige Entschlossenheit zeigen sollte. „Be the writer of your own story“, heißt es passend zu diesem Gedanken in Strangest Thing, das beinahe an die Dire Straits heran rückt, wegen des getragenen Tempos ebenso wie wegen des Gitarrensolos (von denen es auf dieser Platte etliche gibt).



Buenos Aires Beach vom Debütalbum aus dem Jahr 2008 ist verspielt, Red Eyes vereint Groove (der vor allem vom Bass erzeugt wird) und Atmosphäre (die unter anderem von den Bläsern verstärkt wird), am Ende auch Drama. In Under The Pressure singen 20.000 Menschen die Gitarrenmelodie mit, der Song entwickelt sich innerhalb von fast 12 Minuten von abstrakt zu konkret, packend, episch und aufwühlend. Accidentally Like A Martyr, eine Coverversion des Stücks von Warren Zevon, bekommt durch den Harmoniegesang und die Orgel besondere Wärme, Eyes To The Wind wird auf die dreifache Spielzeit ausgedehnt, nicht nur, weil Granduciel hier die Band vorstellt, die „great crowd“ lobt und sich für eine „very special night“ bedankt (das sind die einzigen Ansagen auf Live Drugs). Der Song zeigt eine der großen Stärken von The War On Drugs: Es gibt bei ihnen tonnenweise Musikalität, die wird aber nie wichtiger als das Gefühl.

In Reverse bestätigt das: Hier liegt das Spektakuläre in der Klasse und Souveränität. Die Zeitlosigkeit vieler Momente dieser Platte unterstreicht auch der Hit: Thinking Of A Place ist auch hier eher zum Kuscheln geeignet als zum Tanzen und könnte mit Mundharmonika, Shuffle-Beat, Synthie-Flächen und Saxofon aus irgendeinem Zeitpunkt innerhalb der letzten 50 Jahre der Musikgeschichte stammen. „Es fühlt sich wie ein Reset an. Wir können hier sehr gut zeigen, wie wir unsere Musik live interpretieren. Die Aufnahmen stammen zwar aus nur einem Jahr, in dem wir sehr viel gespielt haben, aber sie zeigen auch, wie sich diese sechs Musiker als Band in der Zeit zwischen 2014 und 2019 entwickelt haben“, sagt Granduciel. Wer das selbst erleben möchte, hat übrigens auch unter Pandemie-Bedingungen dazu die Gelegenheit: The War On Drugs haben zuletzt mehrere Livestream-Konzerte gespielt. Für Juli 2021 sind aktuell die nächsten echten Shows geplant.

Leider nur als Tondokument: The War On Drugs spielen Pain live.

Website von The War On Drugs.

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