Chet Faker A Love For Strangers Review

Chet Faker – „A Love For Strangers“

Künstler*in Chet Faker

Chet Faker A Love For Strangers
41 Mal singt Chet Faker auf „A Love For Strangers“ über die Liebe.
Album A Love For Strangers
Label BMG
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: RSK PR / Capture Charles

„Ich bin definitiv ein Romantiker. Ich glaube nicht, dass das Leben den ganzen Schmerz, die Mühe und den Kampf wert ist, wenn man niemanden hat, den man sehr liebt.“

Das hat Chet Baker einmal gesagt. Das B ist hier keineswegs ein Tippfehler. Tatsächlich stammt das Zitat von dem 1988 gestorbenen Jazz-Trompeter. Dass Nick Murphy, der Mann hinter Chet Faker, diesen Musiker als Referenz für seinen Künstlernamen gewählt hat, mag wie ein etwas plumpes Wortspiel wirken. Aber spätestens mit dem heute erscheinenden dritten Album A Love For Strangers und dem Bezug zur eingangs erwähnten Aussage wird klar, wie gut das passt.

Der 37-jährige Australier weiß nämlich genau, dass kleine Veränderungen einen großen Unterschied machen können: Man tauscht einen Buchstaben in Namen aus, und das reicht aus, um sich direkt in die Ahnenreihe von Musikgrößen zu stellen und sich zugleich davon zu distanzieren. Eine musikalische Entsprechung für dieses Spiel mit subtilen Verschiebungen ist beispielsweise A Level Of Light: Nach und nach kommen in diesem Track immer mehr Elemente hinzu, trotzdem bleibt die Konstitution bis zum Schluss fragil. Auch in Over You gleich als Auftakt der Platte zeigt Chet Faker dieses Talent: Die Basis ist ein sehr satter Beat, Streicher und Bläser wehen vorbei, und im Zentrum steht der gute alte Liebeskummer.

Das führt zur zweiten Schnittmenge mit dem Zitat am Anfang. Denn ganz eindeutig ist dies eine Platte über die Liebe. Es geht darum, „herauszufinden, wie man ein Gefühl der Unmittelbarkeit, Verbundenheit und des Vertrauens zu Menschen entwickelt, die man nicht so gut kennt. Wie kann man auf dieser Ebene mit Menschen in Kontakt treten, während die Welt auseinanderfällt? Etwas, das ich nie wirklich empfunden habe, war Liebe zu Fremden, und das ist etwas, das ich zu spüren begann – dass man sich dafür entscheidet, Fremde zu lieben“, sagt Chet Faker. Wie zentral dieses Thema ist, kann man auch mathematisch ermitteln: 41 Mal kommt das Wort „love“ in den Texten von A Love For Strangers vor. Wie schwierig es dabei ist, zu lieben, Vertrauen aufzubauen, oder sich auch bloß anzunähern, lässt sich ebenfalls nachzählen. 11 Mal findet man das Wort „run“ (oder Abwandlungen davon), und meist bedeutet das, dass Chet Faker vor etwas oder jemandem davonläuft, statt die Begegnung zu suchen. „All that I can feel / are things that I run from“, wird dieser Widerspruch an einer Stelle des Albums zusammengefasst.

„I keep falling in love too much“, bekennt er in 1000 Ways, später beklagt er seine Inefficient Love. Fast immer geht es dabei nicht nur um den Moment, sondern um den Blick ganz weit zurück („A millions years, a million fights“) ebenso wie in die Zukunft, sogar bis hin zur Ewigkeit. Am besten bringt Murphy das in This Time For Real auf den Punkt. „And the clock keeps ticking / but I’m going too fast / I don’t know if it’s real, baby / I don’t know what’ll last“, lautet die Erkenntnis, begleitet von einem Gospel-Piano, Quasi-Sprechgesang und einem betörenden Refrain, in dessen „This time for real“ genau die richtige Balance aus romantischem Versprechen und schmerzhaft erlerntem Selbstzweifel steckt.

Musikalisch fügt das äußert reizvoll uralte Elemente aus Soul, Rock und der Singer-Songwriter-Tradition mit Samples und komplexen Beats zusammen, die oft an die TripHop-Ära denken lassen. Chet Faker betrachtet A Love For Strangers als „eine Ode an meine Kindheit, als ich Jungle-Breakbeats in Playstation-Spielen und Big-Beat-Rave-Musik in Filmen hörte. Aber gleichzeitig war ich nur ein Kind, das im Auto meiner Mutter Radio hörte – diese Pop-Platten aus den frühen 2000er Jahren mit viel Klavier und sehr klarer Produktion neben den Post-Grunge-Sounds, die damals noch umherschwirrten. Ich wollte diese Sounds zusammenbringen, um das Gefühl wiederherzustellen, das ich damals hatte, als all diese Musik mich umgeben hat.“

