Weg zum Wandel


Diesen Abgang hatte sich manch einer anders vorgestellt. Fidel Castro selbst sicherlich auch. Der Mann, der fast 50 Jahre lang alles auf Kuba entschieden hat, der Ikone der Linken und der am längsten amtierende Regierungschef der Welt war, fiel nicht etwa einem weiteren Anschlag der CIA zum Opfer, keiner Invasion der umtriebigen Exilkubaner und keinem Aufstand seines eigenen Volkes, dem er Stolz, Gesundheit und Bildung gebracht, aber die Freiheit geraubt und die Armut verordnet hat. Der Máximo Líder muss sich wegen einer banalen Darmerkrankung von der Macht verabschieden.

Obwohl Castro das System des „karibischen Sozialismus“ personifiziert, obwohl es auch sein Charisma und seine Biografie waren, die die Insel seit einem halben Jahrhundert in einem permanenten Ausnahmezustand gehalten haben, wird sich für die Kubaner zunächst wenig ändern. Viele von ihnen haben nie einen anderen Führer erlebt, kaum einer kann sich Kuba ohne Castro vorstellen. Der Comandante en Jefe wird für sie die bestimmende moralische Instanz bleiben. Doch Castro kann, wenn überhaupt, nur noch im Hintergrund wirken, als Denker und Mahner – und auch als Aufpasser für seinen jüngeren Bruder, der sein Amt wohl übernehmen wird.

Raúl Castro hätte es derweil nicht besser treffen können. In der Übergangszeit, als niemand wusste, ob der Staatschef noch einmal zurückkehren würde, hielt ihm die Autorität des Revolutionsführers den Rücken frei. So konnte er sich an den Hebeln der Macht einrichten, ohne einen gewaltsamen Umsturz befürchten zu müssen – was angesichts der prekären Situation Kubas keineswegs selbstverständlich war. Und er nutzte seine neue Position und den erst jetzt beendeten Schwebezustand geschickt, um den Weg zum Wandel bereits einzuleiten. Nur, weil Fidel noch im Hintergrund wacht, kann er es wagen, die Errungenschaften der Revolution in Frage zu stellen.

Raúl Castro erlaubt Kritik, er ermuntert die Kubaner sogar dazu. Die Richtung ist klar: Den Druck der sich gerade erst artikulierenden öffentlichen Meinung wird er als Argument nutzen, um überfällige Neuerungen zu erlauben. Er sieht wirtschaftliche Notwendigkeiten, die sein Vorgänger nicht mehr erkannte – auch weil er gefangen war im eigenen Mythos.

Langfristig werden sich so auch Chancen für einen politischen Wandel ergeben. Demokratie und Menschenrechte sind für die Kubaner noch in weiter Ferne, doch sie sind durch Fidels Abgang näher gerückt. Raúl Castro weiß, was sein Bruder leugnete: Das Verlangen nach Freiheit ist nicht aufzuhalten.

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