Warum es keinen Sex auf Festivals gibt (und warum das auch gut so ist)


Statistisch hat ein Viertel dieser Menschen zweimal täglich Sex. Natürlich ist das ein Mythos. Foto: FKP Scorpio/Christoph Oetzmann

Statistisch hat ein Viertel dieser Menschen zweimal täglich Sex. Natürlich ist das ein Mythos. Foto: FKP Scorpio/Christoph Oetzmann

Vielleicht sollte ich diesen Text lieber unter Pseudonym schreiben. Denn ich werde am Ende dastehen wie ein notgeiler, zugedröhnter, stinkender Typ, der nie eine Frau abkriegt. Also wie ein typischer männlicher Festivalbesucher. Aber was soll’s: Es wird authentischer mit dem echten Namen, und um noch einen drauf zu setzen, fange ich mit einer autobiografischen Anekdote an.

Sie handelt von einem Mädchen, nennen wir sie Natalie, einem Zelt und einer Zigarette. Die Zigarette hatte ich gerade gedreht, bei einem Wettbewerb, in dem man an einem Promotion-Stand als schnellster Zigarettendreher des Tages kiloweise krümeligen Tabak gewinnen konnte. Ich hatte – als Nichtraucher – keine Chance auf den Sieg, aber meine (bisher erste und letzte) selbstgedrehte Zigarette durfte ich dennoch behalten.

Mein Weg führte mich, die Szene spielt bei Rock am Ring, daraufhin in das Zelt, das damals den schlimmen Namen AlternaTent trug. Und dort saß Natalie. Rucksack, dunkle Haare, Tanktop. Der leichte Sonnenbrand ließ sie nur noch mehr erstrahlen. Ich war hin und weg. Und ich beschloss: Dieser Göttin schenkst du deine (erste und letzte) selbstgedrehte Zigarette. Und zwar mit deiner Nummer auf dem Paper.

Ich schaffte es irgendwie, die Ziffern auf die Kippe zu kritzeln, die danach noch weniger als Zigarette zu erkennen war. Ich schaffte es irgendwie, meinen Mut zusammenzunehmen und zu Natalie zu gehen. Ich schaffte es irgendwie, ihr den Sinn meines Aufkreuzens zu erklären. Sie schaute mich mitleidig an. Sehr, sehr mitleidig. Sie sagte kein Wort. Eine Sekunde lang, noch eine Sekunde lang. Nach ein paar mehr Sekunden hatte ich es begriffen. Ich ging. Und mir war klar: Anbaggern funktioniert nicht auf Festivals, nicht einmal mit der romantischsten Zigarette der Welt. Mann und Frau können in so einem barbarischen, brutalen Umfeld nicht zusammen finden. Niemals. Grundsätzlich nicht. Es konnte ja schließlich nicht an mir liegen (oder an Natalie, deren Name ich mir nur ausgedacht habe).

Natalie (schematische Darstellung)

Ich war danach, so wird mir jedenfalls erzählt, schwer geknickt. Ich habe eine halbe Flasche Tullamore Dew (ich hatte damals noch keinen Geschmack) halb leer getrunken und die halbleere Flasche dann bei einem flüchtig bekannten Amateurfußballer gegen eine volle Flasche Sliwowitz eingetauscht (ich hatte damals noch keine Ahnung von der verheerenden Wirkung selbstgebrannter Balkanschnäpse). „Aous meine Haimat“, hat der Fußballer gesagt, dann habe ich ein Glas mit ihm getrunken und dann den Rest der Flasche allein. Schließlich bin ich auf einen Baum geklettert und, so wurde mir zugetragen, erst wieder heruntergekommen, als all meine Begleiter einhellig beteuert haben, dass jetzt gleich The Hives spielen.

Mediziner werden in diesem Verhalten vielleicht ein Trauma erkennen, aber auch zig Festivals, die nach dieser Begebenheit noch folgten, bestätigten meinen Eindruck: Festivals sind der ultimative Samenstau. Es gibt reichlich junge Menschen, reichlich Enthemmung, sogar reichlich nackte Haut. Aber es gibt keinen Sex. Und dafür gibt es auch gute Gründe.

