Frankie Cosmos Vanity Review

Futter für die Ohren mit Frankie Cosmos, Billy Idol, Avril Lavigne, Deine Cousine, These New Puritans und Kadavar

Subtil zu agieren, erscheint nicht sehr weise in Zeiten von Donald Trump, TikTok und Lady Gaga. Umso wohltuender ist es, wenn es trotzdem jemand versucht. Vor allem jemand mit so viel Talent wie Frankie Cosmos. Das Quartett aus New York bereitet mit Vanity (****) auf sein sechstes Album vor (Different Talking kommt am 27. Juni in die Läden) und klingt darauf so zurückgenommen, dass es fast als Wahnsinn erscheint für eine Lead-Single, die doch normalerweise mit Pauken und Trompeten (oder meinetwegen fetten Beats und harten Riffs) möglichst laut und möglichst schnell für möglichst viel Aufmerksamkeit sorgen sollte. Natürlich offenbaren Greta Kline, Alex Bailey, Katie von Schleicher und Hugo Stanley trotzdem viel Klasse in der Melodie, vor allem aber im Arrangement. Alles in diesem Lied wirkt spontan, organisch, fast improvisiert, aber da passiert unfassbar viel in Rhythmus, Instrumentierung, Charakter. „Ich begann eines Abends damit, als ich die rund 10 Kilometer weite Strecke vom Tompkins Square Park zum Sunset Park lief, wobei ich mich direkt an das Universum wandte und es inständig bat, mich zu beachten. Es fühlt sich an, als würde es dieses Wechselspiel zwischen Erwachsenem und Kind, Regierenden und Regierten, Planet und Grashalm einfangen“, sagt Frontfrau Greta Kline über Vanity. Gemeinsam mit dem Rest der Band hat sie die neue Platte erstmals selbst produziert. Katie von Schleicher beschreibt die Arbeitsweise so: „Wir würden alles tun, um Gretas Songs perfekt hinzubekommen, und da sie uns großzügig ihre Songs zur Verfügung stellt, haben wir viel Freiheit im Arrangement. Das ist ein seltenes Talent, gepaart mit einer seltenen Freiheit, und daran hat sich nichts geändert.“

Dieses Duett hatte man nicht unbedingt kommen sehen: 77 (***) ist die zweite Single, mit der Billy Idol auf Dream Into It aufmerksam machen will, sein erstes neues Album seit elf Jahren. Als Verstärkung hat er sich Avril Lavigne herangezogen. „77 ist ein Song über die Jugend, der auf jede Generation von Kids zutrifft, die sich als Teil einer Szene sehen – auch auf die Kids von heute“, erläutert Billy Idol die Idee dahinter. „Die erste Strophe, die Avril singt, handelt davon, auf das Außenseitertum stolz zu sein. Es geht darum, zu verstehen, dass die beliebten Mainstream-Kids, die sich für cool halten und Menschen ausschließen, die sie für weniger wertvoll erachten, in Wirklichkeit gar nicht so cool sind. Ich glaube, dass junge Menschen – gerade die, die sich für Musik interessieren – dieses Gefühl gut kennen.“ In seiner eigenen Strophe blickt er auf „The year that punk broke“, auf Kämpfe gegen Skins und Teddy Boys und Spießer und nicht zuletzt darauf, wie schwer es nach wie vor ist, das Recht auf Individualismus und Provokation einzufordern: „Same old thing it’s always been.“ Das ist eingängig und schwungvoll genug, um nicht zu viel „Opa erzählt vom Krieg“-Mief zu haben. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass der Song besser wäre, wenn er nur von Billy Idol oder nur von Avril Lavigne gesungen würde. Für den Sänger stehen demnächst noch etliche prominente Termine an: Am 10. Juni feiert die von Jonas Åkerlund gedrehte Dokumentation Billy Idol Should Be Dead ihre Weltpremiere beim Tribeca Filmfestival in New York. Zudem startet bald eine Welttournee, die ihn im Sommer auch nach Deutschland bringen wird. Im November könnte er in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen werden (er ist zumindest nominiert) und kurz darauf steht ein runder Geburtstag an: Billy Idol wird 70.

Man weiß, wie schmerzhaft ehrlich die Lieder von Deine Cousine sein können, schließlich steht mit dem morgen erscheinenden Freaks schon ihr drittes Album an. Ein Stück wie Keine Liebe verdient (***1/2) ist dann trotzdem wieder ein Schock und ein Tritt in die Magengrube. Es geht um das Ende einer Beziehung, aber mit dem Abstand von ein paar Monaten oder gar Jahren betrachtet, und mit der Erkenntnis: Das, was mich wirklich schmerzt, ist nicht die zerbrochene Liebe („Wir haben verlernt, wie man tanzt / und gelernt, wie man schweigt“, lautet eine der tollen Zeilen darüber). Sondern es sind die Dinge, die du mir an den Kopf geworfen hast – und es ist die Tatsache, dass ich manchmal so voller Selbstzweifel stecke, dass ich all diese Vorwürfe womöglich für zutreffend halte. Wieder einmal zeigt Ina Bredehorn damit, wie aufwühlend Rockmusik klingen kann, wenn sie mit so viel emotionaler Intelligenz einhergeht.

Zu A Season In Hell (***1/2) laden These New Puritans in ihrem neuen Song ein, der zugleich einen Vorgeschmack auf das Album Crooked Wing (Veröffentlichungstermin: 23. Mai) gibt. Der Titel verspricht nicht zu viel: Die Brüder Jack und George Barnett sind hier hart und unerbittlich wie selten, vereinen einen Industrial-Beat mit Orgelklängen und Gesangspassagen aus dem Nebel. Den neuen Longplayer haben sie gemeinsam mit Graham Sutton (Bark Psychosis) produziert. Es wird Gastauftritte von Caroline Polachek (Chairlift) und Jazz-Bassist Chris Laurence geben.

Nach sechs Alben innerhalb von acht Jahren haben Kadavar zuletzt etwas getan, was man sich bei der Band aus Berlin nie hätte vorstellen können: den Fuß vom Gas genommen. Am 16. Mai wird es nun wieder einen neuen Longplayer namens I Just Want To Be A Sound geben, der von Max Rieger (Die Nerven) produziert wurde. Mit dem vierten Vorab-Track Scar On My Guitar (****) beweist das Quartett erneut, wie viel Energie sie in der Pause gesammelt haben, wie sehr sie bei allem Vorwärtsdrang zugleich ihren Sound verfeinert haben und wie sehr sie danach streben, am besten nichts als Musik in ihrer Musik zuzulassen (den dazu passenden Albumtitel hat Bassist Simon ‚Dragon‘ Bouteloup erfunden). Das ist cool, kreativ und ein bisschen psychedelisch. „Der Song handelt von meiner Gitarre und all den Narben, die sie vom Touren trägt. Aus Frustration habe ich sie vor vielen Jahren einmal auf der Bühne in das Schlagzeug geworfen, und brach ihr den Hals. Ich habe sie repariert und unsere Reise ging weiter“, sagt Sänger und Gitarrist Lupus Lindemann über das Stück. „Auf Tournee gibt es keine Zeit – es geht immer vorwärts. Auf der Bühne gibst du alles: Schweiß, Blut und Tränen. Und bevor du überhaupt merkst, was vor deinen Augen passiert, sitzt du schon wieder im Bus und fährst in die nächste Stadt. Bereit für das nächste Abenteuer.“ Am 25. Oktober sind Kadavar im Felsenkeller Leipzig zu sehen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.