Wie das klingen kann, macht etwa die Single Far Side Of The Moon deutlich, an der Simon Lam (Armlock) mitgearbeitet hat. „Call my name from the far side of the moon / and I will come along for you“, singt Chet Faker als Beispiel für den Moment, in dem man vor lauter Hingabe in die Beziehung das eigene Ich zu vernachlässigen droht. Man könnte sich so ein Lied beispielsweise von Coldplay vorstellen, allerdings passiert hier musikalisch viel mehr als in einem üblichen Popsong. Zugleich entfalten sich viel mehr Schönheit, Emotionalität, Spontaneität und Wärme, als man das normalerweise in Beat-lastiger Musik erleben darf.

Auch Oh No Oh No zeigt in nur 117 Sekunden dieses Talent: Es gibt einen sehr forschen Bass und einen beträchtlichen Drive, aber es ist trotzdem so viel los, dass man es niemals „straight“ nennen könnte. Remember Me vereint ein opulentes Orchester zu Beginn mit einem dezenten Beat, prominenten Saxofon und leidenschaftlichem Gesang. Als Interpreten für The Thing About Nothing (feat. aLex vs aLex) könnte man sich so etwas wie Mumford & Bits vorstellen. Um diesen Sound so präzise wie möglich hinzubekommen, hat Chet Faker erstmals selbst abgemischt. „Ich wusste, wie es sich anfühlen und klingen sollte, und es wurde immer schwieriger, das den Leuten zu vermitteln, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe“, erzählt er. „Ich hatte einen ganz bestimmten Sound im Kopf, und es war viel Arbeit, ihn zu verwirklichen.“

Als Referenzen führt er etwa Prefab Sprout, The Blue Nile, White Ladder sowie den elektronischen Rock der späten 1990er Jahre an. Auch sein Debüt Built On Glass (2014) hat für die Ästhetik eine Rolle gespielt. „Als ich diese Platte wieder hörte, erinnerte sie mich daran, wo ich angefangen hatte, warum ich angefangen hatte und was ich an meinen Anfängen so geliebt hatte – und das hat das neue Album wirklich geprägt“, reflektiert er. „Ich wurde sehr schnell sehr groß, und damit kam eine Menge Verwirrung darüber, was die Leute an meiner Musik eigentlich liebten – und ich wollte auch sicherstellen, dass ich den Leuten etwas gab, das sie mochten. Man muss sich immer zwischen verschiedenen Ansätzen entscheiden, und in den vergangenen Jahren bin ich zu meinen Anfängen zurückgekehrt, aber ergänzt durch all die Lektionen, Entwicklungen und Reife, die ich mittlerweile gewonnen habe.“

Zwei Songs zeigen besonders eindrucksvoll, wie gut ihm das gelungen ist. „Love is a tidal wave come crashing down / and I am a passenger about to drown“, singt er in Can You Swim?, in dem er auch seinen 2020 verstorbenen Vater erwähnt, dessen Tod bereits auf dem Vorgängeralbum Hotel Surrender (2021) seine Spuren hinterlassen hatte. Danach spürte er so etwas wie emotionale Nachbeben, sagt er. „Jeder, der jemals eine traumatische Phase durchgemacht hat, weiß, dass wir oft für einen Moment in uns gehen müssen, um unser eigenes Licht zu finden und dann wieder aufzutauchen, um alles, was passiert ist, zu verstehen. Dieses Album ist meine Verarbeitung all dessen, was passiert ist. Wenn man Schwierigkeiten und Traumata verarbeiten muss, führt der Weg niemals genau geradeaus.“ Aus dieser Erfahrung macht er eine tolle, kluge, rührende Ballade.

Eine ganz ähnliche Atmosphäre entwickelt der Album-Schlusspunkt Just My Hallelujah mit gloriosem Chor und tollen Streichern, der noch ein bisschen trauriger und ergreifender wird, als Chet Faker ganz am Ende von der Kopf- in die Bauchstimme wechselt. So etwas könnte vielleicht herauskommen, wenn Nick Cave noch Liebeslieder schreiben würde. „Dieses Album ist für mich ein Versuch der Selbstheilung“, sagt der Künstler. „Ich versuche herauszufinden, wie ich auf gesunde Weise mit Menschen in Kontakt treten und meinen Platz im Leben finden kann.“ A Love For Strangers lässt nur einen Schluss zu: So aufreibend diese Suche für ihn zu sein scheint, so aufregend ist es für uns, ihn dabei zu begleiten.

Das Video zu This Time For Real ist noch in NYC entstanden, mittlerweile lebt Chet Faker aber in Tuscon.

Website von Chet Faker.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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