Was will ich mehr


Film Was will ich mehr

Was will ich mehr Filmkritik Rezension

Anna (Alba Rohrwacher) und Domenico (Pierfrancesco Favino) beginnen eine Affäre.

Produktionsland Italien, Schweiz
Jahr 2010
Spielzeit 121 Minuten
Regie Silvio Soldini
Hauptdarsteller Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Teresa Saponangelo, Giuseppe Battiston, Bindu de Stoppani, Fabio Troiano
Bewertung

Worum geht’s

Anna hat Freude an ihrem Job als Buchhalterin, eine intakte Beziehung mit dem praktisch veranlagten und sympathischen Alessio und viele gute Freunde. Als ihre Schwester ein Kind bekommt, stellt sich auch für sie die Frage, ob sie Mutter werden will. Alessio ist einverstanden, doch die Beziehung der beiden verändert sich kurz darauf auf andere Weise: Anna lernt Domenico kennen und beginnt eine Affäre mit ihm. Domenico ist verheiratet und hat zwei Kinder, doch er genießt die heimlichen Treffen mit Anna ebenso sehr wie sie. Beiden wird klar, dass sie mehr voneinander wollen als nur leidenschaftlichen Sex. Der Mut, diesen Schritt zu gehen, fehlt aber beiden – denn sie wissen auch, was sie dafür aufgeben würden.

Das sagt shitesite:

Eine Zufallsbekanntschaft wird zur Affäre wird zur emotionalen Beziehung und Lebenskrise. Das ist beileibe kein ungewöhnlicher Stoff für einen Film. Drei Besonderheiten zeichnen Was will ich mehr allerdings bei der Umsetzung dieses gänzlich bekannten Plots aus.

Erstens erzählt Regisseur Silvio Soldini diese Geschichte vergleichsweise unromantisch. Er zeigt Alltag, Routinen und Zwänge, denen Anna und Domenico auch schon ausgesetzt sind, bevor sie Liebende werden. Er nimmt nicht nur das Prickeln einer Amour fou in den Blick, sondern vielmehr die Lügen, die Heimlichtuerei und das schlechte Gewissen, das der hier begangenen Betrug mit sich bringt. Nicht zuletzt sind seine Figuren erstaunlich pragmatisch und unsentimental: Wann und wo können wir uns treffen? Welche Ausrede ist glaubwürdig? Wie weit kann ich die Ahnungslosigkeit meines Partners strapazieren? All diese beinahe logistischen Fragen nehmen in Was will ich mehr beträchtlichen Raum ein.

Dazu gehören auch wirtschaftliche Zwänge, die im Film immer wieder thematisiert werden. Domenico kann sich das Stundenhotel, das zum (in seiner exotischen Ausstattung überdeutlich als Gegenentwurf zum Alltag erkennbaren) Schauplatz für ihre Schäferstündchen wird, eigentlich nicht leisten, auch sonst sind die Folgen der Finanzkrise auffallend präsent. Immer wieder wird die Geldnot von jungen Pärchen in Italien angedeutet, sie bekommen ein paar Euro von ihren Verwandten zugesteckt oder müssen sich selbst um kleinere Ausgaben viele Gedanken machen. Diese Verbindung aus Privatem und Gesellschaftlichem ist die zweite Besonderheit dieses Films und soll wohl auch zeigen: Die Lebensplanung ist schwierig in diesen Zeiten, auch schwieriger als für die vorangegangene Generation. Unter solchen Umständen stellt man sich womöglich schneller und deutlicher die Frage, was man eigentlich vom eigenen Leben will. Vor allem Anna repräsentiert diesen Zweifel, der im Kern des Films steht: Bin ich zufrieden oder festgefahren? Könnte alles ganz anders sein? Ist das, was ich spüre, nur sexuelles Begehren? Oder steckt hinter dem Verlangen nach einem anderen Mann auch das Verlangen nach einem anderen Leben? Will ich jetzt alles aufs Spiel setzen oder ein Baby mit Alessio haben und damit endgültig den Schritt in eine Biographie gehen, die komplett der gesellschaftlichen Normalität entspricht?

Dass sie in Was will ich mehr als Fixpunkt dieser Krise gewählt wird, ist einer der Schwachpunkte des Films. Ihr geht es finanziell im Vergleich zu ihren Altersgenossen eigentlich gut, auch ihre Beziehung zu Alessio bietet zwar wenig Aufregung, aber viel Geborgenheit, Verständnis und Sicherheit. Die Bereitwilligkeit, mit der sie all dies aufs Spiel setzt, ist nicht sonderlich glaubwürdig. Sie ist selbst überrascht von ihrem Verlangen – sowohl, dass es überhaupt da ist, als auch, dass es so stark ist. Der Zuschauer ahnt, was ihre Beweggründe sind, lernt sie aber (ebenso wie Domenico) als Persönlichkeit letztlich viel zu wenig kennen, um sich wirklich mit ihr identifizieren oder ihr die unbändige Leidenschaft abnehmen zu können. Ihrem Leben fehlen Risiko und Abwechslung, ebenso wie die Möglichkeit, einmal für sich zu sein und ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Warum aus dieser Affäre aber so viel mehr als eine kleine Flucht wird, leuchtet nicht vollends ein. Erschwerend hinzu kommt, dass auch die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern in Was will ich mehr nicht sonderlich ausgeprägt ist.

Die dritte überraschende Eigenschaft des Dramas ist, dass womöglich genau dieser Effekt angestrebt wird. Soldini bewertet die Situation nicht, verteilt keine Täter- und Opferrollen, sondern zeigt letztlich nur, dass alle Beteiligten eine Verantwortung für das Geschehen haben. So wird Was will ich mehr ein Liebesfilm, der manchmal fast dokumentarisch wirkt.

Bestes Zitat:

„Manchmal reicht ein Augenblick, um ein ganzes Leben zu vergessen. Aber manchmal reicht ein ganzes Leben nicht, um einen Augenblick zu vergessen.“

Der Trailer zum Film.

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