Da man in England bekanntlich Wetten und Pop gleichermaßen liebt, kann man dort natürlich auch Wetten im Musik-Kontext platzieren. Es lässt sich tatsächlich Geld verdienen, wenn man die UK Christmas Number One richtig vorhersagt (für Wham! gibt es allerdings nur ungefähr das Doppelte des Einsatzes, und zwar jedes Jahr). Schon lukrativer wird es, wenn man richtig tippt, wer Headliner auf der legendären Pyramid Stage beim Glastonbury-Festival sein wird (für unerwartete Acts winken Quoten wie 25:1). Auch bei der Frage, wer den nächsten James-Bond-Titelsong interpretieren wird, kann sich ein guter Riecher sehr lohnen. Natürlich kann man auch darauf wetten, wer den Brit-Award gewinnen, das Land beim ESC vertreten oder das nächste Nummer-1-Album landen wird. Meines Wissens kann man allerdings nicht darauf wetten, wie die Kritiken für das nächste Album einer Band ausfallen werden. Im Falle von The Horrors wären die Quoten wohl ohnehin lausig: Es gibt kaum eine Gruppe aus diesem Jahrtausend, deren Oeuvre so annähernd einhellig abgefeiert wurde. Das galt für das 2007er Debüt Strange House (5-Sterne-Bestwertung im Guardian), für den Nachfolger Primary Colours (für den Mercury Award nominiert), ebenso wie für Skying (NME-Award für das beste Album des Jahres 2011) und auch für das zuletzt erschienene V, dessen Bewertungen von Metacritic als „universal acclaim“ zusammengefasst werden. Wenn nun das sechste Studio-Album Night Life ansteht (erscheint am 21. März), liegt die Messlatte also hoch. Als Risiko könnte man auch betrachten, dass The Horrors im 20. Jahr ihres Bestehens erstmals nicht mehr in Originalbesetzung aufgenommen haben. Zu Sänger Faris Badwan und Bassist Rhys Webb haben sich mittlerweile Keyboarderin Amelia Kidd und Schlagzeuger Jordan Cook (Telegram) gesellt. Die Vorab-Single More Than Life (***1/2) zeigt indes, dass man sich um die Qualität des Outputs wohl weiterhin keine Sorgen machen muss: Der Song hat trotz seines gebremsten Tempos viel Druck und fühlt sich, wie man es von der Band kennt, in den dunkelsten Ecken am wohlsten. Die Atmosphäre ist irgendwie entspannt und gelassen, zugleich ist klar, dass es um ganz viel geht, vielleicht um alles. „Der Song handelt im Grunde von der Frage, was einem wichtig ist“, lassen The Horrors wissen. „More Than Life hat eine andere Art von Intensität als unsere letzten Singles, es ist treibender und direkter. Es wurde mitten in Canary Wharf geschrieben, wo es jeden Tag mehr nach Blade Runner aussieht. Es ist so ein seltsamer Ort, um etwas Kreatives zu tun, da sich die Umgebung besonders karg anfühlt.“
In Newcastle arbeiten ihre Landsleute von Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs an einem ähnlichen Ziel: den Markenkern erhalten und dabei doch den eigenen Sound lebendig halten und weiterentwickeln. „Wir wollten, dass es ein Schlag ins Gesicht ist“, gibt Produzent und Gitarrist Sam Grant das Ziel für das fünfte Album Death Hilarious vor, das am 4. April erscheint. Neben dieser gegenüber dem Vorgänger-Album Land Of Sleeper (2023) noch einmal erhöhten Aggressivität wartet die neue Platte überraschenderweise auch mit sehr prominenter Hip-Hop-Verstärkung auf: Am Track Glib Tongued (geschrieben von Bassist John-Michael Hedley) hat Rapper El-P von Run The Jewels mitgewirkt. Als ersten Vorgeschmack gibt es aber zunächst die Single Stitches (***1/2), die Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs anno 2025 perfekt auf den Punkt bringt: Da sind Hardrock- und Metal-Gene, da ist die Kraft einer Dampfwalze, da ist so viel Überzeugung in der Stimme von Sänger Matthew Baty, dass man ihm alles glauben muss, vor allem eine Warnung wie „Don’t look back / it’s a trap“. Zugleich ist das originell, etwa durch den Keyboard-Part, aber auch die leicht psychedelische Variation am Ende. Wer sich in den Schweinestall trauen möchte: Am 26. Mai spielt das Quintett in Leipzig im UT Connewitz.
