Zugezogen Maskulin – „Alle gegen alle“


Künstler Zugezogen Maskulin

Zugezogen Maskulin Alle gegen Alle Kritik Review

Als sehr scharfe Analyse erweist sich „Alle gegen alle“.

Album Alle gegen alle
Label Four Music
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Alles brennt hieß vor zwei Jahren das Debütalbum von Zugezogen Maskulin (wenn man das zuvor veröffentlichte Gratisalbum nicht mitzählt). Das Schlimme ist: Nichts ist seitdem besser geworden auf der Welt. Das Schöne ist: Das Rap-Duo aus Berlin, bestehend aus Grim104 und Testo, hat nun auch die Antwort darauf, woran das liegt. Diese Antwort heißt so wie die heute erscheinende Platte: Alle gegen alle.

Egoismus, Ellbogen, Dekadenz und „Nach mir die Sintflut“-Mentalität, wie sie am deutlichsten von Donald Trump vorgelebt wird, der es damit auch noch zum „Führer der freien Welt“ gebracht hat, reiten uns alle immer tiefer in die Scheiße, lassen Gräben tiefer werden und neue Konflikte entstehen. Wie gut sie das erkannt haben, zeigen Zugezogen Maskulin etwa im Titelsong: Alle gegen alle beginnt mit Indiesound im Stile von The Naked & Famous, der Refrain würde dann eher zu Kraftklub passen, insgesamt ist das eine sehr gute und äußerst scharfe Analyse.

Was Grim104 und Testo dabei so glaubwürdig macht, ist die Tatsache, dass sie sich selbst nicht ausnehmen. Sie sind bemüht um Veränderung, Aufklärung und Konsequenz, aber sie sind Teil des Spiels – und sie wissen es. Ein Lied wie Vor Adams Zeiten zeigt das sehr deutlich. Der Sound nähert sich Techno und Elektronik an, nicht nur durch die Stimmeffekte, der Text erzählt vom Wissen um die Kraft des Triebs, um die Wirkungsmacht all dessen, was die Evolution uns eingepflanzt hat. Das, was als Natur in uns steckt, kämpft hier gegen das, was wir uns als Kultur antrainiert haben, und dieser Konflikt zwischen Herkunft und Moment findet sich bei Zugezogen Maskulin auch auf anderer Ebene immer wieder.

Uwe & Heiko blickt auf das Früher, auf die Heimat und fragt: Will man das abstoßen? Oder ins Herz schließen? Gewiss ist: Es wird bleiben, so oder so. Auch Nachtbus (das mit einem Zitat der Titelmusik von The Prince Of Bel Air beginnt), schaut auf den Zwiespalt zwischen der Provinz-Herkunft und dem vermeintlichen Großstadt-Glamour und fühlt sich erst „zwischen den Stühlen“, um dann zur Quintessenz zu gelangen „Ich hasse alle!“ In Der müde Tod blicken Zugezogen Maskulin auf einen depressiven Kumpel, dem sie beim Besuch in der alten Heimat begegnen wie einem Spiegelbild: So wären wir vielleicht heute, wären wir hier geblieben.

Natürlich steckt da ein beträchtliches Element von Orientierungssuche drin, ebenso eine nicht geringe Enttäuschung der Hoffnungen, die sie als sehr junge Menschen einmal an das Erwachsenenleben und die Zukunft insgesamt hatten. Das Heranwachsen, das man damals so beschissen fand, war vielleicht die letzte Lebensphase, die so etwas wie Geborgenheit bot, lautet der Verdacht in Teenage Werwolf. So sehr der Rest der Welt bloß fake und das (Online-)Leben vieler Menschen vor allem Inszenierung ist, so wahrscheinlich ist es, dass sie in ihrem eigenen Bemühen um Authentizität und Wahrhaftigkeit in der Minderheit bleiben werden, legt ein Track wie Steffi Graf nahe.

Alle gegen alle verwebt dabei immer wieder sehr geschickt die private und gesellschaftliche Ebene, etwa in Steine und Draht, das mit Synthies von Nikolai Potthoff (Ex-Tomte) garniert wird: Dass die Zeiten sich ändern (nicht nur zum Guten), dass jungen Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann durch den Gang der Welt, ist kein Phänomen, das nur ihre Generation betrifft, stellen sie hier fest. Was für eine Zeit macht sich über Pseudo-Aufregung, -Relevanz und -Dynamik der Welt 4.0 lustig, die noch lächerlicher wird, weil Zugezogen Maskulin wissen: „Alles ist zum Kotzen / Mittelmaß, wohin man sieht.“ Yeezy Christ Superstar ist das persönliche Pendant dazu und zeigt, dass dieser Zeitgeist auch das eigene Beziehungsleben nicht verschont: „Unsere Liebe liegt begraben / unter Instagram-Fassaden“, heißt die Erkenntnis.

Im Ergebnis entsteht ein Album, das atmosphärisch – natürlich auch dank der von Silkersoft produzierten Beats – sehr dicht und stimmig ist, vor allem aber engagiert, beispielsweise im Sinne von K.I.Z. Was die ultimative Stärke dieser Platte ist, zeigt Stirb! vielleicht am deutlichsten: Der Trend zum Gesundheitswahn wird hier einfach konsequent zu Ende gedacht, sodass ein grotesker, in jedem Fall aufrüttelnder Effekt entsteht. Auch das macht klar: Härte steht bei Zugezogen Maskulin nicht für dicke Hose, sondern für die Weigerung, unangenehme Dinge schönzureden und auszublenden.

Als Wächter des Wahnsinns zeigen sich Zugezogen Maskulin im Video zu Was für eine Zeit.

Website von Zugezogen Maskulin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.