1. Es gibt keine Frauen.

Schon der Augenschein lässt keinen Zweifel daran: Der Normalfall auf einem Festival ist Männerüberschuss. „Von der Tendenz ist das richtig“, bestätigt mir jemand, der es wissen muss: Carsten Schumacher, Chefredakteur des Festivalguide. „Vor allem der Bereich Rock und Metal hat es schwer, auch wenn es leicht besser wird. Reggae, HipHop und Elektro – also die tanzbareren Spielarten – haben es da viel einfacher.“ Genaue Zahlen sind schwer zu kriegen. Als ich letztes Jahr beim Highfield dazu recherchiert habe, bekam ich als Antwort nur verwunderte Blicke. Andere Veranstalter geben profunde Auskünfte wie „wahrscheinlich wird die Verteilung so bei 50:50 liegen“. Damit lasse ich mich natürlich nicht abspeisen.

Über einen Umweg, nämlich eine Nachfrage bei der Sani GmbH, bekommt man zumindest einen Eindruck von der Größenordnung. Die Firma rüstet Festivals wie Rock am Ring, das Dockville oder das Berlin Festival mit mobilen Toiletten und Duschen aus. Im Normalfall kalkuliert man dort mit einem Verhältnis von 60:40, bei Metal-Events wie Wacken steigt der Anteil der Duschen und Klos für Männer auf 70 Prozent. Wenn man einfach mal unterstellt (jahrelange leidvolle Festival-Erfahrung lässt das plausibel erscheinen), dass fast alle anwesenden Mädels die Duschen nutzen, aber längst nicht alle anwesenden Kerls, dann dürfte die tatsächliche Differenz zwischen den Besuchergruppen noch viel größer sein.

Wenn man zudem davon ausgeht, dass etliche der anwesenden Ladies mit festem Freund da sind, sowieso nur Augen für Caleb Followill haben oder ein Mindestmaß an ästhetischem Empfinden für sich beanspruchen (also auf männliche Avancen während eines Festivals ungefähr so reagieren wie Natalie), dann ist Sex auf einem Festival schon rein statistisch kaum machbar.

Noch ein Beweis: Nicht mal die Bands können sich in diesem schaurigen Ambiente zu Geschlechtsverkehr aufraffen. „Ich hatte noch nie Sex auf einem Festival. Jedenfalls nicht auf dem Gelände“, hat mir Matthew Murphy, Sänger bei den Wombats, im Interview beim Highfield verraten. Geradezu zölibatär lebt Hugo White, Gitarrist der Maccabees. Er findet spontanen Sex auf Tour grundsätzlich bedenklich: „Um wirklich erfolgreich zu werden – sogar so erfolgreich, dass man Groupies haben könnte – muss man einigermaßen bei Sinnen sein. Man muss wissen, was man tut, und auf die meisten Bands trifft das auch zu. Sie entsprechen wirklich nicht dem Image, das man im Allgemeinen von Rockstars hat.“ Angesichts der meteorologischen und hygienischen Bedingungen bei Festivals vergeht ihm erst recht die Lust: „Beim T in the Park 2012 wurde eines der Zelte geschlossen, weil alles voller Schlamm war. Die Leute sind dann angeblich in das Zelt gegangen, um dort Sex zu haben. Im Schlamm. Es hat sie nicht gestört, dass jeder zugucken konnte und das Ganze dann bei Twitter gelandet ist. Für mich wäre das nichts.“

2. Es gibt keine Intimität.

Das führt zum zweiten Sex-Killer auf Festivals: Man ist nirgends für sich. Selbst wenn man (was statistisch unmöglich ist, siehe 1.) eine paarungswillige Frau findet, wird die Umsetzung schwierig. Im Zelt stören nicht nur Schlafsäcke, die leeren Bierflaschen, die nassen Socken vom Vorabend und der Anspruch, vor dem Vollzug des Akts wenigstens noch die Gummistiefel auszuziehen. Sondern auch die Tatsache, dass der ganze Zeltplatz jedes Stöhnen, jeden Stellungswechsel und auch die Frage „Wie heißt du noch mal?“ mitkriegt (außer, in direkter Nachbarschaft hört jemand – was erschreckend oft vorkommt – sehr laut Rammstein, aber das dürfte seinerseits jegliche Libido abtöten).

Sucht man sich ein ruhigeres Plätzchen im Freien, sieht man sich – wenn es hell ist – der Gefahr ausgesetzt, dass jemand zuschaut und ein nettes Handyfilmchen dreht. Oder man wälzt sich im hormonellen Taumel in eine Lache aus Pisse und Kotze hinein. Wenn es dunkel ist, besteht die Gefahr, dass jemand gerade eine Lache aus Pisse und Kotze produziert, genau an der Stelle, an der man just zugange ist, ohne dass man es rechtzeitig bemerkt.

