Viele Fragen


Die Nachrichten aus Blacksburg machen fassungslos. 32 junge Menschen wurden aus der Blüte ihres Lebens gerissen, andere konnten sich nur durch den Sprung aus dem Fenster retten oder blieben am Leben, weil sich ihre Professoren für sie opferten. Der Name einer bis dahin beschaulichen Kleinstadt wird jahrzehntelang mit einem Blutbad verbunden sein. Doch Entsetzen und Trauer dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die USA nach dem schlimmsten Amoklauf ihrer Geschichte ein paar unangenehmen Fragen stellen müssen.

Zunächst muss sich die Polizei vor Ort rechtfertigen: Warum konnte der Täter, der bereits zwei Opfer auf dem Gewissen hatte, zweieinhalb Stunden lang unbehelligt seinen weiteren Feldzug planen? Wieso wurden die Studenten nicht früher und eindringlicher vor der Gefahr gewarnt? Waren die Sicherheitsvorkehrungen an der Universität zu lasch?

Das führt zum nächsten Punkt: Können schärfere Gesetze solche Massaker verhindern? Die Fakten sprechen dafür. 200 Millionen Schusswaffen gibt es in den USA, mit ihnen werden jedes Jahr 350.000 Verbrechen begangen und jeden Tag 80 Menschen erschossen. Die These, dass Waffen dort, wo sie leichter verfügbar sind, auch häufiger eingesetzt werden, ist nicht von der Hand zu weisen.

Auch der Tatort scheint kein Zufall zu sein: Virginia ist einer der Bundesstaaten mit den großzügigsten Waffengesetzen. Die beiden großen Waffenlobby-Verbände haben hier ihren Sitz. Doch man darf sich keine Illusionen machen: Selbst die schärfsten Gesetze könnten Gräueltaten wie die von Blacksburg nicht verhindern. Wenn jemand an Waffen kommen will, um ein Blutbad anzurichten, wird er das schaffen. Auch in Deutschland.

Wer solche Taten in Zukunft wirklich verhindern will, sollte deshalb eine ganz andere Frage stellen: Warum? Der einzige Schutz vor Selbstmordattentätern ist es, nach ihren Gründen und Motiven zu forschen und dort anzusetzen. Wie kann in einem Menschen soviel Wut entstehen, dass er nicht mehr leben und seine Mitmenschen mit in den Tod reißen will? Wieso finden insbesondere junge Männer keine anderen Wege, Konflikte zu lösen als mit Gewalt? Sind Schüler und Studenten möglicherweise auch deshalb so frustriert, weil sie zu großem Druck ausgesetzt sind? Fühlen sie sich ohnmächtig den Institutionen gegenüber? Leben Massenmörder ihre Todesfantasien vielleicht auch deshalb aus, weil sie sich damit – so makaber das klingt – unsterblich machen im Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die Gewalt allerorten glorifiziert?

All diese Fragen nehmen dem einzelnen Täter nicht seine Schuld. Doch wer Verantwortung für die Opfer übernehmen will, der wird sich ihnen stellen müssen. Auch wenn das schwieriger ist, als Sündenböcke zu suchen oder Hysterie zu schüren.

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