Catch These Fists Wet Leg

Futter für die Ohren mit Wet Leg, The Hives, The Kooks, Tropical Fuck Storm und Counting Crows

Wet Leg haben mit ihrem Debüt vielleicht nicht unbedingt den Rock’N’Roll gerettet, aber definitiv gezeigt, wie aufregend, aktuell und kraftvoll Rock auch gut 90 Jahre nach Erfindung der E-Gitarre noch klingen kann. Die Platte holte Platz 1 in den UK Charts, drei Grammys, zwei Brit Awards und mehr als eine halbe Milliarde Streams. Entsprechend groß ist die Erwartungshaltung beim Blick auf den Nachfolger, den das Quintett jetzt angekündigt hat. Moisturizer wird am 11. Juli erscheinen und wurde erneut mit Produzent Dan Carey umgesetzt und zuhause auf der Isle of Wight aufgenommen. „Wir hatten einfach Spaß und haben ausprobiert“, sagt Hester Chambers. „Wir haben uns gefragt: Macht das live Bock?“, ergänzt Rhian Teasdale. „Deshalb war es ganz logisch, dass wir die zweite Platte zusammen schreiben.“ Das meint: Neben den beiden Damen, die Wet Leg gegründet haben, gibt es diesmal auch Songwriting-Beiträge der restlichen Bandmitglieder, also von Ellis Durand (Bass), Henry Holmes (Schlagzeug) und Joshua Mobaraki (Gitarre, Synthesizer). Das Gemeinschaftsgefühl unterstreicht der selbst gedrehte Clip zur neuen Single Catch These Fists (****): Wet Leg haben hier reichlich Lust auf Blödsinn, am Ende tanzen alle einen Cancan zusammen. Ganz offensichtlich ist ihnen der neue Status als Musik-Megastars ebenfalls völlig egal – und das ist ein sehr gutes Zeichen, das von der Musik bestätigt wird. Catch These Fists handelt wieder einmal von fiesen, blöden und übergriffigen Männern („I don’t want your love / I just want to fight“) und es bringt genau die Attribute mit, die Wet Leg bisher zu bieten hatten: gefährlich, sexy, klug. Live gibt es das neue Material in Deutschland beim Hurricane und Southside Festival zu sehen.

Als tatsächliche Retter des Rock’N’Roll durften sich The Hives rund um die Jahrtausendwende betrachten, jedenfalls nach Einschätzung eines gewissen Joe Strummer – und nach ihrem eigenen Selbstverständnis natürlich sowieso. Dass Howlin‘ Pelle, Chris Dangerous, The Johan And Only, Nicholaus Arson und Vigilante Carlstroem allerdings keine Lust haben, nur noch von den eigenen Meriten (und ihrer nach wie vor unfassbaren Live-Qualität) zu leben, haben sie vor zwei Jahren mit The Death Of Randy Fitzsimmons bewiesen, dem ersten neuen Album nach langer Pause. Jetzt gibt es – schneller als erwartet – wieder neues Material: The Hives Forever Forever The Hives wird am 29. August in den Regalen stehen. Mike D von den Beastie Boys und Josh Homme von Queens Of The Stone Age haben unterstützt, was den Status der 1993 in der schwedischen Kleinstadt Fagersta gegründeten Band unterstreicht. Die Single Enough Is Enough (****1/2) zeigt, wie viel Gift, Galle und Urgewalt weiterhin in diesem Quintett steckt, längst nicht nur wegen des Wagemuts, „Everyone’s a little fucking bitch“ als erste Zeile zu platzieren. „Es ist echt cool, dass wir schon so lange als Band zusammen sind und immer noch Lust darauf haben“, sagt Howlin’ Pelle Almqvist. „Wir haben noch nie besser geklungen. Für mich ist das genau das Richtige. Wir machen weiter, bis wir nicht mehr können. Das ist unsere klassische Musik, unsere Rockmusik, weißt du. Für immer.“ Im Herbst soll es Konzerte in Deutschland geben. Yippieh!