Selbst, wenn man schon eine Partnerin mitgebracht hat, ist Festivalsex also undenkbar. Oder zumindest sehr schwierig, wie Oliver Uschmann in seinem nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber-Buch Überleben auf Festivals schreibt, Dort orakelt er über ein Phänomen, das er den „One Night Stand mit dem eigenen Partner“ nennt. Der soll angeblich so funktionieren: „Die Zeltstadt ist der einzige Ort, an dem Paare wieder eine Chance auf guten, weil animalischen und enthemmten, gedankenlosen und unverkrampften Sex haben. Das gilt allerdings nur, wenn sie es schaffen, den einen kurzen Moment abzupassen, in dem der Partner schon besoffen genug ist, um geil wie ein Bieber zu sein, aber noch nicht zu besoffen, um diese Geilheit nicht mehr ausleben zu können.“ Ein paar Sätze später landet allerdings auch er beim Problem des geeigneten Ortes, er empfiehlt den nächstgelegenen Busch oder das nächste Zelt (nicht zwangsläufig das eigene).

3. Es gibt keine Erotik.

Carsten Schumacher vom Festivalguide widerspricht. „Festivals sind Orte der Leidenschaft und Entgrenzung in körperlicher Atmosphäre unter freiem Himmel. Klar gibt es Menschen, denen das Angst macht, aber für alle anderen ist hemmungsloser bis animalischer Sex durchaus drin – sofern man entweder Geld für ein Hotelzimmer oder eine leicht exhibitionistische Ader besitzt“, sagt er. Damit wäre erstens das Dilemma von Punkt 2 bestätigt. Zweitens muss man festhalten: Zur „Entgrenzung“ und „körperlichen Atmosphäre“ auf Festivals gehört leider auch, dass man umgeben ist von Anti-Erotik. Seien wir ehrlich: Es ziehen sich immer die falschen aus. Mädels mit Bierplauzen, Typen aus der Spezies Spargeltarzan, wandelnde Lederhäute mit Arschgeweih – das will keiner sehen, und das ist ungefähr so antörnend wie ein Song von Robin Thicke.

Das gilt auch für die Tatsache, dass man auf Festivals den ganzen Tag über erkennen muss, was Menschen für schreckliche Wesen sein können. Der Typ, der nichts aufs Dixie will und deshalb einfach in der Menge vor der Hauptbühne pisst, so dass die Spritzer hübsch an deiner Wade landen. Der Typ, der sich seit drei Tagen nicht die Zähne geputzt hat, aber ein „Ficken 1 Euro“-Schild vor sich herträgt. Das Zelt (ja, dieses Zelt gibt es auf jedem Festival!), über dem eine Gummipuppe, aufgespießt an einem langen Holzpfahl, thront. Exkremente allerorten. Gelegentlich aus dem Hinterhalt auftauchende Nickelback-T-Shirts. All das sind Eindrücke, die genau dafür sorgen, dass man NICHT daran interessiert ist, zur Vermehrung der eigenen Gattung beizutragen.

4. Wenn es doch Sex gibt, hat das schreckliche Folgen.

Trotz all dieser guten Belege gibt es Menschen, die dennoch behaupten, Sex auf Festivals finde statt. Oliver Uschmann schreibt in seinem Buch, rund ein Viertel aller Besucher habe auf einem Festival öfter als zweimal täglich Sex, leider ohne Quellenangabe. In einer Umfrage von MSN aus dem Jahr 2013 behauptete ein Viertel der 2000 Befragten, während eines Festivals mit einem/einer zuvor Unbekannten Sex gehabt zu haben. Wer schon einmal was von „sozialer Erwünschtheit bei Umfrage-Antworten“ gehört hat, wird diese Angaben skeptisch sehen. Wer weiß, dass in derselben Umfrage beinahe genauso viele Teilnehmer angaben, das Festival mehr oder weniger stoned erlebt zu haben, wird auch seine Zweifel haben.

