| Künstler*in | Deine Cousine |
|
|---|---|---|
| Album | Ich bleib nicht hier | |
| Label | Attacke Records | |
| Erscheinungsjahr | 2022 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Fleet Union / Wolfgang Zac |
Ich bleib nicht hier ist das zweite Album von Deine Cousine, und man kann darauf etliche Spuren von Punk finden. Es gibt laute E-Gitarren, es gibt schnelles Knüppelschlagzeug, es gibt auch reichlich Kraftausdrücke. Die Geschichte von Ina Bredehorn, die hinter diesem Namen steckt, ist ebenfalls eine des Aufbegehrens. Sie wuchs in einem Dorf in Niedersachsen auf und wusste früh um ihre Liebe zur Musik. Mit 14 gründete sie die erste eigene Band. Doch den auf dem Land üblichen und von den Eltern eingeforderten bürgerlichen Pfaden wollte sie sich dann doch nicht verweigern. Nach Schulabschluss und Ausbildung wurde aus ihr deshalb zunächst eine Industriemechanik-Meisterin. Irgendwann erschien die Perspektive eines geregelten Lebens aber dann doch so wenig verlockend und der Wunsch, es einmal wirklich voll und ganz mit der Musikkarriere zu versuchen, riesengroß. Sie zog nach Hamburg, brachte sich dort selbst Gitarre und Klavier bei, schlug sich durch und legte los. Attacke hieß bezeichnenderweise das 2019 veröffentlichte Debütalbum.
Es gibt in diesen zwölf Liedern, und das passt so gar nicht zu diesem Punk-Narrativ, aber auch sehr viel Lust auf große Gesten (Chöre sind nicht selten, und besonders gerne singen sie „Ohoho“), viel handwerkliches Können und sogar Stücke, an denen als Co-Autoren Daniel Flamm und Markus Schlichtherle beteiligt waren, die beispielsweise auch schon Christina Stürmer, Helene Fischer und Patrick Kelly beliefert haben. Schlager, also, mehr oder weniger.
Genau zwischen diesen Polen positioniert sich Deine Cousine hier, und das könnte ein undankbarer, peinlicher Ort sein, mit Widersprüchen in Ästhetik und Attitüde, die letztlich nicht aufzulösen sind. Küsschen links, Küsschen rechts ist ein Song, der dieses Risiko illustriert: Es gibt hier einen harten, rabaukigen Beat ebenso wie eine Keyboard-Fanfare, die zu Matthias Reim passen würde. Und es gibt eine Botschaft (niemand braucht falsche Freunde, Authentizität ist wichtig, am Ende werden die belohnt, die anständig und aufrichtig sind), die so schlicht ist, dass sie in Schlager genauso passen würde wie in Deutschpunk. Dass dieses Lied – und das Album insgesamt – dennoch überzeugend wird, hat zwei entscheidende Gründe. Erstens die Energie und Überzeugung, mit der Ina Bredehorn hier agiert. Zweitens die Erkenntnis, dass zum Punk-Spirit eben auch gehört, sich keine (stilistischen) Grenzen setzen zu lassen und im Zweifel sogar auch kitschige Synthies einzubauen, wenn man Bock drauf hat.
So gibt es auf Ich bleib nicht hier auch etwas Elektronik (Kaputtgeliebt wird eine Ballade darüber, dass eine ganz besondere Intensität kaum ewig halten kann und wohl dazu verdammt ist, schneller zu verglühen), groß arrangierten Powerpop à la Bruce Springsteen (369 erzählt eine Geschichte von Demenz, die grausam ist, und von der Provinz, wo es nicht so schwer ist, zum Vorbild in Sachen Unangepasstheit zu werden) oder Ska-Bläser wie in Bielefeld, Paris oder Madrid, das ebenfalls Flucht, Kompromisslosigkeit und Abenteuerlust propagiert.
Vor allem aber gibt es den Sound, den man angesichts der Karrierestationen von Deine Cousine erwarten darf: Sie gehört zur Liveband von Udo Lindenberg, sie war Support für Madsen und auch bereits auf Tour mit den Toten Hosen und Fury In The Slaughterhouse (mit denen sie sich auf dieser Platte auch Produzent Vincent Sorg teilt). Alles ist sehr eindeutig, alles liebt ROCK in Großbuchstaben, alles klingt so sehr nach Festival, dass man meinen könnten, sämtliche Beteiligte hätten sich während des Entstehungsprozesses ausschließlich von Marios Pizza und Bier als dem Plastikbecher ernährt, die Nächte im Schlafsack und die Pinkelpausen auf dem Dixieklo verbracht.
Das ist keineswegs eine schlimme Sache. Irgendwo da draußen eröffnet das Album mit einer Gitarrensequenz, die an Pinball Wizzard erinnert, und der Frage: „Hey, bist du auch noch wach?“ Diese direkte Ansprache als Aufruf an andere Außenseiter und Seelenverwandte ist typisch für Deine Cousine, ebenfalls der Ansatz, dass alles direkt am Anschlag ist, vor allem der Gesang. Bang, Bang erweist sich danach als Liebeslied ohne Sentimentalität, dafür mit viel Leidenschaft, Stärker als du denkst propagiert Empowerment sehr offensichtlich und direkt, aber auch wirkungsvoll und glaubwürdig.
Der Titelsong ist einer der wenigen Momente, die nicht ganz straight sind, sondern im Sound und Text sogar Abgründe andeuten, rund um die Erkenntnis, sich selbst der größte Feind zu sein. Man könnte vielleicht Grunge dazu sagen, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier auf keinen Fall lamentiert werden darf. Ohnehin erweist sich die Überzeugung, die Dinge selbst in der Hand zu haben, das Leben gestalten und das Schicksal herausfordern zu können, als die größte Stärke dieser Platte. „Schmeiß dein altes Leben weg“, lautet beispielsweise die Aufforderung in Träume findet man im Dreck.
Ein riesiger Pluspunkt sind – durchaus erstaunlich angesichts des Images von Deine Cousine als Energiebündel – auch die Balladen auf dieser Platte. Bring mich nach Hause dürfte ein toller Rausschmeißer bei ihren anstehenden Konzerte werden, denn es geht hier ebenso sehr um Erschöpfung und einen Hauch von Vernunft wie um das Wissen um den eigenen Hang zum Über-die-Stränge-Schlagen, zur (meistens trügerischen) Hoffnung, dass eine turbulente Nacht mit noch einem Schnaps, noch einem Lied, noch einem Flirt noch spektakulärer werden könnte. „Bitte bring‘ mich nach Hause / bevor ich wieder Scheiße baue / sonst bleib‘ ich wieder hier / bis es komplett eskaliert.“
Noch besser wird der Album-Schlusspunkt Einen noch, der eine ähnliche Ausgangssituation besingt. Es ist keine leichte Übung, ein Sauflied zu schreiben, das cool ist und zugleich auf eine geradezu aufwühlende Weise schön wird. Aber hier gelingt es meisterhaft, weil alles zusammen kommt, was Deine Cousine so reizvoll macht: Der Wille, hymnisch und einnehmend zu sein. Die offenen Arme für alle, die 9 to 5 lieber aus dem Weg gehen wollen. Die Überzeugung, dass hier – in der Kneipe oder im Club, mit Kumpels oder mit Fremden – das wahre Leben stattfindet. Und vor allem der tief verinnerlichte Glaube, dass Rockmusik der Weg ist, dem Ideal des eigenen Lebens so nah zu kommen wie nur möglich.


