Die Nerven Europa

Die Nerven – „Die Nerven“

Künstler*in Die Nerven

Die Nerven Albumkritik
Die Quintessenz des Trios findet sich auf Album #5.
Album Die Nerven
Label Glitterhouse
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung Foto oben: Check Your Head / Lucia Berlanga

Wenn ein Album so heißt wie die Band selbst, dann hat man es normalerweise entweder mit einem Debüt zu tun oder mit einem Moment in der Karriere einer Gruppe, in dem sie signalisieren will: Alles ist neu, wir fangen ganz von vorne an – gerne auch genommen als Abkehr von einem (kreativ und/oder kommerziell) misslungenen Move unmittelbar zuvor.

Bei Die Nerven trifft keines von beiden zu. Vielmehr sind Kevin Kuhn (Schlagzeug), Julian Knoth (Bass und Gesang) und Max Rieger (Gitarre und Gesang), die seit 2010 gemeinsam musizieren, nun zur Erkenntnis gelangt, dass diese Platte genau das liefert, was ihre Band ausmacht. Es ist die Quintessenz dessen, was sie über die ersten vier Longplayer und in unzähligen Konzerten entwickelt haben. Die zehn Lieder sind erstklassig in Komposition, Sound und Dramaturgie. Sie sind „Gegenwartsbetrachtungen mit Schaum vor dem Mund“, wie der Pressetext es nennt, und sie sind einzigartige Rockmusik.

Ein paar sehr gewichtige Veränderungen gab es dennoch im Entstehungsprozess. Erstens: Auch Die Nerven mussten während der Corona-Pandemie eine lange Live-Pause einlegen. Damit fehlte ein wichtiges Element, das zuvor stets Antriebskraft, Energie und Zusammenhalt verstärkt hatte. Sie kompensierten das, indem sie erstmals überhaupt seit den Anfangstagen in Esslingen so etwas wie einen Proberaum bezogen. Dort konnten sie das Miteinander leben, bloß ohne Publikum. Zweitens waren diesmal alle drei Mitglieder aufgefordert, beim gemeinsamen Songwriting nicht mehr so sehr nach Kompromissen zu suchen, sondern ihre jeweiligen Eigenheiten erst recht zu betonen. Auch das ist gemeint, wenn von der „Quintessenz“ dieses Trios die Rede ist: Natürlich ist das weiterhin ein dreiköpfiges Monster, aber die Gesichter der einzelnen Monster sind nun besser zu erkennen als je zuvor. Drittens ist die Band diesmal nicht mit Skizzen ins Studio gegangen, um sie dort auszuarbeiten, sondern mit 20 ausgereiften Songs, die dann in den Berliner Candy Bomber Studios live eingespielt wurden. Die besten 10 davon sind schließlich auf Die Nerven gelandet.

Angesichts der hier zu findenden Qualität darf man stark vermuten, dass auch die aussortierten zehn Stücke noch eine sehr passable Platte abgegeben hätten. Zugleich erscheint es, als hätten Die Nerven die neu verfügbare Quantität vor allem genutzt, um einen perfekten Spannungsbogen für das Album zu gestalten. Es gibt keinen Song, der herausragt, und keinen, der abfällt – aber eben auch keinen einzigen Moment, der langweilig oder überflüssig wäre.

Europa eröffnet das Werk zunächst recht ruhig, bevor es nach knapp 100 Sekunden explodiert. Das Lied steckt klanglich den Rahmen und verweist auch bereits auf ein wichtiges Leitmotiv der Texte. Zeilen wie „So wird’s nie wieder sein“ verweisen auf die Ahnung, dass eine (behütete) Ära für den Kontinent und seine Menschen zu Ende geht, denn plötzlich sind diverse Bedrohungen (Pandemie, Gewalt, Zersetzung) ganz real. „Und ich dachte irgendwie / in Europa stirbt man nie“ – natürlich war das eine Illusion. Dieser Gedanke taucht auch später immer wieder auf. „Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen“, heißt es in Ein Influencer weint sich in den Schlaf. „Ich dachte mir: Zur Hölle mit meinen Privilegien / und jetzt bin ich dankbar, dass ich welche hab“, lautet das Bekenntnis in Ganz egal. Der mit opulenten Streichern (!) angereicherte Album-Abschluss 180° berichtet vom „Anfang vom Ende“, was vielleicht bloß Vergänglichkeit meint, vielleicht aber auch die Apokalypse.

Ohnehin sind die (übrigens durchweg bereits 2018/19 entstandenen) Texte wieder abstrakt genug, um Interpretationsspielräume und Geheimnisse zu ermöglichen, aber konkret genug, um nicht völlig in der Luft zu hängen (was schnell blasiert wirken kann), wie etwa Keine Bewegung zeigt. Ein paar Mal kann man sich recht sicher sein, was da gerade thematisiert wird: In Alles reguliert sich selbst sind die Lügen des Systems erkannt, das führt bei Die Nerven allerdings nicht so sehr dazu, Alternativen zu entwickeln oder eine Revolte zu starten, sondern erst einmal zur Analyse, wie man überhaupt darauf hereinfallen konnte. 15 Sekunden scheint mit Social Media und den schwindenden Aufmerksamkeitspannen abzurechnen zu einer Musik, deren enorme Kraft nie plump oder ungerichtet ist.

Musikalisch lässt Der Erde gleich besonders aufhorchen, weil es einerseits orientalische Elemente integriert und andererseits zugleich sehr deutlich darin erinnert, dass Punk der Ursprung dieser Band ist. Auch den erstaunlichen Groove und die vergleichsweise große Zugänglichkeit eines Tracks wie Ein Tag hätte man nicht unbedingt erwartet. Beide Songs zeigen, was Die Nerven letztlich insgesamt ausmacht: Alles ist unverkennbar sehr genau durchdacht, aber da ist auch mehr als genug Herz und Bauch im Spiel, vor allem aber genug Gift und Galle.

Das Video zu Keine Bewegung.

Die Nerven bei Spotify.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.