Unthinkable


Film Unthinkable

Unthinkable Review Kritik

Steven Arthur Younger (Michael Sheen, links) bekommt die harten Verhörmethoden von H (Samuel L. Jackson) zu spüren.

Produktionsland USA
Jahr 2010
Spielzeit 96 Minuten
Regie Gregor Jordan
Hauptdarsteller*innen Samuel L. Jackson, Carrie-Anne Moss, Michael Sheen
Bewertung

Worum geht’s?

Steven Younger war einmal Nuklear-Experte beim amerikanischen Militär. Nun ist er zum Islam konvertiert und erpresst die US-Regierung. Der Präsident soll im Weißen Haus eingestehen, dass die USA immer wieder Diktatoren und andere illegitime Akteure in der arabischen Welt unterstützt haben, und zudem sämtliche amerikanischen Truppen aus muslimischen Ländern abziehen. So will er die Ehre seiner Glaubensbrüder wieder herstellen und zudem dafür sorgen, dass die islamische Welt sich ohne schädlichen Einfluss von außen entwickeln kann. Sollte seinen Forderungen nicht nachgekommen werden, will er drei Atombomben zünden, die er in amerikanischen Großstädten platziert hat. Es drohen 10 Millionen Todesopfer. Die Militärermittler, die den Fall untersuchen, nehmen seine Drohung ernst: Younger hat sich freiwillig festnehmen lassen, verfügt nachweislich über die nötigen Kenntnisse und könnte sich auch Zugang zu nuklearem Material verschafft haben. Ein erfahrener Verhör-Experte, der wegen seiner umstrittenen Praktiken lieber anonym bleibt und sich bloß „H“ nennt, soll der Frage auf den Grund gehen, ob Younger wirklich eine Gefahr darstellt – und ihn irgendwie dazu bringen, die Standorte der Bomben preiszugeben. Auch FBI-Agentin Helen Brody soll Younger unter die Lupe nehmen. Sie alle treffen in einer alten Schule aufeinander, die zum Lagezentrum umgebaut ist. Es entwickelt sich ein Psychokrieg, in dem die Drohung des Erpressers ebenso ungeheuerlich wirkt wie die Methoden der Ermittler.

Das sagt shitesite:

Verdichtet in drei Personen und einem Raum verhandelt Unthinkable komplexe Fragen von Politik und Ethik, Protest und Psychologie. Das passt bestens in die Atmosphäre von Hysterie und Paranoia, die in den USA nach 9/11 entstanden ist und sich auch neun Jahre später während der Entstehung dieses Films noch nicht gelegt hatte. Dass das Werk damals nicht in den US-Kinos anlief, hat wohl auch damit zu tun, dass Amerikas angebliche Moral und offensichtliche Scheinheiligkeit hier so klar gezeigt werden. Das amerikanische Selbstverständnis als führende Nation der freien Welt beruht ebenso wie unser Anspruch darauf, dass alle Menschen miteinander moralisch integer umgehen, auf den Prinzipien von Menschenrechten, Rechtsstaat und Anstand. Wie schnell „God’s own country“ all das über Bord wirft, wenn die eigenen Interessen bedroht sind, ist nicht nur in Guantanamo und andernorts sichtbar, sondern auch in diesen guten anderthalb Stunden.

Statt erhabener Werte regieren plötzlich Pragmatismus (der Zweck heiligt vermeintlich die Mittel, wenn es gilt, Millionen Menschenleben zu retten) und Panik, als klar wird, dass Younger tatsächlich ernst machen könnte. Der Folterknecht H und die psychologisch einfühlsame FBI-Agentin Brody geben dabei so etwas wie eine ins Extrem gesteigerte Fassung der Good Cop / Bad Cop-Konstellation, mit dem Erpresser kommt ein weiterer Pol hinzu, denn auch in seiner Motivation gibt es große Schnittmengen zu denen, die nach eigenem Verständnis auf der guten Seite stehen. Ist es nur Terror, wenn jemand ganze Städte mit Atombomben in die Luft zu jagen droht? Oder ist es auch Terror, wirtschaftlich, diplomatisch oder militärisch die Ereignisse in souveränen Staaten zu manipulieren? Sind die Unschuldigen in einem Einkaufszentrum, die Younger sterben lässt, um seine Position zu untermauern, empörender als die Unschuldigen, die in der arabischen Welt in Konflikten ums Leben kommen, die vom Westen mit ausgelöst und teilweise gewollt verstetigt wurden?

Auch darauf spielt der Titel des Films sicher an: Dass die Antwort auf diese Fragen womöglich „Ja“ lauten könnte, ist aus Hollywood-Sicht genauso unvorstellbar wie das Szenario eines nuklearen Terroranschlags in einer US-Großstadt oder der von H praktizierte Einsatz von bestialischen Foltermethoden durch Repräsentanten eines vermeintlich zivilisierten Systems. Unthinkable zeigt, mit dem Geschehen beim Verhör ebenso wie mit seinen Verweisen auf die Welt außerhalb dieses Raums: Brutale Barbaren und ohnmächtige Opfer gibt es auf beiden Seiten, ebenso wie einen bis ins Irrationale übersteigerten Willen, in jedem Fall maximale Entschlossenheit zu beweisen und nicht den geringsten Zweifel an der Unumstößlichkeit der eigenen Überzeugung (und Überlegenheit) zuzulassen. Eine weitere Parallele, die vor allem am Ende des Films deutlich wird, ist der Wunsch nach Absolution, die Younger für seine Anschläge ebenso sucht wie H und Brody für ihre unerbittlichen Versuche, dem Gefangenen das Geheimnis über den Standort der Bomben zu entlocken.

Für die Zuschauer*innen ist das brutal, sowohl durch das blutige Geschehen im Lagezentrum als auch durch die nervenaufreibenden Psychospielchen. Zwar liefert der Film für das thematisierte Dilemma etwas zu bewusst keine Lösung, dafür aber viel Spannung.

Bestes Zitat:

„Jeder, auch der stärkste Mensch, neigt dazu, sich selbst zu belügen.“

Der Trailer zum Film.

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