Tim Hill – „The Beatles“


Herausgeber Tim Hill

Tim Hill The Beatles Review Kritik

Das Material des Buches stammt aus den Archiven der „Daily Mail“.

Titel The Beatles. Die Geschichte der vier Jungs, die die Welt veränderten
Originaltitel The Beatles: Unseen Archives
Verlag Edition XXL
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ein schamloser Versuch, mit dem nach wie vor strahlenden Namen der Fab Four ein bisschen Kasse zu machen. Es gibt ein paar gute Gründe, um The Beatles. Die Geschichte der vier Jungs, die die Welt veränderten von Tim Hill so zu bewerten. Der gewichtigste davon ist die Art und Weise, wie dieser Band zustande kam: Das Buch trägt mehr oder weniger alles zusammen, was die Daily Mail über die Beatles berichtet hat. Geht man davon aus, dass die Zeitung ihr Archiv auch aus der Blütezeit der Beatlemania mittlerweile digitalisiert hat, dann bestand die Rechercheleistung böse formuliert lediglich darin, „Beatles“ in das Suchfeld zu tippen und dann alles in Buchform zu gießen, was die Trefferliste ausspuckte.

Diese Arbeitsweise und die Beschränkung auf die Bestände der Redaktion, die damals wie fast alle großen britischen Zeitungen noch in der Londoner Fleet Street angesiedelt war, hat aber auch einige Vorteile, die dieses Buch vor allem für jene Fans interessant machen dürften, die noch nicht allzu detailliert mit der Geschichte von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr vertraut sind. Dazu zählt beispielsweise die strenge Chronologie, mit der die gesamte Dauer von den frühen Jahren bis zur Phase nach der Trennung der Band rekapituliert wird: Jeweils am Fuß der Seiten gibt es eine Zeitleiste, in der sich nachvollziehen lässt, was am jeweiligen Tag geschah. Packt man all das zusammen, könnte man daraus Kalenderblätter machen und mühelos für jeden Tag des Jahres mindestens eine passende Beatles-Information finden. Auch der Idee eines von der Band selbst geführten Tagebuchs (freilich ohne intime Einblicke) kommt man dadurch recht nahe.

Der Teil der Seiten, der nicht mit diesen datumsgenauen Ereignissen gefüllt wurde, ist meist sehr üppig illustriert (auch da erweist sich das große Zeitungsarchiv als Vorteil, denn das Buch mit dem Originaltitel Unseen Archive enthält rund 600 Bilder, davon 200 bisher unveröffentlichte), wichtige Trends und Anlässe werden zudem mit kurzen Zusammenfassungen oder Analysen betrachtet. So wird die Beatlemania als „Höhepunkt einer unausweichlichen Entwicklung“ betrachtet, zugleich als Entsprechung eines gesellschaftlichen Wandels: „Die ungezügelten Massen, die Euphorie der jugendlichen Fans – hier zeigte sich erstmals ein neues, zwangloses England.“ Auch für die zunächst durchaus ausgeprägten Gegenstimmen zum Siegeszug der Band (so schrieb das New York Journal nach dem Auftritt bei Ed Sullivan: „Die Beatles (…) sind auf elegante Weise albern, im Hinblick auf ihre Frisur ziemlich nachlässig und musikalisch nicht ganz hoffnungslos.“), die Phase der Trennung oder die Jahre nach dem Aus der Band, die im abschließenden Kapitel The Ice Is Slowly Melting ebenfalls betrachtet werden, gibt es erhellende Darstellungen.

Die streng chronologische Betrachtung macht zudem deutlich, wie viel Strategie und Marketing auch zum Erfolg der Beatles beitrugen, nicht zuletzt wird das enorme Arbeitspensum von John, Paul, George und Ringo offenkundig. Durch die enorme Faktenfülle kann man durchaus auch als bewanderter Beatles-Fan etliche skurrile, überraschende oder wenig bekannte Details erfahren. So fand der erste Auftritt der Beatles in Manchester bezeichnenderweise in einem Club namens „Oasis“ statt, am selben Abend des Jahres 1963 stand dort zudem auch Marlene Dietrich auf der Bühne. Mit der gleichnamigen Band, die sich so gerne auf die Beatles beruft, konnte zumindest George Harrison wenig anfangen: Er bezeichnete Sänger Liam Gallagher Mitte der 1990er Jahre als talentlos, woraufhin dieser ihn zum Duell aufforderte. In diese Zeit fällt überraschenderweise auch das Jahr, in dem die Beatles am meisten Alben verkauften: Es war 1996, als die Anthology-Reihe so erfolgreich war, dass selbst die Absatzzahlen aus den Sechzigern in den Schatten gestellt wurden. Freilich gab es auch (kurzfristige) finanzielle Misserfolge: Als ihr Musikverlag Northern Songs an die Börse ging, fiel der Kurs vom Ausgabepreis (7 Shilling und 9 Pence) auf 6 Shilling und 6 Pence, das galt als einer der größten Börsenflops des Jahres 1965.

Ringo stieg am selben Tag (zum ersten Mal) aus der Band aus, an dem John Lennons Ehefrau die Scheidung einreichte, der 22. August 1968 war demnach kein Glückstag für die Beatles, und beide Entscheidungen dürften eine Menge mit Yoko Ono zu tun gehabt haben. Die Tiergeräusche am Ende von Good Morning Good Morning wollte John Lennon so haben, dass sie in Reihenfolge der Nahrungskette erklingen. Der Schauspieler Leo Gorcey war der einzige, der für die Nutzung seines Fotos auf dem Cover von Sgt. Pepper ein Honorar haben wolle (500 Pfund), deshalb wurde er nicht berücksichtigt. Einer der ersten Menschen, der Hey Jude hören durfte, war Mick Jagger: Zu dessen 25. Geburtstag stellte Paul McCartney das gerade komponierte Lied im Vesuvio-Club erstmals öffentlich vor. Einen Tag, nachdem das ikonische Coverfoto für Abbey Road geschossen wurde, ereigneten sich in Los Angeles die Manson-Morde. She Loves You wurde erst 1977 als meistverkaufte britische Single aller Zeiten abgelöst, nämlich von Pauls Mull Of Kintyre. Zwei Jahre später, am 9. Mai 1979, kam ein kleiner Kreis in den Genuss einer Beinahe-Renunion der Beatles: Paul, George und Ringo spielten gemeinsam bei der Hochzeit von Eric Clapton.

Solche Informationen machen The Beatles zu einer Fundgrube für Freunde dieser Band. Zu diesem Charakter passt auch die meist unkritische Herangehensweise, die deutlich näher an einer Fan-Perspektive ist als am Ansatz eines Enthüllungsjournalisten. Nicht zuletzt die umfangreiche Diskografie für die Jahre 1962-2010 und das Stichwortregister machen das Buch zu einer lohnenden Lektüre.

Bestes Zitat: „Die Beatles wurden zu einem Aushängeschild für die ‚Swinging Sixties‘, doch ihr Kultstatus reichte weit über Musik und Mode hinaus. Die Band prägte nicht nur das Jahrzehnt, sie definierte es. Eine Pop-Sensation wurde zum kulturellen Phänomen.“

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