Wie der rechte Terror Europa heimsucht 1


Hitlers SA schien auferstanden: Rainer Fromm filmte auch auf dem Parteitag der Neonazi-Partei FAP 1992 in Berlin. Foto: MDR

Hitlers SA schien auferstanden: Rainer Fromm filmte auch auf dem Parteitag der Neonazi-Partei FAP 1992 in Berlin. Foto: MDR

Für 10 Morde muss sich Beate Zschäpe demnächst vor Gericht verantworten. Sie ist die einzige, die übrig ist vom NSU-Terror-Trio, das laut Anklage zehn Jahre lang eine Todesspur durch Deutschland gezogen hat. „Die Mordserie der rechtsterroristischen Zelle aus Thüringen ist in ihrer Brutalität einzigartig“, schreibt Spiegel Online vor dem anstehenden Prozess.

Das stimmt. Und dennoch fiel die NSU nicht plötzlich vom Himmel. Sie steht am Ende einer langen Entwicklung, sie ist die Spitze eines brutalen Trends, der 40 Jahre lang unterschätzt wurde. Das ist die Quintessenz von Propaganda. Hass. Mord. Die Geschichte des rechten Terrors in Europa, dem Dokumentarfilm, der morgen um 11.30 Uhr auf ARTE zu sehen sein wird.

200 Morde protokollieren die Filmemacher Rainer Fromm und Rolf-Axel Kriszun in ihrer Dokumentation. Erschreckend ist dabei nicht nur das Ausmaß der Gewalt, sondern auch die Schwäche der Strafverfolgungsbehörden, die – wie zunächst auch im Fall NSU – zunächst nichts von einem rechtsradikalen Hintergrund wissen wollten. „Wenn man eine Mordserie an neun Menschen mit Migrationshintergrund hat und nicht nach rechts außen schaut, da muss man sich schon wundern“, sagt Fromm, den ich beim Dok Leipzig getroffen habe. Er betont aber auch: „Wegschauen ist kein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen.“ Der Fall NSU war für ihn der Auslöser, sich auf die Suche nach den Wurzeln des rechten Terrors zu machen.

Die MDR-Produktion Propaganda. Hass. Mord. zeigt Bilder, die Angst machen: Ausbildungslager für Neonazis, Waffendeals, Verbrüderungsszenen, eine bedrohliche Radikalisierung, eine deutlich gestiegene Gewaltbereitschaft, tödliche Anschläge in Bologna oder München. Fromm zeigt auf, wie sich solche Strukturen herausbilden und verfestigen konnten, und er räumt im Gespräch mit mir auch seine Wut angesichts dieser Tatsache ein.

Im Kampf gegen Rechts fordert der 47-Jährige unter anderem ein europaweites Register für Neonazis und einen „europäischen Blickwinkel bei den Ermittlern“, der bisher fehle. Besonders bedrohlich sei, wie die Szene das Netz nutzt: Seit die radikalsten Organisationen in Deutschland verboten sind, haben sich die Neonazis in kleinen Zellen organisiert. „Getrennt marschieren, vereint schlagen“, lautet das Motto – das Internet bietet dafür die ideale Organisationsform. „Jeder ist nur einen Mausklick von einer Terrorzelle entfernt. Das Internet hat die rechte Szene viel gefährlicher gemacht“, sagt Fromm.

Das Netz werde aber nicht nur als Organisations-Infrastruktur, sondern auch als Propagandamaschine genutzt. „Das Internet ist ein anonymes Medium. Deshalb können dort Tabus gebrochen werden, und das nutzen Neonazis aus. Sie versuchen, in der virtuellen Welt den Boden gut zu machen, den sie in der realen Welt verlieren“, hat Fromm erkannt. „Da werden Erdbebenopfer in der Türkei bejubelt, der Genozid an Juden, die Verbrechen der SS. Da ist so ein hohes Level an Gewaltbereitschaft und an Menschenverachtung zu finden – aus meiner Sicht ist das nicht zu toppen“, sagt der studierte Politologe. Vor allem in Foren habe sich „ein Eigenleben etabliert mit einer schockierenden, sehr heftigen Qualität in den Beiträgen. Das kann aufpeitschend wirken.“

Auch die Finanzierung der rechten Szene laufe mittlerweile in erster Linie über Online-Kanäle. In der morgen ausgestrahlten Dokumentation ist noch zu sehen, wie Altnazis in den 1990er Jahren die jungen Kameraden mit Spenden unterstützen. Das sei damals aber in einer „sehr dürftigen“ Größenordnung geschehen, erklärt Fromm. „Kein Neonazi ist durch die Spenden von Altnazis reich geworden.“ Heute sei die Szene finanziell deutlich besser aufgestellt. „Es gibt beispielsweise rund 130 Konzerte pro Jahr, 100 Bands, die Merchandising verkaufen, eigene Kleidungsstile und eigene Marken kreieren. Es gibt Vertriebe, die international agieren und teilweise mehr als eine Million Euro jährlich umsetzen mit rechtsextremem Merchandising. Da wird richtig Geld gemacht“, sagt der 47-Jährige. „Eine zusätzliche Gefahr: Die Kunden solcher Firmen sind nicht nur Neonazis, sondern auch ganz normale Jugendliche. Und solche Musik bleibt ja nicht blutleer. Sie inspiriert Gewalttäter“, warnt er.

Fromm weiß, wovon er spricht: Für seine Aufnahmen in Propaganda. Hass. Mord. sprach der Filmemacher mit den Köpfen der rechten Szene, ganz offen, ohne versteckte Kamera. Sie redeten Klartext, machten keinen Hehl aus ihrem Ziel eines „Europa der weißen Vaterländer“ oder aus ihren Plänen zum gewaltsamen Sturz des Systems. Mehrfach hatte Fromm Leute vor der Kamera, die später zu Gewalttätern wurden. Wegen seiner Arbeit wurde er wiederholt direkt bedroht, unter anderem hat er Briefbomben bekommen. Einschüchtern lässt er sich trotzdem nicht: Momentan arbeitet Fromm an einer Doku über V-Männer in der rechten Szene.

Die komplette Dokumentation Propaganda. Hass. Mord.


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