Hippo Campus Paranoid

Futter für die Ohren mit Hippo Campus, Orla Gartland, Pixies, Madsen und Heisskalt

Mit der EP Wasteland haben Hippo Campus im vergangenen Jahr ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert, und der bisherige Output des Quartetts aus den Twin Cities ist so wundervoll, dass eigentlich der Rest der (cleveren Indie-Rock liebenden) Musikwelt ruhig auch hätte mitfeiern können. Jetzt gibt es bereits weiteren Grund zum Jubilieren: Sänger Jake Luppen, Gitarrist Nathan Stocker, Schlagzeuger Whistler Allen und Bassist Zach Sutton veröffentlichen am 20. September ihr neues Album Flood. Die 13 Lieder, die sich darauf finden, sind einerseits das Ergebnis eines sehr langen Prozesses. Insgesamt fünf Jahre haben Hippo Campus an manchen davon gebastelt, die Ideen gehen also noch auf die Zeiten von Bambi zurück. Mehr als 100 Songs umfasste die Liste der Kandidaten für Flood. Das Quartett erkannte freilich auch, dass es ab einem gewissen Punkt nichts mehr bringt, noch mehr Lieder zu schreiben und sich noch mehr ins Verbessern von Details zu vertiefen, weil das Material dann auch seine Ursprünglichkeit und sein Momentum verlieren kann. Deshalb ist die neue Platte, der insgesamt vierte Longplayer des Quartetts, andererseits sehr spontan entstanden: Als sie einmal im Studio waren, hatten sie innerhalb von zehn Tagen alles im Kasten. Diese Mischung aus ausgereiftem Songwriting und Spontaneität hört man auch der Single Paranoid (***1/2) an. Das ist nicht Sturm und Drang, sondern der Sound von vier Männern, die sehr genau wissen, über welches Talent sie verfügen. So wird das Resultat beinahe ein wenig gelassen, selbst im Umgang mit den eigenen Neurosen, wie die Band sagt: „Paranoid ist die Ansammlung von Sonnenflecken, die sich nach dem Einschlafen im Freien auf deine Augenlider brennen. Das, was übrig bleibt, wenn du zu lange an deinen Selbstzweifeln herumgeknabbert hast. Es ist ein harter Blick in den gnadenlosen Spiegel und die ernüchternde Erkenntnis, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt.“

Everybody Needs A Hero wird das zweite Album von Orla Gartland heißen, das am 4. Oktober erscheint. Sie blickt dabei auf das Ende einer langjährigen Beziehung, vor allem aber auf die Konstruktion von Heldinnen und Helden generell sowie die positiven und negativen Aspekte, die mit diesem Konzept einhergehen. Sie können inspirierend sein und zu Vorbildern werden. Sie können aber auch einschüchtern oder so viel Aufmerksamkeit aufsaugen, dass man vor lauter Bewunderung für jemand anderen vergisst, sein eigenes Leben halbwegs erfolgreich oder gar abenteuerlich zu gestalten. Auch die Single The Hit (****) thematisiert rund um die Zeile „It’s like you get punched and I feel hit“ solch eine Über-Identifikation. „Man ist miteinander verbunden wie bei einer Voodoo-Puppe. Natürlich ist es schön, jemandem so nahe zu sein, dass du den Schmerz deines Gegenübers fühlst. Aber es kann zu weit gehen, bis es nicht mehr gesund oder nachhaltig ist“, sagt Orla Gartland dazu. Sie setzt das so gekonnt um, wie man es von ihr kennt: Der Song ist besonders und trotzdem eingängig, klug und trotzdem emotional. Und natürlich ist The Hit auch ein Hit.

