Ziemlich beste Freunde


Film Ziemlich beste Freunde

Ziemlich beste Freunde Filmkritik Rezension

Driss (Omar Sy) ist der neue Pfleger von Philippe (François Cluzet).

Originaltitel Untouchables
Produktionsland Frankreich
Jahr 2011
Spielzeit 112 Minuten
Regie Olivier Nakache, Éric Toledano
Hauptdarsteller François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clotilde Mollet
Bewertung

Worum geht’s?

Philippe ist ein sehr reicher Witwer, der seit einem Unfall beim Paragliding im Rollstuhl sitzt. Als er einen neuen Pfleger sucht, bewirbt sich auch der junge Driss, der die Stelle eigentlich gar nicht haben will und nur einen Nachweis fürs Arbeitsamt braucht, dass er sich wenigstens um einen Job bemüht. Doch obwohl er diese Taktik offen zugibt und auch keinerlei Referenzen hat, wird er für einen Monat zur Probe angestellt. Dem querschnittsgelähmten Philippe gefällt die unverblümte, zupackende Art des jungen Schwarzen, der aus einem sozialen Brennpunkt kommt, gerade eine Haftstrafe abgesessen hat und dann zuhause rausgeflogen ist. Als die beiden sich näher kennen lernen, wird ihre Beziehung enger und vertrauensvoller. Driss macht Philippe wieder aktiver und erweitert seinen Bewegungsspielraum, Philippe macht Driss sensibler und erweitert seinen Horizont. Das Miteinander bleibt aber nicht frei von Konflikten, den weder kann Philippe seine Behinderung hinter sich lassen noch Driss die Probleme in seiner Familie.

Das sagt shitesite:

Fast jeder dritte Franzose hat Ziemlich beste Freunde im Kino gesehen. Der Film hat einen César gewonnen und war für den Golden Globe nominiert. Auch in Deutschland war das auf einer wahren Begebenheit beruhende Werk von Olivier Nakache und Éric Toledano, die zusammen Drehbuch und Regie übernommen haben, bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Trotzdem bleibt zunächst festzuhalten: Dieser Film hat drei große Schwächen.

Problem 1: Die Geschichte ist sagenhaft kitschig. Da ist der reiche, alte Mann, der durch seinen Unfall plötzlich eingeschlossen ist in seinem goldenen Käfig. Da ist der wilde, junge Mann, der durch seine soziale Herkunft genauso eingeschränkt ist in seinen Entfaltungsmöglichkeiten wie der Millionär durch seine Querschnittslähmung. Sie finden zusammen, freunden sich an und erweitern die Perspektiven des jeweils anderen. Hätte sich dies nicht tatsächlich so abgespielt, würde man es als vollkommen unglaubwürdig abtun.

Problem 2: Es wird sehr deutlich, dass der Film von Männern gemacht ist. Frauen kommen hier nur als Objekte vor, sei es die pubertierende Stieftochter von Philippe, die Haushälterin Yvonne, die persönliche Assistentin Magalie, der Driss von der ersten Begegnung an nachstellt, oder Éléonore, die geheimnisvolle Brieffreundin von Philippe. Selbst seine verstorbene Frau, der er in einer Szene wortreich nachtrauert, scheint hier nur die Funktion zu haben, ihren Mann glücklich zu machen. Dass ausgerechnet Harvey Weinstein sich die Rechte für eine amerikanische Adaption von Ziemlich beste Freunde gesichert hat, erscheint da fast ironisch.

Problem 3: Die Figur von Driss ist eine extrem klischierte Darstellung eines jungen schwarzen Mannes. Er ist viril und fröhlich, er singt und tanzt gerne. Er ist ungebildet, kann sich nicht einmal richtig waschen und wird im Zweifel kriminell, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Den Film aber, wie es einige Kritiker in den hyperempfindlichen USA tatsächlich getan haben, aufgrund von Rassismusverdacht in Bausch und Bogen zu verdammen, wäre grotesk eindimensional. Denn, und damit sind wir bei den Stärken dieser Tragikomödie, zum einen schafft es Omar Sy mit seiner grandiosen Schauspielleistung, aus Driss keinen tumben Primitivling zu machen, sondern einen sympathischen und sehr coolen Clown. Zum anderen ist die Figur des Philippe (ein distinguierter, verklemmter Snob mit Einstecktuch und Vorliebe für klassische Musik, Poesie und Malerei) nicht weniger klischeehaft. Zudem sind sich beide bewusst, wie sehr sie der oberflächlichen Vorstellung ihrer jeweiligen Position entsprechen. „Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass ich auf die Welt herunterpinkeln konnte“, sagt Philippe an einer Stelle, und Driss weiß nur zu genau, wie es wirkt, wenn er bei einer Abendgesellschaft ausgelassen zu Earth, Wind & Fire tanzt und von den stocksteifen Weißen amüsiert begafft wird.

Was Ziemlich beste Freunde wirklich zeigt: Es ist falsch, Menschen nach dem ersten Eindruck zu bewerten und in Schubladen zu packen. In beiden Figuren (und letztlich: in allen Menschen) steckt viel mehr, als man zunächst vermutet, und erst durch ihre Begegnung und ihre Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, sind die in der Lage, diese ungeahnten Facetten auch zur Entfaltung zu bringen. So klar die Gegensätze sind, die hier inszeniert werden (jung-alt, arm-reich, schwarz-weiß, Plattenbau-Palais), so sehr ist der Film doch ein Plädoyer für deren Überwindung und für das Erkennen von Wert und Würde in jedem von uns.

Dass es dabei sowohl gelingt, die arg melodramatische Ausgangssituation (siehe Problem 1) auszuhebeln als auch einen sensiblen Umgang mit Witzen über Klasse, Rasse und nicht zuletzt Behinderungen zu finden, ist eine Meisterleistung. Omar Sy hat daran den größten Anteil, auch sein Counterpart François Cluzet glänzt hier: Sein Philippe will sich auch im Rollstuhl eine Grazie und Überlegenheit bewahren, die Driss ihm aber partout nicht zugesteht. Beide trauen einander zunächst nur soweit über den Weg, wie sie einander nützlich sein können. Philippe erhofft sich, dass Driss frischen Wind, Tatkraft und Unvoreingenommenheit in sein Leben bringt, natürlich nur auf Probe. Driss lässt sich ebenso unverbindlich auf das Experiment ein und steckt sicherheitshalber ein Fabergé-Ei ein, damit sich der Job geloht hat, falls er nur von kurzer Dauer sein sollte. Beide sind übergriffig und testen ihre Grenzen in dieser Beziehung aus, mit Provokationen und Frotzeleien über Status, Bildung oder körperliche Fähigkeiten.

Das ist der Schlüssel zum Funktionieren des Films: Sie begegnen sich auf Augenhöhe, im Guten wie im Schlechten. Das gilt schon zu Beginn, als Arbeitgeber und Arbeitsloser, später als Chef und Angestellter, schließlich auch als Freunde und Vertraute. Ziemlich beste Freunde erzeugt diesen Effekt mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und einer für dieses Genre ungewöhnlichen Rasanz. Dass der Film mit einer Actionsequenz beginnt, ist kein Zufall: Immer wieder gibt es Überraschungen und Tempo statt Innehalten und Reflexion. Tiefgang erreicht der Film trotzdem, beim Blick auf die sozialen Zwänge, denen Driss unterworfen ist, vor allem aber beim Umgang mit Philippes Behinderung und der Isolation, die daraus resultiert.

Bestes Zitat:

„Das ist genau das, was ich will: kein Mitleid.“

Der Trailer zum Film.

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