Die Regierung Immer unbekannt Albumkritik

Die Regierung – „Immer unbekannt“

Künstler*in Die Regierung

Die Regierung Immer Unbekannt Rezension
„Immer unbekannt“ spielt natürlich auf den Underground-Status von Die Regierung an.
Album Immer unbekannt
Label Staatsakt
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Staatsakt / Martin Steinacker

Die einen schmettern „I can’t live, if living is without you“, die anderen heulen ein Nothing Compares 2 U, wieder andere sind sich bei ihrem You Belong To Me völlig sicher, selbst wenn der Love Interest glücklich vergeben ist. All das zeigt, wie sehr die Liebe im Pop (und durchaus auch in der Poesie) als Kampf inszeniert wird. Man soll sich anstrengen, um die angehimmelte Person für sich zu gewinnen. Man soll sich in einer Beziehung ins Zeug legen, um eine gute Balance aus Harmonie und Autonomie hinzubekommen. Wenn das Aus droht, soll man sich mit allem, was man hat, für den Erhalt dieser Liebe einsetzen.

Was völlig undenkbar scheint, ist Gelassenheit. Wenn ein Partner geht, wird irgendwann ein anderer kommen. Wenn aus einem Flirt nichts wird, dann soll es wohl nicht sein. Wenn es in einer Beziehung nicht mehr läuft, dann kann man es im Interesse aller Beteiligten auch einfach zu Ende gehen lassen. Genau diesen Blick auf die Liebe zelebriert Die Regierung auf dem morgen erscheinenden Immer unbekannt. Man könnte meinen, solchen Liedern müsse dann die Spannung fehlen. Doch was Tilman Rossmy (Gesang, Gitarre), Robert Lipinski (Bass), Ralf Schlüter (Tasteninstrumente), Ivi Vukelic (Gitarre) und Alexander Lieven (Schlagzeug) daraus machen, ist höchst erstaunlich.

„Jedes ‚Ich lieb dich mehr als du mich‘ und dieser ganze damit zusammenhängende Mindfuck geht den Bach runter! Dabei ist es genauso unmöglich nicht zu lieben, wie aufzuhören zu atmen. Der Albumtitel spielt natürlich auch mit unserem Status im Musikgeschäft. Er beschreibt aber auch das, was ich schließlich und endlich sagen will: Die Liebe ist immer unbekannt!“, erläutert Frontmann Tilman Rossmy. Das Lied, auf das er sich bezieht, heißt Liebe wie Atmen und wird sehr schick im Stile etwa von Style Council oder The Divine Comedy. „Zu lieben ist wie atmen / es erfordert keine Anstrengung (…) du musst es nicht selber tun“, heißt es mit dieser typisch näselnden Stimme und den gerne etwas spleenigen Texten, die zwischen selbstverliebt und genialisch pendeln.

Famos ist, wie kraftvoll die Band klingt, die vor mehr als 40 Jahren mit Supermüll ihr erstes Album vorgelegt hatte. Die Produktivität der Regierung, die seit dem Comeback im Jahr 2017 nummehr bereits fünf Alben hervorgebracht hat, geht in jedem Fall keineswegs auf Kosten von Schwung oder Energie. Schon der Auftakt Der Schmerz bin ich ist hart, treibend und auch etwas lärmend. Heute ist ein guter Tag tut man mit dem Attribut „Space-Rock“ wohl nicht unrecht, Nie den Boden berührt hat viel Leichtigkeit, Frische und Biss – und all das auf nicht-prahlerische, unverkrampfte Weise. Die Single Eine Sekunde frei lebt von ihrem ungewöhnlichen Beat, das extrem coole Wohin ich auch geh bin ich schon da unterstreicht, dass diese Band den Weg für Acts wie Pabst, Die Nerven oder Odd Couple bereitet hat. „Ich versuche es immer weiter / und bin sicher, dass ich scheiter“, lautet eine Zeile. Wie Rossmy auch hier seine Gefühle personalisiert und dabei auch Grundsätzliches und Philosophisches integriert, ist ein großes Vergnügen.

Unbekannt kreist um die Zeile „Ich liebe meine Liebe“ und um das herrliche Gefühl, dass alles genau so passt, wie es gerade ist. Die Musik dazu ist entspannt und souverän, wird aber in keinem Moment bequem oder ereignislos. „Die Liebe kann man auch Leere, Leben oder eben auch Unbekannt (?) nennen“, sagt er über diesen Song. „Sie hat keinen Namen! Sie hat keinen Anfang, sie hat kein Ende und es ist unmöglich, etwas über sie zu erzählen. Aber ich versuche es als Songschreiber natürlich trotzdem und scheitere dabei mehr oder weniger glorreich. Ich füge dabei immer mehr scheinbar unzusammenhängende Ereignisse und Erkenntnisse in einem Song zusammen. Und wenn es dann gut klingt, kann etwas Geheimnisvolles entstehen! Oder ich behaupte einfach, dass Lieben wie Atmen ist! So dass du checken kannst, ob das wahr ist, oder nicht. Wäre auf jeden Fall toll, oder?“

Du kannst mir gar nichts geben vereint einen schrägen Funk-Rhythmus mit ungewöhnlicher Instrumentierung und zumindest angedeuteter Romantik („Eigentlich ist es unmöglich, dich nicht zu lieben“), Ich liebe Niemand bringt mit einer besonders prominenten Orgel die Freude über die Inspiration und die Musik als Ausdrucksform zum Ausdruck, mehr noch aber die Wonne der Gelassenheit. Auch in Ich kann mein Glück nicht fassen gießt Die Regierung wieder so eine Zen-Attitüde in Noten. Vielleicht das größte Kunststück dabei: All das klingt kein bisschen missionarisch oder besserwisserisch, sondern weise und inspirierend.

Das Video zu Eine Sekunde frei.

Die Regierung auf Spotify.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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