Als sich die Pixies in Boston gründeten, war Emma Richardson ein vierjähriges Mädchen auf der anderen Seite des Atlantiks. Jetzt ist sie, nach ihrem Ausstieg bei Band Of Skulls, die neue Bassistin der Indie-Legenden und wird auch auf dem zehnten Pixies-Album The Night The Zombies Came zu hören sein, das am 25. Oktober erscheint. Wie gut sie sich einfügt und wie prominent ihre Rolle dabei sein kann, zeigt die Vorab-Single Chicken (***1/2). Es ist der Bass, der diesem schrägen, bedrohlichen und extrem coolen Sound, der gut zu einem modernen, sehr blutigen Western passen würde, die nötige Struktur verleiht. Am Ende geht dem Song zwar die Luft aus (er könnte problemlos eine Minute kürzer sein), womöglich ist das hier aber auch künstlerisch beabsichtigt, denn Mastermind Black Francis singt tatsächlich aus der Perspektive eines geköpften Huhns. Solchen Irrsinn kennt man von ihm, und es gibt wenige Songwriter, denen man solche Ideen durchgehen lässt. Die 13 neuen Stücke wurden erneut mit Produzent Tom Dalgety aufgenommen, der schon die letzten drei Alben betreut hatte. Diese Kontinuität unterstreicht übrigens die erstaunliche Tatsache, dass die Pixies seit ihrer Reunion jetzt schon dreimal so lange aktiv sind wie in der Zeit davor (und mittlerweile auch genauso viele Alben erschaffen haben wie in der ersten Phase ihrer Karriere). Zur neuen Platte sagt Black Francis: „Es gibt in den Songs Fragmente, die mit Fragmenten in anderen Songs in Beziehung stehen. Letztlich haben wir mit der neuen LP also eine Art Film gemacht.“

Sänger Mathias Bloech öffnet die Augen, steht aus dem Bett auf, geht unter die Dusche. So beginnt das neue Video von Heisskalt, und diese Bilder von einem Neustart sind durchaus symbolisch. Denn seit 2018 hatte es weder Konzerte noch neue Musik der Band aus Stuttgart gegeben. Die Ankündigung ihres vierten Studioalbums (Vom Tun und Lassen wird am 15. November erscheinen) kommt also durchaus überraschend, die Single Wasser, Luft und Licht (***) demonstriert derweil, dass sie erstens nichts von ihrem Punch und ihrer Entschlossenheit verloren haben und zweitens immer noch etwas zu sagen haben. „Wir fliehen vor der allgegenwärtigen Vergänglichkeit aller Dinge. Wir fliehen sogar vor der Zeit, die wir als Konzept eigenhändig erschaffen haben. Aber wohin eigentlich? Wir fühlen uns oft allein mit unserem inneren Erleben und sind darin so individuell und einsam, aber uns gleichzeitig auch so unendlich ähnlich“, erläutert Mathias Bloech den Kontext für den Song. Lyrisch wirkt das weiterhin ein bisschen überambitioniert, aber natürlich ist es zugleich wohltuend, wenn eine Gitarrenband neben Lautstärke und Vorwärtsdrang auch Horizont zu bieten hat. Am 25. November spielen Heisskalt eine (bereits ausverkaufte) Show im Werk 2 in Leipzig.

Wer Madsen unlängst live erlebt hat, kennt ihren neuen Kampfschrei schon. Jetzt gibt es Faust hoch (****) auch als Single und mit einem Video, das diverse Performances aus dem Festivalsommer kombiniert. Natürlich ist schon lange klar, wo die Band aus dem Wendland weltanschaulich steht, ein so explizit politisches Statement hatte man von ihnen trotzdem nicht erwartet. Schließlich geht es im Lied nicht nur darum, gegen Faschismus zu sein, sondern tatsächlich auch aktiv etwas zu tun. „Von alleine gehen sie nicht weg“, lautet eine der entsprechenden Zeilen. Sänger Sebastian Madsen begründet das so: „Der Rechtsruck in Europa und in diesem Land ist alarmierend und bedrückend. Wir müssen jetzt mit vereinten Kräften unsere Demokratie schützen. Wir wollen mit Faust hoch als Band ein klares Signal setzen, denn wir wollen nicht schweigen und weggucken. Als Musiker/in musst du nicht politisch sein, aber wenn du eine Haltung hast, dann zeig sie jetzt!“ Die Umsetzung ist genauso kompromisslos, mit einem packenden Hardrock-Riff und am Ende einer Eskalation in Rage-Against-The-Machine-Dimensionen, aus der Wut spricht, vor allem aber auch Kraft und Entschlossenheit. Sehr gute Sache.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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