Willkommen in Günther Jauchs Zeitmaschine


Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Kann man mit Atomstrom eine Zeitmaschine betreiben? Oder mit Windkraft? Ich weiß es nicht. Ich bin mir, spätestens seit Zurück in die Zukunft Teil 1 – 3 nur sicher: Um durch die Zeit reisen zu können, braucht man ziemlich viel Energie. Oder Günther Jauch.

Denn der diskutiert wieder einmal den Atomausstieg und die Frage, ob Deutschland ohne Kernenergie auskommen kann. Doch so richtig stimmt zunächst nichts an dieser Sendung. Die Fairness? Die übliche Verteilung, die Befürworter und Gegner in etwa gleich große Lager aufteilt, wird sträflich ignoriert. Wolfgang Clement steht von Anfang an ganz alleine da als Liebhaber der deutschen Atomkraftwerke, und er muss sich gleich gegen dreieinhalb Kritiker wehren. Das Thema? Sündenfall Atomkraft – aber geht’s wirklich ohne Kernenergie? heißt der Titel der Sendung. Doch zwischendurch geht es plötzlich um Backpulver und den Bundespräsidenten. Das Timing? Als Aufhänger für das Thema hat Günther Jauch das Reaktorunglück von Fukushima gewählt – das jährt sich aber erst am kommenden Sonntag zum ersten Mal.

Doch die Sache mit der Zeit ist ohnehin nicht so entscheidend an diesem Abend im Berliner Gasometer. In weiten Teilen hätte die Debatte, mit denselben Teilnehmern und denselben Positionen, auch unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima stattfinden können.

Wolfgang Clement ist, wie damals schon, einer der wenigen, die sich öffentlich für die Kernenergie stark machen wollen. Nach wie vor schwört er, als Aufsichtsratsmitglied von RWE wohl nicht ganz unvoreingenommen, auf die unvergleichlichen Sicherheitsstandards hierzulande. Dass ein deutsches AKW in die Luft fliegen könne, sei so gut wie unmöglich. Gewiss sei hingegen, dass durch den Atomausstieg die Strompreise explodieren. Zudem weist Clement korrekterweise darauf hin, wie scheinheilig ein Ausstieg ist, wenn dann Atomstrom aus den Nachbarländern nach Deutschland importiert werden muss.

Glaubwürdig ist allerdings nichts davon. Spätestens dann nicht mehr, als Clement sich vehement gegen Subventionen für Solarstrom ausspricht. Damit würden künstlich und auf Kosten des Steuerzahlers Arbeitsplätze am Leben erhalten, sagt er. Das ist durchaus amüsant aus dem Mund eines Mannes, der einmal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, wo eben dies jahrzehntelang für den unrentablen und zudem klimaschädlichen Steinkohlebergbau getan wurde.

Die Rolle von Ranga Yogeshwar, dessen Stern im deutschen Fernsehen während der Dreifach-Katastrophe von Japan noch heller strahlte als die Brennstäbe in Fukushima, übernimmt diesmal Ulrich Walter. Der Physiker und ehemalige Astronaut weist darauf hin, dass Radioaktivität ganz natürlich ist. Mit dem Geigerzähler rennt er durchs Studio, und wir lernen: Eine Packung Backpulver strahlt etwa sechs Mal so stark wie Günther Jauch. Das hat zwar durchaus Charme im Stile der Sendung mit der Maus, hilft aber weder im Falle eines Supergaus noch hinsichtlich der Frage der Zukunft der Energieversorgung.

Auch Gudrun Pausewang, Autorin des Anti-Kernkraft-Werkes Die Wolke, driftet vergleichsweise weit ab. Hatte Walter noch versucht, Radioaktivität quasi als bio zu verkaufen, ist die Strahlengefahr für die 84-Jährige ebenso bedrohlich wie die Nazis. «Was habt ihr dagegen getan?» – diese Frage hätte ihre Generation den Eltern gestellt, die das Dritte Reich womöglich mitgetragen hatten. Sie selbst müsse sich die Frage im Hinblick auf die Gefahren von Atomunfällen stellen lassen, glaubt Pausewang.

Umweltschützer Franz Alt gibt derweil den Apostel der Energiewende. Ein «grünes Wirtschaftswunder» propehzeit er der Republik. Auch er scheint dabei eher im Jahr 2011 denn im Hier und Jetzt zu verweilen, wo die Kürzung der Solarforderung und Arbeitsplatzabbau bei Solar-Herstellern die Schlagzeilen beherrschen.

Und dann ist da ja noch Klaus Töpfer. Immerhin er bringt eine Prise Aktualität in der Runde. Schließlich galt der ehemalige Bundesumweltminister als heißer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, bis die Kanzlerin von der FDP überrumpelt wurde und sich für Joachim Gauck begeistern musste. Der CDU-Mann, als Vorsitzender der Ethikkommission im vergangenen Frühjahr treibende Kraft für den Atomausstieg schwarz-gelber Prägung, gibt sich staatsmännisch und weltmännisch. Fast wirkt sein Auftritt wie eine nachträgliche Bewerbung für ein Ticket ins Schloss Bellevue.

Immerhin bleibt er der Einzige an diesem Abend, dessen Argumente von keinem anderen in der Runde widerlegt werden können. Kein Wunder: Töpfer hat schlicht die Logik auf seiner Seite. Dass man ein Restrisiko nicht mehr in Kauf nehmen muss, wenn man eine gleichwertige Alternative schaffen kann, die mit keinerlei Risiko verbunden ist – das leuchtet ein. Dass man keine Demokratie mehr braucht, wenn sich die Politik ständig in Situationen manövriert, die angeblich alternativlos sind – solch eine selbstkritische und grundsätzliche Erkenntnis hätte auch von Joachim Gauck kommen können.

Töpfer scheint derjenige zu sein, bei dem die Ereignisse von Fukushima wirklich zu einem grundsätzlichen Hinterfragen seiner Position und zu einer ernsthaften Suche nach Alternativen geführt haben. Alle anderen bei Günther Jauch verharren in ihrem ideologischen Schutzpanzer. Das zeigt vor allem eins: Wie wenig wir alle innerhalb des Jahres nach der Katastrophe von Fukushima gelernt haben.

Bestes Zitat: «Ich bin nicht Rot-Grün. Sondern ich bin Clement.» (Wolfgang Clement will nicht in Sippenhaft genommen werden für Positionen der Bundesregierung, der er angehörte).

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu den Atomkraftwerken in Deutschland auch bei news.de.

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