Vertraute Fremde


Film Vertraute Fremde

Vertraute Fremde Review Kritik

Thomas (Pascal Greggory) erlebt die Rolle seines 14-jährigen Ich noch einmal.

Originaltitel Quartier lointain
Produktionsland Belgien, Luxemburg, Frankreich, Deutschland
Jahr 2010
Spielzeit 100 Minuten
Regie Sam Garbarski
Hauptdarsteller Léo Legrand, Pascal Greggory, Alexandra Maria Lara
Bewertung

Worum geht’s?

Der 50-jährige Thomas lebt in seiner Routine als halbwegs engagierter Familienvater und nicht mehr allzu inspirierter Comiczeichner in Paris. Als er von einer Buchmesse nach Hause zurückkehren will und versehentlich in den falschen Zug steigt, landet er im Städtchen, in dem er aufgewachsen ist. Es ist für ihn zwar ein lästiges Missgeschick, aber er nutzt die Gelegenheit, um das Grab seiner Mutter zu besuchen. Als er auf dem Friedhof stürzt, ist er plötzlich in der Zeit zurückgesprungen und findet sich im Körper seines 14-Jährigen Ich und im Jahr 1963 wieder, allerdings mit dem Wissen des erwachsenen Thomas. Neben diversen Verwirrungen, die das im Unterricht, in der Beziehung zu seiner Schwester oder dem Flirt mit der Schulfreundin Sylvie mit sich bringt, sieht er damit die Chance gekommen, in den Lauf seiner eigenen Biographie einzugreifen. Denn der Zeitpunkt, an dem er in der Vergangenheit gelandet ist, ist nur wenige Tage vor dem Moment, an dem sein Vater die Familie heimlich und für immer verlassen wird. Thomas hat, ebenso wie seine Mutter, ein Leben lang unter dieser Erfahrung gelitten, und will nun mit seinem Wissen aus der Zukunft alles in die Wege leiten, damit es diesmal anders kommt.

Das sagt shitesite:

Vertraute Fremde ist inspiriert von einem Manga von Jiro Taniguchi (er hat am Ende des Films auch einen Gastauftritt), dessen Ästhetik man hier auch in der Bildsprache wieder entdecken kann. Es dauert eine Weile, bis man die Idee der Zeitschleife verstanden und sich als Zuschauer auf diese märchenhafte Konstellation eingelassen hat. Dann entwickelt sich jedoch schnell ein großer Charme und ein Geschehen, das durchaus tiefgründig ist.

Die Zurück in die Zukunft-Idee hat hier zwar ein paar amüsante und auch für Thomas sehr willkommene Nebenwirkungen („Ich wusste nicht, wie lange diese zweite Kindheit dauern würde, aber ich fühlte mich gut“, sagt er an einer Stelle, und diese vorläufige Wohligkeit findet in der Musik von Air, die den Soundtrack beigesteuert haben, eine wunderbare Entsprechung), im Kern stehen aber Familiengeheimnisse und ein Trauma: Thomas will ein Rätsel aus der Vergangenheit lösen (Warum hat der Vater uns verlassen, ohne ein Wort zu sagen?), das auch die Antwort auf ein bis in die Gegenwart reichendes Rätsel (War dieser Tag der entscheidende Moment meines Heranwachsens, der mich so gemacht hat, wie ich heute bin?) liefern soll.

Ähnlich wie in Irina Palm bietet Regisseur Sam Garbarski seiner Hauptfigur hier die Möglichkeit, sich als ganz und gar erwachsener Mensch unvrhofft ein völlig neues Leben zu erschaffen. Die tolle Schauspielleistung von Léo Legrand trägt dazu bei, die Ambiguität der Situation immer wieder genauso bewusst zu machen wie dies die Stimme aus dem Off tut: Wir finden hier den Erfahrungsvorsprung eines Erwachsenen im Körper eines Teenagers. Darin steckt die uralte Idee vom Lernen aus den Fehlern der vorangegangenen Generationen, für Thomas offenbart sich in dieser Zeitreise auch die Erkenntnis, dass es alle nur gut gemeint haben – auch die, denen er später immer wieder Vorwürfe gemacht hat. Nicht zuletzt zeigt die Vertraute Fremde, in der Thomas gestrandet ist: Kindheit und Jugend sind nicht nur deshalb unbeschwert, weil wir wenig Verantwortung haben, sondern auch, weil wir all die Tragödien noch nicht kennen, die sich später ereignen können und eben auch ereignen werden.

Bestes Zitat:

„Ich habe überlebt, aber ich habe nicht gelebt. Und jetzt ist es zu spät.“

Der Trailer zum Film.

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