Yassin – „Ypsilon“


Künstler Yassin

Yassin Ypsilon Review Kritik

Mit fast 34 legt Yassin sein Solo-Debütalbum vor.

Album Ypsilon
Label Normale Musik
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

„Normale Musik“ heißt die Plattenfirma, bei der dieses Album morgen erscheint. Es ist das eigene Label von Yassin, und bei oberflächlicher Betrachtung könnte „Normale Musik“ auch als Überschrift für diese Rezension dienen. Die Produktion ist zeitgemäß und stylish, aber nicht spektakulär. Yassin rappt gekonnt, aber ohne sich zu verausgaben, weder im Tempo noch in der Aggressivität. Die Zahl der Reime oder Wortspiele, bei denen man „Wow“ denken könnte, bleibt streng im einstelligen Bereich. Die Themen sind genau jene, die Anfang 2019 für Deutschrapper wohl naheliegend sind: der eigene Werdegang, ein bisschen Politik, Drogen, Liebe.

Zwei Gründe heben Ypsilon aber ab von dieser Beurteilung. Erstens hat man hier den seltenen Fall des Solodebüts eines fast 34-jährigen Rappers vor sich. Yassin hat zwar schon vor zehn Jahren die erste Platte mit seiner Band Audio88 & Yassin veröffentlicht (mit den Audio88-Kumpels betreibt er auch das Label), aber hier ist er erstmals ganz alleine als Autor zu erleben. Man merkt Ypsilon einerseits an, wie wichtig es ihm war, aus dieser einmaligen Gelegenheit das Beste zu machen. Andererseits ist sofort auffällig, wie sich Inhalte und Perspektive vom Werk seiner Band unterscheiden. Statt dem Blick auf (oder das Lästern über) andere, gibt es hier sehr persönliche Themen, die auch die eigenen Fehltritte nicht auslassen.

Gleich im Auftakt gesteht er den eigenen Verfall ein. „Haare grau / als wäre ich Clooney oder Rentner“, lauten die ersten Zeilen der Platte. Natürlich folgt dann die Beteuerung, trotz der äußerlichen Veränderung innerlich noch immer derselbe zu sein, mit der Selbstpositionierung „Bin der erste Kanacke, den Kanacken nicht feiern / und bald die erste Kartoffel an einem Galgen in Bayern“, was zudem auch gleich der beste Reim des Albums ist. Die im Rap nach wie vor höchst seltene Bereitschaft, die eigenen Defizite zu erkennen und sogar zu artikulieren, findet sich auf Ypsilon auch später immer wieder.

Samthandschuhe erzählt von einer zerbrochenen Freundschaft, Produzent Philipp Schwär darf dazu am prominentesten seine Skills zeigen. Junks ist der Blick auf eine Phase, in der eine Droge (man darf von Kokain ausgehen) stärker war als der eigene Wille. Das ist kein bisschen glamourös, sondern ein Geständnis des Ausgeliefertseins. Panzerglas erweist sich als eine Liebeserklärung, die nicht die HipHop-übliche Pose des starken Beschützers einnimmt, sondern in die umgekehrte Rolle schlüpft: „Nur Steuern und Tod sind so sicher wie ich neben Dir“, lautet das Dankeschön an die Liebste. Nie so (feat. Mädness) thematisiert seinen nicht sonderlich erfreulichen Kontostand, kombiniert mit dem Bekenntnis, trotzdem weiter den eigenen Weg zu gehen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Meteoriten handelt vom Ende einer Liebe, für das Yassin wohl selbst verantwortlich ist. Es gibt aber keinen Diss gegen die Ex, kein „Jetzt bin ich wieder frei“ und auch sonst keinen Selbstbetrug. Stattdessen regiert die Reue über die Unfähigkeit, mit dem Moment des Schlussmachens erwachsen und einfühlsam umgehen zu können: „Ich wünschte, ich hätte mehr für dich als Stille.“

Natürlich ist das deutlich interessanter als ein Rapper, der in zwölf Tracks immerfort nur erzählt, wie geil, krass und reich er ist. Das führt zum zweiten Grund, warum Ypsilon deutlich mehr ist als „Normale Musik“ im Sinne von Durchschnittsware. Was Yassin abhebt, ist eine Attitüde und Überzeugung, die so glaubhaft wird, weil er selbst zugibt, wie sehr er darum ringen musste und wie oft er selbst immer wieder darum kämpft. Ypsilon zeigt das gut, es geht um die Freude daran, sein Ding machen zu können („Lebe gerade so / doch lebe von Musik“), und es steckt mehr Dankbarkeit als Stolz darin.

Ganz ähnlich ist 1985: Sein Geburtsdatum beziffert er in der ersten Zeile des Refrains, und rund um diese Zahlen feiert er seine lebenslange Liebe zur Musik, die damals im Kinderzimmer schon nichts mit dem Traum von Ruhm und Reichtum zu tun hatte, weshalb diese Ziele auch heute, wo die Musik zum Beruf geworden ist, für ihn nicht im Mittelpunkt stehen. Der Track wird zum besten Moment des Albums, weil man da nicht nur die Leidenschaft hört, mit der er am Werk ist, sondern auch erkennt, dass hier ein Künstler auf äußerst überzeugende Weise mit sich und seinem Output im Reinen ist.

Abendland nimmt noch einmal seine Biographie als Kanacke-Kartoffel-Zwitter (algerische Vorfahren, in Hessen aufgewachsen) in den Blick, thematisiert auf sehr kluge Weise aber vor allem unsere Weigerung zum Miteinander. Auch Deutschland reibt allen, die es nicht glauben wollen, noch einmal unter die Nase, wie sehr er hier verwurzelt ist, und wie bescheuert es deshalb ist, wenn ihm jemand diese Heimat absprechen will. Auch Eine Kugel (mit Audio 88 und Casper) hat eine durchaus politische Komponente: Wie der Track zeigt, hat Yassin erkannt, dass wir immer unfähiger werden, Kritik und Realität zu ertragen, und stattdessen lieber unsere Selbstliebe immer weiter steigern – und diese Egozentrik neuerdings auch noch besonders gerne öffentlich inszenieren.

Auch hier lässt sich wieder das Credo erkennen, das die größte Stärke von Yassins erstem Soloalbum ist: Ich mache da nicht mit, ich bin anders als ihr – und ich bin sicher, dass ich mit diesem Anderssein auch Recht habe.

Irgendwo da oben ist bestimmt die Antwort, lässt das Video zu Meteoriten vermuten.

https://www.youtube.com/watch?v=iT5ai2Rye5c

Website von Normale Musik.

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