We Never Learned To Live – „The Sleepwalk Transmissions“


Künstler We Never Learned To Live

The Sleepwalk Transmissions We Never Learned To Live Review Kritik

Eine spürbare Weiterentwicklung zeigen We Never Learned To Live mit „The Sleepwalk Transmissions“.

Album The Sleepwalk Transmissions
Label Through Love Records
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Was We Never Learned To Live auch für ihr zweites Album The Sleepwalk Transmissions anstreben, ist eine „berauschende Dichotomie zwischen ruhiger Idylle und Vernichtung“, sagen sie. Dieses Zitat könnte man natürlich auch gut als Definition für das Genre des Post Hardcore insgesamt verwenden, in dem sie sich zuvor mit der EP st (2013), dem Debütalbum Silently, I Threw Them Skywards (2015) und mit Konzerten beispielsweise im Vorprogramm von Fjort einen Namen gemacht haben. Was das Quintett aus Brighton auf The Sleepwalk Transmissions auszeichnet, ist einerseits die Weiterentwicklung, die seit diesen ersten Karriereschritten erkennbar wird, andererseits eine intellektuelle Schärfe und Originalität, die nicht nur in der oben erwähnten Selbstbeschreibung zum Ausdruck kommt, sondern auch in der Musik.

Permafrost eröffnet die Platte. Die Gitarre ist in den ersten Sekunden zugleich verträumt und bedrohlich, das Schlagzeug zugleich luftig und ungeduldig, bevor eine Härte hereinbricht, die bestens zum Thema des Songs passt: Es geht um den Moment, in dem alle Menschlichkeit verloren geht. In The Clocks deutet Schlagzeuger Gary Marsden zuerst das Ticken einer Uhr an und zeigt dann in den folgenden gut viereinhalb Minuten eine ganze Menge von seiner Kunst. Retreat Syndrome rückt recht nahe an den Düsterrock von Schmerzensmännern wie Editors oder White Lies, Owari hingegen vermittelt einen Eindruck davon, wie eine Variante von Metal klingen könnte, die mehr Gefühle zulässt als nur Wut und Frustration. Luma / Non Luma beweist Komplexität nicht nur im Gesamtergebnis, sondern auch in den einzelnen Elementen selbst – und damit eine zentrale Stärke von We Never Learned To Live.

Im Album-Abschluss Radio Silence klingt die Gitarre wie ein Stachel im Fleisch, das Schlagzeug stachelt zum Aufruhr an, die Stimme von Sänger Seán Mahon bleibt aber bis auf ganz wenige Passagen betrübt. Dieser Kontrast prägt The Sleepwalk Transmissions so sehr wie nichts sonst. In Wounds Like Wires scheinen Gitarren und Drums darum zu wetteifern, wer die tiefsten und blutigsten Wunden schlagen kann. Die ruhigen Passagen dieses Songs sind hingegen so beschaulich, dass man sie sich von Snow Patrol vorstellen könnte. Während From The Sixth Floor reduziert und fast selbstvergessen wirkt, entwickelt Digitalis am Ende beinahe Bombast, der aber geerdet wird durch ein unüberhörbares Maß an Verzweiflung.

Auch in Android Anaesthesist ist der Gesang in einigen Passagen geradezu sanft, das Lied lässt am deutlichsten erkennen, dass in einigen der Tracks von We Never Learned To Live tatsächlich sehr schöne Melodien stecken. Der Hintergrund dafür ist die existenzielle Einsamkeit, die mit der Frage „Is there anyone even out there?“ einher geht. Sehr ähnlich ist das Thema in Human Antenna. Schon der Songtitel verweist auf den Versuch, Kontakt herzustellen, Signale auszusenden und Kommunikation zu erleben statt in der eigenen Gedankenwelt gefangen zu bleiben – natürlich darf man darin auch die Motivation vermuten, warum We Never Learned To Live überhaupt eine Band sind.

Viel Tempo und Intensität gibt es auch im Video zu Luma / Non Luma. Und sehr blaue Augen.

We Never Learned To Live bei Bandcamp.

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