U 96 – „Reboot“


Künstler U 96

U96 Reboot Review Kritik

Das „boot“ kommt hier nur noch sehr versteckt im Albumtitel vor.

Album Reboot
Label Believe
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Zuerst denkt man, es sei eine Geschichte wie beim Spielwarenhersteller Schleich: Ein Traditionsunternehmen mit einem sehr genau definierten Image, hinter dem aber in Wirklichkeit ganz andere Leute stecken, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was man spontan mit der Marke assoziiert. Bei Schleich, wo man an lustige Tierfiguren aus Schwäbisch-Gmünd denkt, ist es die Investmentgesellschaft Ardian mit Sitz in Paris.

Bei U 96, die für die Anfänge der öffentlichen Wahrnehmung von Techno in Deutschland stehen, und als Erinnerung an ein Zeitalter, in dem diese Musik für viele noch wie die Zukunft klang, ob als Verheißung oder Dystopie, muss man angesichts des am Freitag erscheinenden Reboot zunächst an eine ähnliche Übernahme glauben. Denn das erste Album von U 96 seit 2007 beginnt mit Angels – und der Song klingt nicht nur altmodisch, sondern selbst innerhalb der Koordinaten von Eurodance völlig plump und schlecht, etwa in der Kategorie von DJ Bobo oder Modern Talking. Gastsängerin Terri B. trällert debilen Quatsch, die Musik hat so viel Clubtauglichkeit wie Gummistiefel.

Man muss glauben, irgendwelche Scharlatane hätten sich, vielleicht gegen einen Obolus, vielleicht in einem Rechtsstreit, die Markenrechte an U 96 gesichert, die ursprünglich aus Alex Christensen (seit 2003 nicht mehr dabei) und dem Produzententeam Matiz (Ingo Hauss, Hayo Lewerentz und Helmut Hoinkis) bestanden. Ein Blick auf die Credits zeigt aber, dass bei Reboot mit Ingo Hauss und Hayo Lewerentz immerhin noch zwei der vier übrig geblieben sind. Und der weitere Verlauf des Albums zeigt auch, dass sie ihr Bekenntnis, zu den eigenen Ursprüngen zurückzukehren, ernst meinen.

Nachdem es seit den späten Neunzigern diverse Ausflüge in Richtung Ethno, Trance, Wave und sogar HipHop gegeben hatte, heißt die Richtung hier wieder: Techno. Damit reagieren Hauss und Lewerentz wohl auch auf die Erkenntnis, dass die besagten Experimente beim Publikum wenig Anklang fanden. Das letzte Album Out Of Wilhelmsburg ist schon mehr als 10 Jahre alt und setzte zudem den zuvor eingesetzten Abwärtstrend in puncto Charterfolg fort. Auch für Reboot lief es nicht ganz rund: Die Platte war schon 2014 angekündigt worden, im Jahr darauf gab es dann allerdings erst einmal eine EP, dann ging noch einmal beträchtlich viel Zeit ins Land.

Ob anno 2018 noch irgendjemand auf ein neues Album von U 96 wartet, sei dahingestellt. Fraglich ist auch, ab man dann gleich 23 Tracks und 2 zusätzliche Remixes für das Comeback braucht. Reboot dürfte aber für etliche Fans eine erfreuliche Rückkehr zur Form darstellen und auch für viele andere zeigen: Diese Produzenten verstehen nach wie vor ihr Handwerk, trotz des misslungenen Einstiegs mit Angels.

Schon das instrumentale F… Camera, das direkt danach folgt, ist viel typischer für den Sound des Albums. Reboot kann manchmal eher soft bleiben (60 Seconds), bietet Vocoder-Orgien (Supernatural) und Tracks, zu denen sehr gut Mädchen in Buffalos und Jungs mit Tribal-Tattoos abfeiern könnten, inklusiver kurzer Chillout-Passage (Contact Machines). In Losing Our Time wird eine Auto-Tune-Stimme mit brettharten Zwischenpassagen kombiniert. Heart Of Light integriert russische Sprachfetzen und einen lautmalerischer Chor, Snow Brain wird gar nicht so kalt (oder zugedröhnt) wie der Titel vermuten ließe, Monkeys hat einen überraschenden (weil leichtfüßigen) Beat und reflektiert per Sprachsample über das zukünftige Machtverhältnis zwischen Menschen, Affen und Computern.

Und dann sind da ja noch die (wenn man Terri B. ignoriert) äußerst beachtlichen Gastauftritte. Gemeinsam mit Wolfgang Flür (Kraftwerk) machen U 96 Zukunftsmusik, und die wird durchaus ehrenwert. Auch im Hildebrandslied ist Flür mit von der Partie: Er spricht das besagte Gedicht tatsächlich auf Mittelhochdeutsch, und das Ergebnis wird gar nicht so affektiert, wie das auf dem Papier klingt. Quo Vadis prägt Joachim Witt so, wie man das von ihm kennt: Die brüchige Stimme gaukelt Kraft und Autorität vor, der Text ist pseudo-bedeutsam à la „Ein Hoch auf die Welt / sie hat das Leben gesehen.“

Als Bonus gibt es noch die sechs Tracks der bislang ausschließlich auf Vinyl erhältlichen 2015er EP Dark Matter und zwei Remixes, eröffnet von Blood Of The Rose mit Skadi L. Es erweist sich als das Stück mit dem vielleicht besten Bass, auch sonst wird die EP, nicht zuletzt wegen ihrer monothematischen Weltraumpoesie-Ausrichtung, eine Bereicherung. U 96 klingen hier zeitgemäß wie in Run With It, beinahe sogar ein wenig experimentell in Abhörstation. Zeilen wie „Cosmic / Rave / Mind / Energy” aus Human Cosmic erinnern daran, dass so etwas vor 20 Jahren tatsächlich als politische Botschaft durchging. Die Musik des Tracks ahmt diese Ära perfekt nach, würde auf einer durchschnittlichen 90er-Party nicht negativ auffallen und vielleicht sogar für den einen oder anderen euphorisierten Tänzer sorgen.

Das Fazit für dieses Comeback fällt ähnlich aus wie die Bewertung des Quasi-Titeltracks Art Of Reboot: Das ist vielleicht nicht gerade kunstvoll, aber ein funktionierender Neustart, der das System von U 96 wieder zum Laufen bringt.

Bei Zukunftsmusik sieht auch das Video schwer nach Kraftwerk aus.

U 96 bei Facebook.

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