Der Tiger Filmkritik

Der Tiger

Film Der Tiger

Der Tiger Filmkritik
Philip Gerkens (David Schütter) und seine Männer sind auf geheimer Mission in Feindesland.
Produktionsland Deutschland
Jahr 2025
Spielzeit 122 Minuten
Regie Dennis Gansel
Hauptdarsteller*innen David Schütter, Laurence Rupp, Leonard Kunz, Sebastian Urzendowsky, Yoran Leicher, Tilman Strauß, André Hennicke
Bewertung

Worum geht’s?

Herbst 1943 an der Ostfront: Leutnant Philip Gerkens hat mit seinem Tiger-Panzer samt 5-köpfiger Besatzung gerade eine äußerst brenzliche Situation während des deutschen Rückzugs über den Dnepr gemeistert. Da erhält er direkt einen neuen Auftrag, der deutlich gefährlicher und streng geheim ist: Er soll mit seinen Männern Oberst von Hardenburg aufspüren, der sich in einem Bunker im Niemandsland verstecken soll. Er hat hoch sensible Unterlagen bei sich, die auf keinen Fall den Russen in die Hände fallen dürfen. Dafür müssen Gerkens und seine Panzerbesatzung aber mitten durchs Feindesland, und zwar ohne Unterstützung. Sie haben nur 48 Stunden Zeit für die „Operation Labyrinth“, die sich schon bald wie ein Himmelfahrtskommando anfühlt.

Das sagt shitesite:

Der Tiger war die erste deutsche Originalproduktion von Amazon MGM Studios, die im Kino lief, zumindest kurz und in ausgewählten Sälen. Die eine Sache, die dabei wirklich perfekt gelungen ist, ist der Titel. In Zeiten, in denen die deutsche Rüstungsindustrie wieder riesige Umsatzsprünge macht, verkörpert Der Tiger überlegene Technik, stetig lauernde Gefahr und weckt nicht zuletzt auch die Assoziation von persönlichem Mut. All das spielt in diesem Antikriegsfilm eine gewichtige Rolle. Nicht zuletzt ist der Panzerkampfwagen VI Tiger, der von 1942 bis 1944 gebaut wurde, über weite Strecken auch der Schauplatz des Geschehens.

Allein die Enge in diesem 57-Tonnen-Koloss, der auf dieser Mission öfter wie eine Todesfalle als wie ein perfekter Schutz wirkt, sorgt für eine klaustrophobische Atmosphäre, die durch die sehr gelungene Kameraarbeit von Carlo Jelavic verstärkt wird. Wie man das etwa aus Das Boot kennt (an einer Stelle gibt es hier tatsächlich auch eine Unterwasserfahrt), lernen wir dabei die Mitglieder der Panzerbesatzung nach und nach besser kennen. Neben dem Leutnant gibt es einen Winzer, einen Lokführer, einen Bauer und einen Lateinlehrer. Auch das ist vertraut aus solchen Filmen: Die Mannschaft bildet einen möglichst repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft, vom Landwirt bis zum Akademiker, von Österreich bis Hamburg, von Schlesien bis in den Ruhrpott. Wir erleben die fünf Männer in den erstaunlich zahlreichen ruhigen Passagen dieses Films beim Rauchen und Sprücheklopfen, beim sehnsüchtigen Blick auf die Fotos von der Liebsten aus der Heimat, auch beim Grübeln über die eigene Verletzlichkeit. Sie werden zusammengehalten durch gemeinsam durchlebte Angst und Strapazen, nicht viel anders als in Der Soldat James Ryan.

Sehr clever ist dabei der Zeitpunkt, an dem die Handlung angesetzt ist. Acht Monate nach Stalingrad redet an der Ostfront keiner mehr vom Sieg, auch nicht im Panzer von Leutnant Gerkens. Es geht um Pflichterfüllung („Wir hatten keine Wahl. Wir hatten Befehle“, sagt der Kommandant an einer Stelle), es geht darum, sich gegenseitig beizustehen, und im besten Fall darum, gesund oder wenigstens lebend nach Hause zu kommen. Das ist schwierig genug inmitten von Minen, Wracks und Partisanen, und so wachsen im Panzer nach und nach auch die Zweifel an der Mission (der Oberst, für den die Männer ihr Leben aufs Spiel setzen, ist laut Gerüchten womöglich übergelaufen oder war von vorneherein ein russischer Spion), sogar am Krieg insgesamt, was mindestens genauso viel zur Spannung beiträgt wie die spektakulären Gefechtsszenen. Zugleich ist diesen Soldaten zwar noch nicht klar, welche Katastrophe dem Reich bevorsteht, das sie schützen wollen, aber ihnen schwant bereits, dass sie sich irgendwann damit auseinandersetzen werden müssen, was sie im Krieg getan haben.

Gerkens kennt die Verbrechen, die in diesem Krieg bereits geschehen sind, als Zeuge und als Täter. Ein Problem an Der Tiger ist, dass die Opfer dieser Verbrechen keine Namen, keine Gesichter, keine Gestalt bekommen. Es wäre ein Leichtes gewesen, das zu ändern, und es wäre ein wichtiges Signal gewesen in einer Zeit voller Militarisierung und Nationalismus, der Perspektive der deutschen Soldaten hier etwas entgegenzusetzen, und stärker zu betonen, dass sie nun zwar auf dem Rückzug sind, aber dennoch die Aggressoren in diesem Krieg waren.

Noch heikler ist das Ende dieses Films. Dennis Gansel, der gemeinsam mit Colin Teevan auch das Drehbuch geschrieben hat, setzt hier auf eine kolossale Überraschung, die vermutlich klug gedacht ist. Es geht wohl um die Botschaft, dass niemand seine Schuld einfach abstreifen kann, auch nicht durch eine Heldentat und schon gar nicht durch das Berufen auf einen „Befehlsnotstand“. In den letzten Minuten von Der Tiger werden Verrat, Verblendung und Verantwortung diskutiert, umrahmt von einer surrealen Umgebung voller Verweise auf das letzte Abendmahl und das ewige Fegefeuer. Zwar haben die Macher versucht, diese Pointe anzumoderieren durch Flashbacks, die Leutnant Gerkens  immer wieder heimsuchen, durch seltsame Begebenheiten wie ein Reh am Wegesrand, einen Kompass ohne Richtung, plötzlich leere Seiten in einer Mappe mit dem Einsatzbefehl, stehengebliebene Uhren, von Bäumen baumelden Zombie-Leichen und russische Soldaten, die viel zu schnell zu Skeletten werden. Auch die Aufputschmittel, die von der Panzerbesatzung geschluckt werden, sollen wohl ein Element der Unzuverlässigkeit in das Geschehen bringen. Trotzdem erzeugt dieses Ende einen viel zu großen Bruch mit dem vorherigen Charakter des Films, zudem auch für viele erzählerische Widersprüche und Ungereimtheiten. Das wird durch den Überraschungseffekt nicht aufgewogen – und auch nicht durch den Appell, das es vor der Reflexion der eigenen Taten kein Entkommen gibt.

Bestes Zitat:

„Das Reich hat einen so großen Appetit auf Tod entwickelt, so viel Munition kann man gar nicht herstellen.“

Der Trailer zum Film.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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