Free Association (***1/2) heißt die erste Single des neuen Albums von Friendship. Natürlich könnte man diesen Titel auch gut als Überschrift für die Ästhetik des Quartetts aus Philadelphia nutzen, ebenso wie für ihr Verständnis von musikalischem Miteinander. Für die elf Lieder der neuen Platte (Caveman Wakes Up kommt am 16. Mai heraus) ist viel von Country die Rede, aber dieses Genre kommt in der Single keineswegs sofort in den Sinn, trotz der Geige und des sehnsuchtsvollen Schmerzes in der Bariton-Stimme. Vielmehr dominieren luftige Drums und Percussions sowie ein synthetischer Bass das Stück, das Friendship so beschreiben: „Es ist ein weiterer Song über Liebe und andere Menschen und darüber, dass unsere einzige Hoffnung bei der Suche nach Sinn darin besteht, ihn uns selbst zu erschaffen.“ Auch wegen so viel nonchalanter Weisheit darf man sich eindeutig auf neue Musik von Dan Wriggins, Peter Gill, Michael Cormier-O’Leary und Jon Samuels freuen.
Nicht ganz so philosophisch sind die Liebeslieder von Sweed, immerhin hat er aber gerade die Single Crushing (***) pünktlich zum Valentinstag vorgelegt und zeigt auch hier wieder das, was bei so vielen Menschen für so viel Vorfreude auf sein Debütalbum Bittersweed (erscheint am 21. März) gesorgt hat: ein tolles Händchen für leichte, federnde, warme Songs, die sofort angenehm klingen, aber niemals seicht sind. Auch in Crushing ist nichts total spektakulär, aber alles wieder sehr rund und harmonisch – ein wenig wie Cro mit mehr Soul. Es geht in diesem Track um die Erkenntnis, dass man erst mit sich selbst im Reinen sein muss, um jemand anderen lieben zu können, erzählt Niklas Schwedt: „Letztes Jahr habe ich eine Person kennengelernt, die Schwierigkeiten hatte, sich selbst zu lieben – eine Herausforderung, die auch mir nicht fremd ist. Der Song reflektiert die Diskrepanz zwischen äußerer Bestätigung und innerer Akzeptanz: Selbst wenn einem wiederholt gesagt wird, wie großartig man ist, bleibt es oft schwer, dieses Bild von sich selbst anzunehmen.“
Aus Magdeburg kommen Federhall. Hannes Stocker (Gesang), Robin Schmidt (Gitarre, Synthesizer), Sebastian Timpe (Gitarre), Leroy Denke (Bass) und Mark Trebeljahr (Schlagzeug, Perkussion) haben sich dort 2018 an der Uni kennengelernt. Sie scheinen nicht nur eine Vorliebe für die Eighties zu haben, sondern ihren bisherigen Alben auch gerne Titel zu verpassen, die auch ins Fach mit Ratgeberliteratur in der Buchhandlung passen könnten. Nach Der moderne Mann (2022) haben sie im vergangenen Jahr Tipps zum Verlieben folgen lassen. Das hat dem Quartett immerhin bereits Supportslots beispielsweise bei Paula Carolina und Tropikel Ltd. eingebracht. Die neue Single Nicht schnell genug (***) ist da nicht drauf, bestätigt aber das Faible für die Ästhetik der alten BRD, mit Verweisen auf Musikkassetten, Raucherkneipen und das hier abgewandelte Motto von „Ich will Spaß, ich geb Gas“, mit dem einst Markus die deutschen Charts erobert hat. Ganz so originell ist das nicht, aber immerhin wird der Sound à la Wham! so konsequent umgesetzt, dass es mehr als Pastiche wird – und der Schlussteil wird dann richtig gut, weil sich Federhall da mehr Wahnsinn erlauben.
