Durchgelesen: Dirk Kurbjuweit – „Nachbeben“ 1


Dirk Kurbjuweit konstruiert in "Nachbeben" eine enorme Fallhöhe.

Autor Dirk Kurbjuweit
Titel Nachbeben
Verlag Nagel & Kimche
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Der Kleine Feldberg im Taunus ist nicht der „Zauberberg“ in Davos, auch wenn hier kurz darauf Bezug genommen wird. Und doch leben auch hier Einsiedler, dem Wetter ausgeliefert, an die Einsamkeit gewohnt, sinnierend über das Treiben dort unten.

„Der alte Luis“, wie sich der Erzähler stets selbst nennt, ist Professor für Geologie und Erdbeben-Forscher, doch seine wissenschaftlichen Ambitionen sind erloschen. „Ich habe nicht viel ferngesehen in meinem Leben, aber nach den großen Beben schaltete ich zur Nachrichtenzeit jedes Mal den Fernseher an. Ich wollte mich nicht drücken, ich sah mich in der Pflicht, mir alles anzuschauen, was ein Erdbeben bewirkt, nicht nur die zackigen Linien auf dem Papier. Ich sah die zertrümmerten Städte, die Toten, die Verletzten, ich sah das große Weinen, das verzweifelte Graben, mit Händen, mit Baggern, die Hoffnungslosigkeit. Ich weinte nicht nur aus Mitleid, auch aus Scham. Ich hatte den Menschen, die ich sah, das Erdbeben nicht ankündigen können.“ Mindestens ebenso gerne wie auf den Seismographen blickt er zum Haus nebenan, in dem der Hausmeister der abgelegenen Forschungsstation mit seiner Familie wohnt.

Die Parallele liegt auf der Hand: So wenig wie sich Ort und Zeit eines Erdbebens vorhersagen lassen, so unvermittelt treten die Katstrophen des Lebens ein. Auch sie entstehen scheinbar aus dem Chaos, und doch muss man so etwas wie ein Prinzip, eine Formel, eine Ursache dafür vermuten. Und auch sie haben eine zerstörerische Kraft, wie hier am Ende des Romans schmerzhaft klar wird.

Doch Dirk Kurbjuweit, zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger und „Spiegel“-Reporter, ist als Erzähler stark genug, um die Augenfälligkeit seines Bildes nicht zum (Epi-)Zentrum des Buchs werden zu lassen. Er schafft stattdessen eine Fallhöhe, die beeindruckend, schockierend ist.

Zu Beginn herrscht eine rührende Romantik, etwa wenn Lorenz, der Sohn des Hausmeisters, sich am Telefon in Selma verliebt. Natürlich geschieht dies nach einem Erdbeben, und sofort muss er sie sehen, lieben, heiraten. „Er hatte sie am Anfang nicht schön gefunden, dann sehr, und jetzt wusste er es nicht genau. Es spielte keine Rolle. Er würde ein ganzes Leben lang auf die Momente warten, in denen er sie schön finden würde, kein Problem.“

Das Leben blüht zu Beginn dieses Romans, es ist eine Verheißung, ein einziges Potenzial. Das Ende ist Verbitterung. „Nachbeben“ ist eine Geschichte des Verfalls – und nicht ganz zufällig wird darin auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik nach den Jahren des Wiederaufbaus erzählt. Was bleibt, wenn überhaupt, sind die engsten Bindungen. Und deren Haltbarkeit und Richtung ist mindestens ebenso unberechenbar wie die unruhige Erde.

Beste Stelle: „Gerade die schöne Erinnerung ist süß und bitter zugleich, weil wir uns zum einen freuen, wie schön es war, und zum anderen fragen, ob es so schön noch ist.“


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