Durchgelesen: Kirsten Fuchs – „Die Titanic und Herr Berg“


Kirsten Fuchs liefert reichlich Sätze, die auch auf ein T-Shirt passen.

Autor Kirsten Fuchs
Titel Die Titanic und Herr Berg
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Reichlich geboten, hier. Zunächst für den Kopf. „Sätze mit Gebrauchswert, die nützlich sind und dennoch schön“, wie die FAZ erkannt hat. Sätze, die man ausschneiden möchte, auf ein Plakat schreiben oder auf ein T-Shirt. Sätze, die man einem Anrufbeantworter flüstern will oder einem sehr guten Freund an den Kopf werfen.

Kirsten Fuchs, Jahrgang 1977, hat nicht nur Lust auf das Spiel mit Sprache, sie ist richtig geil darauf. Es wird gedrechselt und pointiert, dass es eine Freude ist (und dass man ihr die Open-Mic-Schule anmerkt, durch die sie gegangen ist). Beispiel? „Ich ärgere mich. So wie als ich mal in einem Theaterstück war. Es ging um Kühe, seltsames Thema. Ich habe danach ‚Muh!‘ gerufen, weil ich witzig sein wollte. Das Stück war sehr witzig und ich rief ‚Muh!‘ und alle drehten sich um, weil sie dachten, ich hätte ‚Buh!‘ gerufen. Den ganzen Heimweg habe ich gedacht: Ich habe Muh gerufen. Ich habe Muh gerufen. Das war der seltsamste Satz, den ich je gedacht habe. Ich kam mir vor wie eine Kuh, die man fragt, wie ihr Tag so war. Ich habe Muh gerufen.“

Der Leser ist hier gefordert. Und gerade als er sich überfordert fühlt, gerade als er sagt: Ist ja schön fürs Hirn das alles, aber gibt’s hier auch was fürs Herz?, da legt die Geschichte von der Tanja (die Titanic), die bei dem älteren Sozialarbeiter Herr Berg eine, ähm, Herberge sucht, erst richtig los.

Völlig ungezwungen und ohne Klischees (nicht nur sprachlich) wird hier eine Liebesgeschichte erzählt, von Ost und West, von zu viel wollen und zu wenig wagen, von Sex und Verantwortung. Am Ende ist es eine aufrüttelnde, bewegende, wunderschöne Geschichte mit etwas weniger Opfern als der Untergang der Titanic. Aber nicht minder tragisch.

Beste Stelle: „Bald ist Silvster. Überall Knaller. Alle richten Raketen auf den Himmel, als ob sie mit dem Schicksal haderten und der Fügung, die sich von oben auf sie gestülpt hat, in den Arsch schießen wollen. Wäre ich Gott, ich wäre Silvester nicht zu Hause.“

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