Tiny Ruins – „Some Were Meant For Sea“


Künstler Tiny Ruins

Tiny Ruins Some Were Meant For Sea Review Kritik

Komplett live wurde „Some Were Meant For Sea“ aufgenommen.

Album Some Were Meant For Sea
Label Spunk
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

„Lean in, friend / and I’ll tell you a tale.“ Mit diesen Zeilen beginnt Some Were Meant For Sea, das Debütalbum von Hollie Fullbrook alias Tiny Ruins. In dieser Einladung steckt nicht nur eine schöne Zusammenfassung der Schaukelstuhl- und Kaminfeuer-Atmosphäre, die von dieser Platte verbreitet wird. Old As The Hills heißt das Lied passend zu dieser sehr klassischen Herangehensweise. Nur akustische Gitarre und den Gesang der gebürtigen Engländerin, die schon lange in Neuseeland lebt, gibt es zunächst zu hören. Als das Lied dann ein wenig aus seinem eigenen Zentrum entfliehen zu droht, kommt dieser göttliche Refrain; eine zweite Stimme, eine kaum hörbare Geige, eine homöopathische Dosis Klavier und etwas, das eine angedeutete Mandoline sein könnte, gesellen sich hinzu, sodass Old As The Hills am Ende tatsächlich kraftvoll wird. Das ist nicht nur ein gutes Beispiel für die tollen Arrangements auf Some Were Meant For Sea. Es zeigt auch, ebenso wie die eingangs erwähnten Textzeilen: Die Musik von Tiny Ruins ist nicht für den Nebenbeikonsum gedacht oder fürs Wegdämmern, sondern fordert Aufmerksamkeit – und die ist hier bestens investiert.

Little Notes behandelt Faszination und Sehnsucht, die in Summe etwas ergeben, das nicht weit entfernt ist von Besessenheit. Cat In The Hallway zeigt, dass sich die 1988 geborene Sängerin mit beeindruckendem Effekt an einem Bild und einer Zeile festbeißen kann. In Pigeon Knows fragt sie sich, wieso es so schwer ist, eine Heimat zu benennen, wenn selbst eine Brieftaube jederzeit weiß, wo sie hingehört und wie sie nach Hause kommt. You’ve Got The Kind Of Nerve I Like ist das zweite Stück auf Some Were Meant For Sea, das vom Klavier statt der akustischen Gitarre getragen wird, dazu glänzen hier Cello und zartes Schlagzeug, das Lied hätte auch wegen seines vergleichsweise frechen Texts sicher auch SoKo gefallen.

Für andere Referenzen kann man auf die Tourerfahrung von Tiny Ruins blicken (es gab schon Auftritte im Vorprogramm für Joanna Newsom, Fleet Foxes, Ólöf Arnalds, Beach House und The Middle East), aber auch weit in die Vergangenheit schauen. Das sehr hübsche Bird In The Thyme, das die Platte im Walzertakt abschließt, könnte 50 oder 100 Jahre alt sein. In Priest With Balloons erträumt sich Fullbrook eine Fantasiewelt, in der sich bestimmt auch Alice im Wunderland wohl gefühlt hätte. Dass sie gemeinsam mit Produzent J. Walker alles live aufgenommen hat, ist für die Atmosphäre von Some Were Meant For Sea ungemein gewinnbringend.

Ein enormer Pluspunkt ist natürlich auch ihre Stimme, die Mojo treffend als voller Widersprüche bezeichnet hat, „fragil, aber direkt, verletzlich, aber wild entschlossen“. Wie clever die Texte bei Tiny Ruins sind, zeigt etwa Just Desserts, das erkannt hat: Viele Menschen mögen Nachspeisen (Desserts), aber niemand möchte gern einsam zurückgelassen werden: „We do not like being deserted.“ Sie blickt auf die Einsamkeit, kleinen Fluchten und Träume der Menschen in den Adelphi Apartments („Sundays she burnt a candle / for all the tears she hadn’t wept“). Als Stärke ihres Songwritings hat die BBC erkannt, „dass sie die Regeln des Genres beachtet und ihre persönlichen Geschichten dicht damit verwebt“.

Running Through The Night ist ein weiterer Beleg dafür: Sie gibt die Nachtschwärmerin mit einer guten Portion Müdigkeit, aber auch der entsprechenden Romantik und nicht zuletzt der nötigen Spannung, die vor allem aus der Frage erwächst, wer die andere Person in diesem „Wir“ ist, das hier eine Stadt unsicher macht. Sie bleibt unbeantwortet bis auf den vielsagenden Hinweis „I am rich when I’m with you“, der sich auf die Begleitung bezieht. Eine ähnliche Dialektik findet sich in Death Of A Russian: Fullbrook ist darin betrübt, aber nicht ertrinkend in Kummer, sondern stolz, mit wachem Auge und klarem Geist – auch wenn der manchmal dafür sorgt, dass man Elend und Verfehlungen (auch eigene) nur umso besser erkennt.

Eine Live-Version von Bird In The Thyme.

Website von Tiny Ruins.

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