Durchgelesen: Dave King – „Homecoming“


„Homecoming“ zeigt die Ausdrucksstärke des Schweigens.

Autor Dave King
Titel Homecoming
Verlag Aufbau
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Eine Hauptfigur zu erfinden, die nicht sprechen kann, aber einen 471 Seiten dicken Roman tragen soll, ist ein gewagtes Unterfangen. Doch Dave King meistert es mühelos.

Seine Geschichte von Howard, der seit 30 Jahren kein Wort mehr gesprochen hat, und Ryan, dem Sohn seiner Jugendliebe Sylvia, den er in seine Obhut nimmt als die Mutter einen wochenlangen Drogenentzug antritt, ist spannend und rührend, schlau und unterhaltsam. Wie der Neunjährige und der Kriegsveteran erst eine eigene Form der Kommunikation und dann zueinander finden, wie wichtig sie füreinander werden, wie sie schließlich merken, dass sie einander schon lange gebraucht haben, das erzählt King ganz leise, mit viel Anmut und Poesie.

Ganz nebenbei wird „Homecoming“ zu einem Aufschrei gegen die Sinnlosigkeit des Kriegs. Ein grandioser Kniff ist es dabei, dass Howards Sprachlosigkeit von einer Kriegsverletzung herrührt, die er sich zuzog, als er beim Blumenpflücken (!) in Vietnam auf eine Mine trat. Die Ohnmacht, Verletzlichkeit und Wut des stummen Howard wühlt auf und bewegt – auch, weil King die dunklen Seiten nicht verschweigt, die Lethargie und Destruktivität, die ebenfalls in Howard stecken.

Es sind gerade die Passagen, in denen Howard den verpassten Chancen nachtrauert, die am aufrichtigsten sind. Und es ist Howards jahrzehntelang eingeübte Fähigkeit, sich eine andere Welt zu erträumen, in der es keine Behinderung gibt, die ihn so empfänglich für die Veränderung macht, die Ryan in sein Leben bringt – und die diese Begegnung schließlich zu einer ebenso wichtigen Zäsur macht wie die fatale Mine.

Beste Stelle: „Bis der Vormittag halb vorbei ist habe ich mich im Zickzack aus der Stadt herausgearbeitet und fahre an Mais-, Flachs- und Weizenfeldern entlang, die eins wie das andere aussehen und mir alle vertraut vorkommen, und als ich ein paar Häuser passiere, die gerne ein Dorf wären, kommt es mir vor, als sei ich auch hier schon gewesen. Ich biege links ab, tue, als wüsste ich nicht, wo der See und der Fluss liegen, auch wenn die Sonne im Osten ohnehin die Richtung weist. Dann tue ich so, als könne ich mich nicht mehr an die Teenagerpicknicks oder einen späteren gemeinsamen Ausflug mit Ryan erinnern, als er noch ein Baby war. Ich täusche vor, nicht zu sehen, wie viele der leuchtenden Felder, in denen wir uns küssten und unseren Träumereien nachhingen, seit mindestens zwanzig Jahren bebaut sind.“

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