6euroneunzig Fotzen an die Macht

6euroneunzig – „Fotzen an die Macht“

Künstler*in 6euroneunzig

6euroneunzig Fotzen an die Macht EP Review
Grell und angriffslustig sind die zehn Tracks der EP.
EP Fotzen an die Macht
Label RecordJet
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: RSK PR / Barbara Binner

Bestimmt wird es Menschen geben, die diese EP aus streng feministisch-materialistischer Perspektive analysieren und feststellen: Die Sache mit Fotzen an die Macht ziehen 6euroneunzig nicht konsequent genug durch. So plakativ sich Kat & Nina auch den Kampf gegen das Patriarchat auf die Fahnen geschrieben haben, so sehr liefern sie sich ihm vermeintlich aus. Von den zehn Tracks auf dieser Platte wurden nämlich neun von Dudes produziert. Die einzige Ausnahme ist Stalker Alert, das Übergriffigkeit im Club thematisiert und dessen Musik von Jinka stammt.

Frauen stehen im Scheinwerferlicht und zeigen Haut, Männer drehen im Hintergrund die Knöpfchen und sacken die Tantiemen ein – scheinbar wird hier dieses uralte Musikindustrie-Muster reproduziert. Doch diese Betrachtung wäre Quatsch. Erstens ist das Duo aus Berlin hier so erbarmungslos und street-wise, dass man sicher sein kann, dass bei 6euroneunzig alle Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Zweitens sind solche Grübeleien fehl am Platz bei einer Platte, die an erster Stelle unterhaltsam sein will, oder „einfach in-die-Fresse-Musik, die eine Message vermittelt und trotzdem tanzbar ist“, wie Kat & Nina das nennen.

Die Lust auf Spaß beweisen der Bandname (sie haben sich benannt nach dem Preis einer Margarita in der Happy Hour) ebenso wie die Selbstbeschreibung als „2 Bitches auf dem Weg zur Party“ oder ein Track wie BWL Justus, in dem die tödliche Kombination aus Mansplaining, Business-Geschwafel und Pseudo-Feminismus zerlegt wird, mit der Quintessenz: „Justus, halt dein Maul.“ Der Sound ist einfach beschrieben: schnelle Beats und schrille Synthies, was beispielsweise mit Deichkind vergleichbar ist, dazu feministische und sex-positive Texte, bei denen man (je nach Generation) vielleicht Nina Hagen, Sabrina Setlur oder die Toten Crackhuren im Kofferraum als Referenzen benennen kann. „Ich hasse den Stau / aber ich liebe den Verkehr“, stellen 6euroneunzig gemeinsam mit Mariybu in Pussypop klar, das musikalisch am besten gelingt und im Sound genauso wild, aggressiv und provokant wird wie im Text. „Ich bin zwar vegan / doch ich steh auf Schweinereien“, heißt es in Wenn ich will, das ein paar New-Wave-Elemente integriert.

Der Titelsong eröffnet die heute erscheinende EP mit einer Ansage an Trump, Putin und Macker allgemein. Der Track könnte zwar etwas mehr Punch vertragen, zumal als Opener, und auch der „9 to 5“-Teil passt nicht so wirklich gut hinein. Aber es ist von der ersten Silbe an klar, dass hier nichts weniger als eine Revolution angezettelt wird, in der vielleicht nicht gleich Köpfe rollen, die Guillotine aber durchaus für die eine oder andere Kastration eingesetzt werden könnte. Auch das folgende Alles brennt nimmt superreiche Männer und ihre fatalen Spleens ins Visier, mit der Schlussfolgerung: Wenn die uns schon an den Rand der Apokalypse gebracht haben, dann sollten wir wenigstens am Abgrund tanzen.

Hoe Hoe Hoe hatte schon als Weihnachtssingle gut funktioniert, macht aber auch ohne Advents-Kontext hier viel Spaß. „Wir brauchen keine Männer / wir brauchen nur Besamer / dann züchte ich noch mehr Fotzen ran / als damals Alice Schwarzer“, lautet die Drohung in Hexe. Der beste Track ist Scheiße am Schuh: Hier wird es textlich zwar etwas persönlicher, aber nicht weniger klar in der Aussage und auch nicht weniger hart. Falls sich der reumütige Ex-Freund tatsächlich noch Hoffnungen gemacht haben sollte, wird er nach der Titulierung als „Pisser“, „Wichser“ und „Red flag in Person“ jedenfalls höchstwahrscheinlich einsehen, dass er verkackt hat. Den Abschluss der EP macht das selbstbewusste Queen, in dem 6euroneunzig ebenfalls lustvoll eigene Maßstäbe setzen und eigene Regeln aufstellen, um diese dann genauso lustvoll auch wieder zu brechen.

Manchmal ist Fotzen an die Macht musikalisch etwas plump und auch textlich sitzt nicht jeder Reim und nicht jede Punchline. Mit einer klaren Botschaft, einer unwiderstehlichen Attitüde und vor allem einem riesigen Spaßfaktor machen Kat & Nina das aber locker wett. Wer sich selbst überzeugen will: Am 17. April spielen die beiden im Werk 2 in Leipzig.

Nichts weniger als militant sind Kat & Nina im Clip zum Titelsong.

6euroneunzig bei Spotify.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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