Unangebrachte Hetze


Wenn sich ausgerechnet ein 74-Jähriger zum Fürsprecher der Jugend macht, ist das erstaunlich. Und es ist auch bezeichnend, dass Roman Herzog mit seinen Thesen auf weit mehr Resonanz stößt als sämtliche Nachwuchsorganisationen der Parteien, die mit ähnlichen Argumenten bisher vergeblich versucht haben, den Konflikt zwischen den Generationen auf die politische Tagesordnung zu setzen. Doch da gehört das Thema dringend hin.

Die vergangenen Tage lieferten genug Anlass für Warnungen. Als vorgezogenes Wahlgeschenk bekommen die Rentner entgegen aller haushaltspolitischen Vernunft eine Extrawurst. Zudem soll der unsinnige Gesundheitsfonds auf Teufel komm raus durchgeboxt werden – das bedeutet höhere Beiträge auch für alle, die jung und gesund sind, damit Alte und Kranke keine Abstriche beim Standard der Versorgung machen müssen. Und trotz boomender Konjunktur wird der dringend notwendige Schuldenabbau weiter auf die lange Bank geschoben.

Angesichts des demografischen Wandels – der übrigens in vollem Gange ist, weil viele heutige Rentner und all die, die es bald sein werden, nicht genug Kinder auf die Welt gebracht haben – kann sich da bei jungen Menschen schon einmal ein Gefühl der Ohnmacht breitmachen. Müssen sie jetzt den Wohlstand bezahlen, in dem vorausgegangene Generationen auf Pump gelebt haben? Und dabei zugleich auf Leistungen verzichten, die früher selbstverständlich waren?

Genau dieser Gedanke wäre falsch, gerade bei der Rente. Denn auch wenn die Politik immer öfter diesen Eindruck erwecken will: Die Rente ist kein Almosen, das ein großzügiger Staat den bedürftigen Alten spendet. Die heutigen Senioren haben einen Anspruch auf ihre Alterseinkünfte. Sie haben jahrelang Beiträge bezahlt, sie haben Deutschland aufgebaut und nach vorne gebracht. Sie haben sich die Rente im besten Sinne des Wortes verdient.

Wenn das System des Generationenvertrags sich als überholt erweist, dann ist das nicht die Schuld der Rentner, sondern ein Versagen der Politik. Und wären die Alten, wie Herzog behauptet, tatsächlich auf „Ausplünderung“ aus, würden sie ihre Partikularinteressen viel stärker verfolgen. Der Misserfolg der Grauen Panther zeigt, dass dies nicht so ist. Im Gegensatz zu vielen Politikern kochen die Rentner keineswegs nur ihr eigenes Süppchen. Sie machen auch Abstriche, weil sie die gesamte Gesellschaft im Blick haben. Herzogs Hetze ist deshalb unangebracht. Sie ist eine Beleidigung für die Leistung und Vernunft der Rentner ebenso wie für die Fähigkeit der Jungen, selbst an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.

Beinahe noch erschreckender ist, dass das ehemalige Staatsoberhaupt offensichtlich die Grundregeln der Demokratie vergessen hat: Jeder hat in unserem Land die gleichen Rechte auf Durchsetzung seiner Interessen – egal, wie alt er ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.