Tusks – „Avalanche“


Künstler Tusks

Tusks Avalanche Albumcover

Ein Unfall stand am Beginn von „Avalanche“.

Album Avalanche
Label One Little Indian
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Ein Eingangssignal, etwa von einer Gitarre, wird in zwei Töne aufgespalten, diese beiden Töne spielen dann mit einer Verzögerung von 1-20 Millisekunden umeinander herum. Der zeitliche Abstand ändert sich in diesem Bereich ständig, sodass auch die Tonhöhe des künstlich erzeugten Tons im zweiten Zweig variiert, während der Originalton gleich bleibt. Das sorgt für einen weichen, luftigen Klangeindruck.

So funktioniert, vereinfacht gesagt, ein Flanger-Effekt. Emily Underhill, die Londonerin, die hinter Tusks steckt und mit Avalanche am Freitag ihr zweites Album veröffentlicht, macht darauf reichlich Gebrauch von diesem Effekt. Das wird höchstwahrscheinlich eine in erster Linie ästhetische Entscheidung sein, doch auch metaphorisch betrachtet würde es perfekt zu ihrer Musik passen. Denn so wie vermeintlich eindeutige Eindrücke im Flanger vervielfältigt, manipuliert und miteinander in Beziehung gesetzt werden, bis ein irritierender Gesamteffekt entsteht, so kann man auch den Blick auf die Welt betrachten, den Emily Underhill in diesen zehn Liedern thematisiert.

Wie schwer es ist, in einer Welt voller Widersprüche, Missbrauch, Beeinflussung und Inszenierung geistig gesund zu bleiben, hat sie schon auf ihrem Debüt Dissolve besungen, auf Avalanche werden diese Fragen mit noch mehr Nachdruck gestellt. Denn Emily Underhill hat unmittelbar nach der Veröffentlichung ihrer ersten Platte selbst eine dramatische persönliche Krise durchlaufen. Bei einem Unfall hat sie sich den Arm gebrochen, zeitweise sah es aus, als ob sie nie wieder würde Gitarre spielen können. „Ich war verzweifelt und super aufgebracht. Mein Ellenbogen war komplett zertrümmert und ich musste mich aufgrund von Nervenschäden darauf vorbereiten, nie wieder meine Finger bewegen zu können.”

Nach mehreren Operationen sind Knochen und Nervenbahnen wieder hergestellt, die Erfahrung von der Brüchigkeit dessen, was uns so selbstverständlich vorkommt, bleibt aber. Es ist wohl bezeichnend, dass eine einsame Gitarre in Demons das Album eröffnet, die eher die letzten Töne eines Albums zu spielen scheint als die ersten. Dazu gesellen sich dann mächtige Drums vielleicht als Entsprechung der Anspannung, die Ausgangspunkt für viele der Lieder von Tusks ist. Delusion, das eine sehr interessante Entwicklung nimmt, und das skizzenhafte Mind verweisen ebenfalls schon im Songtitel auf die Psyche und ihre Tücken.

Auch in den Texten erweist sich diese Sphäre als dominierend, etwa in Bleach. „Tell me how to start anew / you soaked all my energy in you“, singt Emily Underhill darin. Was sie hier ausbleichen will, ist ihre Seele, offensichtlich mit dem Ziel, Schmerzen, Narben und Erinnerungen auszulöschen. Noch ernster und trauriger wird der Album-Abschluss Salt, bezeichnenderweise mit der Frage „Does it end, does it end with you?“ Am Ende des Lieds scheint sie tatsächlich zu kapitulieren vor dieser Frage und die Kraft zu verlieren, denn alles fasert aus. Das Gegenstück dazu ist die Single Be Mine, das sich ebenfalls aus einer zentralen Frage heraus entwickelt. „Do you want to be mine?“, lautet diese, aber sie wird mit so viel Nachdruck zum Ausdruck gebracht, dass es wie eine Aufforderung klingt.

Peachy Keen, eine weitere Single, klingt wie ein einziger wunder Punkt. „Das ist eine sarkastische Antwort auf Sexismus, die ich schrieb, als ich davon hörte, dass ein Abgeordneter kürzlich gegen das Verbot von Upskirting, also das voyeuristische Fotografieren unter dem Rock einer Frau, gestimmt hat. Ich wollte damit fragen, wie man eigentlich glücklich sein kann, wenn man so ein Arschloch ist”, erklärt Emily Underhill den Ausgangspunkt für diesen Song. Die darin artikulierte Wut und die Freude am Expliziten lässt sich auch im Titelsong Avalanche erkennen, der erst eine sehr zerbrechliche Atmosphäre nur mit Gesang und Gitarre entfaltet, sich dann am Ende aber einen 40 Sekunden langen Ausbruch von Rock gönnt.

Foreign ist sehr typisch für die Dramaturgie der Lieder auf Avalanche, die sich oft vom Konkreten ins Abstrakte bewegt. Wieder steht hier am Beginn der Gesang im Fokus, dann kommt ein Beat dazu und später reichlich Effekte, wobei der Ursprung des Songs auf Gitarre oder Klavier trotzdem erkennbar bleibt. Better That Way lässt erkennen, warum Acts wie Wolf Alice oder Foals als Vorbilder für Tusks gelten: Emily Underhill will sich in diesem Track aus Fesseln lösen, mit einer grimmigen Kraft, aber nicht komplett zur Furie werdend, sondern mit einem Rest von Kontrolle. Stets gibt es hier nicht nur Wut und Frust, sondern auch den Hinweis: Ich bin ein Mensch, verletzlich, auf Harmonie aus. Sie setzt auf Diplomatie statt Konfrontation, und genau das macht die Lieder von Tusks so erwachsen. Denn stets spricht aus dieser Herangehensweise damit auch die Hoffnung: Die anderen Menschen sind vielleicht genauso verwirrt.

Eine Live-Session von Last im Video.

Bald gibt es Tusks live in Deutschland zu sehen:

12.6. Berlin – Fluxbau
17.9. Berlin – Lido (supporting Algiers)
18.9. Frankfurt – Zoom (supporting Algeirs)
19-21.9. Hamburg – Reeperbahn Festival

Tusks bei Bandcamp.

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