You Say France & I Whistle, Werk 2, Leipzig


Euphorie mit einer kleinen Hintertür - das ist das Prinzip von You Say France & I Whistle.

Euphorie mit einer kleinen Hintertür - das ist das Prinzip von You Say France & I Whistle.

Zwei Dinge kann man schon erahnen, bevor dieses Konzert überhaupt beginnt. Erstens: You Say France & I Whistle stehen unglaublich gerne auf der Bühne. Die Schweden haben schon Konzerte bei Festivals, aber auch in Schaufenstern und, ähm, öffentlichen Toiletten gespielt. Live sind sie ganz offensichtlich in ihrem Element. Zweitens: You Say France & I Whistle machen eingängige, fröhliche, massentaugliche Musik – ohne das geringste Problem mit der Kategorisierung als Pop. Die Lieder des Quintetts, das 2008 seine erste EP und vor genau einer Woche sein Debütalbum Angry Men veröffentlicht hat, zierten schon die Werbekampagnen von Gap, Orbit, Coca Cola und McDonald’s.

Es kann also eigentlich nicht überraschen, dass dieser Abend in Leipzig so ein großer Spaß wird. Das Konzert im Werk 2 ist kein Erweckungserlebnis, aber es ist nah dran. Im Publikum sind ein paar Leute, bei denen man wohl von „preaching to the converted“ sprechen kann. Wie der großgewachsene junge Mann, der sogar den Text eines bisher unveröffentlichten Songs mitsingt, und für den im Werk 2 zugleich Weihnachten, Ostern und sein 18. Geburtstag zu sein scheint, so freudetrunken erlebt er diese Show mit. Aber deutlich größer ist der Anteil derer, die wohl nur aus Neugier (oder angelockt vom YouTube-Minihit OMG) gekommen sind, und an diesem Abend im Werk 2 erst zu beinharten Fans von You Say France & I Whistle werden.

Woran das wohl liegen kann? Einen nicht geringen Anteil hat der Faktor Charme. „Sind wir denn so hässlich?“, fragt beispielsweise der Sänger der soliden Vorgruppe lost.minds aus Jena, als keiner im Publikum so richtig nah an die Bühne kommen will. Ein bisschen schnippisch ist dieser Spruch, ein bisschen auswendig gelernt, ein bisschen cool. Aber er ändert nichts, weil er die Hürde nicht abbaut, die zwischen Band und Publikum steht. „Wir sind die Rockstars, ihr seid die Fans“ – das ist das hier praktizierte Prinzip, und lost.minds arbeiten ein gutes Stück daran mit, dass es in Leipzig gültig bleibt.

You Say Friends & I Whistle sind hingegen (man muss das sagen) im Großen und Ganzen keine Schönlinge (auch wenn sie live und in Farbe immerhin ein bisschen passabler aussehen als auf ihren eigenen Pressefotos). Aber hier kommen alle nach vorne. Distanz hat die Band nicht nötig für ihr Selbstverständnis oder ihre Bestätigung. Hier geht es um Ausgelassenheit, und keiner der Fünf auf der Bühne macht sich Gedanken darum, ob das vielleicht auch einmal ein bisschen daneben aussehen kann. Alle (sogar Schlagzeuger Petter Wesslander) singen mit. Alle sehen aus, als hätten sie ihre Outfits aus einem Koffer, den sie vom Gepäckband am Flughafen geklaut haben, und der die Klamotten eines slowakischen Geographielehrers enthielt. Und alle springen vollkommen unaffektiert kreuz und quer über die Bühne.

Das beste Beispiel ist Leadsänger Claes Carlström. Nachdem You Say France & I Whistle mit einem Hit-Hattrick bestehend aus Second Thoughts, OMG und Animal losgelegt haben, nimmt er zufrieden zur Kenntnis, dass sich die gute Laune auf der Bühne bereits auf die Zuhörer im Werk 2 übertragen hat. Er hätte da aber gerne noch einen Schuss mehr Individualität, wünscht er sich: „You already do dance. But dance more hippie stylish.”

Im folgenden Our Spiderweb geht er mit gutem Beispiel voran und legt ein paar Schritte auf die Bühne, die irgendwo zwischen tödlich sexy und total albern rangieren. Bassist Christian Wester (die Rhythmus-Sektion von You Say France & I Whistle scheint sich ohnehin einen Stylisten mit den Kings Of Leon zu teilen) legt später sein Sakko ab, Keyboarderin Ida Hedene gewinnt spielend den Preis für die coolsten Moves des Abends.

Das passt wunderbar zu dieser euphorisierenden Musik, die sich doch immer ein Hintertürchen offenhält, um notfalls schnell aus der völligen (und flüchtigen) Glückseligkeit fliehen zu können. You Say France & I Whistle klingen wie “The Cure, with more happiness; Shout Out Louds, with more energy; Vampire Weekend, with more rock; Arcade Fire, with more pop”, behaupten die Schweden auf ihrer Homepage – und wenn künftig alle Bands so treffende Selbstbeschreibungen ihres Sounds mitliefern, dann steht dem Musikjournalismus ein noch härteres Zeitalter bevor.

Das Beste daran: Selbst wenn sich Claes Carlström mal in eine zu gewagte Pose wirft, dann wirkt das nicht abgehoben, denn er sieht dabei nicht gut genug aus, um ihm das wirklich übel nehmen zu können. Selbst wenn Ida Hedene in den Augen eines Zynikern mitunter wirken mag, als versuche sie gleichzeitig Keyboard zu spielen und in bester Waldorfschulenmanier ihren Namen zu tanzen, kann das niemals peinlich sein bei so viel Enthusiasmus. Wenn You Say France & I Whistle übers Ziel hinaus schießen, dann baut das eine Brücke zu den Menschen vor der Bühne: Man erkennt dann, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch genau wie wir waren, und höchstens träumen konnten von Auftritten bei SXSW oder der Mailänder Modewoche.

This Is Sunday, Right? bildet mit seinem Ohoho-Finale den Abschluss des Sets. Als Zugabe gibt es zuerst ein neues Lied (Old Man) und dann als endgültigen Rausschmeißer Attaboy. Wer dann noch mehr will, kann dann nur am Merchandise-Stand noch Nachschub bekommen. Nach einem so mitreißenden Konzert müsste man fast davon ausgehen, dass You Say France & I Whistle noch am selben Abend in Leipzig den gesamten Bestand ihres Debütalbums verkauft haben. Bassist Christian Wester ist etwas bescheidener: „Wir haben ungefähr 400 Exemplare mit. Wenn jeder zwei kauft, dann geht das auf.“

Die Tour von You Say France & I Whistle geht weiter. Hier gibt es die fünf Schweden noch live zu sehen:

31.01. Frankfurt – Silbergold

01.02. Münster – Amp

02.02. Stuttgart – Zwoelfzehn

03.02. München – Atomic Cafe

07.02. Heidelberg – Häll

08.02. Berlin – Comet Club

09.02. Haldern – Haldern Pop Bar

10.02. Bremen – Tower

11.02. Dortmund – 023

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