Dass man in diesem Zustand vielleicht Sex hatte, sich aber nicht mehr erinnern kann, ist mitunter noch die harmloseste Variante, wie Andreas Koch bestätigen kann. Er arbeitet seit 1997 als Notfallseelsorger am Nürburgring, kümmert sich mit seinem elfköpfigen Team normalerweise ehrenamtlich um die Augenzeugen von tödlichen Verkehrsunfällen, die Angehörigen von Vermissten oder um Leute, die beschlossen haben, sich ausgerechnet auf einer Rennstrecke das Leben zu nehmen. Wenn aber „Rock am Ring“ in der Eifel ansteht, hat er regelmäßig auch mit Vergewaltigungen zu tun.

„Innerhalb von ein paar Tagen entsteht bei Rock am Ring quasi eine Kleinstadt mit 120.000 Einwohnern. Und da gibt es eben auch die entsprechende Anzahl von Verbrechen – und eine entsprechende Dunkelziffer“, sagt er. Insgesamt sei Rock am Ring sicherer geworden, in diesem Jahr habe er im Seelsorge-Zelt, das direkt auf dem Festivalgelände steht, keine Vergewaltigungsopfer betreuen müssen. Im Schnitt seien es allerdings ein bis zwei pro Jahr. „Meistens sind Drogen im Spiel, es gab auch mal eine Zeit, in der sehr viel mit K.o.-Tropfen passiert ist. Die Warnung, dass man auf seine Getränke aufpassen soll, kommt nicht von ungefähr“, sagt Koch. Er versucht gemeinsam mit seinem Team, die Opfer zu beruhigen, im besten Falle können die Betroffenen dann mit der Polizei Beweise sichern oder weiter medizinisch behandelt werden.

Alle Hände voll zu tun hat auch das Rote Kreuz auf dem Melt-Festival. Als ich dort im vergangenen Jahr am zweiten Festivaltag nachgefragt habe, hatte der zuständige Arzt schon 50 (!) Anfragen nach der „Pille danach“, die es aber auch auf Festivals nur gegen Rezept gibt. Zum selben Zeitpunkt hatte das Team vom Rotkreuz-Kreisverband Wittenberg erst zehn Kondome abgesetzt, die dort für ein Euro pro Stück verkauft werden. Dass es um die Verhütung nicht allzu gut bestellt ist, bestätigt auch die Dame am Stand vom Festivalguide. Dort werden die Kondome zwar sogar kostenlos verteilt, „aber die meisten stecken die bloß in den Geldbeutel, wo Löcher reinkommen, oder bauen Wasserbomben daraus“.

Das ist fahrlässig, nicht nur angesichts der Möglichkeit, dass sich womöglich Fans der Editors mit denen von George Ezra paaren und so eine neue Superrasse an schlechtem Musikgeschmack entsteht. Sondern auch rein medizinisch betrachtet. „Besorgt euch ein paar gute Kondome, und Aspirin für den Morgen danach”, lautet die Empfehlung von Wombats-Sänger Matthew Murphy an alle, die der Versuchung von Sex auf dem Festival partout nicht widerstehen wollen. „Ich selber würde aufwachen und sofort mit saufen anfangen, um das grundsätzliche Fremdeln zwischen den Geschlechtern abzumildern. Und ich würde es nur auf einem großen Festival tun – dann ist die Gefahr gering, dass man sich später noch mal begegnet“, rät er.

Auch Festivalguide-Chefredakteur Carsten Schumacher hat noch ein paar praktische Tipps für alle, die selbst überprüfen wollen, ob Sex auf dem Festival nun ein irrwitziger Mythos oder eine schmutzige Realität ist. „Als attraktive Frau mit Szene-Bezug hast du auf einem Metal-Festival die besten Voraussetzungen. Als gut gebauter Mann auf einem Reggae- oder HipHop-Festival hast du bisweilen mehr Konkurrenz, aber auch mehr Auswahl. Und wie immer liegt es an einem selbst, ob man den romantischen Ort sucht und ihn beispielsweise in einer stillen Ecke bei einem herzzerreißenden Songwriter auf einem Indie-Festival findet, oder ob man auch zuhause eher zu Blastbeats vögelt und daher eher in Stahlgewittern und unter Strobo-Blitzen die Hormone überkochen. Geschmackssache.“ Grundsätzlich betrachtet er Festivals als durchaus vielversprechende Flirtreviere: „Wo man tanzt, ist die Balz nie weit (wenn auch die Konkurrenz meist ebenso wenig). Wenn ich mich auf Namen festlegen muss, empfehle ich daher also eher Summerjam, Chiemsee Summer und Splash!“

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