| Künstler*in | Dita von Teese |
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| Album | Dita von Teese | |
| Label | Record Makers | |
| Erscheinungsjahr | 2018 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Domino / Zackery Michael |
Marilyn Monroe hat Platten veröffentlicht, ebenso Samantha Fox, Jayne Mansfield, Raquel Welch, Ursula Andress, sogar Pamela Anderson. Sie alle haben gemeinsam, dass sie ihren Ruhm nicht in erster Linie tollem Gesang zu verdanken haben, sondern ihrem Image als Sexsymbol, das sie sich an anderer Stelle aufgebaut hatten. Dass nun Dita von Teese, Wiederbegründerin der Burlesque-Kunst in den USA und Betreiberin einer eigenen Modelinie für Unterwäsche, ebenfalls diesen Weg geht, ist also nicht komplett überraschend.
Sie hat zudem bereits Features beispielsweise mit Monarchy und Die Antwoord gehabt, gibt aber auch zur Veröffentlichung ihres ersten vollständigen Albums bereitwillig zu, dass Gesang nicht der Bereich ist, in dem sie ihre größten Stärken sieht. „Ich fühle mich ziemlich unwohl dabei, meine Stimme aufzunehmen. Aber ich genieße den Nervenkitzel, Dinge zu tun, die außerhalb meiner Komfortzone liegen“, sagt sie. In der Tat merkt man den elf Tracks der Platte an, dass hier nicht ein lange verborgenes Naturtalent seine tolle Stimme offenbart. Im Auftakt Sparkling Rain spricht Dita von Teese in der Strophe eher, als dass sie singt, begleitet von Calypso-Rhythmus und Marimba-Sounds. Im folgenden Rendez-vous haucht sie ihre Passagen, statt voll zu intonieren, sodass so etwas wie Easy-Listening-Reggae entsteht. In Saticula kann man dann gar von laszivem Stöhnen sprechen.
Dass sie trotz ihrer realistischen Einschätzung ihres Gesangstalents ein Album gemacht hat, liegt – neben dem Marketingeffekt, der sicher auch verlockend war – an Sébastien Tellier. Er hat die Songs hier geschrieben, unterstützt von seiner Ehefrau Amandine de La Richardière, die für die Texte verantwortlich war, sowie Keyboarder John Kirby (Solange, Blood Orange, Money Mark) und Schlagzeuger Daniel Stricker (Midnight Juggernauts), der auch coproduziert hat.
Der Franzose hat bisher nie gezielt für eine weibliche Stimme komponiert, fand nun aber nach eigenen Angaben die perfekte Lösung zur Umsetzung dieses Ziels. „Ich war auf der Suche nach jemandem, der sowohl schön als auch einzigartig ist. Als ich Dita zu einem Stück Musik tanzen sah, das ich für sie geschrieben hatte, hatte ich das Gefühl, dass ihre physische Präsenz und ihre Persönlichkeit perfekt zu meiner Musik passten, und ich begann, nur für sie zu komponieren. (…) Nachdem ich mit Dita gearbeitet habe, kann ich ohne Übertreibung sagen, dass sie eine Fantasiefabrik ist. Wenn man glaubt, ihr Geheimnis endlich gelüftet zu haben, entpuppt sie sich mehr denn je als ein Wesen aus Träumen, das völlig unerreichbar ist“, schwärmt er.
Die Bewunderung beruht dabei eindeutig auf Gegenseitigkeit, denn auch für Dita von Teese, die aus Michigan stammt und in Los Angeles lebt, ist der Franzose der musikalische Counterpart ihrer Träume. „Ich habe ihn in Kalifornien live gesehen und als ich zum ersten Mal im Crazy Horse in Paris auftrat, habe ich ihn eingeladen, weil ich so ein großer Fan war, ohne mir vorstellen zu können, dass er eines Tages ein ganzes Album für mich komponieren würde“, sagt sie.
Die Klänge der in Sydney, Los Angeles und Paris aufgenommenen Platte sind dabei meist sanft (man könnte auch sagen: Schlafzimmer-optimiert) und reichen von geheimnisvoll bis sphärisch. Manchmal kann man an Saint Etienne denken wie bei Bird Of Prey mit seiner verspielten Melodie, auch Air (in deren Dunstkreis sich Sébastien Tellier ja ohnehin gerne bewegt) klingen wiederholt an, etwa in Fevers And Candies. Ein typisches Beispiel für den Sound ist My Lips On Your Lips: Zunächst ist das Klavier prominent, dann rücken Beat und Bass nach und nach mehr in den Vordergrund. Die einzigen Tracks, die etwas energischer werden, sind Dangerous Guy mit einem ziemlich nervösen Rhythmus und der Album-Abschluss The Lunar Dance, der durch Eurodance-Anleihen viel Präsenz bekommt.
Warum die Welt diese Platte nun unbedingt brauchen soll, wird indes nicht klar. Einen neuen Blick auf die Persönlichkeit oder das künstlerische Selbstverständnis von Dita von Teese eröffnet ihre Sängerinnen-Inkarnation nicht, vielmehr könnte man sich all diese Lieder problemlos auch von einer anderen Interpretin (beispielsweise Kylie Minogue) vorstellen. Zudem ist das Werk mit 48 Minuten auch einen Hauch zu lang.
Einen besonderen Reiz bekommt das Album immerhin durch die sehr klar Bezugnahme auf historische Vorbilder. „Ich hatte die Fantasie, einen modernen Brigitte-Bardot-und-Serge-Gainsbourg-Moment zu erleben“, sagt Dita von Teese, und diese Referenz wird etwa in La vie est un jeu mit ihrem kokett-frivolen Lachen deutlich, auch in Porcelaine, in dem Sébastien Tellier sogar selbst mitsingt. Wohltuend ist auch die Bescheidenheit, mit der die Künstlerin diesen Gehversuch betrachtet. Es gibt keine Kampfansagen, kein Überhöhen der eigenen Fähigkeiten, auch keine herbeischwadronierte Beteuerung, dass Musik nun plötzlich das große neue Ding in ihrer Karriere sein soll. Vielmehr sieht sie sich selbst als Lernende, die hier eben ein Experiment gewagt hat. Dazu passt auch diese Zusammenfassung von Dita von Teese selbst: „Das Album zu beschreiben ist schwierig; vielleicht bin ich es mit weniger Make-up. Manchmal gibt es eine gewisse Verletzlichkeit, die im Kontrast zu meinem Bühnenimage als selbstbewusste und glamouröse Frau steht. Ich würde mich im wirklichen Leben nie trauen, solche Dinge zu sagen, und wenn ich jemals wirklich Lust hätte, solche Liebeserklärungen zu machen, würde ich mich wahrscheinlich sofort zurückhalten.“