Das Gründungsjahr der Hives war auch das Jahr, in dem Counting Crows ihren Durchbruch hatten. Allein in den USA wurde das Debütalbum der Band um Sänger Adam Duritz damals 7 Millionen Mal verkauft. Trotz Grammy- und Oscar-Nominierungen konnte die Band aus San Francisco danach nie mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Dass sie deshalb auch 30 Jahre später keineswegs verbittert, lahm oder verkrampft klingen, zeigt die Single Spaceman In Tulsa (***1/2) als Vorbote auf das neue Studioalbum Butter Miracle, The Complete Sweets (erscheint am 9. Mai). Da gibt es (neben der bekannten Melancholie und der ebenso bekannten Neigung, unbedingt auch die Qualität des eigenen musikalischen Handwerks demonstrieren zu wollen) zwischendurch eine erstaunliche Frische, sogar Jugendlichkeit im Harmoniegesang und weiterhin Lust auf Neues. Und es gibt – auch das ist eine von Fans geschätzte Konstante bei den Counting Crows – jede Menge Hingabe: Diese Musik ist ihnen ohne jeden Zweifel weiterhin das Wichtigste auf der Welt. „In Spaceman In Tulsa geht es um Metamorphose – um die Art und Weise, wie Musik das aufbricht, was wir sind, und uns in etwas Neues verwandelt. Es geht um zerbrochene Leben, die wieder zu etwas Besserem werden“, erklärt Adam Duritz. Eine Tour in Europa ist für den frühen Herbst geplant.

Noch mehr Indie-Royalty: So sehr The Kooks vor knapp 20 Jahren zu Zeiten ihres Debütalbums manchmal belächelt wurden, so beeindruckend ist, welche Ausdauer sie danach bewiesen haben. Wohl kaum jemand hätte gedacht, dass aus der Class of 2006 ausgerechnet diese leichtgewichtige Band, die zu drei Vierteln aus Absolventen der BRIT-School bestand, eine so lange und erfolgreiche Karriere hinlegen (mittlerweile vier Top-10-Alben im UK) und in den 2020er Jahren sogar noch eine neue Generation von Fans gewinnen würde. Die neue Single Sunny Baby (***) zeigt, wie sie das geschafft haben: Der Song ist niedlich und melodieverliebt, es ist genau ihr Sound, geht aber dennoch nicht komplett auf Nummer sicher. Frontmann Luke Pritchards singt in Sunny Baby über das Glück mit seinen zwei Kindern und seinem Familienleben. „Man hört allerorten, wie schlecht es im Moment um alles bestellt ist. Ich sage: Ich werde mich einfach weigern, die nächsten Jahre nicht zu den besten Jahren meines Lebens zu machen. ich habe eine junge Familie. Der Song handelt davon, wie ich ein ausgeglichenes Leben führe. Es ist ein Liebeslied darüber, wie mich jemand dazu bringt, mich wieder in mich selbst zu verlieben.“ Das neue Kooks-Album Never/Know erscheint am 9. Mai.

Als einen „Lobgesang der Verlockung an alle tanzenden Moleküle, die noch auf dem Planeten Erde verblieben sind, sich zu strecken und in den Ring zu steigen, um etwas Mutigeres als einen Faustkampf zu wagen: eine Pulsmessung“, beschreiben Tropical Fuck Storm ihre neue Single Bloodsport (***). Die vier Australier betrachten das Stück als „eine Hymne des Widerstands für alle, denen noch ein schlagendes Herz geblieben ist, damit sie sich aus dem Schaumbad des gesellschaftlichen Unbehagens und der Hinterhof-Herrschsucht befreien und die tickende Uhr der Realität direkt ins Gesicht blicken, bevor wir alle zurückbleiben, um Levi’s-Reste wie Fruity Loops in Schüsseln voller Druckertoner und Orang-Utan-Saft zu essen.“ So durchgeknallt wie dieses Statement klingt natürlich auch der Song, der exotische Rhythmen mit Vielleicht-Samples und reichlich Effekten zu einer einzigen hektischen, hyperaktiven Reizüberflutung kombiniert. Gitarrist und Sänger Gareth Liddiard, Bassistin und Sängerin Fiona Kitschin, Gitarristin, Keyboarderin und Sängerin Erica Dunn sowie Schlagzeugerin Lauren Hammel machen damit Lust auf ihr viertes Album Fairyland Codex (kommt am 20. Juni heraus) und stellen zudem noch mehr heraus, wie wichtig ihnen Unabhängigkeit ist. Die neue Platte wurde im Band-eigenen Dodgy Brothers Studio in Nagambie aufgenommen und erscheint auf dem eigenen, neu gegründeten Label Fire Records.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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